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Kerker und Ketten

Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:

Der Pfeifer und seine Freunde quälen sich in den Steinbrüchen von El Mengub. Schon haben sie den sicheren Tod vor Augen, da dürfen sie neue Hoffnung schöpfen: die Piratin Marina, in schmerzlicher Haßliebe an Michel Baum gekettet, versucht, die Gefangenen zu befreien. Doch bald wird sie selbst von Sklavenhändlern verschleppt, und nun ist es an Michel, sie zu suchen. Aber der Bej von Tunis hält ihn fest, und erst eine Palastrevolution schafft ganz neue Verhältnisse. Doch Marina bleibt verschwunden.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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Der Weiße betrachtete den zerlumpten Kerl mit der mädchenhaften Stimme aufmerksam. »Bitte, sagt mir doch, wer Ihr seid.« Isolde nahm sich zusammen.

»Ich bin die Tochter des Generals Hawbury, der hier als Militärattache Seiner Majestät des Königs von England beim Sultan akkreditiert ist.«

»Steigt ein, Miss Hawbury«, sagte der Engländer kurz. »Ich werde für Euch tun, was ich kann.« »Wo ist mein Vater? — Ist er — ist er etwa — tot?«

»Nein, macht Euch keine unnötigen Sorgen. Aber sein Auftrag war kurze Zeit nach Eurer Entführung beendet. Man brauchte ihn in England nötiger. So ist er, nachdem alle Nachforschungen nach Euch ohne Erfolg geblieben waren, zurückgereist, um seine Tätigkeit im Kolonialamt wieder aufzunehmen. An seiner Statt wurde ich hier akkreditiert.« Isolde Hawbury berichtete dem Attache ihre vielen Erlebnisse. Der General kam aus dem Staunen nicht heraus.

»Ihr seid ein Teufelsmädel. Ich glaube, Euer Vater wird stolz auf Euch sein, wenn er Euch in London in die Arme schließen wird. Ich werde natürlich sofort für Eure und Eures Bruder Abreise Vorkehrungen treffen. Können wir Euern Bruder jetzt besuchen?« Isolde zögerte.

»Ich glaube, es wäre dem alten Philosophen nicht angenehm. Wenn Ihr mir freien Durchgang am Palasttor verschafft, so werde ich ihn heute nachmittag mit Ojos Hilfe dorthin bringen.«»Ojo? An, das ist der starke Spanier, von dem Ihr berichtetet, ist der noch immer bei Euch?« Isolde sah sich um. Dann deutete sie lächelnd mit der Hand hinter sich. »Dort reitet er. Er ist der treueste Bursche, den ich je gesehen habe.«

Alles ließ sich so an, wie der General versprochen hatte. Die Geschwister zogen noch am selben Nachmittag in den Palast ein. Der Posten, der ihnen den Eintritt verwehrt hatte, wurde bestraft. Nur abreisen konnten sie nicht so schnell. Der General bestand darauf, daß sie warten sollten, bis seine Mission hier erfüllt wäre, was höchstens noch einige Wochen in Anspruch nehmen würde, um dann mit ihm nach England zurückzukehren.

Ojo fühlte sich nicht wohl in den glänzenden Gemächern. Ihn zog es zu seinem spanischen Wirt. »Ihr seid mir nicht böse, Senorita, wenn ich lieber dort wohnen möchte, nicht wahr? Wißt Ihr, ich komme mir hier in diesem Palast todunglücklich vor. Und mein Freund, der Wirt, sehnt sich sicherlich genauso nach mir, wie ich mich nach seinem Wein sehne. Ich hoffe, Ihr versteht mich richtig.«

»Ich habe nichts dagegen, Senor Ojo. Habt Ihr noch nichts von Senor Baum gehört?« Ojo seufzte.

Die Gedanken an Michel ließen ihm Tag und Nacht keine Ruhe. Deshalb wollte er ja dorthin gehen, wo es wenigstens Wein gab, um sie zu betäuben. Er hatte sich wiederholt schon vorgenommen, nach Oran zurückzureiten, sagte sich aber — und die anderen bestätigten ihm seine Ansicht —, daß es schwer sei, ohne eingehende Kenntnisse des Landes und der Sprache, den Weg dorthin zurück noch einmal zu schaffen.

So entschloß er sich, in der spanischen Taberna abzuwarten, was sich ereignen würde. Und er brauchte nicht mehr lange zu warten.

44

Es waren seit seinem Auszug aus dem Palast weitere vier Tage vergangen, als Ojo ein eigenartiges Erlebnis hatte.

Er machte, wie üblich, am frühen Nachmittag seine Runde durch die Stadt, als er einen Mann erblickte, der auf dem Rücken seines Burnus ein Stück schwarzes Tuch aufgenäht hatte, auf dem in weißer, flüchtig ausgeführter Stickerei zwei Hände zu sehen waren. Die eine Hand lag streichelnd auf einem Frauenkopf, die andere griff nach einem Schiff. Ojo überlegte krampfhaft, woher ihm dieses Symbol bekannt war. Er ging hinter dem Araber her. Dann, nach kurzem Zögern, klopfte er ihm auf die Schulter und sagte:

»Hört, guter Freund, was tragt Ihr da für ein Zeichen auf dem Rücken?« Er deutete dabei auf die Stickerei.

Der Araber verstand natürlich nichts, fiel aber mit einem riesigen Wortschwall über den armen Ojo her, der seinerseits nichts von dessen Worten verstand.

Ojo packte den Mann, der wie ein Landstreicher aussah, am Burnus und zog ihn einfach mit sich. Da er gerade in der Nähe des Palastes war, richtete er seine Schritte auf das Eingangstor. Der Posten machte ihm ehrerbietig Platz; denn der lange Ungläubige gehörte nach den Anweisungen, die jener von seinem Wachoffizier erhalten hatte, zu den Gästen des britischen Attaches.Ojo nahm den Mann einfach auf die Arme und setzte ihn erst dann wieder auf den Boden, als er vor Isolde Hawbury stand.

»Fragt diesen Mann, woher er das Zeichen auf seinem Rücken hat, Senorita. Mir kommt es bekannt vor, aber ich weiß nicht, wo ich es in meiner Erinnerung unterbringen soll.« Isolde stellte ihre Frage, wurde aber von dem Aufschrei einer Stimme unterbrochen. Steve fühlte sich heute wohler und war eben eingetreten. Er hatte den Schrei ausgestoßen. Wie ein Wilder schoß er auf den Araber zu und rief aus:

»Das ist Marinas Piratenflagge! Es gibt nur eine davon auf der Welt! Mein Gott, ist's möglich?

Wo hast du das Zeichen her?« wandte er sich an den Araber.

Der fixierte ihn scharf und fragte dann:

»Bist du derjenige, den man den Pfeifer nennt?«

»Nein. Aber ich bin ein Freund von ihm.«

Isolde übersetzte Ojo laufend das Gespräch der beiden Männer.

»Aha«, sagte Ojo dazwischen, »jetzt erinnere ich mich ebenfalls. Ich habe diese Flagge nur einmal gesehen, und zwar an jenem Tage, als die Meuterei auf der »Trueno« ausbrach.« »Von wem hast du dieses Zeichen?« fragte Steve ungeduldig.

»Von einer weißen Frau«, antwortete der Araber. »Aber ich darf meine Botschaft nur dem ausrichten, den sie den Pfeifer nennen. Er soll Triller mit dem Munde machen können, wie sie selbst der Schejtan nicht herausbringt. Das ist der Beweis dafür, daß er der Richtige ist. Bringt ihn zu mir, und ich will ihm alles erzählen.« Da war guter Rat teuer.

Draußen erhob sich plötzlich Geschrei. Gewehre knallten. Isolde und die anderen wandten sich den Mauerdurchbrüchen zu und blickten hinaus.

Ein Reiter jagte in vollem Galopp über den Hof. Sein schmutziger, zerrissener Burnus wehte wie eine Fahne hinter ihm her. Drei Wachen hatten sofort die Verfolgung aufgenommen. Da sahen sie, wie der Eindringling einige blinkende Gegenstände hinter sich auf den Boden warf. Als sie herankamen, erkannten sie, daß es goldene Zwanzig-Piaster-Stücke waren. Sie ließen von der Verfolgung ab und rauften sich um die Schätze, die hier zur Selbstbedienung auf dem Boden lagen.

Wenn ein Araber leichten Gewinn wittert, den er sich nicht zu erarbeiten braucht, vergißt er Weib und Kind und sogar die Befehle seiner Vorgesetzten. Und oft ist es so, daß sich die Vorgesetzten in diesem Fall selbst an der Jagd nach dem Gold beteiligen. Der Araber ist arm, der in Marokko lebende Araber noch ärmer als die anderen. Daher ist diese Sucht nach Gewinn verständlich. Der Ankömmling war ... der Pfeifer. »Mr. Baum!« rief Isolde erfreut.

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