Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
»Genau«, erwiderte Verity strahlend. »Einmal den Lauf der Dinge, wie sie geschehen würden, wenn keine Inkonsequenz aufgetreten wäre, und daneben ein anderer Strang, die beide gleichzeitig existieren. Wenn das Kontinuum seine Selbstkorrektur beendet hätte, würde es in einen der beiden Stränge kollabieren. Aber bis dahin würden Diskrepanzen zwischen den beobachteten und den aufgezeichneten Ereignissen auftreten. Die einzige Aufzeichnung, die wir hier aber haben, ist Tossies Tagebuch, und das können wir nicht entziffern, und so können wir auch nicht feststellen, ob Terences Nichtbegegnung mit Maud eine Diskrepanz ist oder nicht.«
Sie biß in ein weiteres Biskuit. »Darum war ich auch so lange fort. Nachdem ich mit T. J. gesprochen hatte, ging ich zur Bodleiana-Bibliothek hinüber und startete eine Suche nach Terence, dann zum Oriel-College, um die Gerichtsmedizinerin zu fragen, ob sie etwas über ihn in dem Tagebuch entdeckt oder Mr. C’s Name herausgefunden habe.«
»Und?« fragte ich. Vielleicht hatte sie, und Verity war deshalb so glücklich.
»Nein. Sie hat zwar eine ganze Passage rekonstruieren können, die aber unglücklicherweise nur die Beschreibung eines Kleides war, das Tossie sich hat machen lassen. Vier Absätze über Abnäher, Brüsseler Spitze, französischer Stickerei, Einsätzen mit Durchbruchstickerei und…«
»Rüschen«, sagte ich.
»Rüschen, Rüschen, Rüschen«, sagte Verity voller Abscheu. »Und nicht ein Wort von der Katze oder einem Ausflug nach Coventry oder des Bischofs Vogeltränke. Sie haben nicht irgendwo Schokolade versteckt? Oder Käse? Ich bin so hungrig. Ich wollte zum Balliol rübergehen, um zu Abend zu essen, nachdem ich mit der Gerichtsmedizinerin gesprochen hatte, aber auf dem Weg dorthin lief ich Lady Schrapnell in die Hände.«
»Lady Schrapnell?« Ich hatte sie über all die anderen Krisen fast vergessen. »Sie weiß doch nicht etwa, wo ich bin? Sie haben es ihr nicht gesagt, oder?«
»Natürlich nicht«, sagte Verity und trank einen ausgiebigen Schluck Schokolade. »Ich habe ihr auch von der Katze nichts erzählt. Sie wollte wissen, was ich dort täte, und ich sagte, ich bräuchte ein neues Kostüm für übermorgen. Miss Warder war fuchsteufelwild.«
»Das kann ich mir vorstellen.«
»Und dann blieb Lady Schrapnell dabei, während mir das Kleid angepaßt wurde, und erzählte mir, daß Sie einfach verschwunden seien und Dunworthy ihr partout nicht sagen wollte, wo Sie steckten, und wie T. J. sich geweigert hätte, ins Jahr 1940 zu springen, um dort des Bischofs Vogeltränke zu suchen, weil das zwanzigste Jahrhundert Tabuzone für Farbige sei, was sie ziemlich lächerlich fände, denn worin bestünde denn schon die Gefahr bei so einem Luftangriff?« Sie trank den letzten Rest Schokolade aus und schaute in die Kanne. »Und wie die Arbeiter sich mit dem Chor anstellten und daß sie behaupteten, das Chorgestühl fertigzustellen, dauere mindestens noch einen weiteren Monat, und daß das völlig ausgeschlossen sei, weil doch die Einweihung bereits in dreizehn Tagen stattfinden solle.«
Sie goß die letzten Tropfen Schokolade aus der Kanne in ihre Tasse. »Sie wollte einfach nicht verschwinden, sogar als ich mit Miss Warder in den Vorbereitungsraum ging, um das Kleid anzuprobieren. Ich mußte Miss Warder bitten, Lady Schrapnell hinauszuschicken und abzulenken, während ich mit der Bodleiana telefonierte, um die Ergebnisse von der Suche nach Terence zu erfahren.«
»Und? Sollte er Maud treffen oder nicht?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Verity überglücklich. »Die Suche förderte nichts zutage. Keine Medaillen, keinen Ritterschlag, keine Wahlen ins Parlament. Kein Arrest, keine Verurteilungen, keine Schlagzeilen. Keine einzige Erwähnung in den offiziellen Aufzeichnungen.«
»Keine Heiratsurkunde?«
Verity schüttelte den Kopf und griff nach dem letzten Biskuit. »Die Pfarrei, in der er wohnte, wurde während des Blitzkrieges zerstört, und ich hatte keine Zeit für eine globale Suche, aber ich hinterließ Dunworthy eine Nachricht bei Miss Warder und bat ihn, eine solche Suche anzuleiern, sobald er von Coventry zurückkäme. Wenn Terence jedoch in den offiziellen Unterlagen nicht erwähnt ist, heißt das, daß er keinen geschichtlichen Einfluß besaß, und das bedeutet, daß die Begegnung nicht zählt. Was zu T. J.’s Aussagen über Diskrepanzen paßt, nach denen sich nur die unmittelbare Umgebung der Inkonsequenz destabilisiert. Und die Begegnung war vier Tage, nachdem ich die Katze gerettet hatte und die Bahnstation von Oxford liege über vierzig Meilen von Muchings End entfernt, was man kaum als ummittelbare Nähe bezeichnen kann. Also ist es keine Diskrepanz, und die Inkonsequenz hat sich nicht vergrößert.«
»Hmh«, machte ich und wünschte, davon genauso überzeugt zu sein wie sie.
»Wenn Tossie aber Terence statt Mr. C heiratet, dann ist eindeutig eine Diskrepanz entstanden. Also müssen wir das Tagebuch stehlen und herausfinden, wer er ist und die beiden so schnell wie möglich zusammenbringen. In der Zwischenzeit müssen wir Terence von Tossie fernhalten. Und des Bischofs Vogeltränke finden«, setzte sie hinzu und leckte sich die Biskuitkrümel von den Fingern.
»Was?« fragte ich. »Ich dachte, Sie hätten Lady Schrapnell verschwiegen, daß ich hier bin.«
»Habe ich auch«, sagte sie. »Ich sagte ihr, Sie hätten herausgefunden, wo sich des Bischofs Vogeltränke befindet und wollten sie gerade herbeischaffen!«
»Sie haben was?« Ich setzte mich auf Cyril.
»Sie war fest entschlossen, Sie ausfindig zu machen«, sagte Verity. »Die Handwerker weigern sich, eine Reproduktion von dem Ding zu machen, und Lady Schrapnell ist außer sich vor Zorn. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie Miss Warders Aufzeichnungen überprüft und Ihnen nachgekommen wäre«, sagte sie, und es klang logisch. »Das wäre genau das, was wir hier noch bräuchten.«
Ich mußte ihr den Punkt zugestehen. »Was passiert aber, wenn sie herausfindet, daß ich nicht die leiseste Ahnung habe, wo sich des Bischofs Vogeltränke befindet, und es auch nie gewußt habe? Die Einweihung ist in zwei Wochen, und ich bin für keine weiteren Sprünge mehr vorgesehen.«
»Ich werde Ihnen helfen«, sagte Verity. »Und wir müssen dazu nirgends hingehen. Poirot sagt, alles was man zum Lösen eines Rätsels bräuchte, läge in den kleinen grauen Zellen.«
»Poirot?« fragte ich. »Wer ist Poirot? Der Küster?«
»Nein. Hercule Poirot. Agatha Christie. Er sagt…«
»Agatha Christie?« Ich hatte keinen Schimmer, von wem sie sprach.
»Die Krimiautorin. Zwanzigstes Jahrhundert. Bevor Lady Schrapnell Oxford und damit mein Leben übernahm, war ich in den 1930ern eingeteilt, und das ist eine absolut gräßliche Zeit — Hitlers Aufstieg, die weltweite Depression, keine Videos, keine virtuellen Welten, kein Geld, um ins Kino zu gehen. Das einzige, was einem bleibt, ist Detektivromane zu lesen. Dorothy Sayers, E. C. Benson, Agatha Christie. Und Kreuzworträtsel zu lösen«, setzte sie hinzu, als erkläre das alles.
»Kreuzworträtsel?«
»Für unsere momentane Situation nicht besonders hilfreich. Im Gegensatz zu Detektivromanen. Natürlich handeln sie eigentlich von Mord und nicht von Diebstahl, aber sie spielen immer in solchen Landhäusern wie diesem hier, und immer ist der Butler der Täter, wenigstens in den ersten hundert Romanen, die ich gelesen habe. Jedermann ist verdächtig, und immer ist es die am wenigstens verdächtige Person, nach den ersten hundert Romanen war der Butler das aber nicht mehr, und sie mußten auf fernliegendere Täter ausweichen. Sie wissen schon, die harmlose alte Dame oder die ergebene Ehefrau des Vikars, so in der Art. Doch die Leser brauchten nicht allzu lang, um auch dem auf die Schliche zu kommen, und man ging dazu über, den Detektiv selbst zum Mörder zu machen und den Erzähler, obwohl das bereits in Der Mondstein geschehen war. Da war es der Held, er wußte bloß nichts davon. Er schlafwandelte in seinem Nachthemd, was für die victorianische Zeit ziemlich verrucht war, und das Verbrechen war unglaublich kompliziert. In Detektivromanen schnappt sich ja keiner einfach nur die Vase und haut ab oder erschießt einen anderen aus Jähzorn. Am Ende, wenn der Leser denkt, er hätte alles gelöst, gibt es noch einen letzten dramaturgischen Schlenker, und das Verbrechen ist plötzlich äußerst durchdacht und sorgfältig geplant durchgeführt worden, mit Verkleidungen, Alibis und Fahrplänen, und ein Plan des Hauses, in dem es geschah, wird ins Buch vorn eingebunden, mit sämtlichen Schlafzimmern und der Bibliothek, wo sich in der Regel die Leiche findet, und allen Verbindungstüren, und trotzdem würde es dem Leser auf ewig verschlossen bleiben, wie das Verbrechen geschah, wenn nicht plötzlich der weltberühmte Detektiv aufträte…«