Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Einer der fünf Begleiter, der genau so wild aussah wie der Anführer, meinte:»Waren, wie wir sie führen, werden durch den Regen sicherlich nicht verderben. Ein bißchen Wasser kann den Weibern nicht schaden. Hauptsache, sie sind sonst in Ordnung und unversehrt, wenn wir sie unseren Kunden anbieten.«
»Schweig«, donnerte ihn die Stimme Mustaphas, des Anführers an. »Du hast mir nicht zu widersprechen. Und solltest du es dennoch einmal wagen, so ziehe ich dir die Riemen meiner Kurbatsch durchs Gesicht. Basta!« »Aber, Sayd, ich habe doch nur gemeint...«
»Kuss omek, du hast gar nichts zu meinen. Ich bezahle dich dafür, daß du mir gehorchst. Deine Dummheit stinkt zum Himmel, und an Gehirn hat dir Allah zu wenig gegeben. Wenn die Weiber naß werden, verlieren sie ihre Laune, machen ein verdrießliches Gesicht, haben strähnige Haare, und ihr Wert vermindert sich. Gerade die eine, die uns am meisten Geld bringen könnte, leidet sehr unter den Strapazen dieser Reise. Im Augenblick ist sie nicht mehr wert als 10 000 Piaster.« »Aber du sagtest doch, Sayd, ihr Fleisch sei so fest, daß man mit 10 000 bis 20 000 Piaster rechnen könne«, entgegnete der andere.
Mustapha zog hörbar die Luft durch die Zähne. Sein dicker Bauch hüpfte ärgerlich auf und nieder. Er fuhr sich mit den Fingern durch den Bart und meinte stöhnend: »Dein Verstand ist noch kleiner, als ich angenommen habe. Du bist ein Kamel, so groß wie es in Afrika kein zweites gibt, und hast das Gehirn einer Wanze, die Allah zertreten möge. Habe ich dir nicht soeben erläutert, daß der ewige Regen daran schuld ist, wenn der Wert der roten Hexe sinkt? Und nun fragst du mich anschließend, weshalb sich ihr Wert gemindert habe? O Allah, was für eine Herde Esel hast du mir nur zur Begleitung gegeben!« Die vier anderen zogen es vor zu schweigen.Sie wußten, daß man dem mächtigen Sklavenhändler Mustapha dadurch am besten diente, daß man keine eigene Meinung laut werden ließ. Sie erhielten für ihre Dienste nicht nur feste Bezüge, sondern auch einen Prozentsatz der Einkünfte aus dem Verkauf jener Waren, bei deren Beschaffung sie mitgeholfen hatten. Hinter der Reitergruppe gingen zwölf Pferde, immer zwei nebeneinander, in deren Mitte eine Sänfte schaukelte, die vollkommen verdeckt war, so daß ein Unberufener keinen Blick hineinwerfen konnte. In diesen Sänften befand sich teils die »Ware«, teils die Ausrüstung, wie Zelte und Säcke mit Datteln, getrockneten Feigen, gedörrtem Rindfleisch und Honigwaren, die in der orientalischen Welt das leckere Dessert nach der Mahlzeit der reichen Leute bilden. Aus der ersten Sänfte ertönte plötzlich lautes spanisches Fluchen.
Mustapha verhielt augenblicklich sein Pferd und drehte sich um. Seine Helfer machten keine Anstalten, irgend etwas zu unternehmen.
»Ihr Ölgötzen, ihr Lumpenkerle, ihr Faulpelze, ihr Hundesöhne, wollt ihr nicht eilen, fliegen, springen, wenn ihr hört, daß es der weißen Frau mit den roten Haaren unbequem in ihrer Sänfte wird?«
»Wir können nicht verstehen, was sie ruft, Sayd«, entgegnete brummend der ewige Widersacher Abbas.
»Du brauchst nichts zu verstehen, Esel. Ich verstehe auch nichts. Aber auch der Rest deines Verstandes muß dir sagen, daß sie etwas will, wenn sie schreit, Kelb ibn Kelb.« Mustapha wandte selbst sein Pferd und ritt hinter die beiden Gäule, zwischen denen die Sänfte schaukelte.»Was ist los? Was willst du?«
Wieder traf nur unverständliches Schimpfen sein Ohr. Dann wurde das Tuch, das die Sänfte nach hinten abschloß, zur Seite gezogen, und das wutverzerrte Gesicht Marinas fuhr heraus. »Demonio — Diablo — du ekelhafter Gauner! Nicht genug, daß du mich meiner Freiheit beraubst und mich wochenlang in diesem Käfig hier durch die Gegend schaukelst, läßt du es auch noch zu, daß ich naß werde! Der Regen durchdringt nicht nur das Dach meiner Sänfte! Meine Kleider sind klamm! Ich zittere vor Kälte! Ich bin krank und werde sterben!« Bei den letzten Worten wandelte sich ihre wutverzerrte Grimasse zu einem kläglichen Gesichtsausdruck, und ihre anfangs haßerfüllte Stimme erstickte in einem Weinkrampf. Mustaphas stechende Augen nahmen einen erschreckten Ausdruck an, als er das verhärmte Gesicht erblickte. Er empfand nicht etwa Mitleid. Er sah lediglich die Piaster dahinschwinden, die er für den Verkauf dieser schönen Frau zu erhalten gehofft hatte. Er verstand zwar kein Wort von dem, was wie ein Strom aus Marinas Munde über ihn hereingebrochen war. Aber er erfaßte den Sinn auch ohne Kenntnis der spanischen Sprache. Er nickte ihr beruhigend zu und brüllte mit Donnerstimme seine fünf Begleiter an: »Absitzen, ihr Halunken, schlagt so schnell wie möglich die Zelte auf, kocht Essen und brüht Kaffee! Weicht Datteln ein und macht das Honigwerk bereit! Wir reiten morgen früh weiter.« »O Sayd«, erwiderte Abbas, »wenn wir unseren Ritt erst morgen früh fortsetzen, so wird uns Allah nicht gestatten, Ifrikija[15] vor übermorgen zu erreichen. Dein Schiff aber, o Herr, soll bereits morgen auslaufen.«
»Schweig!« schrie Mustapha wütend, »oder ich schicke dich in die Dschehenna, du Sohn des Schejtans.«
Aus dem Murmeln der übrigen vier konnte man entnehmen, daß sie ihrem Wortführer durchaus zustimmten. Die Stadt Tunis mit all ihren Geheimnissen, Schlupfwinkeln und verbotenen Genüssen lockte zu sehr, als daß sie nicht jede Minute der Verzögerung bedauerten. Widerwillig machten sie sich an die Arbeit. Bald standen vier seidene Zelte auf der feuchten Erde. Das größte war von blauer Seide und diente den beiden Araberinnen und Marina als Unterkunft. Auf der Erde waren Dutzende von weichen Matten und Kissen hingebreitet. Die Eingangsöffnung war mit einem kostbaren Gobelin verhängt. Die ältere der beiden Araberinnen fragte in ihrem gebrochenen Spanisch: »Warum unterbrechen Reise nach Ifrikija?«
Marina schwieg trotzig und hüllte sich in die Kissen ein. Der Zustand, in dem sie sich befand, war beklagenswert. Tag und Nacht hatte sie ihr Hirn gefoltert, um einen Ausweg aus ihrer trostlosen Lage zu finden. Aber alle Gedanken an eine Flucht zerbrachen an der Wachsamkeit der Sklavenhändler. Ob Michel Baum, dessen Bild sie im Wachen und im Träumen vor Augen hatte, bereits wußte, wo er sie suchen sollte? Und wenn er ihre Botschaft schon empfangen hatte, würde er überhaupt etwas unternehmen wollen, um sie zu befreien? Mustapha betrat das Zelt. Sein Blick fiel auf die zusammengekrümmt daliegende und von Schluchzen geschüttelte Gestalt Marinas.
»Was ist mit ihr?« wandte er sich fragend an die beiden arabischen Frauen. »Ich weiß nicht«, sagte die Ältere. »Allah scheint Schwermut in ihr Herz gesenkt zu haben.« »Unsinn! Sie ist naß und müde. Zieht ihr die Kleider aus und reibt sie trocken. Wenn ihr sie nicht pflegt, als sei sie eure Schwester, werde ich euch an einen Lumpenhändler verkaufen anstatt an einen Pascha. Und wenn ich dann das nächstemal zu euren Vätern nach Marra-kesch komme, müssen sie mir einen Teil des Kaufpreises zurückgeben, wofür sie euch sicherlich in die Dschehenna wünschen werden.«
Die beiden Frauen starrten ihn mit großen Augen an und stießen Rufe des Schreckens aus. Als sich Mustapha wieder dem Ausgang des Zeltes zugewandt hatte, widmeten sie sich der spanischen Sklavin.
Sorgfältig zogen sie ihr die feuchten Kleider aus, nahmen wollene Tücher zur Hand und rieben ihren Körper, bis die Haut rot und frisch war. Dann hüllten sie Marina in trockene Gewänder und betteten die Willenlose bequem auf ihr eigenes, breiteres Lager, auf dem sie sonst gemeinsam schliefen. —
15
Tunis