Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Elf von ihnen sind jung, und ich glaube, sie werden uns eine gehörige Menge Piaster einbringen, wenn wir sie an den Sultan verkaufen, der sie als Matrosen für seine Flotte verwenden kann. Der Rejs ist allerdings sehr betagt und trägt einen langen, weißen Bart.«
»Bringe sie an Bord. Ich muß wissen, welche von den Burschen wir brauchen können; denn ich habe vor, noch heute nacht in See zu stechen.«
Mustapha wandte sich zur Kajütentür, trat auf den Gang hinaus und begab sich über die knarrende Treppe an Deck. Abbas folgte ihm. Muras wandte sich der Falltür zu, durch die man über eine Leiter in den Kielraum gelangen konnte.
Bald erscholl von der Kajütentreppe her das Geräusch trappelnder und stolpernder Schritte, das Sausen von Peitschen, das Klatschen von Riemen und das Geschrei geprügelter Menschen. Die zwölf weißen Sklaven taumelten hintereinander an Deck, wo sie wimmernd vor dem Menschenhändler und seinem Haupthelfer stehen blieben. Ein Halbkreis aus Leuten der Schiffsbesatzung hatte sich um sie gebildet.
Mustapha betrachtete mit finsterem, furchteinflößendem Blick eine der halbnackten Gestalten nach der ändern. Hier und da griffen seine Finger nach den Muskeln der bedauernswerten Opfer und prüften sie auf ihre Härte. Dem einen oder ändern fuhr er mit der Hand in den Mund und rüttelte an den Zähnen, um sich zu vergewissern, ob sie festsaßen.
Als letzter kam der weißbärtige Kapitän dran. Mustapha zog ihn am Bart und riß ihm dann eine Strähne seiner weißen Haupthaare aus. Die Augen des Alten zogen sich für einen Augenblick im Schmerz zusammen, glühten dann aber wie Kohlen unter den buschigen, weißen Brauen. »Du alte, weiße Nachteule«, sagte Mustapha spöttisch in türkischer Sprache. Und er war erstaunt, als er plötzlich die Antwort aus dem Mund des Alten vernahm. »Du fetter, aufgeblasener Dickwanst«, schimpfte jener im schönsten Türkisch. »Schejtan«, wunderte sich Mustapha, »du sprichst die Sprache der Gläubigen, altes Gespenst?« »Ich spreche alle Sprachen«, erwiderte der gefangene Kapitän. »Du sprichst alle Sprachen? Wie meinst du das?«
»Wie ich es sagte. Hat dir dein Allah das Gehirn ausgekratzt, daß du mich nicht verstehst?« Mustapha rollte mit den Augen und schnappte nach Luft. In solchem Ton hatte noch nie ein Mensch zu ihm gesprochen. Er war ehrlich verblüfft. Aber eigentümlicherweise konnte er sich nicht einmal darüber ärgern; denn irgendwie imponierte ihm der alte Mann mit seiner Unerschrockenheit.
»Schaff die Gefangenen wieder in den Kielraum, Muras«, befahl er seinem Kapitän. »Den Alten laß mir hier. Ich will mich mit ihm unterhalten. Und dann mach das Schiff klar zum Auslaufen.« Er wandte sich an Abbas. »Nachher, wenn du Zeit hast, laß dem Alten Kleider geben. Ich kann einen, der alle Sprachen spricht, gut gebrauchen. — Willst du mir dienen, alter Knochenmann?« Die Augen des gefangenen Kapitäns sprühten zwar Blitze. Aber da er keine andere Rettung sah, nickte er.
»Sprichst du alle Sprachen der Franken?« fragte ihn Mustapha weiter. »Ja.«
»Auch die der Spanier, die Allah verderben möge?« »Ich bin ein Spanier, wenn du nichts dagegen hast.«
»Zügle deine Zunge, verdammter Giaur«, wurde Mustapha böse, »sonst könnte mich mein Entschluß gereuen, und ich lasse dich zu Tode prügeln und den Fischen zum Fraß vorwerfen.« »Pah«, erwiderte der Unerschrockene, »das kann mir egal sein. Nur haben die Fische nichts davon, daß ich mehrere Sprachen spreche.«
Mustapha schüttelte den Kopf. Er war nicht dumm genug, sich von den frechen Reden aus dem Konzept bringen zu lassen. Mochte der alte Kerl schimpfen, soviel er wollte, ihn, Mustapha, belustigte das nur. Seine Gedanken beschäftigten sich im Augenblick vielmehr mit der Möglichkeit, sich mit Hilfe des Greises nun endlich mit der rothaarigen Hexe verständigen zu können.
»Wie heißt du, Alter?«
»Du kannst meinen Namen doch nicht aussprechen. Nenne mich einfach Effendi[19]. Das genügt.« »Effendi?« schnaufte Mustapha, »hat dir Allah den Verstand verwirrt? Bist du plötzlich wahnsinnig geworden, du stinkige spanische Wildsau?!« Der »Effendi« zuckte gleichmütig die Achseln.
»Wenn du glaubst, daß es deiner Würde oder deinem dicken Bauch Abbruch tut, so kannst du mich auch mit einem Wort aus meiner Muttersprache nennen.«
»Wie ist das Wort? Sage es schnell, damit ich nicht noch länger an dein freches Verlangen denken muß.«
In den Augen des Alten lichterte es spöttisch. .
»Nenne mich ganz einfach Don Hidalgo[20]. Ich bin's zufrieden.«
»Don Hidalgo«, wiederholte der ahnungslose Mustapha. »Don Hidalgo, ja, das kann man aussprechen. Komm jetzt mit mir, Don Hidalgo, du mußt mir übersetzen, was dir eine Sklavin alles sagen wird, die ich schon länger bei mir habe, mit der ich mich aber bisher noch nicht verständigen konnte.«
»Ja. Aber willst du mir nicht zuerst sagen, wie ich dich nennen soll, Dicker?«
Der Dicke ignorierte die Frechheit, da er es eilig hatte, zu Marina zu gelangen, und sagte nur kurz:
»Nenne mich Sayd, wie alle meine Untergebenen.«
»Fällt mir nicht ein«, sagte Don Hidalgo. »Wenn du mich nicht Effendi nennst, so nenne ich dich auch nicht Sayd. Wie ist dein Name?«
»Mustapha«, platzte der Sklavenhändler heraus, ohne es zu wollen, verbesserte sich dann aber rasch und fügte hinzu, »Mustapha Bej1.«
»Ah, bleiben wir lieber einfach bei Mustapha. Das ist lang genug. Den Bej schenke ich mir.« »Wie kannst du es wagen, dir meinen Titel schenken zu wollen, du ... du ... du Don Hidalgo!« Obwohl Mustapha sich nun doch langsam über den Aufsässigen zu ärgern begann, ging er ohne weitere Erwiderung auf die Kajütentreppe zu. Abbas, der während des Wortwechsels der beiden immer mehr in Erstaunen geraten war, folgte seinem Herrn und bedeutete dem Alten mit einer Geste, desgleichen zu tun.
47
Sie waren manchen Tag und manche Nacht geritten. Algier hatten sie umgangen. Sie wollten nicht noch einmal mit Baba Ali und seinen Janitscharen zusammentreffen. Der Regen hatte aufgehört, und der Sommer war fast ohne Übergang hereingebrochen. Als sie den Dschebel Naali überquert hatten, standen sie an einem strahlenden Maitag vor den Ruinen des Karthagischen Aquädukts.
»Es ist furchtbar heiß«, stöhnte Diaz Ojo und fuhr sich mit dem braunen Handrücken über die schweißverklebte Stirn.
»Keine Müdigkeit aufkommen lassen«, sagte der Pfeifer und schlug seinem Begleiter von Pferd zu Pferde auf die Schulter.
»Glaubt Ihr denn, Senor Doktor, daß Ihr das wild gewordene Weib wirklich in Tunis finden werdet?«
»Glauben wäre zu viel gesagt, Diaz, aber ich hoffe, daß wir wenigstens einen Fingerzeig bekommen, wo wir sie suchen können. Der Hadschi sprach davon, sie selbst glaube, daß man sie nach Istanbul bringen werde.«
19
Werter Herr 2 Stolzer Herr (spanisch)
20
Erblicher Ehrentitel etwa wie Fürst oder Graf