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Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]

Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:

Der große Kritiker- und Publikumserfolg aus den USA! Connie Willis, preisgekrönt als beste SF-Autorin der 90er Jahre, schickt in diesem Buch Zeitreisende aus der Zukunft in das viktorianische England — ein unvergessliches Abenteuer …
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»Ich sah sie am neunten November 1940 nach der Andacht für die Royal Air Force und dem Kuchenverkauf.«

»Und danach sah sie keiner mehr?«

»Danach kam keiner mehr durch, bis der Angriff vorbei war. Erhöhter Schlupfverlust, Krisenpunkt — Sie erinnern sich?«

Jane kam mit einem Topf Marmelade herein, stellte ihn auf den Tisch, knickste und eilte wieder hinaus. Verity ging zu einer der zugedeckten Platten, deren Haube die Darstellung eines springenden Fisches als Griff hatte.

»Und nach dem Angriff war sie nicht in den Trümmern?« fragte sie und hob die Haube am Fisch hoch.

»Nein«, sagte ich. »Großer Gott, was ist das?« Ich starrte auf ein Bett grellgelben Reises, in dem vereinzelte weiße Streifen zu sehen waren.

»Kedgeree«, sagte Verity und nahm sich einen kleinen Löffel davon. »Curryreis mit geräuchertem Fisch.«

»Zum Frühstück?«

»Das Gericht stammt aus Indien. Der Colonel liebt es.« Sie deckte die Platte wieder zu. »Und keiner der Zeitgenossen erwähnte, sie zwischen dem neunten und der Nacht, als der Angriff stattfand, noch einmal gesehen zu haben?«

»Sie wurde in der Gottesdienstordnung vom zehnten erwähnt, unter Blumenarrangements, also müßte sie während dieses Gottesdienstes noch da gewesen sein.«

Sie ging zu der nächsten Platte, deren Haube ein großer Hirsch mit Geweih zierte. Ich überlegte kurz, ob es sich dabei um eine Art Geheimcode handelte, aber auf der nächsten Haube grinste gefräßig ein Wolf, und so verwarf ich den Gedanken wieder.

»Als Sie sie am neunten sahen«, sagte Verity, »fiel Ihnen da irgend etwas Ungewöhnliches daran auf?«

»Sie haben des Bischofs Vogeltränke noch nie gesehen, nicht wahr?«

»Ich meine, ob sie vielleicht umgestellt wurde oder beschädigt war. Haben Sie irgend etwas Verdächtiges bemerkt, zum Beispiel, daß sich jemand in der Nähe herumtrieb?«

»Sie leiden immer noch an der Zeitkrankheit«, sagte ich.

»Nein.« Ihre Stimme klang indigniert. »Des Bischofs Vogeltränke ist verschwunden, aber sie kann sich nicht in Luft aufgelöst haben. Also muß jemand sie an sich genommen haben, und falls dem so ist, muß es einen Hinweis auf diesen Jemand geben. Haben Sie irgend jemanden in der Nähe stehen sehen?«

»Nein«, entgegnete ich.

»Hercule Poirot sagt, daß es stets etwas gibt, das keinem aufgefallen ist oder von allen für unwichtig gehalten wurde«, sagte Verity und hob den Hirsch am Geweih hoch. Darunter befand sich eine Masse streng riechender brauner Objekte.

»Was ist das?«

»Scharfe Nierchen«, sagte sie. »Geschmort in Chutney und Senf. Bei Hercule Poirot gibt es immer eine winzige Sache, die nicht hineinpaßt, und das ist dann des Rätsels Lösung.« Sie packte einen grimmig aussehenden Bullen bei den Hörnern. »Das ist Moorhuhn.«

»Gibt es keine Eier mit Speck?«

Verity schüttelte den Kopf. »Nur für die unteren Schichten.« Sie spießte einen gelackt aussehenden Fisch auf die Gabel und hielt ihn mir hin. »Bückling?«

Ich entschied mich für Porridge.

Verity nahm ihren Teller und setzte sich damit ans untere Ende des riesigen Tisches. »Was geschah nach dem Angriff?« fragte sie und bedeutete mir, mich neben sie zu setzen. »Fanden Sie einen Hinweis, daß sich des Bischofs Vogeltränke während des Angriffs in der Kirche befand?«

Ich wollte gerade sagen: »Die Kirche wurde völlig zerstört«, als mir etwas einfiel. »Ja«, sagte ich stirnrunzelnd. »Einen versengten Blumenstengel. Außerdem fanden wir den gußeisernen Ständer, auf dem des Bischofs Vogeltränke stand.«

»Handelte es dabei um eine Blume, wie sie in der Gottesdienstordnung aufgeführt war?«

Ich öffnete schon den Mund, um zu sagen: »Das konnte man beim besten Willen nicht mehr feststellen«, als die Tür aufging und Jane wieder hereinkam. Sie knickste. »Tee, Ma’am?«

»Ja, danke, Colleen«, sagte Verity.

»Warum nannten Sie sie Colleen?« fragte ich, sobald das Mädchen verschwunden war.

»Sie heißt so«, erwiderte Verity. »Doch Mrs. Mering meint, der Name schicke sich nicht für ein Dienstmädchen. Klingt zu irisch. Im Moment sind englische Bedienstete in Mode.«

»Und so hat sie einfach den Namen des Mädchens geändert?«

»Das ist ganz üblich. Mrs. Chattisbourne nennt alle ihre Mädchen Gladys, und so braucht sie sich nicht zu merken, um welche es sich handelt. Hat man Sie nicht entsprechend vorbereitet?«

»Ich wurde überhaupt nicht vorbereitet«, sagte ich. »Zwei Stunden Sublimationskassetten, Realzeit, denen ich nicht in der Lage war, richtig zu folgen. Handelten überwiegend von der dienenden Rolle der Frau. Und von Fischgabeln.«

Verity schaute mich erschrocken an. »Man hat Sie nicht vorbereitet? Die victorianische Gesellschaft legt größten Wert auf das richtige Benehmen. Verstöße dagegen werden sehr ernst genommen.« Sie sah mich neugierig an. »Wie haben Sie es überhaupt bis jetzt schaffen können?«

»Die letzten beiden Tage war ich auf dem Fluß, zusammen mit einem Professor aus Oxford, der Herodot, und einem liebeskranken jungen Mann, der Tennyson zitiert, einer Bulldogge und einer Katze«, sagte ich. »Ich hab’ mich so durchgemauschelt.«

»Das wird hier nicht mehr klappen. Sie müssen irgendwie eingewiesen werden. Also gut, hören Sie zu.« Sie lehnte sich über den Tisch. »Ein kurzer Überblick. Förmlichkeit ist ein und alles. Man sagt nicht, was man denkt. Euphemismen und Höflichkeit sind an der Tagesordnung. Kein körperlicher Kontakt zwischen den Geschlechtern. Ein Mann darf den Arm einer Dame nehmen, ihr in die Bahn oder über eine Schwelle zu helfen. Unverheiratete Männer und Frauen dürfen sich niemals allein zusammen aufhalten«, sagte sie, ungeachtet der Tatsache, daß wir es waren. »Es muß stets eine Anstandsdame anwesend sein.«

Wie auf Kommando tauchte Jane mit zwei Tassen Tee auf und stellte sie vor uns.

»Bedienstete werden beim Vornamen gerufen«, fuhr Verity fort, sobald Jane verschwunden war, »abgesehen vom Butler. Ihn ruft man Baine oder Mr. Baine. Und alle Köchinnen sind Mrs., egal, ob sie verheiratet sind oder nicht, also fragen Sie Mrs. Posey nicht nach ihrem Ehemann. Dieser Haushalt hat ein Stubenmädchen, das ist Colleen — ich meine Jane —, ein Küchenmädchen, einen Koch, einen Lakaien, einen Stallburschen, einen Butler und einen Gärtner. Sie hatten ein Zimmermädchen, eine Zofe und einen Laufburschen, aber die Herzogin von Landry stahl sie ihnen.«

»Stahl?« Ich langte nach dem Zucker.

»Man ißt keinen Zucker auf dem Porridge«, sagte Verity. »Außerdem hätten Sie läuten müssen, damit er Ihnen gereicht wird. Anderen Haushalten die Dienstboten wegzustehlen, ist hier eine Lieblingsbeschäftigung. Mrs. Mering stahl Baine von Mrs. Chattisbourne und ist gerade dabei, ihr auch ihren Laufburschen abspenstig zu machen. Man gibt auch keine Milch darauf. Und man flucht nicht in Gegenwart von Damen.«

»Und was ist mit Mumpitz?« fragte ich. »Oder Pah?«

»Pah, Mr. Henry?« fragte Mrs. Mering und rauschte ins Zimmer. »Worüber reden Sie so geringschätzig? Ich hoffe doch nicht über unser Kirchfest? Es kommt dem Restaurierungsfonds zugute, ein sehr wichtiges Projekt, Mr. Henry. Unsere arme Kirche muß dringendst restauriert werden. Meine Güte, das Taufbecken ist aus dem Jahr 1262! Und die Fenster! Hoffnungslos mittelalterlich! Wenn unser Fest erfolgreich wird, hoffen wir uns neue kaufen zu können!«

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