Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Das war eine wohlgesetzte Rede, die selbst dem Hartgesottensten schmeicheln mußte. Der Bej wurde sichtlich noch größer. Mit stolzer Geste strich er sich den schwarzen Bart. Wohlgefällig ruhten seine Blicke auf der Gestalt des Pfeifers. »Wie heißt du?« fragte er. »Man nennt mich kurz den Pfeifer«, sagte Michel langsam, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen; denn er hatte keinen arabischen Namen zur Hand. Da besann er sich glücklicherweise auf seine früheren Bekanntschaften, und da fiel ihm der Name des algerischen Seeräuberkapitäns ein. »Abu Hanufa al Dinaweri heiße ich.«
»Du bist jung und siehst stark aus. Welcher Art sind die Dienste, die du mir anbieten kannst?« »Ich hoffe, daß du mir gestattest, deinen Sohn Hammuda Pascha zum besten Schützen im ganzen Morgenland auszubilden«, sagte Michel aufs Geratewohl; er hatte ja keine Ahnung, ob Hammuda überhaupt auf eine solche Ausbildung Wert legen würde.
Der Bej war ziemlich verblüfft. Er saß auf seinem Pferd steif wie ein Buddha und schaute dumm drein. Michel war jedoch klug genug, ihn trotz seines augenblicklichen Gesichtsausdruckes nicht für dumm einzuschätzen. Ein Dummkopf hatte sicher nicht die Fähigkeit, Monarch eines Piratenstaates zu sein und eine wilde Bevölkerung voller Hinterhältigkeit und Intrigen am Zügel zu halten.
»Du behauptest also, ein Schütze zu sein, der meinem Sohn noch etwas beibringen kann? Ich wiederhole, du bist kühn. Aber gut, beweise deine Schießkunst. Zuvor aber zeige mir dein Gewehr. Ich will sehen, wie die Waffe ausschaut, mit der du meinem Sohn überlegen sein willst.«
Michel reichte ihm die Muskete. Der Bej betrachtete sie und hatte, als er sie zurückgab, einen verächtlichen Ausdruck im Gesicht.
»Bei Allah«, sagte er, »ich habe kostbarere Gewehre gesehen, solche, deren Schäfte mit Gold und Silber ausgelegt waren und deren Kolben die herrlichsten Diamanten zierten. Vielleicht ist es eine gute Flinte. Ich habe noch nie ein Gewehr solcher Konstruktion gesehen.«
Er blickte umher und wies dann auf eine in der Nähe stehende Kokospalme.
»Sieh zu, ob du die am höchsten hängende Kokosnuß herabschießen kannst.«
»Ich denke schon«, sagte Michel, riß das Gewehr hoch und drückte im gleichen Augenblick ab.
Für ihn war das ein leichtes Ziel. Die Kokosnuß fiel zur Erde.
»Maschallah, das muß eine Zauberflinte sein«, meinte der Bej und bedachte den Pfeifer mit einem langen Blick. »Du hast ja gar nicht gezielt!« »O doch, erhabener Herrscher, sogar sehr genau.«
»Du hast das Gewehr hochgeworfen und abgedrückt, bevor der Lauf zur Ruhe kam. Es war Glück.«
»Willst du die Gnade haben, mir ein anderes Ziel zu bezeichnen, das genauso schwierig zu treffen ist?«
Der Bej schwieg für eine Weile. Michel blickte nun seinerseits umher. Seine Augen blieben auf einer Menschengruppe haften, die etwa hundert Meter weit entfernt war. Diese Menschen waren in das Joch einer schweren Karre gespannt, Sklaven, die von den Peitschen zweier Aufseher erbarmungslos angetrieben wurden. Einer der Männer fiel hin. Die Aufseher waren schnell dabei, ihn mit ihren Nilpferdpeitschen wieder auf die Beine zu bringen.
Die Lippen des Bej kräuselten sich unter dem Bart. »Dort hast du ein bewegliches Ziel«, sagte er und deutete auf den Taumelnden.
Michel überlief eine Gänsehaut. Trotz der Schwermut aber, die ihn beim Anblick jener Jammergestalten befallen hatte, arbeitete sein Verstand schnell.
»Erhabener Bej«, antwortete er, »Allah würde mir zürnen, wenn ich auf einen hilflosen Menschen schösse. Und ganz abgesehen davon ist das Ziel für mich viel zu leicht. Der jüngste Soldat deiner ruhmreichen Heere, o Effendim, würde es nicht verfehlen.« Bedrückendes Schweigen. Dann meinte der Bej langsam:
»Gut, so will ich dir ein Ziel suchen, das schwerer zu treffen ist. Wenn du es triffst, so sollst du der Schießlehrer meines Sohnes Hammuda Pascha werden. Aber —wenn der Schuß daneben geht, lasse ich dir den Kopf abschlagen. Das ist der Handel, den ich dir anbiete. Sieh, dort drüben, eine weiße Taube auf dem Dach! Das ist dein Ziel.«
»Alle guten Geister«, murmelte Michel erschrocken in seiner Muttersprache, »so nahe stand ich selten vor dem Verlust meines Kopfes!«
»Was murmelst du da für unverständliches Zeug?«
»Oh, das ist ein Zauberspruch, den ich einmal von einem fremden Zauberer aus dem Abendland gehört habe. Wenn man ihn sagt, gibt er Kraft zum Gelingen.« »Bei Allah, du hast behauptet, meinen Sohn das Schießen lehren zu können. Ich möchte wissen, ob hinter deiner Großsprecherei etwas steckt. Wozu also der Zauberspruch? Willst du versuchen, das Ziel zu treffen und einen ehrenhaften Posten zu bekommen, oder den Kopf verlieren?« Die Taube war nicht viel weiter als hundert Schritt entfernt. Das Licht war noch gut. Michel erinnerte sich der Zeit, da er im Grunewald mit jenem Kunstschützen, seinem Lehrer, im Winde schaukelnde Blätter auf noch weitere Entfernungen getroffen hatte.
»Ich werde versuchen, mir den Ehrenposten zu verdienen, o Sayd«, sagte er. »Willst du mir sagen, wann ich schießen soll?«
»Wann es dir beliebt«, grinste der Herrscher der Gläubigen von Ifrikija.
Michel ließ die Flinte ruhig quer vor sich über dem Sattel liegen. Er wartete, bis die Taube, die auf den Rand des Daches zuhüpfte, stehenblieb und ihm ihr volles Profil darbot. Dann, als das Gewehr hochfuhr, spürte er ein Gefühl im Herzen, das er nicht beschreiben konnte. Es war, als ob etwas an ihm riß. In Bruchteilen von Sekunden zogen die Bilder seines Lebens an ihm vorbei.
Aber er drängte sie mit seinem Willen zurück. Ruhe überkam ihn.
Der Schuß krachte.
Er spürte sofort, daß die Kugel um ein Haar vorbeigegangen wäre. Denn wenn sie voll getroffen hätte, hätte sie den Vogel in Stücke gerissen. So aber flatterte die Taube noch zwei- oder dreimal mit den Flügeln, bevor sie leblos vom Rand des Daches fiel.
Ringsum war es still wie in einer Kirche. Kaum einer wagte zu atmen. Michel dachte nicht daran, das wirkungsvolle Schweigen zu brechen.
»Beim Bart des Propheten!« rief endlich der Bej. »Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist der Gesandte Allahs! Wenn das keine Hexerei war ...« Er schwieg wieder und spuckte auf den Boden.