Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1991
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
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»Sie liebten ihn so sehr, daß Sie ihm helfen würden«, ergänzte ich. »Er wollte Sie auf den Strich schicken?«
»Nicht auf den Strich. Wahrscheinlich hätte ich selbst das damals für ihn getan. Nein, Frank machte mir den Vorschlag, Mietmutter zu werden. Zwei, drei Jahre, sagte er, und wir sind aus allem heraus. Ein Kind zu bekommen, ist doch kein Problem für eine junge gesunde Frau. Leichte Arbeit. Was willst du sonst machen? Gelernt hast du nichts, nicht einmal kochen. Wie recht er hatte. Ich konnte nichts, und ich besaß nichts als meinen Körper. Hab keine Angst, sagte er, du sollst dich nicht von wildfremden Männern schwängern lassen, eine Viertelstunde beim Doktor, dann mußt du nur noch das Kind austragen. Und abkassieren. Er gab mir Prospekte von Anwaltskanzleien, die Mietmütter vermitteln. Eine Monatsgage, von der ich nur träumen konnte, dazu eine mir geradezu fürstlich erscheinende Erfolgsprämie. Warum nicht, dachte ich schließlich. Es ist ein anerkannter Job. Hunderte tun ihn. Wäre ich lieber auf den Strich gegangen.«
Ihr Glas war schon wieder leer. Ich ging zum Wagen, um eine neue Flasche zu holen. Eine Mietmutter also. Ich erinnerte mich noch gut an die heißen Debatten an der Uni. Damals ging es darum, ob Mietmutterschaft als Gewerbe staatlich sanktioniert werden sollte. Mutterschaft als neue Form der Prostitution, sagten die Gegner, pervers sei das, die Gebärmutter wie einen Leihwagen zu vermieten, die Eierstöcke ›abzuernten‹, Frauen zu Gebärmaschinen zu degradieren, wie Zuchtsauen zu behandeln … Na und, sagten die anderen, Männer gehen doch schon lange als Zuchtbullen. Wer hat noch was gegen Samenspender? Wo bleibt die Gleichberechtigung? So wie jeder Mann seinen Samen verkaufen darf, muß jede Frau das Recht haben, über ihre Eizellen und über ihre Gebärmutter zu verfügen. Es ginge doch nur darum, einen längst bestehenden Zustand zu legalisieren. Liefen nicht schon Hunderte von Kindern herum, deren Väter nicht die wahren Väter, deren Mütter nicht die leiblichen Mütter seien? Warum nicht den bedauernswerten Frauen, die keine Kinder bekommen könnten, legal helfen? Warum nicht armen Frauen so eine Chance geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Warum nicht Mutterschaft als eine gesellschaftlich nützliche Dienstleistung anerkennen?
Auch ich war damals vehement für die Legalisierung eingetreten. Praktiziert wurde es ohnehin, durch Legalisierung konnten die unwürdigen Zustände auf dem schwarzen Muttermarkt beendet werden. Vor Jahren hatte ich meine Meinung geändert. Als bekannt wurde, wie hoch die Selbstmordrate bei den Mietmüttern war. Ich hatte mit Dutzenden gesprochen, fast alle waren psychisch zerbrochen, selbst die, die jetzt Familie hatten und ein eigenes Kind. Kaum eine hatte es verkraftet, Kinder zu bekommen und wegzugeben, viele waren dem Alkohol oder den Drogen verfallen. Aber Maud war anders. Bestimmt keine Drogenabhängige. Nicht einmal Alkoholikerin.
»Das ist doch nicht alles«, sagte ich.
»Raten Sie, wie oft ich schwanger war.«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Sie würden es nie erraten. Über dreißigmal.«
»Das, das verstehe ich nicht«, stotterte ich.
»Das ist auch kaum zu verstehen. Kaum zu glauben.« Sie kippte den Wein in einem Zug hinunter. »Im Dienste der Wissenschaft.«
»Der Wissenschaft?« fragte ich fassungslos.
»Sie glauben mir kein Wort, was? Aber es ist die Wahrheit! Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Ich weiß nicht, wie viele Kinder ich in diese erbärmliche Welt gesetzt habe. Vierzig, fünfzig, sechzig? Es waren viele Mehrlingsgeburten dabei.« Sie stand auf, zog ihren Kittel hoch. Ihr Bauch war voller Narben. Gerade, feine, gut verheilte Operationsnarben, die sich dicht nebeneinander vom Slip zum Nabel zogen.
»Kaiserschnitt«, sagte sie, »siebzehnmal. Die anderen habe ich normal geboren. Normal!« Sie ließ den Kittel fallen, spuckte aus. »Pervers ist es. Widerlich. Unerträglich. Ein Alptraum. Jede Nacht habe ich Alpträume. Ich nehme die stärksten Schlaftabletten, und trotzdem, Herb, spätestens am Morgen erinnere ich mich an meine Träume. An die großen Augen, die traurigen, hilflosen Gesichter, die mich anstarren und ›Mutter‹ schreien. Ich weiß, das sind nur Ausgeburten meiner Phantasie. Man hat dafür gesorgt, daß ich nie eines der Kinder zu Gesicht bekam.« Sie schwieg unvermittelt, ließ sich ins Gras fallen, schüttelte traurig den Kopf. Mit einem Schlag sah sie wie eine alte Frau aus. »Monster«, murmelte sie. »Wahrscheinlich waren es allesamt Monster.«
»Bitte, beruhigen Sie sich, Maud.« Ich legte die Hand auf ihren Arm.
Eine Verrückte? Aber da waren die Narben. Ich wartete, bis sie wieder ruhiger atmete.
»Warum«, fragte ich dann, »warum haben Sie nicht aufgehört?«
»Weil ich nicht konnte.« Sie lachte bitter. »Ich fühlte mich ja wohl, sauwohl. Solange ich schwanger war. Die Pause nach der Geburt war entsetzlich. Ich habe die Ärzte angebettelt – ich war nur glücklich, wenn ich schwanger war, verstehen Sie?«
»Nein.«
»Man hatte mich so konditioniert! Schon als Frank mich zum Arzt brachte, um meine Tauglichkeit untersuchen zu lassen – das weiß ich heute, damals hatte ich keine Ahnung. Ich wunderte mich nicht einmal, daß ich einen Fünfjahresvertrag bekam, ich unterzeichnete ihn, als wäre das schon immer mein sehnlichster Wunsch gewesen. Ich bin Frank sogar um den Hals gefallen vor Glück. Noch am gleichen Tag brachte er mich in das Institut.«
»Ein Institut?«
»Ich dachte zuerst, es sei ein Sanatorium. Oder ein Hotel. Traumhaft, wie im Film: eine riesige Halle mit Palmen, ein erstklassiges Restaurant, Spielzimmer, Sauna, Schwimmhalle und Swimmingpool, eine große Bibliothek und Videothek, ein herrlicher Park, ich bekam ein helles, freundliches Appartement, das ich mir selbst einrichten durfte – wir sollten uns ja wohl fühlen.«
»Es waren noch mehr Frauen dort?«
»Zwanzig bis dreißig, das wechselte. Ich blieb am längsten von allen, ich war besonders geeignet.«
»Durften Sie das Sanatorium verlassen?«
»Ich wollte nicht. Sobald ich das Tor hinter mir ließ, bekam ich panische Angst. Ich mußte schnell wieder zurück.« Sie richtete sich auf, sah mich an. »Fast dreißig Jahre habe ich dort verbracht.«
»Haben Sie in diesem ›Institut‹ gearbeitet?«
»Das durften wir nicht. Wir durften den Komplex nicht einmal betreten. Wir hatten auch kein Bedürfnis danach. Wir blieben in unserem Bereich. Nicht einmal neugierig waren wir, haben nie miteinander darüber gesprochen. Es war, als existierte das andere überhaupt nicht, dabei lag der Komplex nur ein paar hundert Meter entfernt.«
»Was haben Sie denn die ganze Zeit getan?«
»Gefaulenzt, das sagte ich doch. Es gab nur wenige feste Termine – Untersuchungen, Gymnastik, die Essenszeiten –, sonst konnte man tun und lassen, was man wollte. Sie haben es ja gemerkt, ich habe viel ferngesehen. Und gelesen. In den ersten Jahren habe ich mein Abitur nachgemacht im Fernkurs, dann sogar studiert, Germanistik, Romanistik, Geschichte, Elektronik, nichts zu Ende; ich hatte ja Angst, zu den Prüfungen zu fahren.«
»Bekamen Sie Besuch?«
»Wen denn? Frank? Ich habe ihn nie wiedergesehen.«
»Und die anderen Frauen?«
»Auch nicht. Das waren alles Frauen wie ich, ohne Anhang, ohne Familie. Ich weiß auch nicht, ob man Besucher eingelassen hätte.«
»Das Gelände war abgeschlossen?«