Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Natürlich ist der Augenblick vor der Strafe schwer, so schwer, daß ich vielleicht unrecht habe, wenn ich diese Furcht Kleinmut und Feigheit nenne. Er ist wohl sehr schwer, wenn einer die doppelte und dreifache Strafe riskiert, nur um die Exekution etwas hinauszuschieben. Ich erwähnte übrigens auch solche, die selbst um Entlassung baten, obwohl ihre Rücken nach den ersten Schlägen noch nicht zugeheilt waren, um den Rest der Strafe schneller abzubüßen und endgültig aus dem Anklagezustand herauszukommen; die Haft auf der Hauptwache im Anklagezustand war aber natürlich unvergleichlich schlimmer als im Zuchthause. Abgesehen vom Unterschied in den Temperamenten hängt die Entschlossenheit und Furchtlosigkeit bei vielen in bedeutendem Maße von der eingewurzelten Gewöhnung an die Schläge und Strafen ab. Der oft Geschlagene ist an Geist und Rücken gefestigt und betrachtet schließlich die Strafe skeptisch, fast als eine geringe Unannehmlichkeit und fürchtet sie nicht mehr. Im allgemeinen ist das richtig. Ein Arrestant aus unserer Besonderen Abteilung, der getaufte Kalmücke Alexander, oder Alexandra, wie man ihn bei uns nannte, ein sonderbarer, durchtriebener und furchtloser, zugleich sehr gutmütiger Bursche, erzählte mir, wie er seine viertausend Spießruten ertragen hatte; er erzählte es mir lachend und scherzend, schwor aber zugleich sehr ernsthaft, daß, wenn er nicht schon von der frühesten, zartesten Kindheit an unter der Knute aufgewachsen wäre, von der die Narben auf seinem Rücken während seines ganzen Lebens unter seinen Volksgenossen nie verschwanden, er diese viertausend Hiebe nicht ausgehalten hätte. Als er mir das erzählte, segnete er gleichsam diese Erziehung durch die Knute. »Man hat mich für alles geschlagen, Alexander Petrowitsch!« sagte er mir einmal gegen Abend, bevor Licht gemacht wurde, auf meinem Bette sitzend, »für alles; man schlug mich fünfzehn Jahre hintereinander, vom ersten Tage an, dessen ich mich erinnere, und jeden Tag einige Male; nur solche, die gar keine Lust dazu hatten, schlugen mich nicht; so habe ich mich schließlich ganz daran gewöhnt.« Wie er unter die Soldaten geraten war, weiß ich nicht; ich erinnere mich dessen nicht, vielleicht hat er mir darüber etwas erzählt; er war ein gewohnheitsmäßiger Ausreißer und Vagabund. Ich besinne mich nur auf seine Erzählung, wie schrecklich er sich gefürchtet hatte, als er zu viertausend Spießruten wegen der Ermordung eines Vorgesetzten verurteilt worden war. »Ich wußte, daß man mich streng bestrafen und vielleicht nicht mehr lebendig entlassen würde; ich bin zwar an die Knute gewöhnt, aber viertausend Spießruten sind kein Spaß! Dazu war die Obrigkeit sehr erbittert! Ich wußte, ich wußte es ganz sicher, daß es nicht so einfach abgehen würde, daß ich es nicht ertragen werde; daß ich nicht mit dem Leben davonkomme. Zuerst versuchte ich, mich taufen zu lassen; ich dachte mir, daß man mir vielleicht die Strafe erlassen würde, obwohl man mir sagte, ich hätte darauf nicht zu hoffen, man würde mir nicht vergeben. Aber ich dachte mir: ich will es doch versuchen, sie werden mit einem Getauften doch mehr Mitleid haben. So wurde ich denn auch wirklich getauft, und erhielt bei der heiligen Taufe den Namen Alexander; aber Spießruten blieben Spießruten, keine einzige haben sie mir erlassen; das kränkte mich sogar. So dachte ich mir: Wartet, ich werde euch alle anführen. Und was glauben Sie, Alexander Petrowitsch, ich habe sie wirklich angeführt! Ich verstand vortrefflich, mich tot zu stellen, d.h. nicht ganz tot, aber so als wolle die Seele gerade den Körper verlassen. Man führte mich durch die Gasse; wie ich das erste Tausend passiere, brennt es wie Feuer, und ich schreie; beim zweiten Tausend denke ich mir, es sei mein Ende, ich bin nicht mehr bei Sinnen, die Beine knicken unter mir ein; ich falle zu Boden; meine Augen wurden tot, das Gesicht blau, ich atme nicht mehr und habe Schaum vor den Lippen. Der Arzt trat heran und sagte: ›Er wird gleich sterben.‹ Man trug mich ins Hospital, und da wurde ich gleich lebendig. So führten sie mich noch zweimal hinaus, sie ärgerten sich furchtbar über mich, aber ich führte sie noch zweimal an; nach dem dritten Tausend wurde ich ohnmächtig, und beim vierten Tausend drang mir jeder Hieb wie ein Messer ins Herz, jeder Hieb war wie drei, so furchtbar schlugen sie mich! Sie waren schon wütend geworden. Dieses letzte verdammte Tausend (hol es der Teufel! ..) war soviel wert wie die ersten drei, und wäre ich nicht kurz vor dem Ende gestorben (es blieben nur noch zweihundert Hiebe), so hätten sie mich totgeschlagen, aber ich ließ es nicht zu und stellte mich wieder tot; sie glaubten es mir wieder, und wie sollten sie es mir auch nicht glauben, wenn es auch der Arzt glaubte; bei den letzten Zweihundert schlugen sie mich aus Wut so, daß es schrecklicher war als gewöhnliche Zweitausend Spießruten, – aber es gelang ihnen doch nicht, mich totzuschlagen. Und warum gelang es ihnen nicht? Immer aus dem gleichen Grunde, weil ich von Kind auf unter der Knute aufgewachsen bin. Darum bin ich auch heute noch am Leben. Ach, wieviel Schläge habe ich schon in meinem Leben bekommen!« bemerkte er am Schlusse seiner Erzählung, gleichsam in traurige Erinnerungen versunken, als wollte er alle die Schlage zählen, die er schon bekommen hatte. »Aber nein,« fügte er nach einer minutenlangen Pause hinzu, »man kann es gar nicht zählen! Es gibt keine solchen Zahlen.« Er sah mich an und lachte auf, aber so gutmütig, daß ich selbst nicht umhin konnte, ihm zuzulächeln. »Wissen Sie, Alexander Petrowitsch, wenn ich jetzt nachts etwas träume, so nur, daß ich geschlagen werde; andere Träume habe ich überhaupt nicht.« Er pflegte nachts wirklich aus voller Kehle zu schreien, so daß ihn die anderen Arrestanten mit Püffen weckten: »Was schreist du Teufel!« Er war ein kräftiger Bursch, klein gewachsen, lebhaft und heiter, an die fünfundvierzig Jahre alt und lebte mit allen in Frieden, obwohl er gern stahl und deswegen oft verprügelt wurde, aber wer bei uns stahl nicht und bekam dafür keine Prügel?
Ich will noch eines hinzufügen: ich wunderte mich immer über die ungewöhnliche Gutmütigkeit und den Mangel an Gehässigkeit, mit dem alle diese Geschlagenen davon sprachen, wie und von wem sie geschlagen worden waren. In ihren Erzählungen, bei denen mir selbst manchmal das Herz erzitterte und zu klopfen anfing, war oft nicht der geringste Ton von Bosheit oder Haß zu hören. Sie aber lachten dabei wie die Kinder. So erzählte mir z.B. M–cki von seiner Strafe; er war kein Adliger und hatte vierhundert Spießruten laufen müssen. Ich erfuhr es von den anderen und fragte ihn selbst, ob es wahr sei und wie das gewesen wäre. Er antwortete mir eigentümlich kurz, gleichsam mit einem inneren Schmerz, wollte mich dabei nicht anschauen, und sein Gesicht war rot geworden; als er mich nach einer halben Minute ansah, brannten seine Augen vor Haß, und seine Lippen zitterten vor Empörung. Ich fühlte, daß er dieses Kapitel aus seiner Vergangenheit niemals vergessen würde. Aber die unsrigen, fast alle (ich bürge nicht, daß es keine Ausnahmen gegeben hat), sahen die Sache ganz anders an. Es kann doch nicht sein, dachte ich mir zuweilen, daß sie sich als vollkommen schuldig und der Bestrafung wert hielten, besonders wenn sie sich nicht gegen ihre Genossen, sondern gegen die Vorgesetzten vergangen haben. Die meisten von ihnen klagten sich auch gar nicht an. Ich sagte schon, daß ich nie etwas von Gewissensbissen gemerkt hätte, selbst wenn das Verbrechen gegen die eigenen Standesgenossen gerichtet war. Von den Vergehen gegen die Obrigkeit spreche ich schon gar nicht. Mir kam zuweilen vor, als ob in diesem letzteren Falle eine eigentümliche, sozusagen praktische oder, genauer gesagt, faktische Anschauung vorläge. Man zog das Schicksal und die Unanwendbarkeit der Tatsache in Betracht, und zwar nicht irgendwie überlegt, sondern unbewußt, als wäre es eine Glaubenssache. Der Arrestant ist z. B. immer geneigt, sich bei den Vergehen gegen die Obrigkeit im Rechte zu fühlen, und so ist für ihn diese Frage gar nicht denkbar; aber praktisch ist er sich immer bewußt, daß die Vorgesetzten seine Vergehen ganz anders anschauen, und daß er folglich bestraft werden müsse, um die Rechnung zu begleichen. Der Kampf ist hier beiderseitig. Der Verbrecher weiß dabei und zweifelt nicht, daß er vom Gericht seiner Genossen, der einfachen Menschen, gerechtfertigt wird, welche, wie er es wiederum weiß, ihn niemals verurteilen und in den meisten Fällen sogar völlig freisprechen werden, wenn er nur keine Sünde gegen seine Brüder, gegen das ihm verwandte niedere Volk begangen hat. Sein Gewissen ist ruhig, im Gewissen liegt aber seine Kraft, sein sittliches Gefühl ist nicht verletzt, und das ist die Hauptsache. Er fühlt gleichsam, daß er etwas hat, worauf er sich stützen kann, und darum haßt er nicht, sondern nimmt das Geschehene als eine unvermeidliche Tatsache hin, die weder mit ihm begonnen hat, noch mit ihm enden und noch sehr lange unter dem einmal angefangenen passiven, doch hartnäckigen Kampfe fortdauern wird. Welcher Soldat haßt persönlich den Türken, gegen den er Krieg führt? Aber der Türke sticht und schießt doch nach ihm. Übrigens waren nicht alle Erzählungen so ganz kaltblütig und gleichgültig. Über den Leutnant Sherebjatnikow z.B. sprach man mit einiger, wenn auch nicht sehr großen Empörung. Diesen Leutnant Sherebjatnikow lernte ich schon während der ersten Zeit meines Aufenthalts im Hospital kennen, natürlich nur aus den Berichten der anderen Arrestanten. Dann sah ich ihn einmal in natura, als er bei uns die Wache hatte. Er war ein etwa dreißigjähriger Mann, groß gewachsen, dick, fett, mit roten, aufgedunsenen Wangen, weißen Zähnen und dem schallenden Lachen eines Nosdrjow. Person aus Gogols »Toten Seelen«. Anm. d. Ü. Seinem Gesicht konnte man ansehen, daß er der gedankenloseste Mensch auf der Welt war. Er liebte es leidenschaftlich, die Spießruten- und Stockstrafe zu leiten, wenn man ihn zum Vollstrecker bestellte. Ich muß aber hier gleich hinzufügen, daß ich den Leutnant Sherebjatnikow schon damals als ein Ungeheuer unter seinesgleichen ansah; auch die anderen Arrestanten sahen ihn ebenso an. Es gab außer ihm auch noch andere Strafvollstrecker, natürlich nur in der alten Zeit, in der erst kürzlich vergangenen alten Zeit, – »es ist nicht lange her, allein man glaubt es kaum!«, Vollstrecker, die ihre Sache mit großer Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit machten. In den meisten Fällen wurde es aber naiv und ohne besondere Begeisterung gemacht. Doch der Leutnant war beim Strafvollzuge eine Art raffiniertester Feinschmecker. Er hatte für seine Vollstreckungskunst eine leidenschaftliche Liebe, er liebte sie der Kunst wegen. Sie war für ihn ein hoher Genuß, und er erfand wie ein gegen alle Genüsse abgestumpfter, degenerierter Patrizier der römischen Kaiserzeit allerlei Raffinements, allerlei Perversitäten, um seine verfettete Seele einigermaßen aufzurütteln und angenehm zu kitzeln. Da wird ein Arrestant zur Exekution geführt; Sherebjatnikow ist der Vollstrecker; schon ein Blick auf die lange Reihe der mit dicken Stöcken bewaffneten Soldaten versetzt ihn in Begeisterung. Er geht mit selbstzufriedener Miene durch die Reihen und schärft allen energisch ein, daß jeder seine Pflicht eifrig und gewissenhaft tun solle, oder... Aber die Soldaten wußten schon, was dieses »oder« bedeutete. Nun wird auch der Verbrecher selbst gebracht, und wenn er Sherebjatnikow noch nicht kennt und noch nicht alles über ihn gehört hat, so pflegt sich dieser mit ihm z.B. folgenden Spaß zu leisten. (Es ist natürlich nur einer von hundert Späßen; der Leutnant war unerschöpflich in seinen Erfindungen). Ein jeder Arrestant beginnt in dem Augenblick, wo man ihn entkleidet und seine Hände an die Gewehrkolben bindet, an denen ihn dann die Unteroffiziere durch die grüne Gasse führen, – ein jeder Arrestant beginnt, der allgemeinen Sitte folgend, in diesem Augenblick den Vollstrecker mit weinerlicher Stimme anzuflehen, ihn möglichst mild zu strafen und die Strafe nicht durch übermäßige Strenge zu vergrößern. »Euer Wohlgeboren,« schreit so ein Unglücklicher, »erbarmen Sie sich meiner, seien Sie mir wie ein Vater, damit ich mein Leben lang für Sie zu Gott bete! Bringen Sie mich nicht um, haben Sie Mitleid!« Sherebjatnikow wartet nur darauf; er läßt sofort innehalten und beginnt mit der gefühlvollsten Miene folgendes Gespräch mit dem Arrestanten: