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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Haare und Bart wurden ihm schnell wieder wild und struppig, und Sporen und Brustharnisch setzten im taufeuchten Gras, auf dem er nachts schlief, Rost an. Zweimal hielt er, um Vorräte zu kaufen, in entlegenen Dörfern an, die ihm sicher erschienen, doch ansonsten mied er jede Begegnung mit Menschen. Im Grunde genommen aber konnte er sich in Sicherheit wiegen, denn er war das Ebenbild eines mordlüsternen Raubritters, der mit seinem prächtigen Schwert, den kriegstauglichen Pferden und seiner furchterregenden Erscheinung weder zum Angriff noch zum höflichen Gespräch einlud.

Hinter Murcia wandte er sich nach Norden und ritt durch Valencia und nach Aragon hinein.

Gibraltar hatte er am Ende des Sommers verlassen. Jetzt wurden die Tage kühler, und die Nächte waren kalt. Von einem Schäfer kaufte er sich eine Decke aus Schaffellen, in die er sich zum Schlafen einwickelte. Zum Waschen war es zu kalt, und die schlecht gegerbten Tierhäute verstärkten seinen Gestank noch.

Er war zerschlagen von den Anstrengungen der Reise, als er schließlich eines Morgens Saragossa erreichte.

»Kennt Ihr den Medicus dieser Stadt? Einen Mann namens Fierro?« fragte er einen Mann, der auf der plaza mayor Holz auf einen Eselskarren lud.

»Ja, natürlich«, sagte der Mann und musterte ihn furchtsam. Jona wurde zurückgeschickt vor die Tore der Stadt, zu einem kleinen, abgelegenen Gehöft, an dessen Zufahrt er bereits unwissentlich vorbeigeritten war. Ein Stall war an die hacienda angebaut, aber bis auf ein Pferd, das die spärlichen, winterlich braunen Grashalme abweidete, war kein Tier zu sehen.

Eine Frau antwortete auf sein Klopfen. Der Duft frisch gebackenen Brotes strömte aus der Tür, die sie nur einen Spaltbreit öffnete, so daß Jona nicht mehr von ihr sah als die Hälfte eines freundlich bäuerlichen Gesichts, die Rundung einer Schulter, die Wölbung einer Brust. »Ihr wollt zum Arzt?«

»Ja.«

Nuno Fierro war ein Mann mit schütteren Haaren, einem dicken Bauch und ruhigem, nach innen gewandtem Blick. Obwohl der Himmel bedeckt war, kniff er die Augen zusammen, als würde er in die Sonne schauen. Er war älter als sein Bruder Manuel. Seine Nase war gerade, und auch ansonsten hatte er wenig Ähnlichkeit mit dem Waffenschmied, der lebenssprühender und kerniger gewesen war. Erst als er dann das Haus verließ und Jona genauer hinsah, kam ihm doch einiges bekannt vor - die Art, wie er den Kopf hielt, der Gang, die Mienen, die über sein Gesicht huschten.

Stumm und betroffen stand er da, als Jona ihm vom Ableben seines Bruders berichtete.

»Ein natürlicher Tod?« fragte er schließlich.

»Nein. Er wurde getötet.«

»Ermordet, sagt Ihr?«

»Ja, ermordet... und beraubt«, fügte Jona unvermittelt hinzu. Es lag kein Vorbedacht in der Entscheidung, diesem Mann das Geld seines Bruders nicht zu geben, sondern nur das plötzliche, blendende Wissen, daß er es nicht tun würde. Er ging zu seinem Esel und band den Sack mit den chirurgischen Instrumenten los.

Nuno Fierro öffnete die Truhe und strich über die Skalpelle, Sonden und Klammern.

»Er hat jedes einzelne Stück selbst angefertigt. Mich hat er ein paar polieren lassen, aber gemacht hat er sie alle selbst.«

Zärtlich und versunken in seiner Trauer berührte der Arzt diese wenigen Dinge, die sein Bruder für ihn angefertigt hatte. Dann sah er Jona an. Und bemerkte offenbar die Spuren, die der lange Ritt hinterlassen hatte. Wahrscheinlich, dachte Jona, riecht er mich auch.

»Ihr müßt ins Haus kommen.«

»Nein.«

»Aber Ihr müßt...«

»Nein, vielen Dank. Ich wünsche Euch alles Gute«, sagte Jona barsch, ging zu seinem Araber und schwang sich in den Sattel.

Er zwang sich, die Tiere im Schritt gehen zu lassen, während Nuno Fierro im Staub stand und ihm verwundert nachblickte.

Jona ritt weiter nach Norden, ohne recht zu wissen, wohin.

Der Arzt war ein alter Mann, sagte er sich, und ganz offensichtlich wohlhabend. Er hatte das Vermögen seines Bruders nicht nötig.

Im selben Moment erkannte Jona, daß er, ohne sich je der Versuchung bewußt gewesen zu sein, schon lange über das Geld nachgedacht hatte. Er hatte begriffen, daß dieser Schatz ihn aller Sorgen entheben würde.

Warum nicht? Offensichtlich hatte Gott ihm dieses Gold geschickt. Der Unergründliche hatte ihm eine himmlische Botschaft gesandt, eine Botschaft der Hoffnung.

Nach einer Weile im Sattel, der sich inzwischen anfühlte wie eine zweite Haut auf seinem Hintern, wurde ihm schwindlig von dem Gedanken an die Möglichkeiten, die ihm das Gold eröffnete, von den Überlegungen, wohin er sich wenden wollte, um sich damit ein neues Leben zu erkaufen.

Froh darüber, bald wieder in der tröstenden Sicherheit der Berge zu sein, ritt er durch ein Vorgebirge, doch in dieser Nacht fand er keinen Schlaf. Eine dünne Mondsichel stand am Himmel und dieselben Sterne, die ihn beschienen hatten, als er noch Schäfer war. Auf einer Lichtung auf einem bewaldeten Hügel machte er ein Feuer und saß dann da und starrte in die Flammen, in denen er viele Dinge sah.

Das Geld bedeutete Macht.

Das Geld würde ihm ein gewisses Maß an Sicherheit erkaufen. Ein wenig Schutz.

Doch im kühlen Licht des frühen Morgens stand er auf und scharrte, leise fluchend wie ein peon, Erde über die Überreste seines Feuers.

Langsam ritt er nach Saragossa zurück.

Nuno Fierro öffnete die Tür der hacienda, als Jona eben die Truhe mit den Münzen aus dem Leinensack zog. Jona stellte sie vor ihn hin, nahm sein Schwert ab und legte es auf die Truhe.

»Dies gehörte ebenfalls ihm, und die Tiere«, sagte er feierlich.

Die klugen Fierro-Augen sahen ihn an und begriffen alles.

»Habt Ihr ihn getötet?«

»Nein, nein!«

Das Entsetzen dieses jungen Mannes war echt, das erkannte Fierro sofort.

»Ich habe ihn geliebt. Er war... der Meister. Er war gut und gerecht. Viele haben ihn geliebt.«

Der alte Medicus von Saragossa hielt Jona die Tür weit auf. »Kommt herein«, sagte er.

8. KAPITEL

BÜCHER

Es fiel Jona zwar nicht leicht, dennoch berichtete er, bevor er sich wusch und zur Ruhe legte, Nuno ausführlich von dem Morgen, an dem Manuel Fierro mit Angels Pfeil im Hals gestorben war und er daraufhin Angel getötet hatte. Nuno hörte mit geschlossenen Augen zu. Es waren Nachrichten, die ihm das Herz schwermachten, und als Jona geendet hatte, nickte er nur und ging davon, um allein zu sein.

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