Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
Ein illuj aus der Jeschiwa des großen Raw Schefarewitsch, so weit hatte es Schmulik in Jeruschalajim schon gebracht, obwohl er doch noch gar nicht lange hier war, erst seit ein paar Wochen.
Natürlich, ohne den Raw wäre es nie so weit gekommen. So groß war der Ruhm seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, dass Rishon le-Zijon selber, der allerhöchste Rabbiner, der um den Hals eine Medaille des Sultans und einen Ksiwa mit den Siegeln des türkischen Großwesirs trug, den Weisen aus Shitomir aufgefordert hatte, mit seinen Schülern in die Heilige Stadt überzusiedeln. Wie oft kam das wohl vor, dass einem aschkenasischen Rabbiner solch eine hohe Ehre zuteil wurde?
Es wurde unter den Juden viel darüber diskutiert, zu welcher Kategorie von Weisen Raw Schefarewitsch hinzuzurechnen sei: Ob er ein gaon war, also einer der großen Religionslehrer, oder ein lamed-wownik, das heißt einer jener 36 Gerechten, die es auf der Welt immerzu geben muss, weil Gott nur ihretwegen unsere sündige Erde nicht vernichtet. Sollte es nur ein einziges Mal auch nur einen einzigen lamed-wownik weniger auf der Erde geben – Schluss, aus, Ende. Wegen fünfunddreißig Gerechten würde ER das nicht länger mit ansehen wollen.
Als im vergangenen Jahr Raw Schefarewitsch an Mumps erkrankte (jeder weiß ja, wie gefährlich diese Krankheit für einen nicht mehr ganz jungen Menschen ist), war Schmulik der Schreck in die Glieder gefahren: Gebe Gott, dass der Lehrer nicht stirbt, sonst haben wir am Ende keinen neuen lamed-wownik, und was dann? Aber der Raw kriegte noch mal die Kurve und blieb am Leben, er wurde bloß noch grimmiger.
Der große Schefarewitsch war ein ganz besonderer Mensch. Wie man weiß, wird ja bei der Geburt in jede Seele ein Funken Gottes hineingelegt, aber bei ihm war es nicht bloß ein Funken, auch nicht eine Kerze, sondern eine Fackel, ein ganzes Lagerfeuer - es wurde einem schon ganz heiß, wenn man bloß neben ihm stand. Ungefährlich war es auch nicht, man konnte sich leicht mal die Finger verbrennen. Deshalb hatte der Raw in Shitomir viele Feinde gehabt, und auch in Jeruschalajim gab es schon einige, die ihn schief ansahen, obwohl sie doch erst vor einem Monat hier angekommen waren. Man sagte, er sei zu jähzornig.
Na ja, ganz falsch war das nicht. Er war ein strenger Lehrer. Wenn er ins Klassenzimmer kam und sah, dass einer sich noch nicht das Gesicht gewaschen hatte und bloß so dasaß und verschlafen in die Gegend guckte, dann gab es »och un wej«, das heißt »ach« und »weh«, oder, biblisch ausgedrückt, Heulen und Zähneknirschen.
Deshalb legte Schmulik jetzt, immer noch die Augen vor der Sonne zukneifend, seinen Gebetsschal an, strich sich die langen Haare glatt und las ein Gebet über das Erwachen aus dem Schlafe: »Ich danke Dir, König von allem was lebt und was ist, dass Du in Deiner unendlichen Gnade mir meine Seele gegeben hast.«
Dann wusch er sich die Hände mit Wasser (jede dreimal, wie vorgeschrieben) und sprach das Gebet der Waschung.
Schließlich suchte er den Abtritt auf und dankte dabei dem König des Universums, dass ER den Menschen so füglich erschaffen und seinen Körper mit allen notwendigen Öffnungen und Höhlungen im Innern versehen hatte.
Drei Gebete später - für das Heil der Seele, für die Bekömmlichkeit des Frühstücks (so ein Frühstück wünscht man seinen Feinden: ein Becher mit heißem Wasser und ein halbes Fladenbrot) und für gutes Lernen - setzte Schmulik sich mit den anderen Jeschiwa-Schülern an seinen Platz und vertiefte sich in die Gemara.
Die Nachbarn gebärdeten sich ziemlich geräuschvoll, man könnte auch sagen, sie veranstalteten einen rechten Radau: Der eine las laut seinen Text, ein anderer wackelte mit dem Kopf und wiegte sich vor und zurück, einige fuchtelten ungestüm mit den Händen; aber Schmulik sah und hörte nichts von dem, was um ihn herum vorging. Es gibt wohl keine spannendere Beschäftigung auf der Welt, als Buchstabenverbindungen in ein Heft zu schreiben und kabbalistische Berechnungen anzustellen. Die Zeit hört einfach auf zu existieren, sie erstarrt in Ehrfurcht: Gleich, jetzt gleich rührt Schmulik an das Geheimnis, und schon ist die Welt nicht mehr wie früher. Das kann immer und jederzeit geschehen, in jedem Augenblick!
Ein Geräusch brachte den künftigen Erretter der Menschheit in die schnöde Wirklichkeit zurück. Es war das Knurren im Magen seines Nachbarn Mendel, den man den Balabess Mendel nannte. Balabess oder Balbess heißen die jungen Ehemänner, die bis zum Erreichen der Reife in der Familie der Frau leben und speisen. Mendel war gerade erst vierzehn geworden, er hatte also noch reichlich Zeit zum Reifen.
Früher hatte rechts von Schmulik Michl der Bulle gesessen, dessen Name jetzt nicht mehr laut ausgesprochen werden durfte. Aber die Gedanken kann man nicht verbieten, und Schmulik dachte oft an den armen Bullen. Wo mochte er jetzt wohl sein?
Ja, so kann es einem ergehen. Da lebt ein Mensch ahnungslos vor sich hin, und wenn er auch nicht besonders helle ist und ein bisschen grob geschnitzt wie der Michl, so ist er doch ein Jude, und dann trifft ihn aus heiterem Himmel das Schicksal in Gestalt eines nacktbeinigen Hokuspokusmachers und das war ’s, aus ist es mit dem Juden. Ein entsetzliches Los.
In Mendels Wanst brummte es wieder, und Schmuliks Bauch antwortete mitfühlend.
Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt schon überschritten. Zeit zum Mittagessen.
Gleich nach der Ankunft in der Stadt Jeruschalajim, sie möge ewig bestehen, wurde jedem Jeschiwa-Schüler eine Liste ausgehändigt, in der verzeichnet stand, von welcher der ansässigen Familien er am Montag, Dienstag, Mittwoch und so weiter verköstigt werden sollte. Dabei konnte man Glück haben – oder eben nicht. Kein Tag war wie der andere. Geriet man an eine arme Familie oder an eine, wo man den Daumen auf den Beutel hielt, dann hieß es eben hungern. Hatte man eine gastfreundliche und mitleidige erwischt, wurde man satt und rund gefüttert.
Für Schmulik war heute Madame Perlowa an der Reihe. Das war einerseits gut, andererseits schlecht. Gut war es, weil das Essen bei der Witwe besser war als bei jedem Passahmahclass="underline" Fleisch und Fisch gab es da, und sogar gefüllte Cremetörtchen (Lob und Dank sei dem Herrn, der so ein Wunder geschaffen hat). Schlecht war’s, weil sie sich immer dazusetzte, ihn mit ihren feuchten Kuhaugen anstarrte und ihm die Schulter streichelte oder ihm manchmal sogar über die Wange strich. Das war Schmulik ungeheuer peinlich, dabei konnte ihm sogar das Eclair im Halse stecken bleiben.
Madame Perlowa war, wie andere reiche Witwen auch, in die Stadt Jeruschalajim gekommen, möge sie ewig bestehen, um nahe dem Friedhof auf dem Ölberg zu sterben. Sie hatte auch bereits eine Grabstelle in allerbester Lage erworben. Aber ihre körperliche Konstitution reichte noch für mindestens fünfzig Jahre, also musste sie sich darum kümmern, wie sie die sinnvoll verbringen konnte. Für gewöhnlich wird ja der Frau dafür, dass sie ihren Gatten bekocht und umsorgt, in der anderen Welt genau die Hälfte der von ihm verdienten Seligkeit zuteil. So gesehen war von dem verstorbenen Herrn Per-low nicht allzu viel zu erhoffen, denn er war Börsenmakler gewesen. Für das weltliche Wohl der Frau hatte er gesorgt, das ja, aber was das Danach anging – o weh. Das Interesse der Witwe an Schmulik Mamser war also nur allzu verständlich, denn es war schon absehbar, dass aus ihm mal ein großer Gelehrter würde, wenn nicht mehr.