Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Er betrat den Salon und traf Ijada bereits dort an. Sie stand im Schein der Wandleuchter, in dem weizengelben Kleid, das aussah wie Kerzenlicht selbst. Beim Klang seiner Schritte wandte sie sich um, und ein verlockendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
Er konnte schlecht über sie herfallen wie ein hungriger Wolf, vor allem deshalb nicht, weil diese verdammte Zofe und Aufpasserin unmittelbar neben ihr stand, die Hände und die Lippen fest zusammengepresst. Bestürzt stellte er fest, dass der Tisch für drei Personen gedeckt war. Rossflutens Zofe war gewiss auch Rossflutens Spionin. Und die Anstandsdame einfach fortzuschicken, mochte nicht abschätzbare Gefahren mit sich bringen.
Ungeachtet seiner im Fluss befindlichen Loyalitäten ging er davon aus, dass er auf den eigenen Ruf ebenso achten musste wie auf den von Ijada, wollte er nicht riskieren, seines Postens enthoben zu werden. Doch er konnte ein Lächeln wagen — und das tat er auch. Er konnte ebenfalls riskieren, ihre Hand zu berühren — wenn auch nur zu einem höflichen Handkuss. Der Duft ihrer Haut schien all seine Sinne anzuregen. Ihre bloße Intensität drohte ihn in dieser Nähe schier zu überwältigen.
Sie erwiderte den Druck seiner Hand verzweifelt; ihre Nägel stachen in seine Haut. Nur so konnte sie ihn wissen lassen: Ich fühle es auch. Er schob ihr den Stuhl zurecht, und ein Diener trug das Essen auf.
»Ich glaube, ich sehe Euch heute zum ersten Mal nicht in Reitkleidung, Lord Ingrey.«
Er berührte den kostbaren schwarzen Stoff seines Wamses. »Lady Hetwar trägt Sorge, dass die Männer ihres Gemahls dem Haus keine Unehre bereiten.«
»Dann hat sie einen ausgezeichneten Blick dafür.«
»Ach? Gut.« Ingrey schaffte es, seinen Wein zu trinken, ohne sich zu verschlucken. »Gut.« Er dachte an zu viele Dinge gleichzeitig: seine Erregung; die politischen und körperlichen Gefahren ihrer gegenwärtigen Lage; die Erschütterung durch den mystischen Kuss gestern Abend auf der Treppe. Ihm fiel Essen von der Gabel, und er versuchte verstohlen, es wieder von seinem Schoß zu bergen.
»Der Gelehrte Lewko ist nicht erschienen.«
»Oh. Ja. Er hat mir eine Nachricht zukommen lassen. Er will morgen vorbeischauen, nach der Bestattung.«
»Hat sich mit Eurem Eisbären noch etwas ergeben? Oder bezüglich Eures Piraten?«
»Noch nicht. Auch wenn die Gerüchte inzwischen schon Lord Hetwar erreicht haben.«
»Und wie verlief das Gespräch mit dem Siegelbewahrer?«
Er neigte den Kopf. »Was glaubt Ihr?« Hast du gefühlt, wo ich bin und was ich empfinde, so wie ich bei dir?
Sie nickte leicht als Erwiderung und erklärte zögernd: »Angespannt. Unsicher. Es gab … einen Zwischenfall.« Ihr Blick schien seine Haut durchdringen zu wollen. Sie schaute die Zofe an, die kauend zuhörte.
»Das ist richtig.« Er holte tief Luft. »Ich glaube, man kann Siegelmeister Hetwar vertrauen. Er interessiert sich allerdings einzig und allein für die politischen Aspekte. Fürstmarschall Biast war ebenfalls zugegen, womit ich nicht gerechnet hätte. Er ließ sich nicht gleich für den Gedanken an ein Wergeld erwärmen, aber zumindest hatte ich Gelegenheit, ihn auf diese Möglichkeit aufmerksam zu machen.«
Sie schob mit der Gabel einige Nudeln über den Teller. »Ich glaube, die Götter interessieren sich nicht sonderlich für Politik. Nur für Seelen. Schaut auf die Seelen, Lord Ingrey, wenn Ihr wissen wollt, was die Götter vorhaben.«
Ingrey war sich der finster dreinblickenden Zofe bewusst und wechselte das Thema. Im Plauderton fragte er nach Ijadas Tag, und sie berichtete ihm von einem alten Buch mit häuslichen Ratschlägen, offenbar die einzige Lektüre, die hier zu finden gewesen war. Danach geriet die Unterhaltung eine Weile ins Stocken. Das entsprach nicht gerade dem, was er erhofft hatte, aber zumindest waren sie beide im selben Raum. Vielleicht sollte ich ein wenig anspruchsvoller sein.
Ein kräftiges Klopfen an der Eingangstür, die Schritte des Pförtners, Stimmen. Ingrey spannte sich an und stellte fest, dass er sein Schwert oben zurückgelassen hatte und nur das Gürtelmesser mit sich führte. Als er Wenzels Stimme erkannte, entspannte er sich ein wenig. Er erhob sich, als der Kurgraf in die Stube trat. Auch die Zofe kam eiligst auf die Füße und knickste ehrerbietig.
»Ingrey. Lady Ijada.« Wenzel nickte ihnen zu. Er trug ein vollständiges höfisches Trauergewand, das ein wenig verschmutzt von der Reise wirkte. Er sah müde, ja erschöpft aus. Mit einem Auge erfasste er die Anzahl der Stühle. »Du kannst dich zurückziehen«, ließ er die Zofe wissen. »Nimm deinen Teller mit.«
Die Frau knickste erneut und verließ eilig den Raum. Man musste sie nicht erst auffordern, die Tür hinter sich zu schließen — zumindest Wenzel musste das nicht.
»Habt Ihr schon etwas gegessen?«, fragte Lady Ijada zuvorkommend.
»Das ein oder andere.« Er winkte ab. »Nur ein wenig Wein, bitte.«
Sie schenkte ihm aus der Karaffe ein. Er nahm den Becher entgegen, lehnte sich im Stuhl zurück, streckte die Beine aus und legte den Kopf in den Nacken. »Geht es Euch gut, Lady Ijada? Tragen meine Leute für Euer Wohlergehen Sorge?«
»Ja, vielen Dank. Zumindest für mein körperliches Wohlergehen. Was mir fehlt, sind die Neuigkeiten.«
Wenzel hob wieder den Kopf. »Es gibt keine Neuigkeiten, zumindest nicht für Euren Fall. Boleso ist in der Tempelstadt angekommen, wo sein Leichnam heute Nacht aufgebahrt bleibt. Morgen um diese Zeit wird dieses Schauspiel sein Ende finden.« Er verzog das Gesicht.
Und das Schauspiel von Ijadas Prozess wird seinen Anfang nehmen? »Ich habe nachgedacht. Wenzel …« Kurz und bündig legte Ingrey erneut seine Vorstellungen von einem Wergeld dar. »Wenn Ihr wirklich die Ehre Eures Hauses wiederherstellen wollt, Vetter, könnte das zumindest eine Möglichkeit sein. Wenn man sowohl die Hirschendorns wie auch die Dachswalls überzeugen könnte. Und ich möchte darauf hinweisen, dass Ihr besonders geeignet wärt, so etwas zu bewerkstelligen.«
Wenzel bedachte ihn mit einem spöttischen Blick. »Ich habe das Gefühl, Ihr seid nicht eben ein unvoreingenommener Kerkermeister.«
»Hättet Ihr einen solchen Kerkermeister haben wollen, hättet Ihr ihn gewiss auftreiben können«, erwiderte Ingrey trocken.
Wenzel hob den Becher zu einem leicht spöttischen Salut und trank. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Wo wir gerade von indirekten Hinweisen sprechen … Ich nehme an, die Tatsache, dass ich noch nicht für meine Heimsuchung festgesetzt wurde, erlaubt mir die Schlussfolgerung, dass ihr bislang über unsere Geheimnisse Stillschweigen bewahrt habt?«
»Ich habe es bisher geschafft, bei meinen Unterredungen Euren Namen nicht zu erwähnen. Ich weiß allerdings nicht, wie lange ich dazu noch in der Lage sein werde. Leider habe ich im Tempel ein wenig ungelegene Aufmerksamkeit auf mich gezogen. Habt Ihr schon von dem Eisbären gehört?«
Wenzel kräuselte die Lippen. »Da der Leichenzug heute arm an Andacht war, aber reich an Geschwätz, ja. Die Geschichten, die mir zu Ohren kamen, waren lebhaft, widersprüchlich und unklar. Vermutlich war ich der einzige Zuhörer, der die Ereignisse wirklich verstehen konnte. Ich gratuliere Euch. Ich hatte nicht erwartet, dass Ihr diese Fähigkeit so bald entdeckt.«
»Mein Wolf hat noch nie auf diese Weise zu mir gesprochen.«