Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
Anscheinend hatte Raw Schefarewitsch an dasselbe gedacht, denn er wählte als Thema für das heutige Lehrgespräch die Abtrünnigkeit.
»Das moderne Europa«, begann der große Mann, »stellt eine furchtbare Gefahr für das Judentum dar. Früher, als man uns beraubt, ermordet und in Ghettos eingesperrt hat, war es leichter – die Verfolgung hat uns nur geeint. Heute aber haben sich die Regierungen der so genannten fortschrittlichen Länder vom Antisemitismus losgesagt, und die Juden in diesen Ländern sind jetzt in Versuchung geraten, so sein zu wollen wie alle und sich in nichts von den Gojim zu unterscheiden. Denn Jude ist man nicht nur durch den Zufall der Geburt, sondern das Judentum bedeutet auch eine bewusste Wahl. Wenn du nicht willst – dann lass es halt bleiben. Lass dich taufen oder zeig einfach nicht mehr, dass du Jude bist, und sofort öffnen sich dir alle Wege. In den Ländern Pojln und Lite, die heute zum Russischen Reich gehören, ist die Lage im Moment noch leidlich, weil dort den Juden, die aufgehört haben, Juden zu sein, trotzdem keine Bewegungsfreiheit gegeben wird, wegen ihrer Abstammung. Im westlichen Europa dagegen steht die Sache sehr schlimm. Im Lande Dajtschland hat Bismarck dem Judentum einen großen Schaden zugefügt, Tausende von Juden haben sich vom Glauben ihrer Väter abgewandt. Böse steht es auch im Lande Zorfoss, dort hat man schon vor hundert Jahren die Gleichberechtigung der Juden ausgerufen. Gott sei Dank haben die dummen Gojim dort einen Prozess gegen den getauften Juden Dreyfus angestrengt, das hat viele Abtrünnige nachdenklich gemacht. Die Feinde der Juden unterteilen sich in zwei Gattungen. Die erste will uns vernichten. Weil GOTT aber SEINE schützende Hand über SEIN auserwähltes Volk hält, braucht man diese nicht zu fürchten. Hundertmal gefährlicher ist die zweite Gattung, weil sie es nicht auf unsere Körper abgesehen hat, sondern auf unsere Seelen. Sie locken uns mit guten Worten und Freundlichkeiten, weil sie wollen, dass wir auf unsere Besonderheit verzichten und aufhören, Juden zu sein. Und viele, sehr viele, lassen sich überreden und werden zu Meschumodim. Ein Meschumed, der das Christentum angenommen hat, ist tausendmal schlimmer als der Schlimmste aller Gojim. Um sich bei seinen neuen Herren einzuschmeicheln, verleumdet er uns und unseren Glauben. Und wenn er unter uns erscheint, dann sät er Zweifel und Versuchung in den Herzen der Kleinmütigen, indem er sich großtut mit seiner Kleidung und seiner gesellschaftlichen Stellung.«
Raw Schefarewitsch geriet mehr und mehr in Wallung. Seine Augen sprühten das Feuer heiligen Ingrimms, und immer wieder streckte sich der Zeigefinger seiner rechten Hand drohend zur Decke empor.
»Diese Verräter muss man vertilgen, wie man ein krankes Schaf vertilgen muss, bevor es die ganze Herde verdirbt! Gott der Herr sagt: ›Denn jedem vom Hause Israel, der sich mir entfremdet, dem will ich, der Herr, mich persönlich zur Antwort stellen. Ich richte mein Antlitz auf jenen Mann; ich mache ihn zum Warnzeichen und Sprichwort und rotte ihn aus der Mitte meines Volkes aus. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin.‹«
Schmulik hielt dagegen: »Gott der Herr hat nicht gesagt ›ausrotten‹ – und Punkt und Ende, sondern ›ausrotten aus der Mitte meines Volkes‹, das heißt: aus dem Volk der Juden vertreiben, und sollen sie ruhig weiterleben, wie sie ’s halt können, nur ohne MICH.«
Aber das hatte er selbstverständlich nur per Fernsprecher gesagt, sodass der Raw das Argument nicht gehört hatte und weiterdonnerte. Jetzt waren die Zionisten an der Reihe:
»Wir Juden sind die einzigen Bewahrer des göttlichen Lichts, das ohne unser Volk schon lange verloschen wäre. Wir verändern uns nicht, wir sind noch immer dieselben, die wir zu Zeiten Abrahams und Moses waren. Was aber wollen die Zionisten? Sie wollen, dass die Juden ein ganz gewöhnliches Volk und ein ganz gewöhnlicher Staat werden. Aber gewöhnliche Völker haben keine Dauer, sie kommen und gehen. Wo sind die Moabiter, die Philister, die Assyrer, wo die Babylonier und die Römer, die uns gepeinigt haben? Sie sind schon lange vom Erdboden verschwunden, neue Völker haben sie verdrängt, die Engländer, die Deutschen, die Türken, die Russen. Zwei oder drei Jahrhunderte vergehen, und die Fackeln dieser jungen Völker, die heute noch so hell leuchten, werden erlöschen, und an ihrer statt werden neue, noch hellere aufflammen. Unser Licht dagegen wird weiterleuchten mit derselben stillen, unlöschbaren Flamme wie seit Tausenden von Jahren! Gibt es in der Welt ein anderes Volk, dessen Licht so lange brennt wie unseres?«
Da hielt es Schmulik nicht mehr aus.
»Und die Chinesen, Rebbe?«, fragte er laut. »Die Chinesen haben ihre Bräuche genauso lange bewahrt wie wir, vielleicht sogar noch länger. Viertausend Jahre, so lange schon.«
Von den Chinesen hatte er bei Madame Perlowa in einer Enzyklopädie gelesen.
Sein Einwand erzielte beachtliche Wirkung, dem Raw begann direkt der Bart zu zittern. Tja, was wird er darauf jetzt wohl antworten, was für Zitate wird er anführen?
Aber Schmulik bekam keine Zitate, sondern eins mit dem Zeigestock, und zwar nicht auf die Finger, sondern auf Hals und Hinterkopf.
Dann flog er unter einer Flut von Gezeter und Schlägen hochkant aus dem Klassenzimmer.
Mit Raw Schefarewitsch ließ sich eben schwer diskutieren.
Jetzt hieß es warten, bis der Lehrer sich wieder abgekühlt hatte, dann konnte man hingehen und um Vergebung bitten – in ein, zwei Stunden, eher nicht.
Schmulik schob die Hände in die Taschen und ging auf der Straße hin und her, passte aber dabei gut auf, dass er nicht zu nahe ans armenische Viertel herankam.
In der Nähe des Dung-Tors rief ihn jemand auf Russisch an.
»He, Junge! Junge!«
Eine Schickse in einem dunklen Seidenkleid und mit roten Haaren unter einem durchsichtigen Tuch kam auf ihn zugelaufen. Sie hatte eine Reisetasche in der Hand. Das sommersprossige Gesicht der Frau kam Schmulik irgendwie bekannt vor.
»Du heißt Schmulik, stimmt’s ?«, lächelte die Rothaarige freudig. »Wir haben uns doch auf dem Dampfer miteinander unterhalten, weißt du noch? Ich trug damals ein Nonnenhabit.«
Genau, jetzt fiel‘s ihm wieder ein. Diese Schickse hatte er schon mal gesehen, als er mit den andern Schülern aus Raw Schefarewitschs Jeschiwa von Moskau aus mit dem Dampfer bis zum Meer gefahren war. Bloß in der Kutte war die Schickse nicht so schön gewesen. Mit den goldenen Tüpfelchen im Gesicht und den Haaren, die aussahen wie ein leuchtender Heiligenschein.
»Guten Tag«, sagte Schmulik höflich. »Wie geht es Ihnen?«
»Danke. Wie schön, dass ich dich treffe!« Die Rothaarige freute sich immer noch.
Was sollte daran denn schön sein?
Da steht ein Schüler des ehrbaren Raw Schefarewitsch mitten auf der Straße und plaudert mit einer Schickse. Gebe Gott, dass es niemand dem Lehrer petzt. Schmulik hatte auch ohne dies genug Malessen. Da war schon so ein Litwak mit schwarzem Hut und Kaftan stehen geblieben und schielte herüber. Der sollte mal besser an den weisen Spruch denken: »Besser mit einer Frau sprechen und an Gott denken als umgekehrt.«
Aber wenn man ehrlich war, dachte Schmulik in diesem Moment gar nicht an Gott, sondern er dachte: Wenn Madame Perlowa genauso weiße Haut hätte, wäre es um einiges angenehmer, sie zu heiraten.
»Ich muss unbedingt mit dir reden!«, sagte die Schickse.
Der Litwak glotzte immer noch herüber. Das konnte nicht gut gehen, der würde es ganz bestimmt dem Rab melden.
»Ich habe es sehr eilig«, brummte Schmulik. »Ich habe leider überhaupt keine Zeit.«
Und damit wollte er weitergehen. Aber die schöne Schickse fing auf einmal an zu wanken und stützte sich mit einem Stöhnen auf Schmuliks Schulter.
»Oj, mir ist so schwindlig . . . Junge, bring mich in den Schatten . . . gib mir einen Schluck Wasser . . .«
Sie schloss die Augen und griff sich an die Stirn. Wahrscheinlich ein Sonnenstich, sie war bestimmt die Sonne nicht gewöhnt.