Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1991
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.». Краткое содержание книги:
Und dann finden sie dort draußen die Herren der Neuen Kirche. Hingelümmelt auf weichen Sitzkissen. Im Lotussitz beim Kaffee auf Glasgalerien, die Wolken gute zwei Kilometer unter sich. Schattenkämpfer im ewigen Schatten der Industriezentren. Und dieses ist die Lehre, die sie predigen:
Alles ist nichts.
Nichts ist alles.
Wenn du alles Gut der Oberstadt von Hy Brazyl besitzt, bist du immer noch ärmer als der ärmste Noncontractado drunten im Barry-O. Werde zum Nichts, dann wirst du alles empfangen. Nirwana. Nihilismus. Die seligmachende Auflösung. Nichts gewesen zu sein und dann wieder etwas zu werden. Die Reinigung, die eintritt, wenn die Schlacke des bloßen Menschseins weggebrannt wird durch jenen Augenblick des Nichts-und-Alles. Und die innere Kraft (man nenne es Mut, Glaube oder Einfalt) zu diesem einen Schritt, der einen durch den Teleporter bringt, in den Tod und wieder heraus. Es ist eine finstere und verzweifelte Lehre, die sie predigen, aber diese Herren der Neuen Kirche strahlen etwas aus, das die, die sie suchen, anzieht, eine Kraft, ein Magnetismus, ein Licht. Sie würden es Heiligkeit nennen, wenn sie wüßten, was dieses Wort bedeutet. Sie wissen nur, daß es eine Reinheit des Lebens ist, die in ihrem eigenen Leben fehlt.
»Werde nichts, dann wirst du alles werden«, sagt diejenige, die sich Zed nennt. Sie blickt in die Augen ihrer Schüler, die sich lässig auf den weichen Sitzkissen der Gesprächsmulde ausgestreckt haben. In einigen sieht sie Zweifel. In einigen sieht sie Angst. In einigen sieht sie eine Leere, die einst auch in ihr gewesen war. In einigen sieht sie Hunger. In einigen die Flamme des Verlangens. »Heiligt euch selbst! Sterbt und lebt aufs neue!«
Gott schütze uns vor jenen, die jede unserer Äußerungen als Lehre auffassen.
Sie kam vor dem Morgengrauen, die Schweigende, Cassaday, diejenige der vier, die sich nach ihrer Neuerschaffung am wenigsten behaglich fühlte, und sie ruft und ruft und ruft von der Tür her.
»Zed …«
»Ruhe. Bitte.«
Fünf Uhr zwanzig, und das Morgengrauen quillt über den Rand der Wolkenschicht. Ein Lichtkeil schiebt sich langsam an den gebogenen Fassaden der Corporadas hoch: rotes Licht, Morgendämmerlicht ergießt sich durch das Fenster, überspült das Mädchen, das an der Scheibe steht, fließt über den Lebensfellboden und die verstreuten Sitzkissen in die Gesprächsmulde. Er erwischt Cassaday, die Schweigende, in ihrer Ecke neben der Tür.
»Zed …« Etwas hat sie aus ihrem Schweigen herausgetrieben, etwas Schreckliches und Beängstigendes.
Eine Hand erhebt sich, der Befehl zu schweigen. Zeds Stirn ist gefurcht, intensive Konzentration, die Vortäuschung von Besinnung. Ausgestreckte Hände. Das Licht erfüllt die Welt wie der verrücktgewordene Dotter eines Eies, das in einen Becher aus Glimmerglas aufgeschlagen wurde. Der untere Saum der Sonne berührt den Wolkensockel.
Fünf Uhr einundzwanzig.
Dank der Company genießt Hy Brazyl so ziemlich die spektakulärsten Sonnenauf- und -untergänge auf dieser Seite des Jupiters. Atmosphärische Verunreinigung offenbar.
»Ich denke immer, es ist falsch, den Sonnenaufgang für sich selbst zu behalten. Man sollte ihn mit einem Seelenbruder oder einer Seelenschwester teilen, meint ihr nicht? Kaffee?«
»Zed?«
Doch sie hastete zur Kanne und den Tassen und dem Ritual.
»Cass, du bist eine meiner ältesten und liebsten Freundinnen. Ich habe das Gefühl, ich kann dir alles erzählen, was für mich wichtig ist. Ich habe das Gefühl, ich kann dir auch das erzählen. Ich habe Angst. Angst, daß ich es verliere. Verstehst du, was ich sage? Hier, in mir. Es ist einfach nicht mehr dasselbe. Ich habe das Gefühl, Schmutz ist in meinen Adern. Ich habe das Gefühl, Scheiße ist in meinem Mund. Ich habe das Gefühl, das Feuer in mir ist nur noch … Glut.«
Zed hat ihren Wasserkessel mit kleinen Metallglocken ausgestattet. Wenn das Wasser kocht, dann singen und klingen und zirpen die Glöckchen.
»Sie sind es. Die anderen. Es gibt zu viele von ihnen. Sie brauchen zuviel. Sie ersäufen mich, einfach weil sie um mich herum sind, sie ersäufen mich. Sie beschmutzen mich, verstehst du das?«
»Zed, Jorge Garcia-Lorca ist tot.«
»Man kann sagen, weil ich so rein bin, befleckt mich die flüchtigste Berührung mit jemandem, der nicht so rein ist. Schmutz hebt sich vor Weiß deutlicher ab als vor Schwarz. Ich habe das Gefühl, von Fingerabdrücken bedeckt zu sein. Und jedesmal kommen sie zu mir mit ihren törichten Anliegen: ›Lehre mich‹, ›Leite mich‹, ›Wie soll ich, wie kann ich, was meinst du dazu, Zed? Sag uns, was wir tun sollen, Zed!‹ – das Feuer in mir erlischt. Cassaday, ich kann mich nicht bewegen, meine Haut ist überkrustet. Würger und Obi haben das gleiche Gefühl. Wir verlieren es. Wir werden vom Staub geschluckt.«
»Hörst du mir zu? Hörst du mir zu?« Cassadays Stimme erhebt sich zu einem Schreien. Bevor sie Zed kennengelernt hat, bevor sie rein und heilig geworden ist, hat sie niemals geschrien. »Er ist von der Sonnenterrasse im vierhundertundelften Stock gesprungen. Hesus!« Kaffee fällt in einem kleinen, gezielten Bogen aus dem Schnabel der Kanne in Porzellanschalen. »Er gehörte zu meiner Gruppe, er war erst seit kurzem zu den Zusammenkünften gekommen. Er hatte Schwierigkeiten mit seinen Eltern, mit seiner Freundin, mit seinem Lehrer; es paßte ihnen nicht, daß er sich der Gruppe anschloß – sie sprachen von Gehirnwäsche. Ich habe versucht, ihm zu helfen, mit sich ins reine zu kommen. Letzte Nacht hat er angerufen, übers öffentliche Kommunikationsnetz, gegen zwei. Er hatte großen Zoff mit seinen Leuten. Dauernd sagte er was davon, daß alles kaputt sei, alles türmte sich rings um ihn auf, höher und höher und höher, und er könne überhaupt nicht mehr darüber hinaussehen. Herrje, Zed, es war zwei Uhr morgens, und ich war ziemlich weggetreten, also gab ich ihm ein paar der üblichen Ratschläge, den Wird-schon-gut-werden-Quatsch: ›versuch in solchen Situationen zum Nichts zu werden, werde nichts, und alles wird einfach durch dich hindurchgehen, und wenn es vorüber ist, wirst du siegreich und neugeboren aus der Situation hervorgehen.‹ Dieses Zeug. Und dann. O Gott. O mein Gott.« Sie kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Zed beobachtete mit leidenschaftsloser Neugier, wie sie weint, so wie sie ein geologisches Anschauungsstück betrachten würde. Sie nippt an ihrem Kaffee und schaut zu. »Dann habe ich gehört, daß er gesprungen ist. Aus dem vierhundertundelften Stock. Einer seiner Freunde hat es mir erzählt. Er hat noch versucht, es ihm auszureden, aber er sagte immer wieder und wieder und wieder: ›Dies ist der Ausweg für mich, ich sterbe und werde zum Nichts und erstehe neu als alles.‹ Und es ist meine Schuld, ich bin verantwortlich. Ich bin genauso verantwortlich für seinen Tod, als wenn ich ihn eigenhändig von der Sonnenterrasse gestoßen hätte. Ich habe ihn umgebracht. Ich bin schuldig. Und ich weiß nicht, ob ich damit fertig werden kann. Ich weiß es wirklich nicht.« Durch die Morgendämmerungsfenster sieht sie Jorge Garcia-Lorca, der wie ein menschlicher Stern auf den mondsilbernen Wolkensockel zufliegt, um an den harten Kanten der Industrieebenen darunter zum Nichts zerschmettert zu werden. »Ich weiß nicht. Ich habe so das Gefühl, daß es das beste wäre, wenn ich ihm folgte. Verstehst du?« Sie schnieft. Schwarze Wimperntusche hat Streifen auf ihren Wangen hinterlassen, die Spuren ihrer Tränen.
Zed blickt von ihrem Kaffee auf, lächelt plötzlich.
»Aber begreifst du nicht? Genau das ist das Problem! Du fühlst dich schuldig, weil du dich von den Wertvorstellungen anderer Menschen, unreiner Menschen, hast beflecken lassen. Es ist nicht dein Fehler. Wie könnte es auch dein Fehler sein? Du meinst nur, daß es dein Fehler ist, weil deine Heiligkeit, deine Reinheit, von anderen Menschen überschattet worden ist. Was wir jetzt brauchen, ist eine Wiederweihung. Eine Wiederreinigung: eine Erneuerung des Schrittes durch den Spiegel der Unendlichkeit, um dich von all dem Schmutz und der Dunkelheit säubern zu lassen. Ich habe mit den anderen Verbindung aufgenommen, sie alle sind derselben Ansicht, sie stimmen alle darin überein, daß das der einzige Weg ist, um unser gemeinsames Licht wieder leuchten zu lassen. Wieder hinunter ins Barry-O. Noch einmal der Gang durchs Feuer. Wiedergeboren und noch mal wiedergeboren.«