Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Er setzte eine gebieterische Miene auf und gab seiner Haltung noch mehr Würde. »O Effendim, lausche geduldig und laß mich dir meine Waren anpreisen. Vielleicht gelüstet es deine Zunge dann nach leckereren Speisen als nach billigen Ölkuchen und zähen Oliven. Der Süßigkeiten gibt es viele in meinem Basar. Und ich sage dir, daß der Prophet bei mir getafelt hätte, wäre ich zu seinen Zeiten schon Händler oder Schankwirt in Mekka oder Medina gewesen.«
»Bei Allah, ich bin weder der Prophet noch ein Mara-but, daß es mich nach solchen Schlemmereien gelüstet. Ich will einen Ölkuchen, und mein Freund will auch einen Ölkuchen. Wir haben Hunger und müssen uns durch kräftiges Essen stärken; denn vielleicht schickt uns der Prophet auf eine sehr, sehr lange Reise.«
»Auf eine lange Reise? Wollt ihr vielleicht zur Heiligen Kaaba pilgern? Allah segne euch, daß eure Reise schnell und glücklich sei!«
»Ich danke dir für deine guten Wünsche; aber nun gib uns die Ölkuchen. Wir wollen essen.«
Der Händler brachte auf schmutzigen Tontellern das in Olivenöl schwimmende Gebäck. »Willst du vielleicht einen köstlichen, gebratenen Fisch dazu, Effendim?« »Nein, danke. Ich mag jetzt keinen Fisch.« »Du vielleicht?«, wandte sich der Händler jetzt an Ojo.
Ojo rollte mit den Augen. Er setzte die Daumen seiner beiden Hände an die Schläfen und wackelte mit den Fingern. Dazu stieß er kehlige Laute aus, die wie ein Glucksen klangen. Der Händler wich erschrocken einen Schritt zurück, stolperte dabei über einen in der Nähe stehenden Holztrog und fiel der Länge nach auf den schmierigen, fettig glänzenden Boden seines Basars. Ohne sich zu erheben, streckte er, auf dem Rücken liegend, beide Hände gegen Ojo aus und fragte mit entsetzten Blicken:
»Ist dein Freund verrückt? Hat er den Schejtan im Gehirn? Wie kann meine Frage, ob er Fisch essen wolle, solch gewalttätige Gesten auslösen?«
»Mein Freund und Begleiter ist leider vom Unglück geschlagen«, beantwortete Michel mit Leichenbittermiene die Fragen des Händlers. »Er ist klar bei Verstand, aber er kann weder hören noch sprechen. Er wollte dir lediglich durch Gesten beweisen, daß es sinnlos sei, Fragen an ihn zu richten, die er doch nicht versteht.«
»So führe ihn auf die Bank da hinten und heiße ihn sich niedersetzen, damit ich ungehindert aufstehen kann.«
Michel wollte erwidern, daß es solcher Vorsichtsmaßregeln nicht bedürfe, als er verwundert sah, wie der Händler mit der Behendigkeit eines Stehaufmännchens wieder auf die Füße kam. Der Dicke nahm aber von den beiden keinerlei Notiz mehr. Er wandte sich vielmehr mit nicht enden wollenden Bücklingen einem großen, düster blickenden Mann zu, der in diesem Augenblick den Basar betreten hatte.
Mit über der Brust gekreuzten Armen verharrte der Händler in gebeugter Stellung vor dem Ankömmling und begrüßte ihn mit überschwenglicher Höflichkeit.
»Es salam alejkum, Aisad Effendim, was verschafft mir die große Ehre deines Besuches, großer Kapudan?«
Der Ankömmling blickte über die gebeugte Gestalt des Händlers hinweg. Seine stechenden Augen bohrten sich in Michel und Ojo, die endlich Gelegenheit gefunden hatten, ihre Ölkuchen zu essen.
»Was sind das für Männer?« fragte Aisad den Händler mit scharfer, leiser, aber fast zischender Stimme.
»Ich weiß nicht, Effendim«, richtete sich der Gefragte auf. »Sie müssen Fremde sein, die noch nicht lange in Ifrikija weilen. Sie kamen herein, und der eine bestellte lumpige Ölkuchen, obwohl er einen wohlgefüllten Beutel unter dem Burnus trägt.«
Die Lider Aisads zogen sich zu einem Schlitz zusammen.
»Sag ihnen, wer ich bin, damit sie mir Respekt erweisen«, zischte er.
Der Händler wandte sich mit serviler Schnelligkeit um und schnauzte seine Kunden an:
»Könnt ihr euch nicht verbeugen, ihr Bettler, ihr Halunken, ihr Habenichtse, wenn einer der höchsten Würdenträger des erhabenen Bej vor euch steht?«
Statt einer Antwort schob Michel gemächlich den letzten Bissen in den Mund und wischte sich die öligen Finger am Burnus des nur zwei Schritte entfernt stehenden Händlers ab. Noch immer kauend meinte er:
»Woher sollen wir wissen, wer dieser Unbekannte ist? Er sieht aus wie jeder von uns, wie du und ich, nur daß er nicht so fett ist wie du, was ihn mir sympathischer macht.«
Dem Händler blieb vor Schreck der Mund offen stehen. Er rang nach Luft. Er fürchtete für seinen Kopf und sämtliche Köpfe seiner Familie und seiner ganzen Verwandtschaft; denn Aisad war allgemein gefürchtet. Er war der Polizeichef des Bej und als solcher wie alle Polizeichefs unter selbstherrlichen Herrschern grausam, brutal, unmenschlich und voller Haß gegen alle Fremden.
Michel wollte den Gewaltigen von Tunis nicht unnötig herausfordern. So führte er mit kurzer Geste die Hand an die Stirn, nickte leicht und sagte kurz:
»Sal.«
Aisad stand mit unbeweglicher Miene an der Tür. Er schien offensichtlich nicht zu wissen, wie er sich seiner Würde und seinem Ruf entsprechend in diesem Augenblick zu verhalten habe. Der Händler hatte indessen seine Sprache wieder gefunden. Seine Worte überschlugen sich fast, als er die beiden Freunde zurechtwies. Michel hörte sich das Gerede eine Weile an, zuckte dann aber gelangweilt mit den Schultern, wandte sich an Ojo und bedeutete ihm durch seine Gebärde, daß sie nun gehen wollten.
»Halt! — Bleibt!« kam die unangenehme Stimme Aisads. Michel und Ojo blieben stehen.
»Willst du etwas Besonderes? Dann sag es schnell. Wir haben keine Zeit zu verlieren.« Der Polizeichef betrachtete die beiden kritisch vom Kopf bis zu den Zehenspitzen. »Du hast viel Geld bei dir, wie ich hörte«, sagte Aisad in einem Ton, der niemanden sonst zum Widerspruch gereizt hätte. »Zeig mir, wieviel es ist!«
Michel gab seinem Gesicht einen verwunderten Ausdruck, schüttelte den Kopf und antwortete: »Kümmere dich um deine Angelegenheiten und laß uns in Frieden ziehen. Wir haben dich nicht belästigt, so belästige auch uns nicht. Salam alejkum.« Damit trat er an Aisad vorbei ins Freie, und Ojo folgte ihm.
49
Langsam, fast gemächlich, banden sie die Pferde los und stiegen mit geruhsamer Würde in den Sattel. Die Pferde zockelten dahin, und ihr gleichmäßiger Huf schlag hallte von den Wänden der engen Gasse wider.
»Ja«, nahm Michel das Gespräch auf, »nun werden wir uns einmal darum kümmern müssen, Marina oder wenigstens eine Spur von ihr zu finden.«
»Vielleicht ist sie gar nicht nach Konstantinopel gebracht worden«, meinte Ojo hoffnungsfreudig. »Vielleicht hat sie so ein tunesischer Pascha gekauft.« »Möglich ist alles, amigo. Ist sie hier, so wird sie sicherlich irgendwo an sichtbarer Stelle ihr Zeichen angebracht haben. Bueno, reiten wir durch alle Straßen von Tunis und vergewissern wir uns, ob irgendwo ein mit den Seeräuberinsignien der »Trueno«besticktes Fahnentuch am Fenster flattert. In erster Linie kämen dafür wohl die Fensterfronten der Kasbah in Frage. Der Bej wird sicher manche schöne Frau von Sklavenhändlern gekauft haben.«