Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Er erzählte nun von einer weißen Frau mit roten Haaren, die der Sklavenhändler Mustapha wie seinen Augapfel gehütet habe, weil sie ihm am Hof des Großherrn in Istanbul schweres Geld einbringen sollte. Michel wurde hellhörig.
»Eine schöne weiße Frau mit roten Haaren?« fragte er, um ganz sicher zu gehen. »Ja, Sayd, sie war sehr schön, und sie trug keinen Sdileier, sondern ließ jedermann in ihr engelgleiches Antlitz schauen.«
Michel teilte das Gehörte Ojo mit. Der war närrisch vor Freude.
»Wie gut, Senor Doktor, daß wir hierher geritten sind. Nun brauchen wir nicht mehr zu suchen!« Michel nickte. Dann wandte er sich abermals an den kleinen Mann und fragte: »Kannst du mir sagen, ob das Schiff einen Namen hat?«
»O Sayd, natürlich hat es einen Namen. Es gehört zu den berühmtesten Seglern, die unsere Stadt anlaufen, und heißt »Mapeika«.«
Der Pfeifer unterhielt sich noch eine Weile mit dem Kleinen, bis er auch die letzten Einzelheiten erfahren hatte. Er wußte nun, daß die »Mapeika« gute vier Monate Vorsprung hatte, und er ahnte, daß es auch in Konstantinopel nicht leicht fallen würde, Marinas Spur weiter zu verfolgen. Er warf dem Mann ein weiteres Goldstück zu, das dieser unter vielen Dienern und mit weitschweifigen Lobpreisungen entgegennahm.
50
Die Sonne stand schon tief im Westen.
Ojo und Michel ritten wieder durch die Gassen der Stadt. Von Zeit zu Zeit verhielt der Pfeifer sein Pferd und betrachtete aufmerksam jene Häuser, an denen eine verschnörkelte Inschrift zur Ruhe einlud.
»Ob wir wohl eine Herberge finden, die frei von Ungeziefer ist?« fragte Ojo. »Ich denke schon, amigo. Wenn es in der Oberstadt vergeblich sein sollte, so wenden wir uns zum Ghetto. Ich habe in Algier die Erfahrung gemacht, daß es in den ärmlichen Häusern der Juden sehr sauber ist.«
»Ich wundere mich über die Zähigkeit der Juden«, meinte Ojo, »in meiner Heimat können sie ihres Lebens nicht froh werden, wenn sie sich nicht taufen lassen. Trotzdem halten sie überall durch. Daß sie sich selbst hier unter diesen fanatischen Mohammedanern behaupten können, verwundert mich sehr.« Michel zuckte mit den Schultern. »Nun, ein starker Glaube vermag vieles. Das Leiden ist die Tradition der Juden seit ihrer Austreibung aus Palästina. Und wir wissen, daß Traditionen stärker sind als ungerechte Fürsten oder unduldsame Muslimun. Ich habe die Juden immer bewundert. Sie sind hilfsbereit, und du weißt, daß jener alte Mann in Algier sein Leben wagte, als er uns durch die Postenkette der Janitscharen führte.« Sie waren weitergeritten und befanden sich jetzt auf der Höhe des Palastes. Ojo stellte gerade tiefsinnige Betrachtungen über die Intoleranz gegen die Juden auf der ganzen Welt an, als er sich plötzlich von zahlreichen Reitern umringt und vom Pfeifer getrennt sah.
Die Gestalten, die auf den Pferden saßen, trugen drohende Mienen zur Schau. In ihren Händen
blitzten Krummsäbel oder Damaskus-Dolche. Die Situation sah bedrohlich aus.
Diaz Ojo blickte sich um und erspähte Michel, dem es nicht besser erging.
Die Araber, die sonst ihre Aktionen stets mit viel Lärm und Getöse ausführten, waren schweigsam wie die Engel des Todes. Ohne ein Wort zu sagen, drängten sie die beiden Reiter durch das Palasttor, wo sie von einer noch größeren Schar finster blickender Gestalten empfangen wurden.
Michel dachte sofort an Aisad. Ließ der Polizeichef zwei unschuldige Menschen einfangen, nur weil ihm ihre Gesichter nicht gefielen? Er sollte nicht lange auf die Antwort warten. Auf einer Seitentreppe erschien Aisads Gestalt. Seine Trabanten drängten Michel und Ojo bis an den Fuß der Treppe vor. Beide hatten ihre Waffen noch; aber es wäre sinnlos gewesen, davon Gebrauch zu machen.
»Wollt ihr euch ergeben, ohne Widerstand zu leisten?«, kam die zischende Stimme Aisads. »Was willst du von uns?«
»Ihr seid Spione aus Frankistan. Ihr seid räudige Hunde, die sich in unsere Stadt eingeschlichen haben. Ich, der Polizeimeister des Bej von Tunis, arretiere euch aus Sicherheitsgründen. Gebt die Waffen ab.«
Michel knirschte mit den Zähnen. Wieder und wieder ging er seines kostbaren Gewehrs verlustig. Jedesmal galt es, zusätzliche Schwierigkeiten zu überwinden, um der Waffe wieder habhaft zu werden. Krampfhaft suchten seine Gedanken nach einem Ausweg. »Ihr sollt die Waffen abgeben«, sagte Aisad mit erhobener Stimme. »Ich gebe meine Befehle, damit sie befolgt werden. Wenn ihr weiterhin zögert, lasse ich euch an Ort und Stelle von meinen Soldaten in Stücke hauen.« »Pah«, erwiderte Michel. »Glaubst du im Ernst, daß ich mich vor den armseligen Plempen deiner Knechte fürchte? Befiehl ihnen, daß sie uns den Weg freigeben. Wir haben es eilig.«
»Packt sie!« kam Aisads schneidende Stimme.
»Verteidige dich, Ojo«, rief Michel auf spanisch, »ich schaffe Luft!«
In die Polizeisoldaten kam Bewegung. Aber plötzlich blieben sie wie gebannt stehen.
Durch Mark und Bein gehende Pfiffe, teuflische Triller verwirrten ihre Köpfe. Im selben Augenblick riß Michel seine Büchse hoch und feuerte dreimal in die Luft. Dabei hielt er das Gewehr so, daß jeder sehen konnte, wie das Mündungsfeuer dreimal kurz hintereinander aus derselben Flinte kam.
»Los!« schrie er Ojo zu.
Gleichzeitig mit dieser Aufforderung war vom Tor des Palastes her eine andere Stimme erklungen. »Was gibt es da?« rief ein dröhnender Baß. Die Umstehenden kreuzten beim Klang dieser Stimme die Arme über der Brust und verneigten sich tief. Auch Aisad erwies dem Rufer seine Reverenz. Wieder erklang der Baß.
»Man bringe mir den Mann, der soeben die Schüsse abgegeben hat. Ich will ihn sehen.« »Tu genau, was ich tue, Ojo«, rief Michel seinem Freund zu und ritt durch die Soldaten, die ihm bereitwillig den Weg freigaben.
Am Tor des Palastes hielt auf einem feurigen, schwarzen Rappen der Bej mit seinem Gefolge. Michel benutzte die wenigen Schritte, um neues Pulver auf die Pfanne zu schütten und die abgeschossenen Läufe mit Kugeln zu versehen. Dann hielten sie ihre Pferde und standen vor dem Bej, einem dicken Mann mit grausamen Augen und einem pechschwarzen Bart, der kaum etwas von seinen Gesichtszügen erkennen ließ. Ohne eine Anrede abzuwarten, sagte Micheclass="underline" »Ich bin der Schütze, den du sehen wolltest, weshalb hast du mich gerufen?« Der Bej wunderte sich nicht wenig über die selbstbewußte Art, in der sich der Pfeifer ihm näherte.
»Deine Sprache ist kühn. Ich, der Herrscher der Gläubigen von Ifrikija, gebe niemandem Rechenschaft über meine Gründe. Ich habe dich gerufen, und du hast zu gehorchen.« Michel Baum änderte sofort sein Verhalten, als er hörte, wen er vor sich hatte. »Es salam alejkum, erhabener Bej«, verbeugte er sich tief vom Pferd herab und führte die Hand zur Stirn und dann zum Herzen, »welche Gnade Allahs, daß er mich das Antlitz des ruhmbedeckten Herrschers von Ifrikija schauen läßt! Meine Hand ist deine Hand, meine Lippen sollen deine Gnade verkünden. Ich biete mich dir zu Diensten an, großer Bej, und werde helfen, die Fahne deines Reiches zu weiterem Ruhm zu führen.«