Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Jetzt, da ich dieses schreibe, sehe ich deutlich einen sterbenden Schwindsüchtigen vor mir, denselben Michailow, der fast mir gegenüber, nicht weit von Ustjanzew lag und, wenn ich nicht irre, am vierten Tage nach meinem Eintritt in den Krankensaal starb. Wenn ich jetzt von den Schwindsüchtigen spreche, so wiederhole ich vielleicht nur unwillkürlich jene Eindrücke und Gedanken, die mir damals anläßlich seines Todes kamen. Den Michailow selbst habe ich übrigens wenig gekannt. Er war ein noch sehr junger Mann von höchstens fünfundzwanzig Jahren, groß, schlank, von einem angenehmen Äußeren. Er befand sich in der Besonderen Abteilung, war auffallend schweigsam und zeigte immer den Ausdruck einer stillen, ruhigen Trauer. Er schien im Zuchthause zu »verdorren«. So drückten sich wenigstens nachher die Arrestanten aus, bei denen er ein gutes Andenken hinterließ. Ich erinnere mich nur noch, daß er wunderschöne Augen hatte, und ich weiß wirklich nicht, warum er sich mir so scharf ins Gedächtnis eingeprägt hat. Er starb um drei Uhr nachmittags, an einem heiteren Frosttage. Ich erinnere mich, wie die Sonne mit ihren scharfen, schrägen Strahlen die grünen, leicht angefrorenen Fensterscheiben in unserm Krankensaale durchdrang. Ein ganzer Strom von Sonnenlicht ergoß sich über den Unglücklichen. Er starb ohne Besinnung, sein Tod war schwer und dauerte lange, mehrere Stunden. Schon am Morgen hatte er begonnen, die sich ihm Nähernden nicht zu erkennen. Man wollte ihm den Zustand erleichtern, man sah, daß er es sehr schwer hatte; er atmete mit großer Mühe, tief und röchelnd; seine Brust hob sich hoch, als hätte sie zu wenig Luft. Er warf die Bettdecke und alle Kleider von sich und fing schließlich an, auch das Hemd von sich herunterzureißen: selbst das Hemd war für ihn eine Last. Man half ihm und zog ihm das Hemd aus. Es war schrecklich, diesen ungewöhnlich langen Körper mit den bis zu den Knochen abgezehrten Armen und Beinen, dem eingefallenen Bauch, der gehobenen Brust und den Rippen, die sich so deutlich wie bei einem Skelett abzeichneten, zu sehen. Auf seinem ganzen Körper hatte er nur noch ein hölzernes Kreuz mit einem Amulett und die Fesseln, aus denen er jetzt die abgemagerten Füße einfach herausziehen zu können schien. Eine halbe Stunde vor seinem Tode waren alle bei uns irgendwie stiller geworden und sprachen nur noch im Flüsterton. Wer gehen mußte, bemühte sich, unhörbar aufzutreten. Man sprach untereinander wenig und nur von ganz abseits liegenden Dingen, wobei man nur ab und zu den Sterbenden ansah, der immer starker röchelte. Endlich fand er mit seiner tastenden, unsichern Hand an seiner Brust das Amulett und begann es von sich herunterzureißen, als wäre es für ihn zu schwer, als beunruhigte und beengte es ihn. Man nahm ihm auch das Amulett ab. Nach etwa zehn Minuten gab er den Geist auf. Man klopfte an die Türe und meldete es dem Wachtposten. Ein Wächter trat ein, sah den Toten mit stumpfem Blick an und begab sich zum Feldscher. Der Feldscher, ein junger und guter Kerl, der sich zuviel mit seinem, übrigens recht vorteilhaften Äußeren beschäftigte, erschien sehr bald; er ging mit schnellen Schritten, die im stillen Krankensaal laut widerhallten, auf den Toten zu, ergriff mit besonders ungezwungener Miene, die er eigens für diesen Fall vorbereitet zu haben schien, dessen Hand, fühlte den Puls, winkte mit der Hand und ging hinaus. Man meldete den Fall sofort auf die Wache: der Verstorbene war ein schwerer Verbrecher gewesen und hatte der Besonderen Abteilung angehört; darum konnte er auch nur unter Beobachtung besonderer Zeremonien als tot befunden werden. In Erwartung der Wachen sagte einer der Arrestanten mit leiser Stimme, daß man dem Verstorbenen eigentlich die Augen schließen sollte. Ein anderer hörte ihn aufmerksam an, näherte sich dann stumm der Leiche und drückte ihr die Augen zu. Als er das auf dem Kissen liegende Kreuz sah, nahm er es in die Hand, besah es sich und legte es dann schweigend Michailow wieder um den Hals; dann bekreuzigte er sich. Das Gesicht des Toten war indessen starr geworden; ein Sonnenstrahl spielte auf ihm; der Mund war halb geöffnet; zwei Reihen weißer junger Zähne schimmerten unter den dünnen, am Zahnfleisch haftenden Lippen. Endlich kam der wachhabende Unteroffizier mit Seitengewehr und Helm, von zwei Wärtern gefolgt. Er kam näher, die Schritte immer mehr verlangsamend und die stillgewordenen, ihn von allen Seiten ernst anblickenden Arrestanten etwas erstaunt anschauend. Als er sich dem Toten auf einen Schritt genähert hatte, blieb er wie angewurzelt, gleichsam erschrocken, stehen. Die gänzlich entblößte, abgezehrte Leiche, die nur noch mit den Fesseln bekleidet war, machte auf ihn einen starken Eindruck; er löste plötzlich die Schuppenkette, nahm den Helm ab, was gar nicht verlangt wurde, und bekreuzigte sich mit breiter Gebärde. Er hatte ein strenges, ergrautes Soldatengesicht. Ich besinne mich, daß in diesem Augenblick Tschekunow, gleichfalls ein grauhaariger Alter, neben ihm stand. Er blickte die ganze Zeit stumm und unverwandt dem Unteroffizier aus nächster Nähe ins Gesicht und verfolgte mit seltsamer Aufmerksamkeit jede seiner Gesten. Aber ihre Blicke begegneten sich, und bei Tschekunow zitterte plötzlich aus irgendeinem Grunde die Unterlippe. Er verzog sie auf eine sonderbare Weise, zeigte die Zähne, nickte schnell, wie zufällig dem Unteroffizier zu und sagte:
»Er hat ja auch einmal eine Mutter gehabt!« Und er trat zur Seite.
Ich erinnere mich noch, wie diese Worte mich förmlich durchbohrten... Wozu hatte er sie gesprochen und wie waren sie ihm in den Sinn gekommen? Nun hob man aber die Leiche mit dem Bette auf; das Stroh raschelte, die Fesseln schlugen in der allgemeinen Stille laut gegen den Boden... Man hob sie auf. Dann trug man die Leiche hinaus. Plötzlich begannen alle laut zu sprechen. Man hörte, wie der Unteroffizier schon im Korridor jemand nach dem Schmied schickte. Der Tote sollte von seinen Fesseln befreit werden...
Ich bin aber von meinem Thema abgeschweift...
II
Fortsetzung
Die Ärzte machten in den Morgenstunden eine Runde durch die Krankensäle; gegen elf erschienen sie alle zugleich bei uns mit dem Oberarzt; eineinhalb Stunden vorher besuchte uns aber unser Assistenzarzt. Um jene Zeit war es ein junger Arzt, der seine Sache verstand, freundlich und gutmütig war, und den die Arrestanten sehr gerne mochten, obwohl sie an ihm einen Fehler fanden: »Er ist schon gar zu still.« Er war in der Tat sehr schweigsam, schien sich vor uns fast zu genieren, errötete beinahe, veränderte die Speiserationen gleich auf die erste Bitte der Patienten und schien sogar bereit, ihnen auch die Arzneien nach ihren Wünschen zu verschreiben, übrigens war er ein vortrefflicher junger Mann. Es ist zu bemerken, daß in Rußland viele Ärzte die Liebe und Achtung des einfachen Volkes genießen; dies ist, soviel ich bemerken konnte, wirklich wahr. Ich weiß, daß meine Worte paradox erscheinen können, besonders wenn man das allgemeine Mißtrauen des ganzen einfachen russischen Volkes gegen die Medizin und die ausländischen Arzneien in Betracht zieht. Ein Mann aus dem Volke, der an einer schweren Krankheit leidet, wird sich in der Tat eher mehrere Jahre hintereinander von einer weisen Frau behandeln lassen oder sich selbst mit seinen volkstümlichen Hausmitteln (die übrigens durchaus nicht zu verachten sind) kurieren, als zum Arzt gehen oder sich in ein Hospital begeben. Außerdem ist hier auch noch ein anderer, äußerst wichtiger Umstand im Spiele, der mit der Medizin nichts zu tun hat: das allgemeine Mißtrauen des ganzen einfachen Volkes gegen alles, was einen behördlichen und formellen Anstrich hat; außerdem ist das Volk durch allerlei Märchengeschichten, die oft sehr unsinnig sind, manchmal aber auch ihren Grund haben, gegen die Hospitäler voreingenommen und eingeschüchtert. Die größte Angst machen ihm aber die deutsche Ordnung im Hospital, die ihn während seiner ganzen Krankheit umgebenden fremden Menschen, die strengen Diätvorschriften, die Berichte über die Unerbittlichkeit der Feldschere und Ärzte, über das Zerstückeln und Ausweiden der Leichen usw. Außerdem urteilt das Volk, daß man im Hospital in die Behandlung von vornehmen Herren komme, denn die Ärzte seien immerhin vornehme Herren. Aber bei der näheren Bekanntschaft mit den Ärzten verschwinden alle diese Ängste (nicht immer, aber doch in den meisten Fällen) vollkommen, was nach meiner Meinung unseren Ärzten, vorwiegend den jüngeren zur Ehre gereicht. Die meisten von ihnen verstehen die Achtung und sogar die Liebe des einfachen Volkes zu erwerben. Ich schreibe jedenfalls nur über Dinge, die ich selbst mehr als einmal an verschiedenen Orten gesehen und erlebt habe, und ich kann mir nicht denken, daß es sich an anderen Orten allzu oft anders verhalten sollte. Natürlich gibt es in manchen versteckten Winkeln Ärzte, die sich bestechen lassen, aus ihren Krankenhäusern zu großen Nutzen ziehen, die Kranken fast vernachlässigen und sogar die Medizin gänzlich vergessen. Das kommt noch vor; aber ich spreche von der Mehrheit oder, genauer gesagt, von dem Geist, von der Richtung, die heutzutage in der Medizin zum Ausdruck kommt. Jene Verräter an der allgemeinen Sache, jene Wölfe unter Schafen, womit sie sich auch verteidigen und was sie auch zu ihrer Rechtfertigung vorbringen mögen, wie z. B. das »Milieu«, das sie anstecke, bleiben immer im Unrecht, besonders wenn sie dabei auch jede Menschenliebe verloren haben. Menschenliebe, Freundlichkeit, brüderliches Mitleid mit den Kranken sind aber zuweilen wichtiger als alle Arzneien. Es wäre schon wirklich Zeit, aufzuhören, sich apathisch über das Milieu zu beklagen, das uns hereingezogen habe. Es ist allerdings wahr, daß es viele von uns hereinzieht, vieles in uns erstickt, aber doch nicht alles, und mancher schlaue und erfahrene Schuft rechtfertigt oft mit dem Einfluß des Milieus nicht nur seine Schwäche, sondern seine Gemeinheiten, besonders wenn er schön zu reden oder zu schreiben versteht. Ich bin übrigens wieder vom Thema abgekommen; ich wollte nur sagen, daß unser einfaches Volk nur gegen die medizinischen Behörden, aber nicht gegen die Ärzte selbst mißtrauisch und feindselig ist. Wenn es erfährt, wie sie in Wirklichkeit sind, gibt es schnell viele seiner Vorurteile auf. Die Einrichtung unserer Krankenhäuser entspricht übrigens auch heute noch nicht dem Geiste unseres Volkes, ist den Gewohnheiten dieses Volkes feindselig und kann daher volles Vertrauen und Achtung des Volkes nicht erwerben. Diesen Eindruck habe ich wenigstens auf Grund einiger eigener Beobachtungen.