Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
»Er sprach von der Jesreelebene, von der alten Stadt Megiddo und irgendwelchen Sadduzäern.«
»Megiddo?«, fragte die Schickse, und ihre Augen weiteten sich erschrocken. »O Gott! Wo ist das, wie kommt man dort hin?«
Sie zog ein kleines Büchlein aus ihrer Reisetasche. Darin lag ein zusammengefaltetes Blatt mit einer Landkarte.
Schmulik wollte der Schickse gerade erklären, dass der Weg in die Jesreelebene weit und beschwerlich sei, dass Immanuel sowieso nicht dort ankommen würde, weil man nicht allein dort hingehen könne, denn da sei alles voller Räuber, und eine europäische Frau dürfe sich in so einer wilden Gegend schon gar nicht blicken lassen.
Das wollte er sagen, aber er kam nicht dazu, weil er sich auf einmal unwillkürlich umdrehte und zu Eis erstarrte. Der verdammte Litwak, der vorhin auf der Straße so geglotzt hatte, war ihm nachgeschlichen und lugte jetzt um die Ecke. Schrecklich, sich vorzustellen, was er Rab Schefarewitsch für Lügen erzählen würde. Ihm blieb nur die eine Hoffnung: dass er nicht wusste, zu welcher Jeschiwa dieser Schüler gehörte, der so gerne mit Schicksen plauderte.
Und Schmulik sauste Hals über Kopf um die nächste Ecke davon, tauchte in einen tiefen Türeingang ab und stand mucksmäuschenstill.
Absätze klackerten vorbei – das war die Schickse. Kurz danach folgten weiche, schleichende Schritte, die sich in dieselbe Richtung bewegten.
Dank sei dem Allmächtigen. Die Gefahr ist vorüber.
Das Leben in einem arabischen Harem, von innen betrachtet
Megiddo? Sadduzäer?
Polina Andrejewna lief eilig durch die enge Gasse. Das Echo ihrer Schritte hallte von den Wänden wider, die hier kaum einen Klafter weit auseinander standen.
Der Junge hatte die Zionisten als Sadduzäer bezeichnet. Gewisse Gemeinsamkeiten gab es da tatsächlich. Diese wie jene propagierten die Freiheit des Willens und behaupteten, das Schicksal liege in des Menschen eigenen Händen. Auch das pummelige Mädchen auf der »Stör« hatte von der Jesreelebene und der Stadt des Glücks gesprochen, die man in der Nähe des antiken Megiddo errichten wolle.
Oh, wie furchtbar! Oh, wie entsetzlich!
Und es waren schon zwei Wochen verstrichen!
Ihr Entschluss fiel augenblicklich, sie zögerte nicht eine Sekunde. Wie gut, dass sie die Idee gehabt hatte, eine Reisetasche mit dem Notwendigsten mitzunehmen, für alle Fälle: etwas Wäsche, einen zusammenklappbaren Sonnenschirm und diverse für eine Dame unverzichtbare Utensilien. Sie brauchte also nicht zurück ins Hotel.
In dem Reisehandbuch für Pilger gab es außer einer Karte des Heiligen Landes auch einen Stadtplan von Jerusalem. Hier war das jüdische Viertel, im unteren Teil der Altstadt. Sie musste nur immer weiter geradeaus gehen – zuerst durch den christlichen Teil, dann durch den moslemischen – so kam sie zum Damaskus-Tor.
Aber diese verflixte Gasse wollte partout nicht gerade bleiben! Mal krümmte sie sich zur einen, mal zur anderen Seite, sodass Frau Lissizyna sehr bald jede Vorstellung von Himmelsrichtung verloren hatte. Die Sonne konnte sie auch nicht sehen, denn die Obergeschosse der Häuser, die mit ihren engen Holzgittern aussahen wie Hühnerställe, neigten sich so dicht gegeneinander, dass sie beinahe zusammenstießen.
Unentschlossen blieb die Nonne stehen. Nirgends war ein Mensch zu sehen, den sie nach dem Weg hätte fragen können. Vielleicht schaute ja jemand aus dem Fenster?
Sie sah nach oben – und gerade noch rechtzeitig. Aus einem geöffneten Gitter kamen zwei Frauenhände zum Vorschein, die eine Schüssel hielten, und aus der Schüssel ergoss sich ein silberglänzender Strahl Seifenwasser auf Polina Andrejewna herab.
Im letzten Moment rettete sie sich mit einem großen Satz in eine Mauerspalte und tat noch einen Extrahüpfer, damit die hochspringenden Spritzer sie nicht erwischten.
Da sie sich sowieso verlaufen hatte, wäre es sinnlos gewesen umzukehren, und so ging sie einfach geradeaus weiter. Allerdings, aus Erfahrung klug geworden, schaute sie jetzt immer wieder ängstlich nach oben. Den Spuren nach zu urteilen, die allenthalben zu beobachten waren, schüttete man in dieser Gegend auch weniger harmlose Abfälle als Seifenwasser aus dem Fenster.
Nur möglichst schnell wieder heraus aus diesem Gassengewirr auf eine normale Straße!
Die Gasse führte zu einem Kloster, und von da ab wurde es leichter. Pelagia folgte der Klostermauer und kam zu einem kleinen Platz. Dort fragte sie den erstbesten Passanten, der europäische Kleidung trug, wie man zum Damaskus-Tor käme.
Und Salachs Haus zu finden war dann wirklich ganz einfach.
Die Nonne blieb neben einem arabischen Straßencafe stehen, sagte »Salach« und tat, als halte sie Zügel. Man verstand sie ausgezeichnet und antwortete in derselben Sprache: geradeaus, dann nach rechts, da siehst du eine Tür (ein in die Luft gezeichneter Halbkreis und mit der Hand »Tock-tock-tock«).
Auf ihr Klopfen hin öffnete der Hausherr selbst, von dem sie sich vor weniger als drei Stunden verabschiedet hatte.
»Sie werden sich bestimmt wundern«, sagte die Besucherin, noch ganz außer Atem. »Aber ich habe ein Anliegen an Sie.«
Als Salach seinen Fahrgast plötzlich wieder vor sich sah, riss er erst einmal erstaunt seine brauen, etwas vorstehenden Augen auf. Als er dann aber begriffen hatte, was sie von ihm wollte, winkte er erschrocken ab.
»Nein! Unmöglich! Unmöglich Anliegen! Kommst du Besuch – gern willkommen. Kaffee trinken, Pachlawa essen, später reden Anliegen.«
Pelagia wollte sagen, dass ihr Anliegen keinen Aufschub dulde, aber dann erinnerte sie sich daran, dass die Orientalen mit ihrer Etikette sehr empfindlich waren, und fügte sich. Schließlich, was konnten jetzt ein paar Minuten mehr oder weniger noch ändern, und sie kannte in Jerusalem sowieso keinen anderen Kutscher.
Von außen machte Salachs Haus keinen sehr einnehmenden Eindruck: bröckelndes Mauerwerk, Müll lag vor der Tür herum. Polina Andrejewna bereitete sich darauf vor, einem bedrückenden Anblick von Armut und Verwahrlosung zu begegnen. Doch im Inneren erwartete den Gast eine Überraschung.
Das Haus bildete ein geschlossenes Viereck mit einem offenen Hof in der Mitte. Die Innenwände des Gebäudes strahlten in hellem Weiß, und mitten im Hof erhob sich unter einem Baldachin ein ausgesprochen gemütliches Podest, das ganz mit Teppichen ausgelegt war.
Pelagia erinnerte sich an einen Reisebericht, den sie kürzlich gelesen hatte: Die orientalische Behausung, hieß es da, lege im Unterschied zur europäischen keinen großen Wert auf den äußeren Anschein, sondern eher auf die Bequemlichkeit im Inneren. Das sei der Grund, warum die Orientalen so phlegmatisch und wenig wissbegierig seien – ihre Lebenswelt ist ihr Wohnraum. Europäer hingegen fühlten sich unter ihrem eigenen Dach nicht wohl, deshalb streiften sie in der ganzen Welt umher, erforschten und eroberten ferne Länder.
Aber der orientalische Weg ist der richtigere, dachte Polina Andrejewna plötzlich und ließ sich wohlig auf die weichen Kissen sinken. Wenn das Leben die Suche nach sich selbst ist, warum muss man dann erst ans Ende der Welt rennen? Bleib zu Hause, trink Kaffee mit leckerem Honiggebäck dazu und widme dich deiner inneren Welt.
Eine dicke Frau mit eindrucksvollem Bartwuchs auf der Oberlippe stellte eine Schale voller kandierter Früchte auf dem Teppich ab und goss Kaffee ein.
Salach wechselte auf Arabisch einige Sätze mit ihr, dann stellte er sie vor:
»Fatima, Ehefrau.«
Fatima kam nicht auf das Podest, sondern hockte sich daneben auf die Fersen nieder. Die Kaffeekanne behielt sie in der Hand, und immer, wenn der Gast auch nur für einen Augenblick die Tasse sinken ließ, goss sie nach.
Nachdem Pelagia solcherart volle fünf Minuten für die Etikette aufgewendet hatte (schönes Haus, wunderbarer Kaffee, nette Ehefrau), kam sie auf den Zweck ihres Besuchs zu sprechen: Sie müsse nach Megiddo. Was das koste.