Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
Ich lag im Dunkeln, und meine Gedanken drehten sich im Kreise, genau wie Harris im Labyrinth von Hampton Court. Baine hatte Prinzessin Arjumand nicht ertränken wollen, aber wenn sie nicht ertrinken und unwichtig werden sollte, warum hatte sich dann das Netz für Verity geöffnet? Und falls sie ertrunken war, warum dann für mich?
Und warum war ich in Oxford gelandet? Um Terence davon abzuhalten, Maud zu treffen? Mir leuchtete nicht ein, daß das eine Selbstkorrektur sein sollte. Sollte ich damit die Katze von Muchings End fernhalten? Ich erinnerte mich, daß ich ihren Korb auf der Follybrücke hatte fallen lassen, als Cyril auf mich zuraste, und daß er beinahe in den Fluß gerollt wäre, wenn Terence ihn nicht vorher zu fassen bekommen hätte. Und wie ich nach der Reisetasche griff, als sie das Übergewicht bekam und damit Cyril zu einem ungewollten Bad verhalf. Hatte die Geschichte sich korrigieren wollen, indem die Katze in diesem Momenten ertrinken sollte — und ich hatte es verhindert?
Doch das konnte nicht sein. Baine hatte Prinzessin Arjumand nicht ertränken wollen, als er sie in den Fluß warf. Wenn Verity sich nicht eingemischt hätte, wäre er der Katze nachgeschwommen, ungeachtet seiner Butlerlivree, und hätte sie gerettet. Vielleicht hatte er sie zu weit hinausgeschleudert, und sie war in die Strömung geraten, wo sie, trotz Baines Bemühungen, ertrunken wäre. Das erklärte aber noch nicht…
An der Tür kratzte es leise. Es ist Verity, dachte ich. Sie vergaß, Hercule Poirots Detektivmethode zu erläutern. Ich öffnete.
Der Gang war leer. Ich öffnete die Tür weiter und schaute rechts und links den Korridor hinunter, sah aber nichts als Finsternis. Es mußte einer von Mrs. Merings Geister gewesen sein.
»Meau«, machte ein kleines Stimmchen.
Ich schaute zu Boden. Prinzessin Arjumands graugrüne Augen leuchteten zu mir auf. »Mioh«, sagte sie, schlenderte an mir vorbei, den Schwanz in die Höhe gestreckt, und sprang aufs Bett, wo sie sich mitten auf meinem Kissen niederließ.
Jetzt hatte ich überhaupt keinen Platz mehr. Cyril schnarchte. Daran hätte man sich vielleicht noch gewöhnen können, aber je weiter die Nacht fortschritt, desto lauter wurde das Schnarchen, bis ich befürchtete, es könnte Tote erwecken. Oder Mrs. Mering. Oder beides.
Und er dachte sich offenbar Variationen über ein Thema aus — ein tiefes Grollen wie ferner Donner, ein Schnauben, ein eigenartiges Wuff, das seine Lefzen erzittern ließ, ein Niesen, ein Schnüffeln, ein Winseln.
Nichts davon erschütterte die Katze, die sich wieder auf meinem Adamsapfel niedergelassen und mir — ohne Variationen — ins Ohr schnurrte. Ich döste aus purem Sauerstoffmangel ein und wachte wieder auf, zündete Streichhölzer an und versuchte mühsam, in ihrem Licht die Taschenuhr zu entziffern, und zwar um II, um III und wieder um viertel nach IV.
Kurz nach halb V weckten mich die Vögel, die lauthals und rücksichtslos den Sonnenaufgang bejubelten. Mir war immer beschrieben worden, das wäre ein idyllisches, wohlklingendes Konzert, aber es hörte sich mehr nach einem Luftangriff der Nazis an. Ich überlegte, ob die Merings einen Luftschutzkeller besaßen.
Als ich nach einem weiteren Streichholz suchte, fiel mir ein, daß ich ja nun die Uhrzeit auch so lesen konnte, und ich stand auf. Ich zog meine Kleider und die Schuhe an und versuchte, Cyril zu wecken.
»Komm, alter Junge, Zeit, in den Stall zurückzugehen«, sagte ich und unterbrach ihn mitten in einem herzhaften Wuff, indem ich ihn schüttelte. »Du willst doch nicht, daß Mrs. Mering dich hier erwischt. Komm schon. Aufwachen!«
Cyril öffnete ein schlaftrunkenes Auge, schloß es wieder und schnarchte doppelt so laut weiter.
»Vergiß es!« sagte ich. »Es klappt nicht. Ich weiß, daß du wach bist.« Ich boxte ihn in die Leibesmitte. »Auf! Sonst werden wir beide aus dem Haus geworfen.« Ich zog an seinem Halsband. Er öffnete das Auge wieder und taumelte auf die Füße. Er sah so aus, wie ich mich fühlte. Seine Augen waren blutunterlaufen, und er schwankte leicht, wie ein Betrunkener nach einer durchzechten Nacht.
»Guter Junge«, sagte ich aufmunternd. »So ist’s brav. Runter vom Bett. Ab mit uns!«
Prinzessin Arjumand wählte just diesen Augenblick, um zu gähnen, sich ausgiebig zu strecken und gemütlich tief in die Federn zu kuscheln. Ihre Botschaft hätte nicht eindeutiger ausfallen können.
»Du bist keine große Hilfe«, sagte ich zu ihr. »Ich weiß, es ist ungerecht, Cyril, aber das Leben ist nun mal nicht fair. Ich zum Beispiel sollte eigentlich auf einer Urlaubsreise sein. Mich erholen. Schlafen.«
Cyril nahm das Wort Schlafen als Aufforderung, sich wieder in die Kissen sinken zu lassen.
»Nein«, sagte ich. »Hoch! Sofort! Ich meine es ernst, Cyril. Bei Fuß. Wach auf!«
Keiner sollte behaupten, richtig gelebt zu haben, der nicht um halb sechs Uhr morgens einen sechzig Pfund schweren Hund eine steile victorianische Treppe hinabgetragen hat. Draußen hatte die Morgendämmerung die Wiesen rosig überhaucht, im Gras schimmerte diamantener Tau. Die Rosen öffneten gerade ihre liebreizenden Gesichter, alles Anzeichen dafür, daß ich immer noch an der Zeitkrankheit litt, was bedeutete, daß ich bei Veritys Anblick am Frühstückstisch vollkommen in ihren Bann geraten würde, obwohl sie Lady Schrapnell gesagt hatte, ich wüßte, wo des Bischofs Vogeltränke sei.
In der Zwischenzeit hatte sich die Vogelluftwaffe offenbar zum Auftanken zurückgezogen, und die Welt lag still im frühen Morgenlicht, einer Stille, die so sehr ein Teil der Vergangenheit war wie die victorianischen Landhäuser und das Bootsfahren auf der Themse, die Stille einer Welt, in die noch keine Flugzeuge und Verkehrsstaus eingebrochen waren, keine Brandbomben und ferngesteuerten Geschosse, der stille, weihevolle Atem einer Welt, die längst vergangen ist.
Es war zu schade, daß ich nicht in der Lage war, dies zu schätzen. Cyril wog eine Tonne, und als ich ihn absetzte, ließ er ein jammervolles, durchdringendes Winseln hören. Ich stolperte beim Hinausgehen fast über den schlafenden Stallburschen, und kaum war ich wieder im Haus, stieß ich im oberen Stockwerk beinahe mit Baine zusammen.
Er stellte gerade frisch polierte Schuhe vor die Schlafzimmertüren. Noch bevor er mich sehen konnte, fragte ich mich, wann er eigentlich schlief.
»Konnte nicht schlafen«, sagte ich und verschluckte in meiner Nervosität die Subjekte meiner Sätze wie Colonel Mering. »Ging nach unten, um etwas zu lesen zu holen.«
»Ja, Sir«, sagte Baine. Er hielt Tossies weiße Stiefeletten in der Hand. Sie hatten kleine Rüschen an den Spitzen. »Ich finde die Industrielle Revolution von Toynbee recht entspannend. Soll ich Sie Ihnen holen?«
»Nein, ist schon gut«, sagte ich. »Glaube, ich kann jetzt ganz gut einschlafen.«
Was jedoch eine infame Lüge war. Ich machte mir um viel zu viele Dinge Gedanken, als daß ich geruhsam hätte in den Schlaf sinken können — zum Beispiel, wie ich meinen Kragen anziehen und meinen Schlips richtig binden sollte. Oder was Zeitreise an Konsequenzen entdecken würde, die daraus resultierten, daß ich Prinzessin Arjumand vier Tage zu spät nach Muchings End zurückgebracht hatte. Und was ich Lady Schrapnell erzählen sollte.