Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1991
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
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Janus wurde hin- und hergerissen, doch er konnte sich über Wasser halten. Da er aber zu oft eingesetzt worden war, waren die verschiedenen Deckmäntelchen, unter denen er gearbeitet hatte, so transparent geworden, daß ihn seine Abteilung einer anderen Abteilung der Agentur zur Verfügung stellte, die ihn in einem völlig anderen Bereich einsetzte – selbstverständlich gegen eine entsprechende Gegenleistung. Das war im Grund das beste, was ihm passieren konnte. Viele seiner Kollegen, die am Scheideweg eine schlechte Wahl getroffen hatten, befanden sich inzwischen im Gefängnis oder unter der Erde. Andere, die ihr Mäntelchen in den Wind gehängt hatten, waren Fanatikern in die Hände gefallen, die ihnen ihren Opportunismus nicht verziehen, und diejenigen, denen ihr Ehrgefühl einfach keine Ruhe ließ und die sich in Würde aus der Affäre zu ziehen gedachten, wurden Opfer seltsamer Unfälle und nahmen auf diese Weise die – sehr verfänglichen – Geheimnisse mit ins Jenseits, über die sie vielleicht verfügten …
Die Jahre vergingen und Janus war von seiner ersten Dienststelle, die drei Stockwerke höher und fünfhundert Meter weiter links und damit Lichtjahre entfernt lag, vollkommen vergessen worden. Er selbst hatte schließlich den Beginn seiner beruflichen Laufbahn aus den Augen verloren. Die Arbeit in dieser Abteilung war viel lockerer, die Gefahren harmlos. Da er studiert hatte, betraute man ihn mit eher kulturellen Tätigkeiten, wie dem Zerstören einiger Institute mit Plastiksprengstoff oder dem Beseitigen gewisser unbequemer Intellektueller.
Eines Tages kam es erneut zu einem Ausbruch von Konflikten. In Gebieten, die seit Jahrhunderten integriert waren, trat plötzlich eine andere Kultur zutage, wurde eine in Vergessenheit geratene Sprache wiederentdeckt. Sie forderten daher zunächst die sprachliche, später die politische Unabhängigkeit, wohl wissend, daß das Mutterland den Gebieten, die sich selbständig machen wollen, eher finanzielle Unterstützung gewährte als jenen, die still die Treue hielten. Fanatismus lebte wieder auf, Doktrinen prallten aufeinander, das erste Blut floß bereits. Manipulationen, unsaubere Machenschaften und Gemauschel machten sich breit. Krumme Pläne blühten auf ein, zwei oder mehreren Stockwerken auf, und wie üblich stritten die verschiedenen Abteilungen des Dokumentationsviertels heftig miteinander, wenn nicht über das Ziel, das entsprechend der alten Tradition auf das nationale Interesse gerichtet war, so doch wenigstens darüber, wie man zu diesem Ziel gelangen könnte.
In diesem Zusammenhang erhielt Janus einen Auftrag. Man verheimlichte ihm nicht, daß er von äußerster Bedeutung sei, und daß sein Erfolg auf lange Zeit das Schicksal seiner Heimat bestimmen würde. Mit anderen Worten, ein Versagen würde ihm niemals verziehen werden. Er wußte, was das hieß, aber durch seine lange Berufserfahrung hatte er gelernt, in bezug auf alles, was sich als unabänderlich darstellte, absolut gelassen zu reagieren. Sein Codename sollte ›Pfingsten‹ sein, eine leicht erkennbare Anspielung auf den polyglotten Heiligen Geist, der seinerzeit zu den Aposteln auf die Erde kam.
Unterdessen war man in einem anderen Verwaltungsbezirk des Viertels – fünfhundert Meter weiter links und drei Stockwerke höher, sozusagen Lichtjahre entfernt – in heller Aufregung: eine Maßnahme war durchzuführen, deren Dringlichkeit von nationaler Bedeutung war. Sie erforderte jedoch sowohl Geheimhaltung als auch Kompetenz. Die einzigen kompetenten Agenten, über die die besagte Abteilung jedoch verfügte, waren bereits so weit entlarvt, daß die erste Bedingung nicht mehr ausreichend garantiert war. Die Situation erschien ausweglos, als ein alter Archivar, der die verschiedenen Ideologien, Racheakte und Regierungen überlebt hatte, schüchtern eine Idee äußerte: In seinen Akten gäbe es einen gewissen Janus, den man vor Jahren an eine andere Abteilung verwiesen habe, und der schon lange genug in Vergessenheit geraten sei, um von den Leuten, mit denen er zu tun hätte, nicht erkannt zu werden, die im übrigen aus einem völlig entgegengesetzten politischen Lager kämen …
Eines Abends wurde Janus auf dem Weg nach Hause angesprochen, in ein Auto gezerrt und mit verbundenen Augen und einer Pistole im Rücken in eine entfernt gelegene Villa gebracht, wo der Leiter seiner alten Abteilung wohnte, den er nie kennengelernt hatte und der ihm die Befehle gab. Die Einwände, die er vorbrachte, wurden vom Tisch gewischt. Er gehörte schließlich zum Haus, verdammt noch mal! Er wurde von ihrem Budget bezahlt, auch wenn er seit Jahren für eine Abteilung arbeitete, an die er schließlich nur ausgeliehen worden sei. Im übrigen handele es sich nur um eine einmalige Aktion, die in allerkürzester Zeit durchzuführen wäre und nach deren Abschluß er zu seiner gewohnten Tätigkeit wieder zurückkehren könne. Beiläufig machte man ihm klar, daß, sollte er sich entziehen wollen oder versagen, dies für ihn sofortige und definitive Konsequenzen haben würde. Er nahm diese Warnung mit der Gelassenheit von jemandem hin, der durch seine große Erfahrung eine grenzenlose Gleichgültigkeit gegenüber allem, was unabänderlich schien, entwickelt hat … Aber das sagten wir ja bereits.
Janus wurde mit einem verschlossenen Umschlag weggeschickt, den er erst im letzten Moment öffnen sollte, so wie jene Befehlsleiter, die zu einem Selbstmordkommando geschickt wurden, ohne daß ihnen das erwählte Ziel bekanntgegeben wurde. Auf dem Rückweg beschloß er, seiner jetzigen Dienststelle nichts von dieser unangenehmen Wendung zu erzählen. Wenn es sich wirklich um eine einmalige Aktion handeln sollte, würde er diskret seiner Verpflichtung nachkommen und anschließend seine Freiheit wiedererhalten. Auf diese Weise wäre allen gedient.
An einem bestimmten Nachmittag befahlen ihm seine Vorgesetzten, sich bereitzuhalten. Ihre Anweisungen waren sehr genau: Er sollte am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang ein Taxi nehmen und ans Ende der Avenue Pierre Boulle fahren. Dort würde er unter dem Codenamen ›Pfingsten‹ angesprochen werden.
Als er am nächsten Morgen gerade das Haus verlassen wollte, klingelte das Telefon. Es war seine alte Abteilung, die ihm befahl, unverzüglich ein Taxi zu nehmen und zum Boulevard Ionesco zu fahren. Dort angekommen, sollte er den Umschlag öffnen, den er erhalten hatte. Im Morgengrauen, unten auf der Straße, zögerte Janus noch. Die Straßen waren leer und spiegelglatt. Der Zufall wollte es, daß gerade ein Taxi vorbeikam. Janus winkte das Taxi herbei, und nannte die erste Adresse, die ihm in den Sinn kam, den Boulevard Ionesco. Dort würde er den Umschlag öffnen, lesen und dann anschließend einen Beschluß fassen, wie er weiter verfahren würde.
Der Weg dorthin war lang: Er mußte ans andere Ende der Stadt. Am Ziel angekommen, bat er den Taxifahrer, einen Augenblick zu warten.
»Sind wir hier am Ende des Boulevard Ionesco?«
»Aber ja«, antwortete der.
»Ist es von hier weit zur Avenue Pierre Boulle?«
Der Mann fing an zu lachen.
»Soll das ein Witz sein? Sehen Sie dort rechts die Abzweigung? Die Avenue Pierre Boulle beginnt dort. Die Kreuzung erstreckt sich beiderseits der Gemeindegrenzen.«
Etwas verwirrt öffnete Janus den Brief. Er war kurz. Seine ehemalige Abteilung befahl ihm, unter allen Umständen mit den Aktivitäten einer anderen Abteilung Schluß zu machen, die man noch nicht identifiziert habe, aber von der man mit Gewißheit wüßte, daß sie von Staatsfeinden durchsetzt sei. Einer der Agenten, der unter dem Namen ›Pfingsten‹ bekannt sei, sollte an diesem Ort zu dieser Stunde einen anderen Geheimboten treffen. Er sei sofort zu liquidieren. Entsprechend der üblichen Formel würde dann Janus mit seinem eigenen Leben für den Erfolg des Unternehmens geradestehen.