Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
»Vielleicht ist es klug, wenn wir heute zeitig zu Bett gehen«, räumte Ingrey widerwillig ein. »Ich muss Lord Hetwar morgen früh zu der Bestattungszeremonie begleiten.«
Ijada nickte und stand auf. »Ich würde mich freuen, wenn Ihr mich später aufsuchen könntet, um mir davon zu berichten.«
»Gewiss, Lady Ijada.«
Er blickte ihr hinterher, wie sie den Salon verließ. Es lag nur an seiner überreizten Vorstellungskraft, dass der Raum ihm dunkler vorkam, nachdem sie ihn verlassen hatte.
Kapitel Vierzehn
Als Ingrey dort ankam, war der Tempelvorplatz bereits überfüllt von Trauergästen: solchen, die bei Hofe eine Rolle spielten, und solchen, die dort gerne eine Rolle gespielt hätten. Er konnte einige von Gescas Männern an den Rändern der Menge ausmachen, was darauf schließen ließ, dass Lord Hetwar sich bereits im Tempel aufhielt. Ingrey beschleunigte seine Schritte und bahnte sich mit den Schultern einen Weg durch das Treiben. Diejenigen, die ihn erkannten, gingen ihm eilig aus dem Weg.
Der Himmel war von einem klaren, herbstlichen Blau, und Ingrey ließ erleichtert die Schultern sinken, als er aus der Sonne in den Schatten des säulengetragenen Vordaches trat. Sein bestes Hofgewand war schwer und ein wenig zu warm, und der düstere, ärmellose Mantel wirbelte um die Knöchel und verfing sich immer wieder am Schwertgehänge. Die hellen Strahlen fielen auch in den offenen Innenhof, wo das heilige Herdfeuer hoch auf seinem Sockel brannte. Ingrey blinzelte, um seine Augen vom Hellen ins Dunkel und wieder ins Helle anzupassen.
Er erspähte Lady Hetwar, in Begleitung von Gesca und Hetwars ältestem Sohn. Ingrey trat zu ihr hin und verbeugte sich. Sie bedachte ihn mit einem grüßenden Nicken und einem wohlgefälligem Blick auf seine Kleidung. Dann rückte sie ein wenig beiseite, sodass er als Gefolgsmann den ihm gebührenden Platz neben Gesca einnehmen konnte. Gesca bedachte ihn mit einem beunruhigten Seitenblick, ließ aber keine weiteren verräterischen Regungen erkennen, die auf ihr letztes, angespanntes Zusammentreffen hindeuteten. Ingrey machte sich Hoffnungen, dass Gesca den unheimlichen Zwischenfall für sich behalten hatte.
Auf der anderen Seite des Sockels erspähte Ingrey den Ritter Ulkra sowie einige weitere von Prinz Bolesos höher gestellten Gefolgsleuten. Gut — der verbannte Haushalt war also wie befohlen in Ostheim eingetroffen. Ulkra nickte Ingrey höflich grüßend zu, doch die meisten Gefolgsleute, die mit ihm den Wagen des Prinzen begleitet hatten, wichen seinem Blick aus — ob sie sich nun seiner Verachtung bewusst waren oder ob seine Anwesenheit sie beunruhigte, vermochte Ingrey nicht zu sagen.
In einem Durchgang begann ein Tempelchor zu singen. Der Widerhall ließ die reinen, harmonischen Stimmen angemessen entrückt und klagend klingen. Gemessenen Schrittes traten die singenden Akolythen in den Hof: fünf mal fünf an der Zahl, ein Quintett für jeden der Götter, in blauen, grünen, roten, grauen und weißen Roben. Der Erzprälat von Ostheim folgte ihnen würdevoll. Hinter ihm trugen sechs der höchstgestellten Herren die Bahre mit Bolesos Leichnam. Hetwar war unter ihnen, dazu beide Keilerstritt-Brüder und drei weitere Kurgrafen.
Ingrey ging davon aus, dass Bolesos Leiche unter den parfümierten, edlen Gewändern noch fest mit mehreren Lagen kräutergefüllter Bandagen umwickelt war, auch wenn sein aufgequollenes Gesicht frei zutage lag. Die Verzögerung bei der Bestattung hatte die Verwesung so weit voranschreiten lassen, dass eigentlich ein geschlossener Sarg vorzuziehen gewesen wäre. Doch der Tod eines so hochgeborenen Prinzen erforderte Zeugen, je mehr, desto besser, damit später nicht Betrüger und Hochstapler das Land in Unruhe versetzen konnten.
Die engsten Angehörigen kamen als Nächstes. Der Fürstmarschall Biast, prachtvoll gekleidet, doch mit müdem Gesicht, wurde von Symark begleitet, der die Standarte des Fürstmarschalls mit sich führte. Der Wimpel war zum Zeichen der Trauer fest um den Schaft gewickelt worden. Dahinter stützte der Graf von Rossfluten seine Ehefrau, die Prinzessin Fara. Ihr dunkles Gewand war so schlicht, dass es schon streng wirkte; sie trug die braunen Haare zurückgebunden und bar jeglicher Juwelen oder Bänder, und ihr Gesicht war kreidebleich. Sie war nicht so groß wie ihr Bruder, und auch der vorspringende Kiefer der Hirschendorns war bei ihr nur in Ansätzen vorhanden. Sie war keine Schönheit, aber eine Prinzessin, und ihr stolzes Auftreten und ihre Ausstrahlung glichen für gewöhnlich aus, was ihr an anderer Stelle fehlen mochte. Aber heute wirkte sie einfach nur kränklich und verhärmt.
Rossflutens Geisterpferd schien so tief unter seinem Herzen zusammengepresst zu ruhen, dass man es für eine bloße düstere Stimmung hätte halten können. Ich muss herausfinden, wie Wenzel das anstellt. Ingrey verstand allmählich, wie Wenzel sich so lange den geringeren Sehenden hatte entziehen können, doch er fragte sich, was es Wenzel gekostet haben mochte.
Ingrey bemerkte mit Erleichterung, dass man den Geheiligten König nicht von seinem Krankenbett herbeigeschleift und auf irgendeiner Sänfte oder Trage bei der Bestattung seines Sohnes vorgeführt hatte. Das hätte zu sehr danach ausgesehen, als würde auf die eine Bahre noch eine weitere folgen.
Ingrey schloss sich Lady Hetwar an, als sie ihren Platz in der Prozession einnahm, die in den Schrein des Sohnes einrückte. Das große, gepflasterte Gewölbe füllte sich. Schaulustige versammelten sich und spähten durch den Torbogen vom Innenhof herein. Die hohen Herrschaften setzten die Bahre vor dem Altar ab, der Chor stimmte eine weitere Hymne an, und Erzprälat Fritine trat vor, um die Zeremonie zu Bolesos Abschied zu leiten. Ingrey stellte sich breitbeiniger hin, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und bereitete sich darauf vor, die Trauerfeier über sich ergehen zu lassen. Im Großen und Ganzen — und seiner Ansicht nach glücklicherweise — beschränkten die Redner sich auf kurze, förmliche Ansprachen. Niemand nahm auf die beschämenden Umstände Bezug, unter denen der Prinz zu Tode gekommen war, und selbst Hetwar beschränkte sich auf einige Floskeln über tragisch unterbrochene junge Leben.
Geraschel war vom Innenhof zu hören, als die Menge sich teilte und die heiligen Tiere hindurchließ. Drei der angespannt aussehenden Tierpfleger, die sie vorführten, kannte Ingrey nicht. Fafa, der eindrucksvolle Eisbär, war durch eine bemerkenswert kleine, langhaarige weiße Katze ersetzt worden, die sich friedlich in den Armen einer neuen Hüterin zusammenrollte. Der Junge mit dem kastanienbraunen Fohlen war allerdings derselbe wie gestern. Während er seine Aufmerksamkeit auf das Tier und den Erzprälaten gerichtet hielt, fiel sein Blick über Lady Hetwars Kopf hinweg auch auf Ingrey, und in erschrockenem Wiedererkennen riss er die Augen auf.
Mit äußerster Umsicht wurde jedes Tier an die Bahre geführt, um die Aufnahme von Bolesos Seele durch den betreffenden Gott, so weit gegeben, anzeigen zu können. Keiner erwartete ernsthaft ein solches Zeichen von der blauen Henne der Frühlingstochter oder dem grünen Vogel der Sommermutter, doch als das kastanienbraune Fohlen nach vorne geführt wurde, machte sich gespannte Erwartung breit. Die Reaktion des Pferdes war kaum merklich; Gleiches galt für den grauen Hund und die weiße Katze. Die Hüter der Heiligen Tiere blickten besorgt drein. Biast brütete verbissen, und Fara schien der Ohnmacht nahe.
War Bolesos Seele demnach verdammt und verloren? War sie zurückgewiesen vom Herbstsohn, der seine beste Hoffnung gewesen war? War sie selbst vom Bastard nicht gewünscht? War sie dazu verurteilt, als verblassender Geist dahinzutreiben? Oder war sie, verunreinigt von den Geistern der Tiere, die er geopfert und in sich aufgenommen hatte, zwischen der materiellen und der spirituellen Welt gefangen, in einer eisigen und ewigen Qual, wie Ingrey es einmal Ijada gegenüber beschrieben hatte?