In Zeiten des abnehmenden Lichts
- Автор: Ruge Eugen
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:
Er findet rasch eine farmacia, genießt einen gewissenlosen Augenblick lang die Allgegenwart multinationaler Konzerne, infolge deren es ausreicht, das Wort Aspirin auszuhauchen, um das gewünschte Produkt zu erhalten. Als schwierig erweist es sich jedoch, dem Apotheker auch seinen zweiten Wunsch verständlich zu machen. Er versucht es mit:
— Quiero algo para tapar las orejas.
Der Apotheker wiegt bedeutsam den Kopf hin und her beginnt dann, Alexander insistierende, aber unverständliche Fragen zu stellen, auf deren Beantwortung er aber zu bestehen scheint, bis er schließlich, obwohl Alexander kaum artikulierte Laute hervorbringt, eine Erleuchtung hat, die sich in der emphatischen Wiederholung des Wortes ferretería niederschlägt, und nun muss Alexander auch noch eine schwierige Wegbeschreibung über sich ergehen lassen, obwohl er inzwischen sicher ist, missverstanden worden zu sein: Auf keinen Fall will er sich etwas aus Eisen in seine Ohren stecken.
Er findet ein großes Kaffeehaus am Platz. Hier gibt es eine Unzahl von Kellnern in schokoladenbraunen Anzügen, aber aufgrund der komplizierten Zuständigkeitsbereiche, die Alexander nicht sofort durchschaut, dauert es eine Ewigkeit, bis er — jeweils bei einem anderen Kellner — einen Kaffee, ein Glas Wasser und ein Croissant bestellen kann, eine weitere Ewigkeit, bis er alles bekommen hat, und am Ende dauert es noch einmal unendlich lange, bis er den fürs Bezahlen zuständigen Kellner identifiziert hat und schließlich an seinen Tisch dirigieren kann. Sein Kopf droht zu platzen, als er das Kaffeehaus verlässt. Noch draußen auf dem Platz hat er das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Er geht los, ohne zu überlegen, ohne sich über die Richtung im Klaren zu sein, findet sich nach wenigen Minuten auf der Hafenpromenade wieder und atmet jetzt tief und durch geblähte Nasenflügel den über das Meer kommenden Wind ein, obwohl er noch immer so schwer, so feucht, so gefährlich duftet wie gestern.
Er marschiert Richtung Süden, die Kaimauer entlang. Der Wind wird böig, wirbelt Sand auf. Fast beiläufig nimmt Alexander zur Kenntnis, dass im Hafenbecken mehrere, vielleicht zwölfjährige mexikanische Jungs baden. Kreischend springen sie von der Kaimauer aus hinein, und weder Menschen noch Haifische scheinen sich um sie zu kümmern … Ein Stück weiter gibt es sogar ein Stück Strand, wenn auch menschenleer. Allerdings beginnt es jetzt auch zu nieseln, während der Wind noch immer Sand umherwirbelt, eine seltsame, aufrührerische Stimmung. Autos fahren mit viel zu viel Gas an. Eine Feuerwehrsirene geht. Und plötzlich ist niemand mehr auf der Straße, den Alexander nach dem Weg fragen könnte — dem Weg wohin eigentlich?
Nach zwanzig Minuten hat der Regen über den Sand gesiegt, und auch über Alexanders Glauben, dass es um diese Jahreszeit in Mexiko nicht ernsthaft regnen könne. Sein Hemd, seine Oberschenkel sind nass. Auf einmal gibt es keine freien Taxis mehr, und der Grund wird ihm klar, nachdem er in Richtung Innenstadt marschiert ist, um von dort aus mit dem Bus zurückzufahren: Es fährt auch kein Bus mehr — jedenfalls nicht der, der nötig wäre. Zuerst heißt es: Umleitung. Doch auf der Umleitungsstrecke wartet er vergeblich. Ein Taxi ist nirgends zu sehen. Er fängt an zu frieren, entschließt sich loszugehen.
Unterwegs, in einer Apotheke, versucht er noch einmal, das Ohrenproblem zu lösen. Aber schon, als er mit nassen Schuhen und triefendem Hut eintritt, spürt er den Unwillen im Blick des von seinem Kassenbuch aufschauenden Apothekers. Wie ein begossener Pudel, genau diese Worte sind es, die ihm durch den Kopf gehen, wie ein begossener Pudel steht er vor dem alten Mann, bringt seinen Satz hervor — ohne erkennbare Wirkung. Ein paar Sekunden lang steht er da, sieht, wie sich Tropfen vom Rand seines Huts lösen, während der alte Mann den Blick wieder in seinen Papieren versenkt — oder denkt er über die Frage nach, die Alexander gestellt hat? Alexander verlässt den Laden, ohne den Ausgang der Sache abzuwarten.
Noch eine zweite Apotheke wagt er zu betreten. Diesmal bedient ihn eine junge Frau, die ihn anscheinend sogar versteht, das Wort tampón fällt, das muss es wohl sein: ein Ohren-tampón, aber die Frau schüttelt den Kopf:
— No hay. No tenemos.
Gibt’s nicht. Haben wir nicht. Wozu auch? Was könnte dieses Volk der Krachmacher und Gehörlosen mit Ohrstöpseln anfangen? Ein Volk, das klaglos Rosa-Kaninchen-Filme über sich ergehen lässt. Ein Volk, das es fertigbringt, zwei Hunde auf einem schattenlosen Dach anzuketten, und das nur zu dem Zweck, dass sie den Schlafsuchenden den Schlaf zerbellen …
Er gibt es auf, den Pfützen auszuweichen und die den Fußweg querenden Bäche zu überspringen. Die Füße sind sowieso nass. Alles ist nass, bis auf die Haut, bis darunter. Alles, so kommt es ihm vor, ist durchtränkt von der Trauer, die beständig über den Ozean heranweht, die alles hier in dieser Stadt überschwemmt, die Leute zum Wahnsinn bringt und Ankömmlinge über Bord gehen und im Meer versinken lässt, spurlos. Er kauft in einem supermercado zwei Flaschen Wasser und hat plötzlich den Verdacht, auch das Mineralwasser, das hier in Veracruz in den Supermärkten verkauft wird, könnte verseucht sein mit Trauer.
Dann liegt er in seinem fensterlosen Zimmer. Spürt, wie das Fieber steigt. Nimmt Tabletten, trinkt aus verseuchten Flaschen. Die Klimaanlage rasselt in seine ungeschützten Ohren hinein. Noch einmal steht er auf, schaltet die Anlage ab, aber es dauert nicht lange, dann hat er das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen. Die Kopfschmerzen nehmen zu. Er hört Stimmen aus der Hotelbar. Er quält sich noch einmal hoch, schaltet die Klimaanlage wieder ein, steckt sich Fetzen Klopapier in die Ohren. Nimmt eine weitere Tablette. Zieht sich die Decke über den Kopf.
Er liegt auf der rechten Seite, macht sich ganz klein. Jetzt beginnen Schauer durch seinen Körper zu rieseln, zuerst einseitig, er verfolgt es in der Dunkelheit seiner Bettdecken-Höhle: Von den Nieren her kommend, erfassen sie zuerst die linke, oben liegende Beckenseite, von dort aus die Herzgegend, kriechen dann über den Rücken und zerplatzen auf dem Weg zum Nacken. Was, wenn sein angegriffenes Immunsystem dem Ansturm irgendwelcher fremdartiger Infektionskrankheiten nicht standhält? Der Sauerstoffapparat rasselt in seinem Kopf — auf einmal ist es sein eigener Sauerstoffapparat. Auf einmal ist er selbst der sterbende, alte Mann, dessen Sauerstoffapparat rasselt. Auf einmal kommt es ihm folgerichtig vor, dass er hier stirbt, in diesem Bunker in Veracruz, mutterseelenallein und mit Klopapier in den Ohren: Er hat es nicht anders gewollt. Es ist die logische, die zwingende Konsequenz seines Lebens.
Er muss sich auf die andere Seite drehen, um den Gedanken abzuschütteln. Um die Bilder loszuwerden, die ihm durch den Kopf gehen. Er sucht andere Bilder. Er versucht, sich an irgendwas zu erinnern. Er versucht, zwischen den Schauern, die wellenartig gegen ihn anrennen, etwas Freundliches heraufzubeschwören, aber er sieht immer eines: Sieht sich durch fremde Städte irren, immer nur das, als gäbe es nichts anderes in seinem Leben, immer nur Straßen, immer Häuser, immer Gesichter, die zerplatzen, wenn er sie zu berühren versucht, das ist mein Lebensfilm, denkt er, während seine Zähne aufeinanderschlagen, wenngleich in einer erbärmlich gekürzten Fassung, denkt er und versucht, sein Zähneklappern zu unterdrücken, um nicht noch mehr Gebäude zum Einsturz zu bringen. Er wird eine andere Fassung verlangen, denkt er, er wird doch, verdammt nochmal, das Recht haben, seinen Film selber zu schneiden, denkt er, und beißt die Zähne zusammen, bis ihm der Kiefer wehtut, und dann wird es heiß, er rennt, alle verlassen die Stadt, er rennt durch die Wüste, die Luft brennt ihm im Hals, er rennt, sein Herz schlägt in einer unglaublichen Frequenz, es zittert mehr, als es schlägt, es geht steil bergauf, immer bergauf, ohne dass ein Gipfel zu sehen wäre, die Wüste ist schief, stellt Alexander fest, bis zum Horizont geht es immer bergauf, es ist unmöglich, den Anstieg zu schaffen bei der Hitze, mit dem Herzfehler in der Brust, nicht operabel, er weiß es, er müsste anhalten, aber die Landschaft hinter ihm bricht ab, fällt stückweise in den Abgrund, oder besser gesagt: in den Himmel hinein, der überall ist, oben und unten, und durch diesen allgegenwärtigen Himmel hindurch erstreckt sich als kaum meterdicke, brüchige Kruste — die Welt: verblüffende Erkenntnis. Dann sind seine Eltern neben ihm, halten ihn, den Herzkranken, an beiden Händen. Sie tragen ihre Sonntagskleider, sein Vater Hosen mit Aufschlag wie in den fünfziger Jahren, seine Mutter hohe Schuhe und den weiten Rock, unter dem er sich immer verkrochen hat, aber sie nehmen keine Rücksicht auf ihre Kleidung, sie laufen, klettern, kriechen die dünne, schräg in den allgegenwärtigen Himmel ragende Kruste hinauf, rutschen ab, fallen, rappeln sich wieder hoch und ziehen ihn, den Herzkranken, hinter sich her, drängen ihn zur Eile, gefasst zwar, aber unnachgiebig, in einem Ton, als verspäte man sich zum Kindergarten, ermahnen ihn weiterzugehen, sich nicht andauernd umzudrehen, dorthin, wo Stück um Stück abbricht, sondern nach vorn zu schauen, nach oben, wo, ganz in der Höhe, am Ende der Welt, eine kleine Gruppe federgeschmückter Indios eine neue Welt herbeizutanzen versucht: Es sind fünf oder sechs Mann, kleine Menschen mit Bauchansatz, die im Takt von einem Fuß auf den anderen treten. Die Musik, nach der sie tanzen, kommt aus einer Box, wie sie die U-Bahn-Verkäufer um den Hals tragen, ihren Federschmuck haben sie gerade im Souvenirladen gekauft, und anstelle von Messern halten sie in den Händen kleine schwarze Obsidian-Schildkröten.