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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Zwei Edelleute.

Ferrand war heute eine sehr gesuchte Persönlichkeit, denn kaum hatte Gräfin Mac Gregor seine Kanzlei verlassen, als aus einem eleganten Kabriolett der junge Herr stieg, den Frau Pipelet als »Herr Kommandant« anzureden liebte. Aber ihm bereitete Ferrand einen höchst ungnädigen Empfang ... »Die Nachmittagszeit,« sagte er, »habe ich nur für meine Klienten frei; haben Sie mit mir zu sprechen, dann finden Sie sich am Vormittage ein.« – »Mein lieber Aktenwurm« – so nannte Karl Robert den Notar scherzweise – »mich führt eine recht ernste Sache her – außerdem liegt mir daran, Ihnen gewisse Sorgen vom Haupte zu nehmen ...«

»Was sollen dergleichen Reden?« fuhr ihn der Notar wieder an. – »Der Tausend! Wissen Sie wirklich nichts von dem Duell, das ich mit Herrn von Lucenay ausgefochten habe?« – »Sie haben sich duelliert? Und warum denn?« – »Aber wie kann sich jemand herausnehmen, auf öffentlichem Balle mir ins Gesicht zu sagen, ich litte an der Fettsucht? Dergleichen Spott läßt sich doch nur mit Blut abwaschen!« – Ferrand zuckte die Achseln. – »Aber ich bitte Sie, das kann man doch nicht auf sich sitzen lassen!« rief Karl Robert, »noch dazu, wenn es einem vor Damen ins Gesicht geschleudert wird. Nun, gestern früh haben wir in Vincennes den Handel ausgetragen: der Herzog bekam eine leichte Schramme am Handgelenk, und daraufhin erklärten die Sekundanten, der Ehre sei Genüge getan.« – »Nun, das heißt doch, einem Gegner mutig gegenübertreten!« meinte Ferrand mit hämischem Lächeln, »aber noch immer weiß ich nicht, was Sie von mir wünschen?« – »Mein lieber Siegelbewahrer,« – auch diesen Namen gab Karl Robert dem Notar zuweilen – »Sie wissen doch, daß ich mir in unserm Vertrage, als ich Ihnen 350 000 Franks vorstreckte, als Kaufschilling für Ihre Notariatskanzlei – das Recht vierteljährlicher Kündigung vorbehielt!« – »Nun, und ... weiter?« – »Nun, ich kann ein Gut sehr günstig kaufen, und daher sehe ich mich veranlaßt, Sie ...« – »Um mein Geld zu bitten?« ergänzte der Notar Karl Roberts Rede ... – »Und das bedauern Sie gar nicht?« – »Warum sollte ich das bedauern?« fragte Ferrand spöttisch. – »Hm, die böse Welt will wissen, Sie seien in allerhand dumme Dinge hineingekommen, allerdings ohne Ihr Zutun ... Sie wissen, damals hieß es ja auch von uns, wir spielten an der Börse ... aber das Gerücht verlor sich allmählich wieder.«

»O, und darum meinen Sie, Ihr Geld stünde bei mir nicht mehr sicher?« fragte Ferrand. – »Nicht doch, nicht doch!« erwiderte Karl Robert; »aber ich kann mir eine günstige Kaufgelegenheit doch nicht entgehen lassen!«

Ferrand drehte den Schlüssel in seinem Sekretär herum und stand auf ... »Wohin?« fragte Karl Robert. – »Ich will Ihnen ad oculos demonstrieren, daß die Gerüchte, die über mich im Umlaufe sind, auf Wahrheit beruhen.« – Er trat zu einem in der Wand befindlichen Knopfe. Ein Druck legte eine Tür frei, die zu einer Treppe führte. Ohne die Schreibstube passieren zu müssen, gelangte man auf ihr nach dem Hintergebäude ... Kaum war Ferrand hinter der Tapetentür verschwunden, als der erste Schreiber wieder klopfte ... »Herein,« rief Karl Robert.

Der Schreiber meldete, daß eine verschleierte Dame Herrn Ferrand sprechen wolle, und zwar in einer sehr dringlichen Sache. – »Herr Ferrand wird wohl gleich wieder da sein,« sagte Karl Robert, »ich will es ihm sagen.« – Kaum war der Schreiber aus dem Zimmer, als der Notar mit einem Bündel Papiere zurückkam ... »Da ist Ihr Geld,« sagte er zu Karl Robert, »350 000 Franks in Anweisungen auf den königlichen Schatz ... Bitte! In den nächsten Tagen wollen wir die Zinsquoten ins reine bringen. Stellen Sie mir die Quittung aus!« – »Aber,« rief Robert erstaunt. – »Nehmen Sie Ihr Geld nur gleich heute wieder mit,« sagte Ferrand, »weiß ich doch ohnehin nicht, was ich momentan damit anfangen soll.« – »Aber ich wollte es doch erst nach einem Vierteljahre abheben.« – »Herr Robert, Sie mißtrauen mir ...« – »Ach, reden Sie doch nicht,« sagte Karl Robert, die Quittung ausfertigend, »eben war Ihr Schreiber da, um eine verschleierte Dame anzumelden, die Sie in einer sehr dringlichen Sache sprechen wollte ...«

Der Notar klingelte. Der Schreiber erschien wieder ... »Die Dame soll eintreten,« sagte Ferrand ... »Herr Robert, Sie lassen mich wohl allein?« – »Hier ist die Quittung. Sie ist doch in Ordnung?« – »Ja. Aber gehen Sie auf dieser Treppe hier hinaus!« – »Und die Dame?« – »Ich möchte eben nicht, daß Sie ihr in den Weg laufen,« sagte Ferrand und schob Karl Robert durch die Tapetentür, den Schlüssel hinter ihm im Schlosse zudrehend.

Die Herzogin von Lucenay war es, die hereingeführt wurde. Sie erschien in bescheidener Straßentoilette, in einen großen Schal gehüllt, das Gesicht durch einen dichten schwarzen Schleier verdeckt, der von einem schwarzen Moireehute herunterhing. Sie trat langsam, sichtlich verlegen, an den Schreibtisch des Notars. – »Ihr Name?« fragte Ferrand barsch, aufstehend, »und in welcher Angelegenheit kommen Sie her?« – Aergerlich über Sarahs versteckte Drohungen und über Karl Roberts Mißtrauen, ließ er sich durch die schlichte Kleidung der Dame täuschen, und meinte, nicht viel Umstände nötig zu haben.

Die Dame suchte das Gesicht unter den Falten ihres Schleiers zu verbergen. Schüchtern und tief ergriffen, begann sie: »Ach, mein Herr, darf man Ihnen ein Geheimnis von großer Wichtigkeit anvertrauen?« – »Mir darf man alles anvertrauen,« sagte Ferrand, »aber ich muß wissen, mit wem ich zu tun habe.« – »Es genügt vielleicht, wenn ich Ihnen sage, daß soeben ein Verwandter von mir Ihr Haus verlassen hat ... Herr Florestan von Saint-Remy.«

Der Notar warf einen forschenden Blick auf die Herzogin. Dann ließ er ein verwundertes »Oh!« hören. – Die Herzogin aber sagte: »Ja, Herr von Saint-Remy, und ... er hat mir schon alles erzählt ...« – »So? und was denn, wenn ich bitten darf, meine Dame?« fragte Ferrand. – »Aber Sie wissen doch ...« – »Hm, ich weiß so manches von diesem Herrn von Saint-Remy,« antwortete mit lauerndem Blicke der Notar. – »Ach, er hat mir freilich schon gesagt,« erwiderte die Herzogin, »daß Sie kein Erbarmen kennten.« – »Fälschern und Spitzbuben gegenüber freilich nicht,« erwiderte Ferrand mit brutaler Derbheit, »und wenn Sie mit solchem Menschen verwandt sind, so sollten Sie sich schämen. Bilden Sie sich nicht etwa ein, mich durch Tränen zu erweichen, sie wären ganz zwecklos.«

Diese Rücksichtslosigkeit empörte die Herzogin. Stolz richtete sie sich empor, schlug den Schleier zurück und rief mit gebieterischer Stimme: »Mein Herr, die Frau, die vor Ihnen steht, ist die Herzogin von Lucenay.« Ferrand verneigte sich auf der Stelle tief und nahm das schwarzseidene Barett vom Kopfe ... Die Herzogin war trotz ihrer dreißig Jahre noch immer eine stattliche Erscheinung und galt noch immer als eine hervorragende Schönheit, und noch nie zuvor hatte der Notar eine so stolze und schöne Dame der vornehmen Welt gesehen. Sein Haß und Zorn gegen Saint-Remy mehrten sich noch durch die Bewunderung, die ihm diese Frau abgewann, in der er die Geliebte eines Mannes wie Saint-Remy erblickte, der fast vor ihm auf die Knie gesunken wäre, um nicht von ihm als Fälscher denunziert zu werden. Und nun mußte er erleben, daß sich eine so schöne Frau um seinetwillen zu einem Schritte entschloß, der gar leicht sie selbst mit kompromittieren konnte. Es setzte ihn nicht wenig in Verwunderung, die stolze Frau so fest und bestimmt auftreten zu sehen, als handelte es sich um die allereinfachste Sache der Welt, als habe sie gar nicht notwendig, Rücksichten auf Schicklichkeit zu nehmen, die sie ihresgleichen gegenüber ganz gewiß nicht aus den Augen setzen würde. Die Herzogin von Lucenay war eine geistreiche, edelsinnige Frau, auch der Aufopferung fähig, war aber die Tochter einer Mutter, die durch maßlose Unsittlichkeit selbst das edle, heilige Unglück der Auswanderung entweiht hatte.

»Herr Notar,« nahm die Herzogin resolut das Wort, »Herr von Saint-Remy ist mit mir befreundet; er hat mir bekannt, in welcher Verlegenheit er sich infolge der doppelten Betrügerei befindet, der er zum Opfer gefallen ist. Mit Geld läßt sich alles wettmachen. Um welche Summe handelt es sich?« – Ferrand stand ganz verblüfft da. Eine solche Angelegenheit so stürmisch zu behandeln, war ihm noch nie vorgekommen. Mürrisch erwiderte er: »Es werden 100 000 Franks verlangt.« – »Ich werde die Summe zahlen, wogegen Sie die Wechsel an Herrn von Saint-Remy ausfolgen.« – »Und wo ist das Geld?« fragte Ferrand; – »morgen vormittag muß es zur Stelle sein, sofern nicht Klage eingereicht werden soll.« – Es wird Ihnen als Notar nicht schwer fallen, diese Summe zu beschaffen,« erklärte die Herzogin. – »Und wer leistet mir Bürgschaft?« – »Sie wissen, daß ich vier Stunden von Paris ein Gut besitze, das mir 80 000 Livres einträgt. Ich glaube, weitere Garantien dürften Sie nicht brauchen.« – »Das wohl, wenn mir die Summe hypothekarisch sichergestellt wird,« antwortete Ferrand; »aber dazu bedarf es der Einwilligung Ihres Herrn Gemahls.« – »Aber das Gut ist doch mein alleiniges Besitztum,« versetzte die Herzogin. – »Das ändert nichts an dem Bedingnis,« sagte Ferrand, »Sie sind vermählt, und Hypotheken kann die Frau allein nicht geben; es wird besser sein, Sie wenden sich an Ihren gewöhnlichen Notar oder an Ihren Intendanten. Ich bedauere, in diesem Falle nicht dienen zu können.« – »Ich habe wieder Gründe, die mich zur Geheimhaltung zwingen,« erwiderte die Herzogin; »Sie kennen die Spitzbuben, die Saint-Remy brandschatzen, und darum eben bin ich zu dem Entschlusse gekommen, mich an Sie zu wenden.« – »Solches Vertrauen ist mir ja sehr schmeichelhaft; leider kann ich aber Ihnen, wie gesagt, in diesem Falle nicht zu Dienst sein.«

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