Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Die Gesellschaft verabscheut einen gewöhnlichen Henker, aber einen Gentleman-Henker durchaus nicht. Erst vor kurzem ist eine entgegengesetzte Ansicht ausgesprochen worden, aber nur abstrakt, in Büchern. Sogar diejenigen, die diese Ansicht aussprechen, haben noch nicht alle in sich dieses Bedürfnis nach Willkür erstickt. Sogar jeder Fabrikbesitzer, jeder Unternehmer muß unbedingt ein eigentümliches, kitzelndes Vergnügen in dem Umstande finden, daß sein Arbeiter mit seiner ganzen Familie einzig von ihm abhängt. Es ist sicher so; eine Generation kann sich nicht so schnell von dem losreißen, was in ihr als eine Erbschaft früherer Generationen sitzt; der Mensch sagt sich nicht so schnell von dem los, was ihm ins Blut eingedrungen ist, was er sozusagen mit der Muttermilch eingesogen hat. Es gibt keine so plötzlichen Wandlungen. Seine Schuld und seine Erbsünde zu bekennen, genügt noch lange nicht; man muß sich ihrer gänzlich entwöhnen. Das geschieht aber nicht so schnell.
Ich brachte eben die Rede auf den Henker. Die Eigenschaften eines Henkers sind im Keime in fast jedem Menschen unserer Zeit vorhanden. Aber diese tierischen Eigenschaften entwickeln sich nicht in allen Menschen im gleichen Maße. Wenn sie in jemand, sich stetig entwickelnd, alle seine anderen Eigenschaften besiegen, so wird ein solcher Mensch natürlich schrecklich und abstoßend. Es gibt Henker von zwei Arten: die einen sind freiwillige, die andern unfreiwillige, die dazu gezwungen werden. Ein freiwilliger Henker steht natürlich in allen Beziehungen tiefer als ein unfreiwilliger, den das Volk jedoch bis zu einem Grauen, bis zum Ekel, bis zu einer instinktiven, fast mystischen Angst verabscheut. Woher kommt denn diese fast abergläubische Angst vor dem einen Henker und diese fast gutheißende Gleichgültigkeit gegen den andern? Es gibt außerordentlich seltsame Fälle: ich kannte gutmütige, anständige Menschen, die in der Gesellschaft sogar Achtung genossen, die es jedoch nicht ruhig ertragen konnten, wenn der Delinquent unter den Ruten nicht schrie und nicht um Gnade flehte. Die Delinquenten müssen unbedingt schreien und um Gnade flehen. Das ist einmal Sitte: es gilt als angemessen und notwendig, und als das Opfer einmal nicht schreien wollte, so fühlte sich der Vollstrecker, den ich kannte und der in anderen Beziehungen vielleicht sogar als guter Mensch angesehen werden konnte, persönlich gekränkt. Er wollte anfangs die Strafe auf eine leichte Weise vollstrecken lassen; als er aber die gewohnten Worte: »Euer Wohlgeboren, gnädiger Vater, haben Sie Erbarmen, lassen Sie mich ewig für Sie zu Gott beten usw.« nicht hörte, geriet er in Wut und ließ dem Betreffenden noch weitere fünfzig Rutenhiebe geben, um von ihm das Schreien und Flehen zu erreichen, und er erreichte es auch. »Es geht eben nicht anders, der Mann ist zu verstockt«, erklärte er mir sehr ernsthaft. Was aber den echten, unfreiwilligen, verpflichteten Henker betrifft, so weiß man ja, daß er ein zur Verbannung verurteilter Arrestant ist, den man aber als Henker dabehalten hat, der anfangs bei einem anderen Henker in der Lehre gewesen und nach absolvierter Lehrzeit für immer im Zuchthaus angestellt worden ist, wo er ein besonderes Zimmer für sich allein hat und sogar eine eigene Wirtschaft führt, aber doch fast immer unter militärischer Bewachung steht. Der lebendige Mensch ist natürlich keine Maschine: der Henker schlägt zwar aus Pflicht, gerät aber zuweilen auch in Rage; er schlägt zwar nicht ohne einen gewissen Genuß für sich selbst, hegt aber doch fast niemals einen persönlichen Haß gegen sein Opfer. Die Geschicklichkeit im Schlagen, die Kenntnis dieser Wissenschaft, der Wunsch, sich vor seinen Kollegen und vor dem Publikum zu zeigen, reizen seinen Ehrgeiz. Es ist ihm hauptsächlich um die Kunst als solche zu tun. Außerdem weiß er sehr gut, daß er von allen verstoßen ist, daß er überall mit abergläubischer Angst empfangen und begleitet wird, und es ist sehr wohl möglich, daß dies auf ihn einen gewissen Einfluß hat und seine Wut und seine tierischen Neigungen verstärkt. Sogar die Kinder wissen, daß er »sich von Vater und Mutter losgesagt hat«. Seltsam: alle Henker, die ich traf, waren geistig gut entwickelte Menschen, mit Verstand und Vernunft, mit einem ungewöhnlichen Ehrgeiz und sogar Stolz. Ob sich dieser Stolz als Reaktion gegen die allgemeine Verachtung entwickelt, oder ob er durch das Bewußtsein der Angst, die sie ihren Opfern einflößen, und durch das Gefühl der Herrschaft über sie gesteigert wird, weiß ich nicht zu sagen. Vielleicht begünstigt auch das parademäßige und theatralische Zeremoniell, mit dem sie vor dem Publikum auf dem Schafott erscheinen, in ihnen die Entwicklung eines gewissen Hochmuts. Ich erinnere mich, wie ich eine Zeitlang recht häufig mit einem Henker zusammenkam, den ich aus der Nähe beobachten konnte. Er war ein Kerl von mittlerem Wuchs, muskulös, hager, an die vierzig Jahre alt, mit einem recht angenehmen und klugen Gesicht und Lockenhaar. Er war immer ungewöhnlich ernst und ruhig; äußerlich benahm er sich wie ein Gentleman, beantwortete alle Fragen kurz, vernünftig und sogar freundlich, aber mit einer hochmütigen Freundlichkeit, als sähe er auf mich von oben herab. Die Wachoffiziere knüpften mit ihm oft in meinem Beisein Gespräche an und taten es wirklich mit einer gewissen Achtung ihm gegenüber. Er fühlte es und verdoppelte daher im Gespräch mit einem Vorgesetzten absichtlich seine Höflichkeit, Trockenheit und Würde. Je freundlicher ein Vorgesetzter mit ihm sprach, um so unzugänglicher wurde er selbst; obwohl er dabei nicht im geringsten von der raffiniertesten Höflichkeit abwich, bin ich doch überzeugt, daß er sich in einem solchen Augenblick hoch über den mit ihm redenden Vorgesetzten stellte. Das stand in seinem Gesicht geschrieben. Manchmal wurde er an heißen Sommertagen unter Bewachung, mit einer langen dünnen Stange bewaffnet, in die Stadt geschickt, um die Hunde totzuschlagen. In dieser kleinen Stadt gab es ungewöhnlich viel Hunde, die niemand gehörten und sich mit einer auffallenden Schnelligkeit vermehrten. In der heißen Jahreszeit wurden sie gefährlich, und dann wurde auf Befehl der Obrigkeit der Henker ausgesandt, um sie zu vertilgen. Aber selbst dieses erniedrigende Amt schien ihn in keiner Weise zu erniedrigen. Man muß gesehen haben, mit welcher Würde er durch die Straßen der Stadt spazierte, von einem müden Begleitsoldaten bewacht, schon durch seinen bloßen Anblick die ihm begegnenden Weiber und Kinder erschreckend; wie ruhig und sogar von oben herab er alle Begegnenden ansah. Die Henker haben übrigens ein gutes Leben. Sie besitzen Geld, essen sehr gut und trinken Branntwein. Das Geld bekommen sie als Schmiergeld. Ein Angeklagter aus dem Zivilstande, der nach dem Gerichtsurteil eine Körperstrafe abzubüßen hat, schenkt immer vorher etwas, und sei es auch sein Letztes, dem Henker. Von den andern, von den reichen Angeklagten verlangen sie aber selbst Geld, wobei sie den Betrag in einem gewissen Verhältnis zu dem vermuteten Vermögen des Arrestanten festsetzen: zuweilen lassen sie sich auch dreißig Rubel geben und sogar mehr. Mit sehr reichen feilschen sie sogar tüchtig. Die Strafe in einer sehr milden Form kann der Henker natürlich nicht verabreichen; er haftet ja dafür mit seinem eigenen Rücken. Aber er verspricht dem Opfer für ein gewisses Schmiergeld, nicht allzu schmerzhaft zu schlagen. Man geht auf seinen Vorschlag fast immer ein, sonst kann er tatsächlich barbarisch schlagen; das liegt fast ganz in seiner Gewalt. Es kommt vor, daß er sogar von einem sehr armen Angeklagten eine bedeutende Summe verlangt; die Verwandten desselben gehen zu ihm, handeln, suchen ihn zu erweichen, und wehe dem Armen, wenn sie ihn nicht befriedigen. In solchen Fällen kommt ihm die abergläubische Angst, die er allen einflößt, sehr zu statten. Was für Wunderdinge erzählt man sich nicht über die Henker! Übrigens versicherten mir die Arrestanten selbst, daß der Henker die Möglichkeit habe, den Delinquenten schon mit dem ersten Schlage zu töten. Aber wann ist das schon beobachtet worden? Übrigens ist es auch möglich. Man spricht davon allzu bestimmt. Der Henker selbst versicherte mich, daß er es wohl tun könne. Man erzählte sich auch, daß er die Fertigkeit habe, mit aller Wucht die Knute auf den Rücken des Arrestanten niedersausen zu lassen, aber so, daß sich nach dem Schlage auch nicht die kleinste Strieme zeigte und daß der Verbrecher nicht den geringsten Schmerz empfinde. Übrigens hat man über alle diese Kunststücke und Finessen schon allzu viel Geschichten gehört. Aber wenn der Henker sogar ein Geldgeschenk angenommen hat, um die Strafe in einer milden Weise zu vollziehen, so versetzt er dennoch den ersten Schlag aus aller Kraft und mit voller Wucht. Das ist bei ihnen Sitte. Die folgenden Schläge führt er immer leichter, besonders wenn man ihn vorher bestochen hat. Aber der erste Schlag gehört, ganz gleich, ob man ihn bezahlt hat oder nicht, ihm. Ich weiß wirklich nicht, warum sie es so machen. Um das Opfer sofort an die folgenden Schläge zu gewöhnen, mit der Berechnung, daß nach einem schweren Schlag die leichteren weniger schmerzhaft erscheinen, oder einfach aus dem Wunsche heraus, das Opfer ihre Gewalt fühlen zu lassen, ihm Angst einzujagen, es gleich beim ersten Schlage zu verblüffen, damit es sehe, mit wem es zu tun habe; mit einem Worte, um ihre ganze Kunst und Bedeutung zu zeigen? In jedem Falle befindet sich der Henker vor Beginn der Exekution in erregter Stimmung, er ist sich seiner Gewalt bewußt und fühlt sich als Herrscher; in diesem Augenblick ist er ein Schauspieler; das Publikum staunt über ihn und ist von ihm erschreckt, und er schreit natürlich nicht ohne Genuß seinem Opfer vor dem ersten Schlage zu: »Paß auf, es brennt!« – die üblichen, fatalen Worte in einem solchen Falle. Man kann sich schwer einen Begriff davon machen, wie entsetzlich sich die Menschennatur verunstalten läßt!