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Pelagia und der rote Hahn

Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:

Als ebenso kluge wie charmante Begleiterin ist Schwester Pelagia ihrem Bischof Mitrofani unentbehrlich geworden, und so begleitet sie ihn auf einer Schiffsreise von Moskau nach Zarinin. Schon bald werden ihre kriminalistischen Fähigkeiten auf eine erneute Probe gestellt: Ein Passagier wird nachts in seiner Kabine im Schlaf überrascht und umgebracht. Es handelt sich um den Anführer einer zum Judentum konvertierten Gruppe orthodoxer Russen, die auf dem Weg nach Jerusalem ist, ins Heilige Land. Diese Gruppe hatte dem Ermordeten nicht nur ihre gesamte Reisekasse anvertraut, sondern ihn auch als ihren »Messias« verehrt. Doch seinen bürgerlichen Namen und seine Herkunft scheint niemand auf dem Schiff zu kennen. So steuert man den nächsten Hafen an, wo Sergej Sergejewitsch Dolinin, ein hoher Beamter des russischen Innenministeriums, bereits auf Pelagia wartet, um mit ihr die Ermittlungen aufzunehmen. Er hat den Geburtsort des »Messias« in Erfahrung gebracht, und so machen sich die beiden zu diesem im Ural gelegenen Ort auf. Dort angekommen, finden sie schnell den eigentlichen Namen des Opfers heraus: Pjotr Scheluchin. Dolinin scheint sich mit dieser Auskunft zu begnügen und reist zurück nach St. Petersburg. Doch Pelagia kann sich damit nicht zufrieden geben: Die neugierige Nonne setzt ihre Nachforschungen fort – und wird selbst zur Gejagten, als man zum ersten Mal versucht, sie umzubringen. Der Mörder heftet sich fortan an ihre Fersen und zwingt sie zu einer weiten Reise, die sie bis nach Jerusalem führt . . .
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Während der fünfzehn Jahre seines Lebens hatte Schmulik insgesamt dreimal Gelegenheit gehabt, in einem richtigen Bett zu schlafen: zweimal, als er krank war, und dann noch ein Mal zur Feier seiner Bar-Mizwa. Ansonsten schlief er immer auf dem Fußboden oder teilte sich ein Lager mit drei, vier anderen, und das, sage ich Ihnen, ist noch schlimmer als auf dem Fußboden, deshalb kann man das nicht mitzählen. So war es im Shitomirer Cheder gewesen und später in der dortigen Jeschiwa, und so war es auch jetzt hier, in der Heiligen Stadt Jeruschalajim, möge sie ewig bestehen.

Aber was kann man verlangen, wenn jemand nicht Vater noch Mutter hat, nicht einmal irgendeine lumpige Tante um drei Ecken. Schmulik hatte das Licht der Welt nicht in einem Geburtshaus erblickt wie normale Kinder, sondern am Eingang zur Synagoge, in ein Stück Laken gewickelt. Zuerst hatte man Zweifel, ob er überhaupt ein Jude sei – vielleicht wollte ihnen ja bloß eine schamlose Schickse ihr Gör untergeschieben, weil sie dachte, es bekäme bei den Juden besser zu essen. Die Honoratioren der Gemeinde kamen zusammen und gingen lange mit sich zu Rate, grübelten und diskutierten, ob man das elternlose Balg nicht einfach in ein russisches Waisenhaus geben sollte. Jedoch Rabbi Schepetowker, die Erde möge ihm ein Federbett sein, sagte: »Es ist besser, einen Russen als Juden zu erziehen, als ein jüdisches Kind zugrunde zu richten, indem wir es in ein Heim zu den Gojim geben!« Und so wurde Schmulik beschnitten und Gottes auserwähltem Volke hinzugefügt. (Das schiere Grauen packt einen, wenn man daran denkt, dass es auch ganz anders hätte kommen können.) Hinzugefügt wurde er also, schön und gut, aber niemand brachte so viel Großzügigkeit auf, dem Beamten drei Rubelchen zuzustecken, damit er dem Kind auch einen hübschen Familiennamen gab, Sinaiski zum Beispiel, oder Jordanski; man hatte nicht mal einen Rubel übrig, damit er wenigstens kurz und schlicht Chajkin oder Riwkin oder irgend so etwas in der Art eintrug. Also war der Beamte natürlich sauer. Die anderen Schreiber machten sich ja auch schon mal einen Scherz mit so einem armen Namenlosen; der hieß dann auf einmal »Nachtigall« oder »Pfirsich«, oder, wenn die Nase besonders groß ausgefallen war, »Nasig«. Aber dieser verfluchte Goj verstand wohl unglücklicherweise etwas Jiddisch und verpasste dem bedauernswerten Schmulik in seiner ganzen Boshaftigkeit den schlimmsten Namen, den man sich vorstellen kann, nämlich »Mamser«, was bedeutet ein Unehelicher, ein Bastard, oder ein Schlawiner. Mit so einem Namen kriegt man natürlich nie eine Frau und wird nie ein ehrwürdiger Rabbi. Wo hat man schon mal ein Mädchen gesehen, das »Madame Bastard« heißen wollte? Und »Rabbi Schlawiner«, wie klingt das?«

Jetzt fragt man sich natürlich, ob dieser hundsgemeine Beamte erreicht hat, was er wollte, ob er dem Schmulik das Leben ruiniert hat?

Tja, von wegen!

Stattdessen hatte der beschämende Name dem Jungen von klein auf einen großen, fast unerreichbaren Traum eingegeben: Er wollte irgendwann ins Gelobte Land gehen, wo man Familiennamen überhaupt nicht braucht, weil dort nämlich jeder Jude direkt unter Gottes Augen wandelt, und ER weiß schon, wer wer ist.

Schmulik hatte immer gelernt – solange er denken konnte. Alle jüdischen Jungen lernen gern, aber so einen emsigen Büffeler wie ihn fand man in ganz Shitomir kein zweites Mal, wo doch, nebenbei bemerkt, immerhin fünfundzwanzigtausend Juden leben, darunter nicht wenige Knaben, die von der Gelehrsamkeit befallen sind.

Bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr hatte Schmulik die fünf Bücher Mose von vorn bis hinten auswendig gelernt. Und zwar nicht bloß irgendwie auswendig, sondern »auf Nadel«. Jemand, der die Heilige Schrift auf diese Art und Weise kennt, nimmt eine Nadel, sticht sie in einen beliebigen Buchstaben und sagt Ihnen sofort, welche Worte die Nadel auf den nachfolgenden Seiten durchbohrt.

Als Schmulik es darin zur Vollkommenheit gebracht hatte, nahm er sich die Kommentare zur Thora vor, büffelte Wort für Wort alle 613 Gesetze, die den 613 Teilen der Seele entsprechen: die 248 der oberen Sphäre und die 365 der unteren. Auch die Artikel Edut, in denen die geschichtlichen Ereignisse angeführt werden, eignete er sich in allen Einzelheiten an, sowie die leicht zu verstehenden Gesetze der Mischna und sogar die über den menschlichen Verstand gehenden Gebote Chukim.

An Belesenheit hinreichend gereift, drang er in die Labyrinthe des Talmud vor. Jetzt büffelte er nicht mehr blindlings drauflos, sondern hielt die Schneide seines Verstandes scharf geschliffen, denn in den komplizierten Verzweigungen des Buches »Sohar« liegen unbeschreibliche Schätze verborgen, und wie man weiß, kann ein Mann, der die Gabe besitzt, den geheimen Sinn des Buchstabens zu durchdringen, in diesem Buche die Chiffren zu den großen Geheimnissen und Wundern finden, und er kann dadurch sogar zum Beherrscher des Universums werden. In der Kombination der Buchstaben, die den Namen Gottes bilden, in der heiligen Zahl 26, dem Äquivalent zu Adonaj, den vier Buchstaben JHWH, liegt der Schlüssel zu dem geheimen Wissen verborgen, das vielen Generationen von Talmudisten keine Ruhe ließ. Die anderen Jeschiwa-Schüler sagten wie die Papageien 26 Mal irgendein beliebiges Gebet auf, mal das eine, mal das andere; oder sie schlugen 26 Mal den Kopf gegen die Klagemauer oder umschritten 26 Mal den Berg Meron, wo der große Shimon ben Jochaj begraben liegt, der Autor des Sohar. Schmulik jedoch spürte, dass all dies purer Unsinn war, dass man mit stumpfsinnigen Wiederholungen gar nichts erreichte. Sein Herz sagte ihm, dass alles unermesslich viel schwieriger und gleichzeitig sehr viel einfacher war. Eines Tages bei Sonnenuntergang (er wusste ganz gewiss, dass es bei Sonnenuntergang geschehen musste) würde sich die Wahrheit in all ihrer wunderbaren Einfachheit ganz von selbst vor ihm auftun, und er würde das Unaussprechliche aussprechen, das Unhörbare hören und das Unsichtbare sehen können. Gott würde ihn zu Seinem Weltenbauer ernennen, denn in SEINER allerfassenden Weisheit wusste ER: Auf Schmulik Mamser kann ER vertrauen, der Schmulik wird der Menschheit nichts Böses tun.

Darauf können Sie sich verlassen: Würde Schmulik zum Beherrscher des Universums, er würde darin alles aufs Beste einrichten. Es gäbe keine Kriege mehr, weil man sich doch immer irgendwie einigen kann, und kein Mensch würde einem anderen mehr ein Leid zufügen, denn wenn die Menschen gut miteinander auskommen, dann leben sie halt miteinander, und wenn nicht, können sie ja getrennte Wege gehen, es gibt doch genug Platz auf der Erde. Und alle Gojim fingen an, die Gebote der Thora zu befolgen! Zuerst nur die obligatorischen, die Halacha genannt werden, und später auch die nicht verpflichtenden, die der Mischna. Nicht lange, und alle, alle Menschen wären Juden, und Schmulik wäre der größte von allen, noch größer als die Propheten Moses und Elias. Um die Sache beim Namen zu nennen, er wäre der Messias, der die Welt errettet und mit Gott versöhnt.

Übrigens war Schmulik ohne fremde Hilfe, nur mit seinem eigenen Verstand zu dieser großartigen Erkenntnis gekommen, und er hatte Raw Schefarewitsch, Gott behüte, seinen Geistesblitz nicht offenbart: Der Messias steigt nicht vom Himmel herab; der Messias wird derjenige sein, der den Namen Gottes entziffert und nicht fürchtet, ihn laut auszusprechen, der die Verantwortung auf sich nimmt für alles, was auf der Erde geschieht. Und dann wird eines Morgens die Sonne nicht mehr hinter den Bergen zum Vorschein kommen, weil sie keinen Grund mehr hat, die Erde auszudörren. Denn der Mensch hat seine Aufgabe zu Ende geführt, und Asche wird zu Asche, und der Geist kehrt zurück zu Gott. Und alles dank Schmuel aus Shitomir, der irgendwann einmal Mamser hieß.

Unter den Schülern des großen Raw Schefarewitsch – alle kurzsichtig, mit krummem Rücken und ewig laufender Nase – war er nicht der Einzige, in dem das Feuer jenes himmlischen Ehrgeizes brannte, der nicht im Entferntesten mit den jämmerlichen Träumen der Gojim von Karriere und Reichtum zu vergleichen ist. Doch Schmuliks Flamme brannte am hellsten, denn er war ein illuj. Madame Perlowa, die ihr ganzes Leben in Kiew verbracht hatte und kein Wort Hebräisch verstand, nannte ihn auf Russisch einen ›genialen Jungen«, was, unter uns gesagt, auch nicht so schlecht klingt. Irgendwann hatte sie ihn wohl auch mal einen »Mozart des Talmud« genannt, aber als Schmulik dann herausfand, dass dieser Mozart ein Musiker gewesen war, fühlte er sich doch etwas gekränkt. Kann man etwa die große Kunst der Kabbala mit dem Fiedeln auf einer Geige vergleichen! Andererseits, was kann man schon von einer Frau erwarten, die nicht einmal das einfachste Gebet auf Hebräisch aufsagen kann!?

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