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Der heisse Himmel um Mitternacht

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Der heisse Himmel um Mitternacht
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»Sie werden mich respektieren, das versichere ich dir. Kluge hat früher schon mit Israelis zu tun gehabt.«

»Woher weißt du das?«

»Wir führen Buch«, sagte Enron. »Denkst du, ich hätte mich nicht über ihn erkundigt, bevor ich ihn engagierte?« Er knäulte sein Badetuch zu einem Ball und warf es quer durch den Raum, dann suchte er sich die Sachen, die er für den Abend tragen wollte. »Bist du fertig, damit wir dann zum Dinner ausgehen können?«

»Gleich.«

»Fein. Während ich mich anziehe, rufst du Farkas in seinem Hotel an. Du sagst ihm, wir wollen gerade zum Essen ausgehen und würden ihn gern einladen.«

»Weshalb willst du das tun?«

»Um herauszufinden, ob er irgendwas über diesen Plan weiß, den Generalissimo zu entmachten. Und ob er mir sagen kann, wo dieser Davidov sich befindet.«

»Wäre es nicht besser, du redest erst mit Davidov selber, bevor du Farkas irgendwelche Fragen dazu stellst? Du vermutest doch nur, dass Farkas da mit drinsteckt. Und wenn das nicht so ist, dann bringst du ihn bloß darauf, was da los ist, und am Ende erfährt dann Kyocera von Sachen, die du denen lieber nicht preisgeben möchtest.«

Enron starrte sie bewundernd an. Er ließ langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht entstehen und sich ausbreiten.

»Das ist ein gutes Argument.«

»Siehst du? Ich bin also wirklich nicht ganz so dumm.«

»Ja, vielleicht habe ich dich unterschätzt.«

»Du kannst einfach nicht glauben, dass eine Frau, die so gut im Bett ist wie ich, auch logisch denken kann.«

»Ganz im Gegenteil«, sagte Enron. »Ich war schon immer davon überzeugt, dass intelligente Frauen die besten Bettgenossinnen abgeben. Aber manchmal, wenn eine Frau einfach zu schön ist, entgeht mir, wie enorm gescheit sie außerdem auch noch ist.«

Jolanda glühte vor Befriedigung. Es war, als hätte Enron mit einem einzigen schiefen Kompliment alle die grausamen Bemerkungen ausgelöscht, die er ihr gegenüber geäußert hatte.

Nein, sie ist wirklich extrem blöd, dachte er. Dennoch, darin hatte sie recht, dass er mit Farkas besser behutsam vorgehen sollte.

»Es ist leider so«, sagte er, »dass die Zeit vergeht und dass wir deine Freunde noch immer nicht ausfindig gemacht haben. Ich könnte also wirklich ruhig mal Farkas ein bisschen abzutasten anfangen. Klar, da besteht das Risiko, von dem du sprichst, doch da ist ebenfalls die Möglichkeit, dass ich von ihm etwas rauskriegen kann. Ruf ihn an. Lade ihn ein, mit uns heute Abend zu essen, oder aber für morgen zum Lunch.«

Als Jolanda an den Tisch trat, leuchtete das Telefonsignal auf. Sie blickte unsicher zu Enron.

»Geh ran«, sagte er.

Es war noch einmal Kluge. »Ich habe deinen Davidov für dich gefunden. Er ist noch hier, hat bloß das Hotel gewechselt. Alle vier Mann. Speiche B, die Residencia San Tomás in Santiago.«

»Sind denn hier alle Hotels nach Heiligen benannt?«, fragte Enron.

»Viele. Der Generalissimo ist sehr religiös.«

»Ja. Man möchte es meinen. Wie nennt sich unser Mann denn jetzt?«

»Immer noch Dudley Reynolds. Die anderen heißen James Clark, Phil Cruz und Tom Barreyt, laut ihren Pässen.«

Enron blickte zu Jolanda. Sie zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf.

»Möglicherweise sind es die, die wir suchen«, sagte Enron zu Kluge. »Schön. Behalte sie im Auge. Und bleib mit mir in Verbindung. Wenn ich nicht rangehe, leg den Ruf auf Suchschaltung. Ruf mich überall an, jederzeit, wenn es was Neues gibt. Ich will wissen, wohin sie gehen, mit wem sie sich treffen.«

Als Enron den Kontakt abgebrochen hatte, fragte Jolanda: »Versuchen wir heute Abend mit ihnen Kontakt aufzunehmen?«

»Bist du eng mit denen befreundet?«

»Mike Davidov kenne ich sehr gut. Die anderen Namen habe ich noch nie gehört, aber die sind natürlich sowieso alle falsch.«

»Wie gut kennst du Davidov? Je mit ihm im Bett gewesen?«

»Was hat das denn zu tun mit …«

»Ich bitte dich«, sagte Enron. »Deine Keuschheit kümmert mich einen Dreck, auch nicht das Gegenteil! Ich muss wissen, wie deine Beziehungen zu diesem Davidov waren.«

Jolandas Gesicht färbte sich dunkel. Ihre Augen loderten.

»Ich habe mit ihm geschlafen, ja. Ich habe mit einer Menge Leuten geschlafen.«

»Davon bin ich überzeugt. Aber im Moment frage ich dich nach Davidov. Ihr zwei wart mal zusammen, und jetzt tauchst du hier mit mir auf, einem israelischen Touristen. Wie wird er darauf reagieren? Wird ihn das stören?«

»Wir waren bloß Freunde. Als ich in L. A. war, wohnte ich bei ihm. Es war alles ziemlich simpel und beiläufig, weiter nichts.«

»Es wird ihm nichts ausmachen, meinst du?«

»Nicht im geringsten.«

»Schön«, sagte Enron. »Dann rufst du ihn jetzt an. Residencia San Tomás in Santiago. Verlang Dudley Reynolds zu sprechen. Sag ihm, du bist hier mit einem israelischen Journalisten, den du in San Francisco getroffen hast, und sag ihm, dass ich sehr gern so bald wie möglich mit ihm sprechen möchte.«

»Soll ich sagen, worüber ihr reden wollt?«

»Nein. Das kann er sich selbst denken. Ruf jetzt an.«

»Also gut.« Jolanda gab die Zahlen ein, und fast sofort meldete sich eine synthetische Stimme: »Mister Reynolds befindet sich nicht in seinem Zimmer. Soll ihm eine Nachricht übermittelt werden?«

»Hinterlass deinen Namen und unsere Zimmernummer hier im Hotel«, befahl Enron. »Bitte ihn, jederzeit zurückzurufen, sobald er zurück ist.«

»Und was jetzt?«, fragte sie hinterher.

»Jetzt rufst du Farkas an und lädst ihn ein, mit uns zu dinieren.«

»Aber sollten wir nicht besser warten, bis …?«

»Manchmal habe ich es satt zu warten«, sagte Enron. »Es ist ein kalkuliertes Risiko. Ich muss die Dinge etwas beschleunigen. Also, ruf Farkas an!«

Sie verabredeten sich in Cajamarca in einem Café dicht am Außenrand, nicht weit entfernt von Farkas' Hotel. Dass sie sich an einem Ort trafen, der so quasi sein eigener Rasen war, erschien Enron als eine gute Idee. Er wollte, dass Farkas sich sicher fühlte, entspannt, locker. Wir schaffen uns eine großartige neue Freundschaft, wir zwei, wo wir sowieso schon verbunden sind durch unsere uralten Erinnerungen an Caracas, und jetzt durch unsere brüderliche Vertrautheit mit der grandiosen Körperlichkeit von Jolanda Bermudez, so dachte er sich das. Wir können einander trauen. Wir können einander bedeutsame Geheimnisse anvertrauen, die uns beiden nützen. Ja, genau.

Farkas kam verspätet in das Café. Das fand Enron ärgerlich. Doch während sie warteten, behielt er sich strikt unter Kontrolle, bestellte sich einen alkoholfreien Drink und einen zweiten. Jolanda trank etliche Cocktails, blaugrünliche Longdrinks, die Enron nicht kannte, die aber wahrscheinlich süßlich und klebrig waren. Dann, endlich, mit fast halbstündiger Verspätung, kam der Augenlose herein.

Als er Farkas so grandios, fast königlich hereinschreiten sah, war Enron sich auf einmal gar nicht mehr so sicher, ob es ihm so leicht werden würde, eine Art kumpelhafter gegenseitig profitabler Manipulationsbasis zu bauen. Er hatte vergessen – oder sich vielleicht auch nie die Mühe gemacht, zu bemerken –, was für eine dominierende Gestalt dieser Farkas war: extrem groß, beinahe ein Riese, mit breiten Athletenschultern und geschmeidigen Bewegungen. Es war nicht nur Faszination durch das Besondere, was Jolanda zu ihm hingezogen hatte. Farkas bewegte sich mit wunderbarer Selbstsicherheit zwischen den Tischen hindurch, ohne je anzuecken, nickte und winkte dem Barkeeper und den Obern, dem Hilfskellner, sogar ein paar anderen Gästen zu.

Und er war so verdammt sonderbar. Wie zum ersten Mal erblickte Enron mit vor Staunen und Ekel gemischtem Blick diese hohe weiße Halbkuppel seines Schädels wie ein Stück Marmor auf dem langen muskulösen Nacken, diese schimmernde Stirn, die sich ohne Unterbrechung vom Nasenrücken zum hohen zurückgesetzten Haaransatz erstreckte. Er wirkte fast nicht menschlich. Wie eine sonderbare Mutantenkreatur mit einem Monsterkopf auf einem Menschenkörper. Aber natürlich war er ja genau das – ein scheußlicher Mutant.

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