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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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»Wer hat heute nacht ein Pferd oder ein Lasttier benutzt?« fragte er beiläufig in die Runde, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten.

Paco zuckte die Achseln. »Bestimmt hat sich ein Reiter verirrt, und als er sah, daß es hier nicht mehr weitergeht, ist er den Weg zurückgeritten, den er gekommen ist.«

Costa nickte widerstrebend. Jona hatte das Gefühl, daß er, jedesmal, wenn er hochsah, seinem Blick begegnete.

Jona wartete ungeduldig auf die Abreise, doch der Meister wollte erst aufbrechen, wenn er eine letzte Angelegenheit erledigt hatte. Fierro übergab einem alten Freund, dem Bürgermeister des Dorfes, ein Päckchen, das zwei Wochen nach ihrer Abreise geöffnet werden sollte. Es enthielt Geld, das unter den Männern Fierros gemäß ihrer Dienstzeit verteilt werden sollte, und einen Brief, in dem er ihnen Werkstatt und Schmiede in ihren gemeinsamen Besitz übergab und sie ermutigte, ihre beträchtlichen Fähigkeiten zu nutzen, um mit der Herstellung von Rüstungen und anderen Gerätschaften ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

»Es ist Zeit«, sagte Fierro an diesem Abend, und Jona verspürte eine große Erleichterung. Sie warteten, bis die Nacht fast vorüber war, damit sie Tageslicht hätten, wenn sie unbekanntes Gelände erreichten. Im Stall führte Fierro sein vertrautes Reittier aus seinem Verschlag, eine schwarze Stute und, wie es hieß, das beste Pferd in seinem Besitz.

»Nimm dir den grauen Araber«, sagte er, und Jona tat freudig wie ihm geheißen. Sie sattelten beide Pferde, stellten sie dann wieder in ihre Verschlage und führten ein letztes Mal das Maultier zu Fierros Haus.

Nachdem sie sich für die Reise angekleidet und bewaffnet hatten, beluden sie das Packtier mit ihren übrigen Habseligkeiten. Dann holten sie ihre Pferde aus dem Stall und führten die drei Tiere im grauen Licht des neuen Morgens zwischen den Werkstätten und Hütten hindurch über das Grundstück.

Sie sprachen kein Wort.

Jona tat es leid, daß er sich von Paco nicht hatte verabschieden können.

Er wußte, was es hieß, ein Zuhause zu verlassen, und konnte sich deshalb gut vorstellen, wie Fierro sich fühlen mußte. Als er ein leises Stöhnen hörte, hielt er es deshalb zuerst für einen Laut des Bedauerns, doch als er sich zu dem Älteren umdrehte, sah er, daß knapp über dem Brustharnisch ein gefiederter Schaft aus der Kehle des Meisters ragte. Helles Blut quoll aus Manuel Fierros Hals und tropfte vom Harnisch auf sein Pferd.

Angel Costa stand vielleicht vierzig Schritt entfernt und hatte in dem trüben Licht einen Schuß abgegeben, der ihm ein Goldstück des Meisters eingebracht hätte, wäre es bei einem Übungsschießen gewesen.

Jona wußte, daß Angel sich zuerst Fierro vorgenommen hatte, weil er das Schwert des Meisters fürchtete. Vor Jona hatte er keine Angst, und er hatte bereits seinen Bogen weggeworfen und zog nun im Laufen sein Schwert.

Wie gelähmt vor Schreck hatte Jona im ersten Augenblick nur einen Gedanken: Spring aufs Pferd und reite davon. Doch vielleicht gab es noch etwas, das er für Fierro tun konnte.

Er hatte keine Zeit zum Überlegen, nur Zeit, sein Schwert zu ziehen und in Stellung zu gehen. Im nächsten Moment fiel Costa über ihn her, und die Klingen stießen klirrend aufeinander.

Jona hatte nur wenig Hoffnung. Immer und immer wieder hatte Costa ihn besiegt. Der Ausdruck in dessen Gesicht, Verachtung gepaart mit angespanntem Nachdenken, war ihm wohlvertraut. Costa überlegte offenbar gerade, welche Stoßfolge den Kampf am schnellsten beenden würde, und er konnte dabei aus einem Dutzend Finten wählen, die in der Vergangenheit gegen den Neuling schon erfolgreich gewesen waren.

Mit der ganzen Kraft der Verzweiflung blockierte Jona Costas Schwert, und Heft an Heft und Faust an Faust stemmten sie sich gegeneinander. Plötzlich war Jona, als würde er Mingos Stimme in seinem Kopf hören, die ihm genau sagte, was er tun mußte.

Seine linke Hand kroch zu der kleinen Scheide an seinem Gürtel und zog den Dolch.

Rammte ihn Costa in den Leib. Riß ihn nach oben.

Starr vor Verblüffung starrten sie sich an, denn beide wußten, daß es eigentlich nicht so hätte enden sollen. Dann sackte Costa zusammen.

Fierro war tot, als Jona zu ihm zurückkehrte. Er versuchte, den Pfeil herauszuziehen, aber er steckte zu tief, und die Spitze ver-hakte sich, und so brach er ihn knapp über dem blutigen Hals ab.

Jona konnte nicht zulassen, daß Fierro gefunden würde, denn er wußte, daß der Leichnam verurteilt und als letzte Entehrung auf dem nächsten Autodafe zusammen mit den lebenden Opfern verbrannt werden würde.

Er hob den Meister vom Boden auf und trug ihn ein gutes Stück vom Pfad weg. Dann hackte er mit seinem Schwert den sandigen Boden auf und schaufelte mit bloßen Händen die gelockerte Erde heraus, bis ein flaches Grab entstanden war.

Das Erdreich war voller Steine und kleiner Felsbrocken, die das Schwert ruinierten und es als Waffe unbrauchbar machten. Er tauschte es gegen Fierros wunderbar gearbeitetes Schwert aus. Die silbernen Sporen ließ er an den Stiefeln des Meisters, nahm aber seine Geldbörse und zog ihm die Kordel vom Hals, an der die Schlüssel zu den Truhen hingen.

Zum Schutz gegen wilde Tiere bedeckte er Fierros Leiche sorgfältig mit schweren Steinen und schaufelte dann einen Fuß tief Erde darüber, die er wiederum mit Steinen und Zweigen und einem kleinen Felsbrocken bedeckte, bis das Grab vom Weg aus nicht mehr zu erkennen war.

Auf Costa hatten sich bereits ein paar Fliegen niedergelassen, und schon bald würde es ein ganzer Schwarm sein, aber nachdem Jona sich versichert hatte, daß Costa tot war, ließ er ihn im Staub liegen.

Schließlich floh er von diesem Ort. Auf seinem grauen Araber, Fierros schwarze Stute und das Packtier im Schlepptau, ritt er in forschem Trab durch das milde Licht des frühen Morgens. Auch nachdem er die Landenge zwischen Gibraltar und dem Festland überquert hatte, verlangsamte er sein Tempo nicht, und an der geplünderten Ruhestätte des Pilgerheiligen ritt er vorbei, ohne einen Blick darauf zu werfen. Stunden später, als die Sonne hoch am Himmel stand, befand er sich bereits wieder in der men-schenleeren Sicherheit des Hochgebirges, und eine Weile weinte er im Reiten wie ein Kind um Fierro, denn sein Herz war voll der Trauer. Aber da war auch noch ein anderes Gefühl. Er hatte zwei Männer in den Tod geschickt und einem dritten mit eigenen Händen das Leben genommen, und was er dadurch verloren hatte, wog schwerer als alle Lasten, die das Maultier trug.

Als er sicher war, daß er nicht verfolgt wurde, beschloß er, die Tiere zu schonen, und ließ sie im Schritt über die schmalen Ge-birgspfade gehen, denen er fünf Tage lang nach Osten folgte. Dann wandte er sich nach Nordosten, blieb aber weiterhin im Schutz der Hügel, bis er sich Murcia näherte.

Die lederne Truhe öffnete er nur einmal. Dem Gewicht nach konnte sie nur eins enthalten, und so war der Anblick der Goldmünzen nichts als eine Bestätigung für Jona, daß die Truhe das Vermögen barg, das sich der Meister in zwei Jahrzehnten der Herstellung erstklassiger Wehr für die Reichen und Mächtigen erarbeitet hatte. Es waren Mittel, die Jona nicht als die eigenen betrachtete, und so verschloß er die Truhe wieder, ohne die Münzen anzurühren, und steckte sie in ihren großen Leinensack zurück. Fierro hatte ihm den Schatz in seine Verantwortung übergeben.

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