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Pelagia und der rote Hahn

Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:

Als ebenso kluge wie charmante Begleiterin ist Schwester Pelagia ihrem Bischof Mitrofani unentbehrlich geworden, und so begleitet sie ihn auf einer Schiffsreise von Moskau nach Zarinin. Schon bald werden ihre kriminalistischen Fähigkeiten auf eine erneute Probe gestellt: Ein Passagier wird nachts in seiner Kabine im Schlaf überrascht und umgebracht. Es handelt sich um den Anführer einer zum Judentum konvertierten Gruppe orthodoxer Russen, die auf dem Weg nach Jerusalem ist, ins Heilige Land. Diese Gruppe hatte dem Ermordeten nicht nur ihre gesamte Reisekasse anvertraut, sondern ihn auch als ihren »Messias« verehrt. Doch seinen bürgerlichen Namen und seine Herkunft scheint niemand auf dem Schiff zu kennen. So steuert man den nächsten Hafen an, wo Sergej Sergejewitsch Dolinin, ein hoher Beamter des russischen Innenministeriums, bereits auf Pelagia wartet, um mit ihr die Ermittlungen aufzunehmen. Er hat den Geburtsort des »Messias« in Erfahrung gebracht, und so machen sich die beiden zu diesem im Ural gelegenen Ort auf. Dort angekommen, finden sie schnell den eigentlichen Namen des Opfers heraus: Pjotr Scheluchin. Dolinin scheint sich mit dieser Auskunft zu begnügen und reist zurück nach St. Petersburg. Doch Pelagia kann sich damit nicht zufrieden geben: Die neugierige Nonne setzt ihre Nachforschungen fort – und wird selbst zur Gejagten, als man zum ersten Mal versucht, sie umzubringen. Der Mörder heftet sich fortan an ihre Fersen und zwingt sie zu einer weiten Reise, die sie bis nach Jerusalem führt . . .
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»Gar nix«, antwortete der Hausherr und schüttelte den Kopf.

»Wie, nichts?«

»Ich bin nich Verrückter. Egal Geld fahre ich nich.«

»Fünfundzwanzig Rubel«, sagte Polina Andrejewna.

»Nein.«

»Fünfzig!«

»Und wenn tausend!«, rief Salach zornig und klatschte sich mit den flachen Händen auf die Knie. »Ich fahr nich!«

»Warum denn nicht?«

Er zählte an den Fingern ab:

»Sumpffieber. Eins. Beduinenräuber. Zwei. Tscherkessenräuber. Drei. Zahl was woll‘, ich fahr nich.«

Die Nonne begriff, dass er das nicht sagte, um den Preis in die Höhe zu treiben, sondern dass es sein letztes Wort war.

Also hatte sie ihre Zeit ganz umsonst verschwendet!

Verdrossen stellte Pelagia ihre Tasse ab.

»Und vorhin hast du noch geprahlt: Ich fahre, wohin du willst.«

»Fahre ich, wohin du willst, aber nich dahin«, sagte Salach schroff.

Fatima bemerkte, dass der Gast die Kaffeetasse nicht mehr anrührte, und stellte ihrem Mann eine Frage. Der antwortete, wahrscheinlich erklärte er ihr, worum es ging.

»Und gelogen hast du auch schon wieder«, konstatierte Polina Andrejewna bitter. »Mir hast du erzählt, du hättest eine russische Frau, und den Amerikanern hast du vorgeflunkert, du hättest eine amerikanische.«

»Wer gelogen? Ich gelogen? Salach nie gelogen!«, rief der Palästinenser empört.

Er klatschte in die Hände und rief:

»Marusja! Annabelle!«

In der Türöffnung erschien eine Frau, die zwar orientalisch gekleidet war, aber solche roten Wangen und so ein stupsnasiges Gesicht hatte, dass kein Zweifel an ihrer Nationalität bestehen konnte. Um den Kopf trug sie ein arabisches Tuch, das aber nicht nach Landessitte unter dem Kinn zusammengebunden war, sondern im Nacken, nach Art der russischen Bäuerinnen.

Die Slawin klopfte sich die mehligen Hände ab und schaute Salach fragend an.

»Hierher, komm!«, befahl er und rief noch lauter: »Annabelle!«

Als keine Antwort erfolgte, stand er auf und verschwand im Haus.

Drinnen hörte man ihn rufen:

»Honey! Darling! Come out!«

»Sind Sie wirklich Russin?«, fragte Polina Andrejewna. Die rundgesichtige Frau nickte und trat näher.

»Sie sind Natascha, stimmt’s? Das hat Ihr Gatte mir erzählt.«

»Nee, ich bin Marusja«, brummte die Landsmännin in tiefem Bass, in der behäbigen Sprechweise der Bauern. »Für die Mannsbilder hier sin alle unsre Weiber Nataschas. Is bei den so Sitte.«

»Gibt es denn hier viele russische Frauen?«

»Jede Menge«, berichtete Marusja, nahm eine kandierte Frucht aus der Schale und schob sie sich zwischen die dicken Lippen. »Wer bissl im Kopp hat von die Pilgerweiber, wird doch nich von hier wech gehn. In Russland kannste bloß imma ochsen wie’n Bulle, un dein Mann is am Saufen, un im Winter frierste dir alles ab, nee. Hier is schön. Hastes warm, un frei biste, un lecker Sachen, Beeren und Früchte un alles. Un wenn de dir’n Mann findest – das reinste Paradies! Der Arab, der lässt die Pfoten vom Wodka, un zärtlich isser, und denn haste ihn auch nich alleine am Hals. Wenn drei, vier Weiber da sin, is imma besser! Stimmt’s nich, Fatimuschka?«

Sie plapperte etwas auf Arabisch, übersetzte, was sie gerade gesagt hatte.

Fatima nickte, goss sich und Marusja Kaffee ein, und beide setzten sich auf den Rand des Podests.

Aus dem Haus klangen immer noch englische Wortfetzen zu ihnen heraus.

Marusja schüttelte den Kopf.

»Anna kommt nicht raus. Sie schreibt ein Buch.«

»Wie bitte, was macht sie?« Pelagia blinzelte verdutzt. »Was für ein Buch?«

»Über das Weiberleben. Dafür hat sie ja geheiratet. Ich leb ein Jahr mit ei’m arabischen Mann, sagt sie, und danach schreib ich ein Buch, so eins hat’s noch nich gegeben. Das Buch soll heißen« – und Marusja sprach, ohne ein einziges Mal ins Stocken zu kommen: »›Laif-in-än-areibiän-harem-sien-from-in-said.‹ Das ist amerikanisch und heißt: ›Mär von den arabischen Männern.‹ Sie sagt, so ein Buch, das kauft ganz Amerika, da wird sie Millionen mit verdienen. Anna is nämlich ein studiertes Weib, und so klug is die – glaubste nich. Fast wie die Fatimka hier. Und dann, sagt sie, fahr ich nach China und heirate ein Chinesen, un da schreib ich auch ein Buch drüber: ›Mär von den chinesischen Männern‹. Die Weiber solln wissen, wie unsre Schwestern anderswo leben.«

Polina Andrejewna, die das alles hochinteressant fand, rief aus:

»Aber wie kann sie denn Weggehen? Sie ist doch verheiratet!«

»Och, das is ganz einfach. Das geht nirgends so leicht wie hier. Salascha sagt dreimaclass="underline" ›Du bist nich mehr meine Frau‹, un fertich, man kann gehen, wohin man will.«

»Und wenn er es nicht sagt?«

»Ach, der sagt das schon, ob er will oder nich. Und nich nur dreimal, sondern dreiunddreißigmal. Jedes Weib treibt einen Mann zum Wahnsinn, wenn sie es bloß will. Und drei Weiber gleichzeitig . . .«

Marusja übersetzte Fatima, was sie gesagt hatte, und die nickte.

So zu dritt zu sitzen, leckeren starken Kaffee zu trinken und über Frauendinge zu plaudern, das war für die Nonne eine ungewohnte und spannende Sache. Für kurze Zeit vergaß sie so gar ihre dringende Angelegenheit.

»Aber wie vertragt ihr euch denn alle mit einem Mann?«

»Na, prima. Fatimka allein hatte es ja ziemlich schwer mit ihm: der ganze Haushalt un die Kinder un alles. Da hat sie mich noch als Ehefrau geholt – wir haben uns auf dem Markt kennen gelernt. Sie hat gesehen, ich bin ein kräftiges Weib, kann arbeiten un bin nich schlampig.«

»Und Salach war einverstanden?«

Marusja lachte und übersetzte ihrer Kameradin die Frage. Die kicherte ebenfalls los. Sie sagte (und Marusja übersetzte ins Russische):

»Wer hat ihn denn gefragt?«

Für Polina Andrejewna war das alles schrecklich interessant.

»Und was tut die Amerikanerin bei euch?«

»Die Anna? Die lernt die Kinder und rackert sich im Bett für uns ab. Vor allem inne heiße Jahreszeit. Sie ist jung und dünn, ihr wird nicht so schnell heiß. Und für ihr Buch ist das auch gut. Wenn sie fertig is, dann geht sie, und dann nehmen wir eine andere, auch wieder eine junge. Das haben wir schon abgemacht. Vielleicht diesmal eine kleine Jüdin von hier. Die sind rührig.«

»Erlaubt denn der Islam, Jüdinnen zu heiraten?«

Marusja wunderte sich.

»Was denn, meinst du, ich hätt meinen Glauben gegen den ihrn umgetauscht? Nee, mein Spatz, das kommt ja überhaupt nich in Frage! Wie ich geborn bin, so sterbe ich auch. Und Salascha hat mich ja nich gezwungen. Der Islam is gar kein schlechter Glauben. Die Christen und Juden, die sind für die Muselmanen ›Menschen des Buches‹, also das is die Bibel. So ne zu heiraten is für die nichts Schlimmes. Verdammte Heidenweiber dürfen sie nich heiraten, aber hast du schon ma welche gesehen, solche Heidenweiber?«

Hier sagte Fatima zum ersten Mal etwas, ohne die Übersetzung abzuwarten.

»Sie fragt, warum du so dringend nach Megiddo willst?«

»Ich muss unbedingt einen Mann finden, aber Salach will nicht, er hat Angst. Nicht einmal für fünfzig Rubel.«

Die schnurrbärtige Dicke schaute die Besucherin aufmerksam an, als wolle sie sie abschätzen.

»Liebst du ihn sehr?«

Diese unerwartete Frage brachte Pelagia vollkommen durcheinander, und sie wusste nicht, wie sie es erklären sollte. Das Einfachste war eine Lüge:

»Ja . . .«

Spach’s und lief feuerrot an. Wie beschämend für eine Nonne, so zu lügen.

Aber Fatima deutete das Rotwerden auf ihre Weise.

»Sie sagt: Wenn du rot geworden bist, musst du ihn wirklich lieben.«

Die Ehefrauen redeten eine Weile auf Arabisch miteinander. Dann strich die Ältere Polina Andrejewna über die Wange und sagte ein paar Worte zu ihr.

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