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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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Die Erinnerungen an den gutmütigen Leutnant hatten zuweilen einen idyllischen Charakter. »Man geht mal vorbei, Brüder,« erzählt ein Arrestant, und sein ganzes Gesicht lächelt bei dieser Erinnerung, »man geht vorbei, er aber sitzt schon in seinem Schlafrock am Fenster, trinkt Tee und raucht die Pfeife. Man zieht vor ihm die Mütze. ›Wohin gehst du denn, Aksjonow?‹ «

» ›Zur Arbeit, Michail Wassiljitsch, zuerst muß ich in die Werkstatt.‹ Da lacht er... Eine Seele von einem Menschen! Mit einem Worte, eine Seele von einem Menschen!«

»Einen zweiten solchen erlebt man nicht!« fügt jemand von den Zuhörern hinzu.

III

Fortsetzung

Ich kam soeben auf die Strafen wie auch auf die verschiedenen Vollstrecker dieser interessanten Obliegenheiten eigentlich nur aus dem Grunde zu sprechen, weil ich erst nach meiner Übersiedlung ins Hospital den ersten anschaulichen Begriff von diesen Dingen erhielt. Bisher hatte ich sie nur vom Hörensagen gekannt. In unsere beiden Krankensäle kamen sämtliche mit Spießruten bestraften Angeklagten aus allen Bataillonen, Arrestantenabteilungen und sonstigen Militärkommandos, die in unserer Stadt wie auch im ganzen Kreise lagen. In dieser ersten Zeit, als ich alles, was um mich her geschah, mit solcher Gier studierte, machten alle diese für mich neuen Erscheinungen, alle diese Bestraften und der Bestrafung Entgegensehenden auf mich naturgemäß einen außerordentlich starken Eindruck. Ich war erregt, verwirrt und erschrocken. Ich erinnere mich noch, wie ich damals mit plötzlicher Ungeduld in alle Einzelheiten dieser für mich neuen Erscheinungen einzudringen und den Gesprächen und Berichten der anderen Arrestanten über dieses Thema zuzuhören anfing, wie ich selbst Fragen stellte und Antworten suchte. Unter anderem wollte ich unbedingt alle Abstufungen der Urteile und Exekutionen, alle Gradationen in der Vollstreckung und die Anschauungen der Arrestanten selbst kennenlernen; ich bemühte mich, mir den psychischen Zustand eines zur Exekution Gehenden vorzustellen. Ich sagte schon, daß vor der Exekution kaum jemand seine Kaltblütigkeit bewahrte, selbst diejenigen, die schon oft und stark geschlagen worden sind, nicht ausgeschlossen. Den Verurteilten überfällt hier eine eigene scharfe, schneidende, aber rein physische, unwillkürliche und unüberwindliche Angst, die das ganze sittliche Wesen des Menschen niederdrückt. Ich habe auch in den späteren Zuchthausjahren immer unwillkürlich diejenigen von den Verurteilten beobachtet, die, nachdem sie die erste Hälfte der Strafe verbüßt hatten, mit geheilten Rücken das Hospital verließen, um gleich am nächsten Tage die zweite Hälfte der ihnen zudiktierten Spießruten zu empfangen. Diese Teilung der Strafe in zwei Portionen geschieht immer auf Geheiß des Arztes, der der Exekution beiwohnt. Wenn die für das Verbrechen zudiktierte Zahl der Spießruten sehr groß ist, so daß der Arrestant sie nicht auf einmal überstehen könnte, teilt man ihm diese Anzahl in zwei und sogar drei Portionen, je nach der Meinung des Arztes während der Exekution selbst, d. h. ob der Delinquent imstande ist, noch weiter Spießruten zu laufen oder ob es mit Lebensgefahr für ihn verbunden ist. Fünfhundert, tausend und sogar fünfzehnhundert Spießruten werden gewöhnlich auf einmal verabfolgt; wenn aber das Urteil auf zwei- oder sogar dreitausend lautet, so wird die Vollstreckung in zwei oder sogar drei Teile geteilt. Diejenigen, deren Rücken nach der ersten Hälfte der Strafe wieder verheilt waren und das Hospital verließen, um die zweite Hälfte abzubüßen, waren am Tage ihrer Entlassung und auch schon am Vorabend derselben düster, mürrisch und schweigsam. Man merkte an ihnen eine gewisse Abstumpfung des Geistes, eine eigentümliche unnatürliche Zerstreutheit. So ein Mensch läßt sich in keine Gespräche ein und schweigt meistenteils; noch interessanter ist, daß die Arrestanten selbst mit einem solchen niemals sprechen und sich Mühe geben, die Rede nicht darauf zu bringen, was ihn erwartet. Man bekommt von ihnen weder ein überflüssiges Wort, noch einen Trost zu hören; sie bemühen sich sogar, dem Betreffenden überhaupt möglichst wenig Beachtung zu schenken. Für den Verurteilten ist das natürlich am besten. Es gab aber auch Ausnahmen, wie z.B. Orlow, von dem ich schon erzählte. Nachdem er die erste Hälfte seiner Strafe erhalten hatte, ärgerte er sich nur darüber, daß sein Rücken lange nicht heilen wollte und daß er nicht so schnell, wie er es wollte, das Hospital verlassen konnte, um den Rest der Spießruten zu absolvieren, mit einer Partie anderer Arrestanten verschickt zu werden und unterwegs durchzubrennen. Dieser wurde aber durch sein Ziel abgelenkt, und Gott allein weiß, was er sich alles dachte. Er war eine leidenschaftliche und vitale Natur. Er war sehr zufrieden und außerordentlich erregt, obwohl er seine Empfindungen unterdrückte. Er hatte nämlich vor der ersten Hälfte der Strafe geglaubt, man werde ihn nicht lebend die Spießruten passieren lassen, und er müsse sterben. Als er sich noch im Anklagezustande befand, erreichten ihn verschiedene Gerüchte über die Absichten der Behörden, und er bereitete sich schon damals auf den Tod vor. Als er aber die erste Hälfte absolviert hatte, faßte er neuen Mut. Er kam ins Hospital halb totgeschlagen; ich hatte noch nie solche Wunden gesehen; aber er kam mit freudigem Herzen und mit der Überzeugung, daß er am Leben bleiben werde, daß alle Gerüchte falsch gewesen seien: man habe ihn ja mit dem Leben davonkommen lassen, und so träumte er schon nach der langen Untersuchungshaft vom Marsche mit dem Arrestantentransport, von der Flucht, von der Freiheit, von Feldern und Wäldern... Zwei Tage nach seiner Entlassung starb er im gleichen Hospital auf seinem früheren Bette, da er die zweite Hälfte der Strafe nicht ausgehalten hatte. Aber ich habe davon schon erzählt.

Und doch ertrugen die gleichen Arrestanten, denen die Tage und die Nächte vor der Strafe so schwer fielen, die Strafe selbst höchst tapfer, auch die Kleinmütigsten nicht ausgeschlossen. Nur selten hörte ich sie, sogar die außerordentlich schwer Zugerichteten, selbst in der ersten Nacht nach ihrer Ankunft stöhnen; unser Volk versteht es überhaupt, Schmerzen zu ertragen. Über die Schmerzen habe ich mich bei vielen erkundigt. Ich wollte ungefähr wissen, wie groß diese Schmerzen seien und womit sie sich vergleichen ließen. Ich weiß wirklich nicht, warum ich mich dafür so sehr interessierte. Ich weiß nur, daß es nicht müßige Neugier war. Ich wiederhole, daß ich erregt und erschüttert war. Aber wen ich auch befragte, konnte ich doch unmöglich eine befriedigende Antwort bekommen. »Es brennt, es brennt wie Feuer«, – das war alles, was ich erfahren konnte, und die einzige Antwort, die ich zu hören bekam. Es brennt und fertig. In der gleichen ersten Zeit befragte ich auch M–cki darüber, nachdem ich ihn näher kennengelernt hatte. »Es tut weh,« antwortete er, »es tut sehr weh, es brennt wie Feuer; es ist ein Gefühl, als würde der Rücken auf großem Feuer gebraten.« Mit einem Worte, alle sagten dasselbe aus. Ich erinnere mich übrigens, daß ich damals eine merkwürdige Beobachtung machte, für deren Richtigkeit ich jedoch nicht einstehe; aber das übereinstimmende Urteil der Arrestanten selbst scheint es zu bestätigen: nämlich, daß die Ruten, wenn sie in großer Anzahl verabfolgt werden, die schwerste von allen gebräuchlichen Strafen darstellen. Auf den ersten Blick müßte es unmöglich erscheinen. Aber man kann mit fünfhundert und sogar schon mit vierhundert Rutenhieben einen Menschen töten; bei mehr als fünfhundert ist der Tod sogar fast sicher. Tausend Rutenhiebe auf einmal kann selbst der kräftigste Mensch nicht ohne Lebensgefahr überstehen. Aber selbst zweitausend Spießruten vermögen einen Menschen von mittlerer Stärke und kräftiger Konstitution nicht zu töten. Alle Arrestanten sagten, daß die Ruten schlimmer als die Spießruten seien. »Die Ruten sind halt schärfer,« sagten die, »und schmerzen mehr.« Natürlich sind die Ruten qualvoller als die Spießruten. Sie reizen stärker, sie erregen maßlos die Nerven und erschüttern den Menschen mehr, als er es aushalten kann. Ich weiß nicht, wie es jetzt damit bestellt ist, aber in der noch gar nicht so weit zurückliegenden Zeit gab es Gentlemans, denen die Möglichkeit, ihr Opfer auszupeitschen, einen Genuß verschaffte, der an den eines Marquis de Sade oder einer Brinvilliers erinnerte. Ich glaube, daß in dieser Empfindung etwas liegt, was bei diesen Gentlemans das Herz, wonnig und zugleich schmerzlich erstarren läßt. Es gibt Menschen, die wie Tiger danach lechzen, Blut zu lecken. Wer nur einmal diese Gewalt, diese unumschränkte Herrschaft über den Leib, über das Blut und den Geist seines Mitmenschen, der so wie er selbst geschaffen ist, seines Bruders nach dem Gebote Christi gekostet hat; wer diese Gewalt und die Möglichkeit kennengelernt hat, ein anderes Geschöpf, das das Ebenbild Gottes in sich trägt, aufs Tiefste zu erniedrigen, – der hat keine Macht mehr über seine Empfindungen. Die Tyrannei wird zu einer Gewohnheit; sie hat die Fähigkeit, sich zu entwickeln, und schreitet wie eine Krankheit fort. Ich bestehe darauf, daß auch der beste Mensch infolge einer Gewöhnung so roh und stumpf wie ein Tier werden kann. Das Blut und die Macht berauschen den Menschen: unter ihrem Einflüsse entwickeln sich Roheit und Zügellosigkeit; dem Geiste und Gefühl werden selbst die unnormalsten Dinge zugänglich und zuletzt auch süß. Der Mensch und der Bürger gehen in dem Tyrannen fast immer zugrunde, und die Rückkehr zur Menschenwürde, zur Reue, zur Wiedergeburt wird ihm schließlich unmöglich. Außerdem wirken das Beispiel und die Möglichkeit einer solchen Willkür auch auf die ganze Gesellschaft ansteckend: in einer solchen Gewalt liegt etwas Verführerisches. Eine Gesellschaft, die sich solchen Erscheinungen gegenüber gleichgültig verhält, ist schon in ihrem tiefsten Kerne angesteckt. Mit einem Worte, das Recht seinen Mitmenschen einer Körperstrafe zu unterziehen, ist eine der Eiterbeulen der Gesellschaft, eines der stärksten Mittel, um in ihr jeden Keim und jeden Versuch einer Zivilisation zu vernichten, und ein ausreichender Grund zu ihrer unvermeidlichen und unbedingten Zersetzung.

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