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Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.

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Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.
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»Wir haben immer wieder überlegt«, sagte Maud, »die Idee mit dem Kasperle schien uns die einzig mögliche. Und es hat ja auch geklappt. Schon über ein Jahr. Ich bin sicher, niemand sucht mich mehr.«

»Aber jeden Tag kann jemand über das Kasperle stolpern. So wie ich. Zuerst dachte ich nur, du wärst eine besonders begabte Bauchrednerin.«

»Die Nummer ist gut, nicht wahr?«

»Perfekt. Eure witzigen Dialoge, Kasperles schlagfertige Antworten.«

»Alles einstudiert. Er ist nicht sehr intelligent, weißt du. Er kann zwar sprechen, aber er hat Schwierigkeiten, selbständig zu formulieren. Auswendiglernen ist kein Problem für ihn, er kann alle meine Lieblingsgedichte.«

»Aber dann«, sagte ich, »als er jonglierte …«

»Ja, ich hätte es ihm nicht erlauben dürfen. Aber er hat so sehr gebettelt, er ist so stolz darauf, ich konnte einfach nicht mehr widerstehen.« Sie seufzte. »Ich werde ihm beibringen müssen, daß er es nicht mehr darf, dann kann nichts passieren. Ich habe eine Lizenz – Tamara hat sie mir beschafft. Auch unverdächtige Papiere, den Wohnwagen – sie hat uns hierhergebracht.«

»Weil Kasper nur deutsch spricht?«

»Das auch. Vor allem aber ist es weit weg von dort.«

Maud konnte nicht verraten, wo das Institut lag. Sie konnte mir kaum einen Hinweis geben, obwohl ich sie nach allen Regeln meiner Kunst ausfragte. Dem Klima nach irgendwo in der Nähe des Mittelmeeres. Seit nahezu alle Programme via Satellit übertragen werden, ist Fernsehen kein Kriterium mehr, Zeitschriften und Bücher konnte sie nach Belieben bestellen, ihre Fernstudien hatte sie sowohl an französischen wie deutschen Hochschulen betrieben, die Ärzte sprachen deutsch oder französisch mit ihr, ebenso das Personal, aber Maud glaubte, daß sich die Kellner und Hilfskräfte, soweit sie nicht aus Asien stammten, untereinander auf spanisch oder portugiesisch verständigten. Oder sizilianisch?

Wir sprachen bis tief in die Nacht, nur einmal wurden wir unterbrochen, aus dem Wohnwagen rief es: »Mama, Mama!«

Maud holte den Kasper, sie trug ihn die vier Stufen hinunter, dann setzte sie ihn auf die Wiese. Er hatte Beine, wenn sie auch babyhaft kurz waren, er tollte auf eine drollige Weise durch das hohe Gras, spielte mit einem mechanischen Hund, einer Puppe, mit Bällen und Reifen, stellte sich an einen Strauch und pinkelte ungeniert, pflückte Maud einen Blumenstrauß, legte ihn aber ein Stück vor uns ins Gras.

»Er ist scheu«, erklärte Maud. »Kasper ist es ja nicht gewohnt, andere als mich in der Nähe zu haben.« Sie rief ihn. »Guck mal, Kasper, was Onkel Herb dir mitgebracht hat.«

Kasper stürzte sich auf das Essen.

»Er ist ein großes Leckermaul«, sagte Maud, und ich bereute, daß ich keine Schokolade gekauft hatte, kein Obst. Kasper wurde schnell müde; es war noch keine halbe Stunde vergangen, da verlangte er, wieder ins Bett gebracht zu werden.

»Ich weiß nicht einmal, ob er mein leiblicher Sohn ist«, sagte Maud, als sie wiederkam. »Wahrscheinlich war es das Ei einer anderen, mir ist das egal, ich habe ihn geboren. Und ich wollte ihn behalten. Wenigstens eines von vierzig oder fünfzig Kindern. Ein Däumling, ja, aber kein Monster, nicht wahr?« Sie blickte mich ängstlich an.

»Nein«, versicherte ich, »ein Junge zum Liebhaben.«

Das war nicht gelogen. Ich hatte tatsächlich diese winzige, unschuldige, bedauernswerte, mißbrauchte Kreatur in mein Herz geschlossen.

Vor drei Tagen ist Kasper gestorben, ich weiß nicht, woran. Gestern Maud. Still und friedlich. Es war, als erlösche ihr Leben, nun, da sie ihre Aufgabe erfüllt hatte. Ich habe beide in dem kleinen Park des Grundstücks begraben, das ich ihretwegen gekauft hatte, ein Grundstück, in das kein Fremder Einblick nehmen konnte, knapp eine Autostunde von den Studios entfernt. Das ist der wahre Grund, warum ich keine Beiträge mehr für FOKUS machte, mich mit der Rolle des Redaktionsleiters und Moderators zufriedengab. Ich mußte doch immer da sein für Maud, die letzte und, wie ich glaube, größte Liebe meines Lebens.

Jetzt bin ich frei, dieser vielleicht letzten, aber sicher größten Story meines Lebens nachzugehen.

Maud, so hatte ich gesagt, konnte mir keinen Hinweis darauf geben, wo die Monsterfabrik lag. Aber da waren die Bäume und Blumen, Vögel und Insekten, der Wechsel der Jahreszeiten, die Geschwindigkeit, mit der die Dämmerung hereinbrach … Dutzende von winzigen Spuren für einen geduldigen Reporter. Ich zeichnete die Gebiete, die in Frage kamen, auf einer Karte ein, und als sich eines Tages ein junger Mann bei mir bewarb, der um jeden Preis für FOKUS arbeiten wollte, schickte ich ihn los. Ich setzte ihn keiner Gefahr aus, ich wollte nur Landschaftsaufnahmen; eines Tages war es dann soweit: Maud erkannte eindeutig die Landschaft, die sie Tag für Tag aus den Fenstern ihres Appartements erblickt hatte, jene vier nicht allzu hohen Berge, die ihr immer wie zwei große M erschienen waren.

Morgen früh mache ich mich auf den Weg. Deshalb habe ich heute diese Geschichte auf Video gesprochen. Ich werde das Band, meine Recherchen und die Aufnahmen vom Kasperle bei einem unverdächtigen Menschen hinterlegen.

Wenn Sie also dieses Video, und nicht einen der sensationellsten FOKUS-Beiträge aller Zeiten zu Gesicht bekommen, dann wissen Sie, Herb Kienzle ist tot. Ich vermute, ›verunglückt‹.

Ich hoffe, ich kann wenigstens den Grundstein dafür legen, daß es dieses und ähnliche ›Institute‹ nicht mehr länger gibt.

Copyright © 1989 by Verlag Das Neue Berlin, Berlin

(erschienen in der Collection ›Die Phrrks‹ von Gert Prokop)

mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags Das Neue Berlin, Berlin

Illustriert von Jens Prockat

Rene Sussan

Die Agentur

»Je mehr es sich verändert,

desto mehr ist es das gleiche …«

ANONYM

Das, was man die Agentur nannte, war ursprünglich ein einfacher Häuserblock, der am Rande eines Wohnviertels auf Kosten des Verteidigungs- und Vermögensministeriums errichtet worden war. In der Folgezeit lernte diese Einrichtung gute und schlechte Zeiten kennen, wobei sie sich jedoch stets vergrößerte. Um den vielseitigen Versuchungen der verschiedenen Ministerien, in deren Zuständigkeit sie fiel, gerecht werden zu können, wuchs sie immer weiter, verschlang nach um nach die angrenzenden Straßen und wurde so zu einem Viertel im Viertel, zu einer Stadt in der Stadt, und wird bald – so die Prophezeiung – ein Staat im Staate sein. Ein beschönigender Ausdruck: die Bezeichnung ›ein Staat‹ war in der Tat unangemessen: es handelte sich um mehrere Staaten. So wie sich einzellige Organismen durch Teilung fortpflanzen, vermehrten sich die Abteilungen rasch, wobei sie eifersüchtig über ihre Autonomie, ihre Vorrechte und ihre Unabhängigkeit wachten, so daß sie sich voneinander vollkommen abschotteten.

Als Janus – ein Name aus den Zeiten des Krieges – vor vielen Jahren eingestellt wurde, gehörte er zu der Abteilung des amtlichen Nachrichten- und Dokumentationsdienstes, der dem Verteidigungsministerium unterstellt war. Es war eine sehr bewegte Zeit. Eines der außerhalb des Mutterlandes gelegenen Gebiete forderte seine Unabhängigkeit, und der damalige Staatschef hatte seinem Volk versprochen, niemals die Flagge zu streichen. In der Folgezeit veranlaßten ihn die planetarischen Umstände, auf die er gesetzt hatte, zu der entgegengesetzten Politik. Die Folge war ein großes Durcheinander in den Meinungen und Äußerungen. Viele Leute wurden entzweit, die Verantwortlichen rausgeschmissen. Da die Zusammenarbeit mit den nun unabhängigen Gebieten zwar besser, jedoch noch unbeständig war, wurden verschiedene neue Einrichtungen geschaffen, die dem Geheimdienst zuarbeiteten. Da sie alle dieselbe Klientel hatten, wurde der Ehrgeiz untereinander entfacht. Keiner konnte einem anderen mehr trauen, und man flüsterte sich zu, daß Toccart einem amerikanischen Autor verraten hätte, daß Fricot für eine ausländische Macht arbeitete, worauf dieser Schreiberling einen Bestseller mit dem Titel Rubis schrieb, zu dem ein Regisseur, der auf Thriller spezialisiert war, einen Film mit dem Titel La Tenaille drehte …

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