Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Oh, seht nur!« Die Seite, zu der sie umgeblättert hatte, war keine von meinen, sondern einer von Daniel Rawlings’ Einträgen – er zeigte die Entfernung eines toten Kindes aus dem Uterus mit Hilfe der diversen Instrumente zur Ausschabung. Ich warf einen Blick auf die Seite und wandte ihn hastig wieder ab. Rawlings war kein Künstler gewesen, aber er hatte ein brutales Talent besessen, die Wirklichkeit einer Situation zu erfassen.
Malva schienen die Zeichnungen jedoch nicht zu verstören; ihre Augen waren groß und voller Interesse.
Das weckte auch mein Interesse, und ich beobachtete sie unauffällig, während sie wahllos in dem Buch blätterte. Natürlich schenkte sie den Zeichnungen die meiste Beachtung – doch sie nahm sich ebenso die Zeit, die Beschreibungen und Rezepte zu lesen.
»Warum schreibt Ihr die Dinge auf, die Ihr getan habt?«, fragte sie und blickte mit hochgezogenen Augenbrauen auf. »Die Rezepte, aye, ich kann mir vorstellen, dass man sie sonst vielleicht vergisst – aber warum macht Ihr diese Zeichnungen und schreibt Euch auf, wie Ihr einen Zeh mit Frostbeulen abgenommen habt? Würdet Ihr es vielleicht ein andermal anders machen?«
»Nun ja, manchmal schon«, sagte ich und legte den getrockneten Rosmarinzweig beiseite, dessen Nadeln ich abgelöst hatte. »Keine Operation gleicht der anderen. Jeder Körper ist ein wenig anders als der andere, und auch wenn man dieselbe grundlegende Prozedur ein Dutzend Mal durchführt, gibt es regelmäßig ein Dutzend Dinge, die sich anders ergeben – manchmal nur Kleinigkeiten, manchmal jedoch weitaus mehr. Aber ich führe aus mehreren Gründen Buch über das, was ich tue«, fügte ich hinzu, während ich meinen Hocker zurückschob und den Tisch umrundete, um mich neben sie zu stellen. Ich blätterte ein paar Seiten weiter und schlug meine Liste mit den Beschwerden der alten Mrs. MacBeth auf – eine Liste, die so umfangreich war, dass ich sie in meinem eigenen Interesse alphabetisiert hatte, und die mit Arthritis aller Gelenke begann, sich zwei Seiten lang von Dyspepsie bis hin zu Ohnmacht und Ohrenschmerzen hinzog und schließlich mit Vorfall der Gebärmutter endete. Ich unterdrückte einen leisen Schauer.
»Zum Teil dient es dazu, dass ich weiß, was ich für eine bestimmte Person getan habe und was passiert ist – wenn sie dann später wieder behandelt werden muss, kann ich zurückblicken und finde eine genaue Beschreibung ihres ursprünglichen Zustandes. Zum Vergleich, versteht Ihr, was ich meine?«
Sie nickte eifrig. »Aye, ich verstehe. Damit Ihr wisst, ob sich ihr Zustand verbessert oder verschlechtert. Und warum noch?«
»Nun, der wichtigste Grund«, sagte ich langsam, weil ich nach den richtigen Worten suchte, »ist, dass ein anderer Arzt – jemand, der vielleicht später kommt – die Berichte lesen und sehen kann, wie ich dies oder jenes gemacht habe. Es könnte ihm eine Möglichkeit zeigen, etwas zu tun, was er selbst noch nie versucht hat – oder eine bessere Möglichkeit.«
Sie spitzte interessiert die Lippen.
»Ooh! Ihr meint, jemand könnte von diesem Buch lernen –«, sie legte vorsichtig einen Finger auf die Seite, »– das zu tun, was Ihr tut? Ohne bei einem Arzt in die Lehre zu gehen?«
»Nun, es ist natürlich besser, wenn man jemanden hat, von dem man lernen kann«, sagte ich, belustigt über ihren Feuereifer. »Und es gibt Dinge, die man eigentlich nicht aus einem Buch lernen kann. Aber wenn es niemanden gibt, von dem man lernen kann –« Ich blickte aus dem Fenster auf die grüne Wildnis, die sich über die Berge breitete, so weit das Auge reichte.
»Wo habt Ihr es denn gelernt?«, fragte sie neugierig. »Aus diesem Buch? Wie ich sehe, gibt es noch eine Handschrift außer der Euren. Wer war das?«
Das hätte ich kommen sehen sollen. Aber ich hatte nicht ganz mit Malva Christies Gedankenschnelle gerechnet.
»Äh … ich habe es aus vielen Büchern gelernt«, sagte ich. »Und von anderen Ärzten.«
»Von anderen Ärzten«, wiederholte sie und warf mir einen faszinierten Blick zu. »Dann bezeichnet Ihr Euch auch als Ärztin? Ich wusste nicht, dass eine Frau das werden kann.«
Aus dem guten Grund, dass sich Frauen in dieser Zeit niemals als Ärzte oder Chirurgen bezeichneten.
Ich hustete.
»Nun ja … es ist nur ein Name, sonst nichts. Die meisten Leute sagen einfach weise Frau oder Zauberfrau. Oder ban-lichtne«, fügte ich hinzu. »Aber eigentlich ist es alles dasselbe. Das Einzige, was zählt, ist, ob ich etwas weiß, was ihnen vielleicht hilft.«
»Ban –« Sie sprach das unvertraute Wort aus. »Das habe ich noch nie gehört.«
»Es ist Gälisch. Die Sprache der Highlands. Es bedeutet ›Heilerin‹ oder etwas in der Art.«
»Oh, Gälisch.« Ein Ausdruck leichter Geringschätzung überflog ihr Gesicht; ich nahm an, dass sie die Haltung ihres Vaters gegenüber der uralten Sprache der Highlander übernommen hatte – dieser »Barbarenzunge«. Doch offenbar sah sie auch etwas in meinem Gesicht, denn sie löschte sofort die Verachtung aus ihrer Miene und beugte sich wieder über das Buch. »Wer hat denn diese anderen Stellen geschrieben?«
»Ein Mann namens Daniel Rawlings.« Ich strich eine zerknitterte Seite glatt und empfand dabei die übliche Zuneigung gegenüber meinem Vorgänger. »Er war ein Arzt aus Virginia.«
»Der?« Sie blickte überrascht auf. »Der Mann, der auf dem Friedhof hier auf dem Berg begraben ist?«
»Äh … ja, genau.« Und die Geschichte, wie er hier gelandet war, gehörte nicht zu den Dingen, die ich mit Miss Christie teilen konnte. Ich spähte aus dem Fenster und schätzte das Licht ab. »Wartet Euer Vater nicht auf sein Abendessen?«
»Oh!« Bei diesem Wort stand sie auf und sah ebenfalls aus dem Fenster. Sie wirkte ein wenig erschrocken. »Aye, das tut er.« Sie warf einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf das Buch, strich dann aber ihren Rock glatt und rückte ihre Haube zurecht, bereit zu gehen. »Ich danke Euch, Mrs. Fraser, dass Ihr mir Euer Büchlein gezeigt habt.«
»Gern«, versicherte ich ihr aufrichtig. »Ihr könnt gern wiederkommen und es Euch ansehen. Oder besser … würdet Ihr –« Ich zögerte, fuhr dann jedoch fort, ermuntert durch ihren leuchtenden Blick. »Ich muss der alten Mrs. MacBeth eine Verwachsung am Ohr entfernen, vielleicht morgen. Würdet Ihr gern dabei sein und es Euch ansehen? Ein zweites Paar Hände wäre mir eine Hilfe«, fügte ich hinzu, als ich den plötzlichen Zweifel sah, der mit dem Interesse in ihren Augen rang.
»Oh, aye, Mrs. Fraser – sehr gern sogar!«, sagte sie. »Es ist nur, mein Vater –« Ihre Miene war beklommen, als sie das sagte, doch dann schien sie zu einem Entschluss zu finden. »Nun … ich werde kommen. Ich bin mir sicher, dass ich ihn überreden kann.«
»Würde es Euch helfen, wenn ich ihm ein paar Zeilen schreiben würde? Oder mich selbst mit ihm unterhalten würde?« Ich wünschte mir plötzlich sehr, dass sie mit mir kam.
Sie schüttelte sacht den Kopf.
»Nein, Ma’am, es geht schon, da bin ich mir sicher.« Sie grinste mich plötzlich an, und ihre grauen Augen glitzerten. »Ich werde ihm sagen, dass ich einen kurzen Blick in Euer schwarzes Buch geworfen habe und gar keine Zaubersprüche darin stehen, sondern Rezepte für Tees und Spülungen. Nur von den Zeichnungen sage ich wohl lieber nichts«, fügte sie hinzu.
»Zaubersprüche?«, fragte ich ungläubig. »Das hat er gedacht?«
»Oh, aye«, versicherte sie mir. »Er hat mich davor gewarnt, es zu berühren, damit ich nicht verhext werde.«
»Verhext«, murmelte ich verblüfft. Nun, Thomas Christie war Schulmeister. Im Prinzip war es sogar gut möglich, dass er recht gehabt hatte, dachte ich; die Faszination in Malvas Gesicht war unübersehbar, als sie auf dem Weg zur Tür noch einen letzten Blick auf das Buch warf.