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Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]

Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:

Lord Ingrey wird in die Ländereien Prinz Bolesos entsandt, in einer delikaten, höchst unangenehmen Mission. Jemand hat den Prinzen umgebracht! Da er der Thronerbe war und der König im Sterben liegt, soll Ingrey die Wogen der Aufregung glätten, die Leiche des Prinzen überführen und die mutmaßliche Mörderin vor Gericht bringen. Damit das Königreich nicht in falsche Hände fällt, muss er dunkle Geheimnisse enthüllen und einen fürchterlichen „Blutpreis“ aus der Vergangenheit. In sich abgeschlossener Roman aus der Reihe „Die magischen Messer“.
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Der Erzprälat winkte Biast, Hetwar und den Gelehrten Lewko zu sich — Letzterer hatte sich so unauffällig im Hintergrund gehalten, dass er Ingrey zuvor überhaupt nicht aufgefallen war. Nach einer geflüsterten Unterhaltung führten die Tierpfleger ihre Schützlinge erneut der Reihe nach vor die Bahre.

Die Hitze und Anspannung waren plötzlich zu viel für Ingrey. Der Saal schwankte und verschwamm vor seinen Augen. Seine Rechte pochte. So still er konnte, trat er an die Wand zurück, um die Schultern gegen den kalten Stein stützen zu können.

Doch es reichte nicht. Als das kastanienbraune Hengstfohlen erneut mit klappernden Hufen nach vorne schritt, verdrehte er die Augen und sank auf dem Pflaster zusammen, fast lautlos, nur begleitet vom schwachen Klirren seines Schwertgehänges.

Und dann fand er sich unvermittelt an jenem anderen Ort wieder, in jenem grenzenlosen Raum, den er schon einmal betreten hatte, um sich einem Kampf zu stellen. Nur schien es diesmal kein Kampf zu sein, zu dem er gerufen wurde. Er trug noch immer die höfischen Gewänder, und sein Kiefer blieb menschlich …

Aus einer Allee herbstduftender Bäume trat ein rothaariger Jüngling hervor. Er war hoch gewachsen und wie zur Jagd gekleidet, in Leder und eng anliegenden Hosen, mit Bogen und Köcher auf dem Rücken. Seine Augen glänzten und funkelten wie ein Fluss zwischen den Bäumen. Seine Nase war mit Sommersprossen gesprenkelt, der üppige Mund zu einem Lachen geöffnet. Sein Haupt war mit Herbstlaub gekrönt, braune Eiche, roter Ahorn, gelbliche Birke, und er schritt ausgreifend dahin. Er spitzte die Lippen zu einem Pfiff, und der scharfe Laut schnitt wie ein Pfeil durch Ingreys Geist.

Ein großer dunkler Wolf mit silbernen Fellspitzen löste sich aus dem Dunst und eilte an die Seite des jungen Mannes. Das Maul stand ihm offen, verwegen hing die Zunge heraus. Das große Tier kauerte sich zu Füßen des Jünglings zusammen und leckte ihm das Bein, rollte sich auf die Seite und ließ zu, dass der Rothaarige sich vorbeugte und ihm den Bauch tätschelte. Der Wolf trug ein Halsband aus Herbstblättern, ähnlich dem Schmuck des jungen Mannes. Auch der Wolf schien zu lachen, als der Jüngling sich wieder erhob und breitbeinig stehen blieb.

Deutlich würdevoller, aber immer noch von Eifer erfüllt, schritt der gefleckte Leopard herbei. Mit einem verwirrten Ausdruck schritt Ijada neben ihm her. Vom Hals des Leoparden hing eine Girlande aus Herbstblumen, purpurrot und von intensivem Gelb, und eine daraus geflochtene Kette reichte wie eine Leine bis zu Ijadas Handgelenk — doch wer hier wen an der Leine führte, war nicht so offensichtlich.

Ijada trug wieder das gefleckte gelbe Kleid, in dem Ingrey sie zuerst gesehen hatte — das Kleid, das sie auch in der albtraumhaften Nacht von Bolesos Tod getragen hatte. Doch die Blutflecken darauf waren frisch und rot und schimmerten wie aufgenähte Rubine über ihrer Brust. Beim Anblick des strahlenden Gesichtes des Jünglings änderte sich ihr Ausdruck von verwirrt zu verwundert, begeistert und erschrocken. Der Leopard rieb sich an den Beinen des jungen Mannes und brachte ihn beinahe zu Fall. Sein tiefes Schnurren schnitt durch die Luft wie ein Tremolo.

Der Jüngling wies in eine Richtung, und Ingrey und Ijada wandten den Kopf.

In qualvoller Erstarrung stand Prinz Boleso vor ihnen; er trug einen kurzen Mantel, seine wächserne Haut war mit einem Geschmier aus Farbe und Pulvern bedeckt wie in der Nacht seines Todes. Die gedämpften Farben verursachten Ingrey Kopfschmerzen. Sie harmonierten nicht und ließen Ingrey an einen Unwissenden denken, der die Worte einer fremden Sprache hörte und mit ähnlich klingenden, jedoch unsinnigen Silben antwortete; oder an ein Kind, das noch nicht schreiben kann, doch eifrig eine Seite mit sinnlosen Krakeleien füllt, um die Handschrift des älteren Bruders nachzuahmen.

Bolesos Haut wirkte auf Ingrey durchscheinend. Im Käfig seiner Rippen war eine wirbelnde Finsternis; sie bellte und jammerte, grunzte und winselte. Da war ein Eber und ein Hund, Wolf, Hirsch, Dachs, Fuchs, Falke und sogar eine verängstigte Hauskatze. Ein früher Versuch? Es steckte Macht in dieser Ansammlung, das schon; aber noch mehr Chaos und ein heilloses Krakeel. Er erinnerte sich an Ijadas Beschreibung: Sein Verstand war eine einzige heulende Menagerie.

Sanft sagte der Gott: »Er kann Meine Tore nicht durchschreiten, solange er diese dort in sich trägt.«

Ijada trat vor, die Hände in zaghaftem Flehen ausgestreckt. »Was wünscht Ihr von uns, Herr?«

Die Augen des Gottes ruhten auf ihnen beiden. »Befreit ihn, wenn es euch recht ist, damit er eintreten kann.«

»Ihr lasst uns über das Schicksal eines anderen entscheiden?«, fragte Ijada atemlos. »Nicht nur über sein Leben, sondern über seine Ewigkeit?«

Der Herbstsohn neigte leicht sein bekränztes Haupt. »Du hast schon einmal für ihn entschieden, nicht wahr?«

Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder, kniff ein wenig die Lippen zusammen in Furcht oder Ehrfurcht.

Auch er selbst hätte diese Ehrfurcht empfinden sollen, nahm Ingrey an. Hätte auf die Knie fallen sollen. Stattdessen fühlte er sich benommen und wütend. Mit einem Stich des Bedauerns beneidete er Ijada ebenso um ihre Begeisterung, wie er sich darüber ärgerte. Es war, als würde Ingrey die Sonne durch ein Nadelloch in einem Leinwandtuch betrachten, während Ijada in ihrem Glanz badete. Doch wenn ich mehr sähe, würde dieses Licht mich dann blind werden lassen?

»Ihr würdet … Ihr würdet Ihn in Eurem Himmel aufnehmen, Herr?«, fragte Ingrey verblüfft und entrüstet zugleich. »Er hat getötet … nicht, um sich zur Wehr zu setzen, sondern aus Bosheit und im Wahnsinn. Er hat versucht, sich Kräfte anzueignen, die ihm von Rechts wegen nicht zustehen. Und wenn ich richtig vermute, so hat er sogar den Tod des eigenen Bruders geplant. Er hätte Ijada vergewaltigt, wenn er es geschafft hätte, und erneut zu seinem Vergnügen getötet.«

Der Sohn hob die Hände. Sie schienen zu leuchten, als würde die herbstliche Sonne darauf spielen, zurückgeworfen von einer funkelnden Wasserfläche. »Meine Gnade fließt hiervon wie ein Strom, Wolfsherr. Willst du, dass ich so sparsam davon abmesse wie aus dem Tropfglas eines Apothekers und einem jeden Menschen nur nach seinen Verdiensten zuteile? Würdest du bis zu den Hüften in klarem Wasser stehen und es doch mit knappem Löffel abmessen für all jene, die verdurstend am trockenen Ufer liegen?«

Ingrey stand beschämt und schweigend da, doch Ijada hob den Kopf und sagte entschlossen: »Nein, Herr. Ich jedenfalls will das nicht. Gebt ihm von dem Fluss. Lasst ihn in Euren donnernden Wasserfall eintauchen. Sein Verlust wäre kein Gewinn für mich, noch vermag das düstere Schicksal, zu dem er sich verurteilt hat, mir Freude zu bereiten.«

Der Gott bedachte sie mit einem strahlenden Lächeln. Tränen liefen ihr wie Silberfäden übers Gesicht, wie Segnungen.

»Es ist ungerecht«, flüsterte Ingrey. »Ungerecht gegenüber all denen, die … die versuchen, es richtig zu machen.«

»Doch ich bin nicht der Gott der Gerechtigkeit«, murmelte der Sohn. »Würdest du lieber Meinem Vater gegenüberstehen?«

Ingrey schluckte nervös. Er war sich nicht sicher, ob es nur eine rhetorische Frage war oder was geschehen würde, wenn er darauf mit Ja antwortete. »Dann soll Ijada die Entscheidung treffen. Ich werde mich damit abfinden.«

»Ach, es wird mehr von dir gefordert sein, Wolfsherr, als nur dabeizustehen und es zu erdulden.« Der Gott wies auf Boleso. »Er kann nicht durch meine Tore treten, solange er mit all diesen verstümmelten Geistern beladen ist. Dieser Durchgang ist nicht für sie bestimmt. Löse sie von ihm, Ingrey.«

Ingrey blickte durch das Gitter von Bolesos Rippen hindurch. »Diesen Käfig hier aufräumen?«

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