Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
»Wissen Sie«, sagte Berditschewski schroff, »Denker gibt es viel zu viele. Was fehlt, sind Männer der Tat. Solche, die keine Angst haben, die sich nicht von Verordnungen und staatlichen Einrichtungen abschrecken lassen. Das sind Eigenschaften, die wir lernen müssen. Ich meine nicht, mit dem Brecheisen herumzufuchteln und jüdische Läden zu demolieren – das ist keine Kunst. Sagen Sie mir geradeheraus, gibt es bei Ihnen Leute, die praktische Erfahrungen haben – Angehörige der Polizei oder des Geheimdienstes? Nach Möglichkeit solche, die nicht mehr im Dienst sind, die also nicht an die Buchstaben des Gesetzes gebunden sind.«
»Was meinen Sie damit?«, fragte Sawtschuk und machte ein betretenes Gesicht.
Matwej Benzionowitsch packte den Stier bei den Hörnern:
»Mein Entschluss, zu Ihnen nach Shitomir zu reisen, geht auf ein sehr herzliches Gespräch mit einem ausgesprochen interessanten Mann zurück, der vor kurzem bei uns in Sawolshsk zu Besuch war. Es handelt sich um den entlassenen Stabsrittmeister der Gendarmerie, Bronislaw Weniaminowitsch Razewitsch . . .«
Er machte eine Pause und wartete mit stockendem Herzen auf die Wirkung seiner Worte.
Diese ließ nicht lange auf sich warten.
Das Gesicht des Jessaul verzog sich angewidert.
»Mit Razewitsch? Und was hat er Ihnen für Lügengeschichten erzählt, der Judenfreund?«
»W-warum Judenfreund?«, fragte der Staatsanwalt verdattert. »Soweit mir bekannt ist, wurde ihm doch im Gegenteil von den Juden, das heißt von den Itzigs, großer Schaden zugefügt . . . Sie haben seine Karriere zerstört und ihn in den Schuldenturm werfen lassen!«
»Und genauso schnell haben sie ihn auch wieder rausgeholt«, zischte Sawtschuk.
»Also haben ihn die Juden freigekauft?«, stammelte der Staatsrat mit versagender Stimme. Ihm wurde schwer ums Herz.
»Wer denn sonst? Dieser Pole soll um die fünfzehntausend Rubel Schulden gehabt haben. Wer außer den Juden hat so viel Geld? Die Synedristen haben sich bei ihm revanchiert, und man weiß auch wofür. Vor zwei Jahren haben unsere Jungs im Lipowezer Bezirk einen Landhauptmann hingerichtet, einen bekannten Judenfreund. Razewitsch hat die Untersuchung durch die Gendarmerie geleitet. Er hat alles ausgeschnüffelt und zwei von uns Russen ins Zwangsarbeitslager geschickt. Für diese Niederträchtigkeit hat ihm die ›Goel-Jisrael‹ sogar eine Dankesurkunde verliehen. Die haben diesen Judas aus dem Turm herausgeholt – damit er frei herumläuft und das rechtgläubige Volk zugrunde richtet. Die ›Goel-Jisrael‹ war das, niemand sonst kann es gewesen sein.«
»›Goel-Jisrael‹?«
»Ja, so heißt der Chazer von Rabbi Schefarewitsch: ein Geschwür, aus dem reinster jüdischer Eiter fließt. Ein Chazer, das ist, wenn Sie den Vergleich entschuldigen wollen, so etwas wie die bischöfliche Residenz, bloß jüdisch. Da gibt es zum Beispiel eine Synagoge und eine Jeschiwa, also eine Talmudschule. Schefarewitsch – das ist hinlänglich bekannt – ist ein aktives Mitglied des Geheimen Synedrions. Er trichtert seinen Zöglingen den Hass auf Christus und alles Russische ein. Und er lässt niemanden an seine kleinen Teufel heran. Vor allem fürchtet er, dass die russischen Frauen seine Zöglinge von ihrem Glauben abbringen könnten. Wer von denen sich mit einer Schickse einlässt, der ist für das Judentum verloren, der hat sich gewissermaßen für alle Zeit besudelt, so ist das bei denen.« Der Jessaul spuckte aus. »Die haben sich besudelt, he? Vor kurzem gab es hier mal so eine Geschichte. Ein Bauernmädchen wurde tot aus dem Fluss gezogen. Wir sind der Sache selber nachgegangen und haben herausgefunden, dass diese Schlampe mit einem Juden aus Schefarewitschs Chazer ging. Das haben die Juden spitzgekriegt, der Rabbi hat ihn zu sich zitiert und verlangt, dass er sie fortjagt. Aber er hat sich quer gestellt, er wollte partout nicht. Ich liebe sie und fertig. Also haben sie ihn nach Litauen geschickt. Und praktisch am nächsten Tag wurde das Mädchen aus dem Teterew gefischt. Es ist doch sonnenklar, dass sie ermordet wurde, und genauso klar, von wem. Aber die Judenfreunde hier in der Stadt wollten keinen Ärger. Sie wär’ aus Liebeskummer ins Wasser gegangen, hieß es. Da haben wir beschlossen, unser eigenes Gericht abzuhalten. Aber wir sind nicht mehr dazu gekommen – Schefarewitsch hat sich mit seinem ganzen Abschaum nach Jerusalem abgesetzt. Tja, so geht es bei uns zu!«
Berditschewski hatte der Geschichte von der Ermordung des russischen Mädchens zuerst mit Skepsis zugehört. Aber dann kamen ihm plötzlich Zweifel. Unter den Juden gab es nicht weniger Verrückte als in anderen Völkern, wenn nicht mehr. Wer weiß, vielleicht gab es in Shitomir tatsächlich eine Art jüdischen Savonarola? Hoffentlich lief Pelagia in Jerusalem diesem fanatischen Rabbiner nicht über den Weg. Aber sie hatten ja keinen Grund zum Streit, Gott sei Dank.
Der Geräuschpegel im Nachbarraum stieg an. Eine Stimme, die Berditschewski irgendwie bekannt vorkam, stach deutlich hervor. Unwillkürlich begann er zuzuhören.
Die Stimme klang erkältet; gerade berichtete sie näselnd:
»Ein Wichtigtuer, ein aalglatter, mit so-o-o-o ’nem Schnabel. ›Ich bin Staatsanwalt«, sacht er. ›Oberhauptrat und so wat.‹«
»Ein Jude Staatsanwalt?«, unterbrach man ihn. »Du schwindelst, Kolja!«
»Da ist ja der zwölfte von meinen Aposteln«, sagte Sawtschuk und schaute durch das Glas auf die krakeelenden »Leibgardisten«. »Er ist doch noch gekommen. Kolja ist der Leiter des Kiewer Abschnitts, er arbeitet als Träger im Hotel ›Bristol‹. He, Kolja! Komm her, ich will dir einen guten Menschen vorstellen.«
Matwej Benzionowitsch wurde es heiß und kalt. Seine schweißnasse Hand glitt in die Hosentasche und umfasste den Revolver. Sein Finger tastete nach dem klappbaren Abzug, aber der klemmte und wollte nicht klappen.
Der dicklippige Träger aus dem »Bristol« betrat das Kabinett, verbeugte sich, breitete mit den bekannten Worten »Es lebe Russland« die Arme aus. Dann hob er den Blick, sah Berditschewski an – und erstarrte.
IX
Schmulik – der Herrscher des Weltalls
Ein begehrter Bräutigam
Hätte Schmulik Mamser gewusst, dass er zum letzten Male die Sonne über der Heiligen Stadt Jerusalem, möge sie ewig währen, aufgehen sah, hätte er an diesem Morgen bestimmt freundlicher zu dem alten Himmelskörper aufgeblickt. So aber warf er nur einen mürrischen Blick auf die runde rosige Glatze, die gerade hinter dem Ölberg hervorschaute, kniff die Augen zusammen und brummte: »Explodier doch, du verdammtes Ding.« Gerade eben, vor höchstens fünf Minuten, hatte er seinen müden Schädel auf den in seinen Gebetsschal gewickelten Talmudband sinken lassen, der sich des Nachts in sein Kopfkissen verwandelte, und ratzbatz musste er schon wieder aufstehen.
Schmulik rieb sich die Seite, die vom Liegen auf dem harten Boden ganz abgestorben war, und reckte sich. Die anderen Schüler, die wie er in der Jeschiwah übernachtet hatten, machten ihre Betten, die alle ganz genauso aussahen wie Mamsers: eine dünne Unterlage und ein Buch oder ein Stofffetzen statt eines Kissens; eine Decke brauchte man im Sommer, Gott sei Dank, nicht. Die Gesichter der Jeschiwa-Schüler waren ganz zerknittert und verschlafen – nach dem Waschen würde man sie nicht wieder erkennen.