Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
War es zu verwundern, dass der Lehrer außer sich geriet?
»Juden!«, rief er und schüttelte die Fäuste. »Steinigt den Frevler!«
Aber kaum einer der Anwesenden hob einen Stein auf, und wenn es einer tat, dann mehr zum Schein. War das etwa ernst gemeint – sie sollten einen Stein auf einen lebenden Menschen werfen?
Nur Michl der Bulle warf, der unbegabteste aller Schüler, den der Rab nur deshalb in seiner Jeschiwa duldete, damit er allerlei schwere Arbeit für ihn verrichtete. Michl war doppelt so breit wie die anderen Jeschiwa-Schüler und viermal so stark. Alle fürchteten seinen Zorn und sein gewalttätiges Wesen. Schmulik hatte einmal gesehen, wie der Bulle einen Straßenköter am Schwanz gepackt und seinen Kopf an einer Wand zerschmettert hatte. Dabei hatte ihn der Hund gar nicht gebissen, nicht einmal angebellt – er hatte einfach mitten auf dem Weg gelegen, wie es die Hunde gern tun.
Der Stein traf den Sitzenden an der Brust. Der wankte kurz, hielt sich die verletzte Stelle mit der Hand und erhob sich rasch.
Michl hob den nächsten Stein auf, aber da schaute Immanuel seinem Widersacher fest in die Augen und sagte ganz schnell einige sehr seltsame Worte. »Junge«, rief er klagend, »du tust mir weh. So, wie man deinem Vater wehgetan hat, als man ihn umbrachte.«
Der Bulle ließ den Stein fallen und wurde weiß wie eine Wand. Nie im Leben hätte Schmulik geglaubt, dass das flache, kupferfarbene Gesicht Michls so weiß werden könnte.
Aber das war ja auch ein Ding! Woher wusste der fremde Mann, dass Michls Vater bei einem Pogrom in Poltawa von der »Leibgarde Christi« erschlagen worden war?
Da besann sich auch Raw Schefarewitsch. Er gab den anderen ein Zeichen, dass auch sie ihre Steine fallen ließen.
»Du behauptest also, du seiest ein Jude?«, fragte er.
»Natürlich«, brummte der wundersame Vagabund und zog den Kragen seines Kittels nach unten. Auf der knochigen Brust sah man eine hässliche Beule, die sich schnell blau und weinrot zu färben begann.
Da sagte der Lehrer unheilvolclass="underline"
»Ausgezeichnet. Genech, gej-no mit mir!«
Und schnellen Schrittes begab er sich zum Machkame-Palast, der sich in der Nähe der Klagemauer befand. Genech, ein ortsansässiger Schüler, der Arabisch und Türkisch konnte, stürzte hinter ihm her.
Schmulik wusste sofort, wohin der Raw eilte und was er dort wollte. Im Machkame befanden sich das städtische Gericht und die Zabtiye, die türkische Polizei. Nach dem Gesetz unterstanden alle Juden dem Rat der Rabbiner, und wenn ein Mitglied des Rates befahl, einen Juden ins Gefängnis zu werfen, musste der Befehl ausgeführt werden.
Aber Immanuel wusste das anscheinend nicht, und deshalb beunruhigte er sich nicht im Geringsten. Und niemand von den anwesenden Juden warnte ihn.
Der Bulle fragte mit heiserer Stimme:
»Woher weißt du das von meinem Vater?«
Der Vagabund antwortete: »Das hab ich gelesen.«
»Wo denn gelesen? In der Zeitung? Das ist doch schon sieben Jahre her!«
»Nicht in der Zeitung«, sagte Immanuel, »sondern in einem Buch.«
»In was für einem Buch denn?«
»In dem da«, erklärte der Zerlumpte mit ernster Miene und zeigte auf Michls Stirn. »Ich kann in einem Gesicht lesen wie andere Menschen in einem Buch. Es ist sehr einfach, man muss nur die Buchstaben kennen. Das Gesicht hat nicht siebenunddreißig Buchstaben wie das russische Alphabet, auch nicht zweiundzwanzig wie das lateinische, sondern insgesamt sechzehn. In einem Gesicht zu lesen ist noch viel interessanter als in einem Buch – es erzählt dir viel mehr und betrügt dich niemals.«
Und da sagte der Bulle plötzlich das Gebet auf, das man sprechen muss, wenn man ein himmlisches Wunder erschaut oder wenn einem das Glück zuteil wird, einem bedeutenden Menschen zu begegnen: »Baruch ata Adonaj Elohejnu melech ha-olam, sche-kacha lo be-olamo« — »Gesegnet seiest du, Herr unser Gott, der Herrscher des Universums, in dessen Welt es dieses gibt.«
Dass der Michl ganz von selbst ein Gebet aufsagte, ohne dass ihn jemand dazu zwang! Unglaublich!
Als er mit seinem Gebet zu Ende war, sagte der Bulle:
»Sie müssen gehen, Rebbe. Gleich wird die Polizei kommen, dann wird man Sie verprügeln und ins Gefängnis werfen.«
Immanuel sah sich besorgt nach dem großen Haus um, in dem Raw Schefarewitsch verschwunden war. »Ach«, sagte er, »ach, ich gehe gleich. Gehe gleich ganz weg.« Und den um ihn Herumstehenden erklärte er vertraulich, dass er bisher in Jerusalem noch nichts zu tun habe. Die Pharisäer habe er sich schon angesehen, und jetzt wolle er sich die Sadduzäer ansehen. Man habe ihm nämlich erzählt, dass die Sadduzäer sich in der Jesreelebene angesiedelt hätten, dort, wo einmal die Stadt Megiddo war.
Dann schürzte er sein Gewand und eilte von dannen.
Michl lief ihm nach und fasste ihn an der Schulter.
»Rebbe, ich komme mit Ihnen! Der Weg nach Megiddo ist weit, und dort gibt es überall Räuber, allein sind Sie verloren! Ich bin stark, ich werde Sie beschützen. Und Sie bringen mir dafür die sechzehn Buchstaben bei!«
Dabei sah er Immanuel an, als hinge von der Antwort sein ganzes Leben ab.
Doch der schüttelte den Kopf.
»Aber warum nicht?«, rief der Bulle.
»Du wirst diese Buchstaben niemals lernen«, sagte der hokuspokusmach er. »Du brauchst es nicht. Und mit mir gehen brauchst du auch nicht. Es wird mir nichts geschehen, Gott wird mich vor allem Unheil schützen. Aber er schützt nur mich, nicht die, die bei mir sind. Deshalb muss ich alleine bleiben. Und du wirst auch ohne mich ein Jude, wenn du es nur willst.«
Und damit lief er in weiten, komischen Sprüngen in Richtung Dung-Tor davon.
Keine halbe Minute später, kaum war er um die Ecke verschwunden, erschien Raw Schefarewitsch mit zwei türkischen Gendarmen.
»Wo ist er, Juden?«, rief er schon von weitem.
»Dort, dort!«, zeigte man.
Genech übersetzte den Gendarmen ins Türkische: »Dort, dort«, und die Türken liefen, den Ruhestörer einzufangen.
Aber schon wenig später kamen sie stöhnend und hinkend wieder zurück. Der eine hielt sich den Kopf, der andere spuckte Blut und Zähne.
Die Juden trauten ihren Augen nicht: Hatte jener ausgemergelte Vagabund etwa diese beiden robusten Kerle so zugerichtet?
Die Polizisten redeten wirr durcheinander. Angeblich hatten sie den Landstreicher schon fast eingeholt, gerade war er vor ihrer Nase in eine dunkle Seitengasse geschlüpft, sie waren sofort hinterhergerannt, und da geschah plötzlich etwas ganz Furchtbares. Eine satanische Macht packte den einen von ihnen am Kragen und klatschte ihn mit Schwung gegen die Wand, sodass er bewusstlos zu Boden fiel. Der Zweite hatte nicht einmal Zeit, sich umzudrehen, da geschah ihm dasselbe. »Schajtan, Schajtan!«, riefen die erschrockenen Muschkoten. Raw Schefarewitsch zischte: »Ha-Satan!« und spuckte aus.
Dieser hokuspokusmach er war ein durchtriebener Bursche, das hätte man ihm dem Aussehen nach gar nicht zugetraut.
Am Abend desselben Tages ging Michl der Bulle fort. Wie hätte er auch bleiben können, nach dem, was an der Klagemauer geschehen war?
Zum Abschied sagte er: »Ich gehe fort, ich ziehe in die Welt. Ich seh mir an, wie ’s in Afrika ist, und in Amerika.«
Er nähte sich einen blauen Streifen an sein weißes Hemd und ging fort. Rottete sich aus der Mitte seines Volkes aus . . .
Das geschah am ersten Schabbat nach dem jüdischen Passahfest. Aber der Schickse erzählte Schmulik weder von Michl dem Bullen noch von dem nacktbeinigen Zauberkünstler, der jüdische Seelen stahl, sondern er sagte nur:
»Der Mann, nach dem Sie fragten, war hier und ist wieder fortgegangen.«
»Wann?«, rief die Russin aufgeregt.
»Vor zwei Wochen.«
»Und weißt du nicht, wohin er gegangen ist?«
Schmulik zögerte, sollte er es sagen oder nicht. Doch was war schon dabei? Warum sollte er es nicht sagen?