Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
»Haut zu!« schreit Sherebjatnikow aus voller Kehle. »Schlagt zu! Ordentlich! Brennt ihm das Fell! Noch mehr, noch mehr! Haut ihn, diesen Gauner, diesen Waisenknaben! Ordentlich!«
Die Soldaten hauen aus aller Kraft, dem Ärmsten sprühen Funken aus den Augen, er fängt zu schreien an, aber Sherebjatnikow läuft ihm die Front entlang nach und lacht, lacht, hält sich mit den Händen die Seiten, kann sich gar nicht aufrichten, so leid tut ihm schließlich der Arme. Er ist so froh und lustig, und nur ab und zu unterbricht er sein schallendes, rollendes Lachen und ruft wieder:
»Haut ihn, haut! Heizt ihm ein, dem Gauner, heizt ihm ein, dem Waisenknaben!...«
Manchmal erfand er noch andere Variationen: man führt den Arrestanten zur Exekution, und er fängt wieder zu flehen an. Sherebjatnikow macht diesmal keine langen Geschichten, schneidet keine Grimassen, sondern erklärt ganz aufrichtig:
»Siehst du, mein Lieber,« sagt er, »ich werde dich bestrafen, wie es sich gehört, denn du verdienst es. Aber für dich will ich vielleicht folgendes tun: ich lasse dich nicht an den Kolben anbinden. Du wirst von selbst gehen, aber auf eine neue Manier. Lauf, so schnell du kannst, durch die ganze Front! Dich wird zwar jeder Stock treffen, aber die Sache ist schneller erledigt, wie glaubst du? Willst du es probieren?«
Der Arrestant hört es mit Erstaunen und Mißtrauen an und wird nachdenklich. »Nun,« denkt er sich, »vielleicht wird es so wirklich leichter sein; ich will laufen, so schnell ich kann, die Qual wird fünfmal kürzer dauern, vielleicht wird mich auch nicht jeder Stock treffen.«
»Gut, Euer Wohlgeboren, ich bin einverstanden.«
»Nun, auch ich bin einverstanden, also los! Aber paßt auf, schlaft nicht!« ruft er den Soldaten zu, obwohl er schon im voraus weiß, daß kein einziger Stock den schuldigen Rücken verfehlen wird: ein Soldat, der vorbeigehauen hat, weiß ebenfalls sehr gut, was er riskiert.
Der Arrestant rennt nun, so schnell er kann, durch die »grüne Gasse«, kommt aber natürlich nicht weiter als fünfzehn Schritt: die Stöcke fallen wie Trommelwirbel, wie Blitze, sie treffen alle zugleich seinen Rücken, und der Ärmste stürzt mit einem Schrei, wie ein Grashalm unter einer Sense, wie von einer Kugel getroffen, zu Boden.
»Nein, Euer Wohlgeboren, dann schon lieber nach dem Gesetz,« sagt er, sich langsam vom Boden erhebend, blaß und erschrocken.
Aber Sherebjatnikow, der schon im voraus wußte, wie dieser Spaß enden würde, schüttelt sich vor Lachen. Doch ich kann hier alle seine Späße und alles, was man sich bei uns über ihn erzählte, gar nicht beschreiben!
In einer etwas anderen Weise, in einem anderen Ton und Geist sprach man bei uns über einen Leutnant Smjekalow, der in unserem Zuchthause das Amt des Kommandeurs versehen hatte, bevor unser Platzmajor zu uns kam. Über Sherebjatnikow sprach man zwar ziemlich gleichgültig, ohne besondere Gehässigkeit, aber auch ohne Bewunderung für seine Heldentaten; man lobte ihn nicht und verabscheute ihn wohl. Man hatte für ihn sogar eine hochmütige Verachtung. Aber des Leutnants Smjekalow gedachte man mit Freude und Genuß. Er war nämlich durchaus kein besonderer Liebhaber von Exekutionen, das Sherebjatnikowsche Element war ihm fremd. Aber er war auch gar nicht abgeneigt, eine Exekution zu leiten; an seine Ruten dachte man bei uns sogar mit Liebe zurück – so gut gefiel dieser Mensch den Arrestanten! Weshalb eigentlich? Womit hatte er diese Popularität verdient? Unsere Arrestanten sind freilich, wie wohl das ganze russische Volk, imstande, eines einzigen freundlichen Wortes wegen alle Qualen zu vergessen; ich erwähne dies als eine Tatsache, ohne es diesmal von der einen oder anderen Seite zu untersuchen. Es war nicht schwer, diesen Leuten zu gefallen und sich bei ihnen populär zu machen. Aber Leutnant Smjekalow hatte sich eine ganz besondere Popularität erworben, so daß man sich seiner Exekutionen sogar fast mit Rührung erinnerte. »Er war besser als ein Vater«, sagten die Arrestanten zuweilen von ihm und seufzten sogar, wenn sie ihren früheren provisorischen Vorgesetzten Smjekalow in der Erinnerung mit dem jetzigen Platzmajor verglichen. »Eine Seele von einem Menschen!« – Er war ein einfacher, in seiner Art vielleicht auch gutmütiger Mensch. Nicht nur gute, sondern auch großmütige Menschen kamen unter den Vorgesetzten wohl vor, aber man liebte sie nicht, über manche von ihnen lachte man sogar. Smjekalow verstand es aber so einzurichten, daß ihn alle bei uns für einen Menschen ihresgleichen hielten, und das ist eine große Kunst, oder, genauer gesagt, eine angeborene Fähigkeit. Es ist wirklich merkwürdig: unter diesen Menschen gibt es auch solche, die gar nicht gutmütig sind, und doch erwerben sie zuweilen eine große Popularität. Sie ekeln sich nicht vor ihren Untergebenen, – das scheint mir der Grund zu sein! Sie zeigen nichts von einem verwöhnten Herrn, lassen nichts vom herrschaftlichen Geruch spüren, sondern haben einen eigenen angeborenen volkstümlichen Geruch, und, mein Gott, was für eine feine Nase hat dafür unser Volk! Was gibt es nicht alles dafür her! Es ist sogar imstande, den mitleidvollsten Menschen für einen sehr strengen herzugeben, wenn nur dieser letztere ihren eigenen volkstümlichen Geruch hat. Und wenn dieser so duftende Mensch außerdem noch gutmütig ist, wenn auch nur in seiner Art, – dann wird er über alles geschätzt! Der Leutnant Smjekalow pflegte, wie ich schon sagte, manchmal recht empfindlich zu strafen, aber er verstand es so zu machen, daß man ihm nicht nur nicht böse war, sondern auch später, in meiner Zeit, als alles schon in der Vergangenheit lag, seiner »Späße« bei den Exekutionen mit Lachen und Freude gedachte. Er kannte übrigens nicht viele Späße: dazu fehlte es ihm an künstlerischer Phantasie. Eigentlich verfügte er nur über ein einziges Späßchen, von dem er bei uns fast ein ganzes Jahr lebte; vielleicht gefiel es aber gerade aus dem Grunde, weil es das einzige war. Es steckte in ihm viel Naivität. Da wird der zu einer Strafe verurteilte Arrestant gebracht. Smjekalow kommt selbst zur Exekution, er kommt mit einem Lächeln, mit einem Scherz, fragt den Delinquenten nach etwas Abseitsliegendem, nach seinen persönlichen, häuslichen oder Arrestantenangelegenheiten, und zwar nicht mit irgendeiner versteckten Absicht, nicht zum Spaß, sondern ganz einfach, weil er von diesen Dingen wirklich gern hören will. Man bringt die Ruten und einen Stuhl für Smjekalow; er setzt sich auf den Stuhl und steckt sich sogar eine Pfeife an. Er hatte eine lange Pfeife. Der Arrestant beginnt zu flehen... »Nein, Bruder, leg dich nur, ist nichts zu machen...« sagt Snljekalow; der Arrestant seufzt und legt sich hin. »Nun, mein Lieber, kennst du den und den Bibelvers auswendig?« – »Wie sollte ich ihn nicht kennen, Euer Wohlgeboren: ich bin ja getauft und habe von Kind auf gelernt:« – »Nun, dann sag ihn auf.« Der Arrestant weiß schon, was er aufsagen soll, und er weiß auch im voraus, was bei diesem Aufsagen geschehen wird, denn dieser Spaß ist schon dreißigmal mit anderen wiederholt worden. Auch Smjekalow selbst weiß, daß der Arrestant es weiß; auch die Soldaten, die mit erhobenen Ruten über dem liegenden Opfer stehen, sind über diesen Scherz längst unterrichtet, und dennoch wiederholt er ihn wieder, – so sehr gefällt er ihm, vielleicht aus literarischem Ehrgeiz, weil er ihn selbst erfunden hat. Der Arrestant beginnt den Vers aufzusagen, die Soldaten mit den Ruten warten, Smjekalow sitzt gebückt da, hebt die Hand, hört zu rauchen auf und wartet auf ein bestimmtes Wort. Endlich kommt der Arrestant zu dem Wort »im Himmel«. Smjekalow wartet nur darauf. »Halt!« schreit plötzlich der Leutnant, ganz Feuer und Flamme, und wendet sich sofort mit begeisterter Geste zu dem Soldaten mit der erhobenen Rute und ruft: »Gib's dem Lümmel!«
Und er fängt zu lachen an. Auch die ringsum stehenden Soldaten grinsen; der Schlagende grinst, auch der Geschlagene grinst, obwohl die Rute auf das Kommando »Gib's dem Lümmel« durch die Luft saust, um im nächsten Augenblick scharf wie ein Rasiermesser seinen sündhaften Körper zu treffen. Auch Smjekalow freut sich, er freut sich, weil er es so schön erfunden, weil er es selbst erdacht hat: »im Himmel« – »gib's dem Lümmel«, das reimt sich so schön. Smjekalow geht von der Exekution fort, vollkommen mit sich zufrieden, auch der Geschlagene ist fast zufrieden mit sich und auch mit Smjekalow, und schon nach einer halben Stunde erzählt er im Zuchthause, wie dieser schon dreißigmal wiederholte Scherz nun zum einunddreißigsten Mal wiederholt worden ist. »Mit einem Worte: eine Seele von einem Menschen und solch ein Spaßvogel!«