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Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.

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Frage: Was verkauft Aurelian, das halb soviel wert ist wie das, was er kauft?

Dieses.

Einen siebeneckigen Metallrahmen. So groß wie ein Mann der Company. Reich bestückt mit Kabeln und Leitungen und laienhaft zusammengeschusterten Computermodulen. Die Ahnung einer Tür. Die Ahnung eines Spiegels. In gewissem Sinne beides. Die vollständige oberste Etage von Aurelians kleinem Königreich muß der Unterbringung dieses Dings dienen. Während das Klick, Tapp, Klick, Tapp des Spazierstocks auf dem Beton den Pilgern den Weg weist, erzittern die Kabel vor Energie, und für den kürzest wahrnehmbaren Moment füllt sich das Siebeneck mit einer Fläche blauen Lichts. Lernet das Fürchten, Fremde! Legt ein wenig von eurer Oberstadt-Arroganz ab, von dieser Hy Brazyl-Großspurigkeit, die euch glauben läßt, ihr seiet die Erben der ganzen Erde.

Zed berührt den glatten Metallrahmen, streicht über die summenden Kabel, gafft in das zuckende blaue Licht, als ob sie ergründen wollte, ob es ein Jenseits davon gäbe und wie dieses Jenseits wohl gestaltet sein mochte.

»Nichts«, sagte Aurelian. »Das ist der Gag daran, nicht wahr? Nichts und alles. Sag mal, bin ich jetzt fromm? Ich müßte es eigentlich sein.«

Ungeduldig, seelenhungrig, zieht sich Zed bereits die Kleider aus. Feine Corporada-Seide und Leder liegen wie leere Häute auf dem rostgefärbten Beton. Aurelian fährt sich mit der kleinen Leguanzunge über die Lippen. Es ist nicht Zed, nach der er lechzt. Es ist das Fläschchen in ihrer Hand.

»Ich nehme an, da du über den Materieformer Bescheid weißt, bist du sicher auch vertraut mit DaCostas Gesetz der All-Position, auf dessen Grundlage er funktioniert und nach dem, in einer bestimmten mathematischen Ebene, die Wahrscheinlichkeit der Existenz eines Gegenstands an jedem beliebigen Punkt im Universum die gleiche …«

»Aurelian …« Zed streift sich die Ringe von den Fingern, die afrikanischen Reifen aus Messing und Bein von den Gelenken. Sie schüttelt ihr Haar, um es aus der Lederspange zu befreien. »Keine Theorien, alter Mann. Keine Gesetze. Tu es einfach! Tu es jetzt!« Sie drückt ihren weichen Körper gegen den harten Metallrahmen. Blau in dem vergänglichen Ewigkeitslicht. Ein vollkommenes Kind der Company. Aurelian schüttelte den Kopf, in trockener, spöttischer Sorge. Er schnipst zweimal mit den Fingern, öffnet die schöne Hand. Das Gläschen mit den glitzernden Dingen fliegt im Bogen durch die Luft. Schwarzmarkt-Unsterblichkeit. Aurelians Hand schnappt es mit pfeilschnellem Klammergriff, und schon ist es sicher in der Brusttasche seiner Leinenweste verstaut. Seine Hände, seine schönen, schönen Hände fahren über die häßlichen, zusammengeschusterten Computermodule.

Und das Betonskelett des seit langem toten Parkhauses summt bei einem sich immer weiter steigernden Anschwellen der Energie. Das Summen wird zu einem migränehaften Dröhnen; einen Augenblick lang beben und knirschen die Böden, die Decken und die Säulen, als das Energienetz ihre schwingenden Frequenzen auffängt und wieder abgibt. Das Metallsiebeneck ist eine massive Fläche aus blauem Licht.

»Hesus«, flüstert jemand.

Das Mädchen, das sich Zed nennt, wirft das schwarze Haar zurück und schreitet in das Feld des Teleporters.

Sie kann nicht einmal schreien.

Sie stirbt, ausgelöscht, zerfetzt, zersetzt, verstreut bis in den hintersten Winkel dieses isotropischen Universums, über die Zeit verbreitet von Ewigkeit zu Ewigkeit. Sie ist nichts. Sie ist alles, eins geworden mit dem Universum im Augenblick eines allgegenwärtigen Nirwanas, das andauert, ewig und ewig und ewig und ewig und ewig und ewig und ewig, und doch ist kein einziger Moment auf der Uhr der Unendlichkeit verronnen.

Es ist der Himmel.

Es ist die Hölle.

Und in demselben Augenblick, da sie zerfetzt, zersetzt und verstreut wird, wird sie aus der Unendlichkeit wieder zusammengefügt und neu geschaffen. Sie lebt wieder.

Sie tritt aus dem Teleporter. Sie leuchtet. Hände, Gesicht, Körper – alles leuchtet. Alle menschliche Schlacke wurde in dieser kurzen Vereinigung mit dem Universum verbrannt. Sie ist gereinigt. Sie ist erleuchtet. Sie ist heilig. Ihre Freunde haben Angst: was ist das? Nicht Zed. Ganz bestimmt nicht Zed. Das kann nicht ihre Zed sein. Doch sie steht mitten unter ihnen, fordert sie auf, ihren leuchtenden Körper zu berühren, und sie strecken die Hände aus, um sie zu berühren, sie gaffen sie durch das Leuchten an. Sie sehen. Dann streifen auch sie ihre edle edle Company-Kleidung ab und treten nackt in den Materietransmitter, um ausgelöscht zu werden, zerfetzt und zersetzt und verstreut durchs ganze Universum, um zu sterben, um wieder zu leben, als gereinigte, geheiligte Gestalten im warmen Tropfen eines verlassenen Parkhauses drunten im Barry-O: die Helle, die Schweigende, der Finstere, der Lachende.

Der Lachende? Der Junge, der sich Yoni nennt, versteckt sich vor den heiteren, strahlenden Geschöpfen, die Sekunden zuvor noch seine Freunde gewesen waren. Er verbirgt sich in den Schatten, die sie werfen. Er lacht nicht. Er hat Angst gehabt. Er hat Angst gehabt, sich im Feld des Materietransmitters aufzulösen, und er schleicht weg von der Gesellschaft der Heiligen hinunter durch die schallenden, tropfenden Stockwerke, verfolgt vom Duft der Gardenien, hinaus in den warmen Regen und die strömenden Straßen, wieder zurück durch die Gassen und über Treppen, hinauf zu den schimmernden Türmen von Hy Brazyl, der lachende Junge, der nie mehr lachen wird.

Von fünfen sind vier geblieben …

Jetzt haben sie sich neue Namen gegeben. Neue Namen für neue Orte. Neue Namen, geformt wie die Glasflügel der Corporadas oder die schillernden Gewölbe der Arkaden und Galerien oder der wolkenwandlerischen Terrassen und Simse. Sie alle nennen sich die Herren der Neuen Kirche.

Das Flüstern vertraulicher Gespräche füllt die Nischen der Neon- und Chrom-Cafes. Spritzer roter Farbe, hingesprüht über eine Wand im Korridor unten in der Wohnebene. Der Schlüssel für ein bestimmtes Datennetz mit Bleistift hingekritzelt auf eine öffentliche Fernkommunikationszelle. Papierschnipsel rutschen in tiefe Ausschnitte bis hinunter in Strumpfbänder, an Hosenknöpfen vorbei, hinter Gürteln hindurch, zu afrikanischen Ohrreifen, in Brustbeutel. Die Herren der Neuen Kirche. Meistens ziehen sie so schnell dahin wie Septemberwolken und scheiden sich an der Frage des Wölbungsgrads der Rundbogen. Diejenigen, die sagen que? Was für ein Schrott (in doppeldeutiger Anlehnung an die alten Automobile in Aurelians zweiundzwanzigstöckigem Reich). Und sie sagen qui, neh! Keine Zeit für diesen Schrott muß arbeiten muß spielen muß leben muß lieben, muß das Leben in luftiger Höhe leben, man geht diesen Weg nur einmal, Compadre, laß uns feiern! Nimm dir einen Drink einen Joint einen Schuß einen Kaustengel einen Tanz. Wir sind die Leute der Company.

Doch für ein paar wenige ist das Flüstern unvergeßlich. Die roten Slogans tröpfeln in die Phantasie ein und sagen Geh den Weg, der nicht der Weg ist. Den Weg, den nur wenige vor dir gegangen sind, heraus aus deinen Corporadas, aus dem Licht in die Schatten unter den Wolken, wo das hellere Licht wartet. Und sie betrachten ihre Traum-Schau-Türme, und sie sagen – Hesus, ist das alles? Arbeiten für etwas zum Spielen zum Beißen zum Bumsen zum Feilschen zum Fälschen zum Leben zum Sterben, für die (von der Wiege bis ins Grab) ruhmreiche die großzügige die wundervolle Company? Und sie sagen – ich gehe den Weg, der nicht der Weg ist, ich werde diesen Schlüssel benutzen, ich werde diese Adresse besuchen, ich werde über den schmalen und gewundenen Pfad gehen zwischen den Todestropfen und den GIGO-Datenblöcken und den blinden Korridoren, die in der Luft enden, die in eine Dunkelheit führen, die besser als jedes Licht ist.

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