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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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Unser Assistenzarzt blieb gewöhnlich bei jedem Kranken stehen, untersuchte ihn ernst und außerordentlich aufmerksam, fragte ihn aus und bestimmte dann die Arzneien und die Diät. Manchmal merkte er auch selbst, daß dem Kranken gar nichts fehlte; da aber so ein Arrestant ins Hospital gekommen war, um von der Arbeit auszuruhen und auf einer Matratze statt auf bloßen Brettern zu liegen, in einem immerhin warmen Zimmer statt des feuchten Arrestlokals, wo Mengen von blassen und abgezehrten Untersuchungsgefangenen zusammengepfercht sind (bei uns in Rußland sind die Untersuchungsgefangenen fast immer blaß und abgezehrt – ein Beweis dafür, daß sie körperlich und seelisch viel mehr zu leiden haben als die verurteilten Verbrecher), so schrieb unser Assistenzarzt in solchen Fällen ruhig ein »febris catarrhalis« in die Liste und ließ den Scheinkranken zuweilen eine ganze Woche liegen. Über dieses »febris catarrhalis« lachten wir alle. Wir wußten sehr gut, daß es eine im gegenseitigen Einverständnis zwischen dem Arzt und den Kranken angenommene Formel zur Bezeichnung einer simulierten Krankheit war; die Arrestanten selbst übersetzten das »febris catarrhalis« mit »Reserve-Leibschmerzen«. Manchmal mißbrauchte so ein Kranker das Mitleid des Arztes und blieb so lange liegen, bis er mit Gewalt hinausgeworfen wurde. Dann mußte man unsern Assistenzarzt sehen: er schien sich zu schämen, dem Kranken geradeaus zu sagen, daß er schneller gesund werden und um seine Entlassung aus dem Hospital bitten solle, obwohl er das volle Recht hatte, ihm ohne alle Auseinandersetzungen und Bitten einfach »sanatus est« in den Krankheitsbericht zu schreiben. Anfangs machte er ihm Andeutungen, dann bat er ihn gleichsam: »Ist noch nicht Zeit? Du bist ja schon fast gesund, im Krankensaal ist so wenig Platz« usw., bis der Kranke sich schämte und schließlich selbst um Entlassung bat. Der Oberarzt war zwar ein humaner und ehrlicher Mensch (den die Kranken gleichfalls sehr liebten), aber unvergleichlich strenger und energischer als der Assistenzarzt; in manchen Fällen zeigte er sogar eine Härte, und deswegen achtete man ihn ganz besonders. Er erschien in Begleitung sämtlicher Hospitalärzte gleich nach dem Assistenzarzt, untersuchte ebenfalls jeden einzeln, hielt sich besonders bei den Schwerkranken auf, verstand ihnen immer ein gutes, ermutigendes, oft sogar herzliches Wort zu sagen und machte überhaupt einen guten Eindruck. Die mit den »Reserve-Leibschmerzen« schickte er niemals weg; wenn aber der Kranke widerspenstig war, strich er ihn einfach als geheilt aus der Liste: »Nun hast du lange genug gelegen, Bruder, hast ausgeruht, jetzt ist's genug.« Widerspenstig waren gewöhnlich die Faulen, besonders in der arbeitsreichen Sommerzeit, oder die Untersuchungsgefangenen, die eine Strafe erwarteten. Ich erinnere mich, wie gegen einen von diesen besondere Strenge, sogar Grausamkeit angewandt wurde, um ihn zu zwingen, um Entlassung zu bitten. Er trat mit einem Augenleiden ein; seine Augen waren rot, und er beklagte sich über ein heftiges Stechen in den Augen. Man behandelte ihn mit spanischen Fliegen, Blutegeln, Einträufeln einer beißenden Flüssigkeit in die Augen usw., aber die Krankheit wollte nicht weichen, und die Augen wurden nicht klar. Die Ärzte kamen allmählich dahinter, daß es eine simulierte Krankheit war: die Entzündung blieb immer nicht zu stark, wurde nicht schlimmer, verging aber auch nicht und blieb immer gleich. Der Fall war verdächtig. Alle Arrestanten wußten schon längst, daß er simulierte und die Leute anführte, obwohl er es selbst nicht eingestand. Er war ein junger, sogar hübscher Bursche, der aber auf uns alle einen eigentümlich unangenehmen Eindruck machte; er war verschlossen, mißtrauisch, mürrisch, sprach mit niemand ein Wort, blickte finster drein und hielt sich von allen zurück, als mißtraute er allen. Ich erinnere mich noch, daß vielen der Gedanke kam, daß er uns irgendeinen Streich spielen könne. Er war ein Soldat, der einen Diebstahl begangen hatte, erwischt worden war und dem tausend Spießruten und die Einreihung in die Arrestantenkompagnie drohte. Um die Strafe hinauszuschieben, entschließen sich die Verurteilten, wie ich schon früher erwähnt habe, zuweilen zu schrecklichen Dingen: so einer stürzt sich am Vorabend der Exekution mit einem Messer auf einen der Vorgesetzten oder sogar auf einen seiner Kameraden; er kommt aufs neue vors Gericht, die Exekution wird auf weitere zwei Monate hinausgeschoben, und so hat er sein Ziel erreicht. Er denkt nicht daran, daß er nach den zwei Monaten doppelt und dreimal so streng bestraft werden wird; er will den schrecklichen Augenblick wenigstens für einige Tage hinausschieben, und dann komme, was kommen mag: so tief entmutigt sind zuweilen diese Unglücklichen. Man tuschelte bei uns, daß man sich nachts vor ihm hüten müsse: er sei imstande, jemand zu erstechen. Man beschränkte sich übrigens aufs Tuscheln, ergriff aber keinerlei Vorsichtsmaßregeln; auch diejenigen, deren Bett sich in seiner Nachbarschaft befand, ergriffen keine Maßregeln. Man sah übrigens, daß er sich nachts die Augen mit dem von der Wand heruntergekratzten Kalk und mit noch irgend etwas einrieb, damit sie des Morgens wieder rot seien. Schließlich drohte ihm der Oberarzt selbst mit dem »Haarseil«. Bei hartnäckigen Augenkrankheiten, die lange dauern und allen ärztlichen Mitteln trotzen, entschließen sich die Ärzte, um das Augenlicht zu retten, zu einem sehr energischen und qualvollen Mitteclass="underline" man zieht dem Kranken wie einem Pferde ein Haarseil ein. Der Ärmste wollte aber noch immer nicht gesund werden. Entweder war er zu trotzig oder zu feig: das Haarseil tat zwar nicht so weh wie die Stockstrafe, war aber qualvoll genug. Man zieht dem Kranken hinten im Nacken soviel Haut mit der Hand zusammen, als man fassen kann, durchbohrt das ganze erfaßte Fleisch mit einem Messer, so daß eine lange und breite Wunde längs des ganzen Nackens entsteht, und zieht durch diese Wunde ein ziemlich breites, fast fingerdickes Leinenband. Dieses Band wird dann täglich zu einer bestimmten Stunde durch die Wunde durchgezogen, so daß diese gleichsam immer wieder aufgeschnitten wird, damit sie ewig eitere und nicht verheile. Der Ärmste ertrug übrigens diese Folter, wenn auch unter entsetzlichen Qualen, hartnäckig mehrere Tage, ehe er sich entschloß, um Entlassung zu bitten. Seine Augen waren in einem Tage vollkommen gesund geworden, und sobald sein Hals geheilt war, begab er sich auf die Hauptwache, um gleich am nächsten Tage die tausend Spießruten zu empfangen.

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