Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Bis morgen hunderttausend Franks aufzutreiben, ist mir absolut nicht möglich. Verwenden Sie, bitte, die vierzigtausend Franks, die ich Ihnen jetzt überbracht habe, zum Rückkaufe des unglückseligen Papieres – oder schießen Sie mir die Summe auf eine gewisse Zeit vor. Sie sind ein reicher Mann, und wenn Sie für die Manen meines Vaters ...« – »Aber, Mann, sind Sie von Sinnen?« fuhr Ferrand auf, »ich soll Ihnen Bürgschaft leisten für hunderttausend Franks?« – »Ich beschwöre Sie, Herr ...« – »O, bleiben wir doch bei der Sache,« antwortete der Notar streng, »wer Güte verdient, kann Güte von mir empfangen ... Aber,« setzte er mit spöttischem Lächeln hinzu, »Ihre Pferde stampfen schon vor Ungeduld.«
Da wurde an die Tür geklopft ... »Wer ist da?« fragte Ferrand. – »Die Gräfin von Orbigny,« antwortete der Bureauvorsteher. – »Ich lasse bitten, einzutreten,« antwortete der Notar, ohne sich zu bedenken; dann wandte er sich an den Vicomte mit den Worten: »Da, nehmen Sie einstweilen die 1300 Franks; vielleicht gelingt es Ihnen, Petit-Jean damit eine kleine Frist abzuringen.«
Die Stiefmutter der Marquise von Harville trat in demselben Augenblick ein, als Vicomte von Saint-Remy, verdrießlich darüber, daß er sich vergeblich vor dem Notar gedemütigt, hinausging. – »Ei, guten Tag, Vicomte,« sagte Frau von Orbigny, »lange nicht gesehen! Habe es lebhaft bedauert!« –»Freilich, seit der Verheiratung der Frau von Harville habe ich noch nicht wieder die Ehre gehabt,« versetzte Saint-Remy, sich verneigend und bemüht, ein Lächeln zu zeigen; »waren Sie seitdem immer in der Normandie?« – »Leider! Mein Mann will jetzt nirgendwo anders als auf dem Lande leben, und was ihm recht ist, ist mir auch recht! – Sie sehen mir doch wohl die Dame aus der Provinz auf den ersten Blick an? Seit sich meine Stieftochter mit dem Marquis von Harville vermählt hat, bin ich noch nie wieder in Paris gewesen. Kommen Sie vielleicht öfter mit ihm zusammen?«
»Harville lebt sehr zurückgezogen und ist recht mürrisch geworden. In Gesellschaft ist er sehr wenig zu sehen,« versetzte Saint-Remy mit einem Anfluge von Ungeduld. »Aber ich muß jetzt gehen, gnädige Frau, Sie entschuldigen mich wohl? Vor Ihrer Abreise werde ich wohl kaum das Vergnügen haben, Sie noch einmal begrüßen zu dürfen?« – »Sich noch einmal zu mir zu bemühen, Herr Vicomte,« antwortete Frau von Orbigny, »hätte kaum Zweck, denn ich habe mich nur auf ein paar Tage in einem Hotel-garni einquartiert. Sollten Sie aber im Laufe des Sommers oder Herbstes in unsre Nähe kommen, würden wir uns über einen Besuch außerordentlich freuen. Also adieu, lieber Vicomte!«
Saint-Remy verneigte sich tief vor Frau von Orbigny und stürmte, mit maßloser Verzweiflung im Herzen, hinaus. Nach kurzem Besinnen sprach er bei sich: »Es geht nicht anders, es muß sein!« und rief seinem Kutscher, der den Schlag offen hielt, zu, ins Hotel Lucenay zu fahren.
Drittes Kapitel.
Ein Testament.
Frau von Orbigny war eine kleine, schmächtige Blondine mit fast weißen Lidern und mattblauen Augen. Ihr Blick war heuchlerisch, ihr Benehmen einschmeichelnd und hinterlistig; sie trat behutsam dem Notar näher ... »Ihr Schreiben aus der Normandie,« wandte Ferrand sich an seine Klientin, »habe ich erhalten; was ist das für eine wichtige Sache, in der Sie mich zu sprechen wünschen?« – »Seit mich der brave Doktor Polidori an Sie gewiesen, sind Sie mir doch immer ein guter Berater gewesen,« sagte Frau von Orbigny leichthin. – »Seit er Paris verlassen,« versetzte der Notar, ebenso leichthin, »habe ich noch keine Nachricht von ihm, warte aber tagtäglich darauf.« Ferrand belog die Frau, denn er hatte Polidori erst den Tag vorher gesehen, um ihn unter dem Namen eines Dr. Vincent zu Martials nach Asnières zu schicken mit dem Auftrage, dort Luise Morel auf die Seite zu bringen. Eine ähnliche Absicht, diesen Bösewicht für sich zu gewinnen, der jetzt den Namen Bradamanti trug, führte Frau von Orbigny nach Paris.
»Um Polidori handelt es sich aber jetzt nicht,« nahm Frau von Orbigny wieder das Wort, »sondern um meinen Mann, dessen Gesundheit von Tag zu Tag schlechter wird, und der von früh bis spät von seinem Testamente faselt, mir aber nicht geben will, was mir dem Gesetze nach zusteht.«
– »Und wie soll es mit seiner Tochter werden?« fragte Ferrand streng; »Herr von Harville hat mich seit etwa Jahresfrist mit der Führung seiner Geschäfte betraut; sollte also Ihr Mann etwas gegen sein Kind im Schilde führen, so hätten Sie meinerseits keine Unterstützung zu erwarten.«
– »Nun, ich sage ja meinem Manne auch immer,« erwiderte Frau von Orbigny, »daß er kein Recht habe, sie zu enterben. Er meint aber, sie besäße von ihrer Mutter eine reichliche Million, und ihr Mann wäre ja auch Millionär; warum solle er also nicht mir hinterlassen, was nach dem Erbe von 25 000 Franks Rente, die er mir vermachen wolle, noch verbleibt?« – »Und warum weist er sie an mich?« fragte Ferrand. – »Er will all meinen Skrupeln den Boden abschneiden: so sagte er; und darum sprichst du am besten mit einem Manne von so strenger Rechtlichkeit wie Notar Ferrand. Meint er, daß du nicht annehmen sollest, was ich dir anbiete, so wollen wir nicht weiter über die Ungelegenheit reden. Ich habe mich diesem seinem Wunsche gefügt, und demnach sind Sie unser Sachwalter und – Schiedsrichter.«
»Es geschieht nun Wohl schon zum dutzendsten Male, daß man mich zum Schiedsrichter wählt, immer mit Bezug auf meine Rechtlichkeit. Es ist wirklich zum Verdrießlichwerden! Was habe ich von solchem Renommee? Doch immer nur Arbeit, Sorge, Verdruß!« – »Lieber Ferrand.« erwiderte Frau von Orbigny, »seien Sie mir gegenüber etwas nachsichtiger und schreiben Sie an meinen Mann ein paar Zeilen, daß er Ihnen Vollmacht übermittelt ... zum Verkaufe ...« – »Um welche Summe handelt es sich wohl?«
– »Um 4–500 000 Franks.« – »Ich hatte mehr gerechnet. Nun, Sie haben sich für Ihren Mann geopfert. Ihre Tochter ist schon sehr reich, Ihnen kann Geld nur recht kommen. Also meine ich, unter solchen Umstanden können Sie ohne Bedenken annehmen, was Ihnen Ihr Mann aussetzen will.« – »So? Meinen Sie?« erwiderte Frau von Orbigny, die sich wie alle Welt durch die sprichwörtliche Rechtlichkeit Ferrands täuschen ließ, war sie doch über diesen Punkt von Polidori noch nicht aufgeklärt worden; »nun gut,« schloß sie, »so will ich annehmen.«
Wieder pochte der Bureauvorsteher ... »Wer ist denn schon wieder da?« rief Ferrand verdrießlich. – »Gräfin Mac Gregor.« – »Ich lasse bitten, einen Moment zu warten,« sagte der Notar. – »Leben Sie wohl, lieber Herr Ferrand,« sagte Frau von Orbigny, »und schreiben Sie meinem Manne wegen der Vollmacht, da er es nun doch einmal nicht anders haben will.« – »Sehr wohl,« erwiderte Ferrand. –
Frau von Orbigny ging, und Gräfin Mac Gregor trat ein.
Viertes Kapitel.
Sarah Mac Gregor.
Jakob Ferrand kannte die Dame noch nicht, die jetzt mit ihrer gewohnten Ruhe und Sicherheit in sein Privatzimmer eintrat, und kannte die Absicht nicht, die sie zu ihm führte. Er maß die Gräfin mit einem inquisitorischen Blicke und nahm, trotzdem sie sich jetzt mehr denn je ihrer eisigen Ruhe befleißigte, ein schwaches Zittern ihrer Brauen wahr, das ihm einen gewissen Grad von Verlegenheit zu verraten schien. Er erhob sich von seinem Sessel, zeigte auf einen anderen und sagte zu seiner neuen Klientin: »Sie haben eine Unterredung mit mir gewünscht. Gestern mußte ich wegen Ueberbürdung ablehnen. Ich war auch erst heute orientiert. Entschuldigen Sie also, bitte!« –