Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
Vor dem Tisch stand ein dürres Subjekt in russischer Gürtelbluse – offensichtlich ein Redner. Zuhörer gab es etwa ein Dutzend.
Als sie den Raum betraten, drehten sich alle zu ihnen um, aber Berditschewski nahm vor Aufregung die Gesichter nicht im Einzelnen wahr. Die Mehrzahl war offenbar bärtig und ebenfalls nach russischer Art frisiert.
»Da ist ja unser geschätzter Gast«, rief der Vorsitzende. »Seien Sie herzlich willkommen. Ich bin der Jessaul.«
Die »Leibgardisten« erhoben sich, und eine tiefe Stimme sagte:
»Guten Abend, Eure Exzellenz.«
Vor lauter Nervosität hätte Matwej Benzionowitsch ihn beinahe korrigiert und gesagt, er sei doch gar keine Exzellenz – aber er besann sich gerade noch rechtzeitig. Er nickte militärisch knapp, und eine Strähne von engelhafter Farbe fiel ihm in die Stirn.
Der »Jessaul« (so bezeichnete man offenbar das Amt des Anführers der »Leibgardisten«) kam hinter dem Tisch hervor und trat auf den Staatsanwalt zu.
Und wieder beging Berditschewski um ein Haar einen Fauxpas – er wollte ihm die Hand geben. Wie sich zeigte, reichte man hier keine Hände, hier breitete man die Arme aus. Genau das tat der Vorsitzende: Mit den Worten »Es lebe Russland« zog er den Gast an seine Brust und küsste ihn dreimal auf den Mund.
Auch die übrigen Anwesenden wollten den hohen Besuch begrüßen, und jeder von ihnen musste geküsst werden – summa summarum elf Gardisten, und jedes Mal wurde der weihevolle Satz zum Wohle des Vaterlandes aufgesagt.
Die Gerüche, die Herr Berg-Ditschewski küssenderweise einatmen musste, zeichneten sich nicht durch Verschiedenartigkeit aus: billiger Tabak, rohe Zwiebel und die vom Magensaft modifizierten Dünste des spiritus vini. Allein der Letzte in der Reihe der Küssenden, jener Vergil, der Matwej Benzionowitsch hergebracht hatte, duftete nach Eau de Cologne und Fixateur. Auch küsste er nicht grob schmatzend wie die anderen, sondern sanft und gefühlvoll, mit gespitzten Lippen. Vermutlich ein Friseur, dachte der Staatsanwalt, als er die ondulierten Koteletten und den sorgfältig nach beiden Seiten gebürsteten Bart sah.
»Bitte belieben hier Platz zu nehmen«, bot der Jessaul dem Herrn den Ehrenplatz an.
Alle Blicke richteten sich auf die »Exzellenz«, offenbar erwartete man eine Rede oder ein Grußwort von ihm. Darauf war der Staatsrat nun absolut nicht vorbereitet. Doch er lavierte sich heraus, indem er einfach bat, normal fortzufahren, »alldieweil ich nicht zum Reden, sondern zum Hören gekommen bin, und nicht zum Belehren, sondern zum Lernen.« Das kam gut an. Man applaudierte dem bescheidenen »General«, rief »Chapeau«, und der Vortrag wurde fortgesetzt.
Der Redner, den Berditschewski nach seiner Art zu sprechen und nach dem etwas blökenden Timbre seiner Stimme für sich den Psalmisten taufte, berichtete seinen Genossen von den Ergebnissen einer von ihm durchgeführten Untersuchung über die Dominanz der Juden in der Gouvernementspresse.
Es zeichnete sich ein ungeheuerliches Bild ab. Als der Psalmist auf das »Shitomirer Tageblatt« zu sprechen kam, konnte er ein Beben in seiner Stimme nicht unterdrücken: Dort wimmele es nur so von »Rosenkranz« und »Goldbergs«, die frech und dreist alles verhöhnten, was einem russischen Herzen lieb und teuer sei. Doch auch bei den »Wolhynischen Gouvernements-Nachrichten« stehe es bei weitem nicht zum Besten. Der dortige Chefredakteur sei so pflichtvergessen, dass immer wieder Artikel gedruckt würden, deren Verfasser Juden seien, die sich hinter russischen Namen versteckten. Es wurde auch gleich eine Liste all dieser Wölfe im Schafspelz mitgeliefert: Iwan Swetlow – ist gleich Itzak Sarkin, Alexander Iwanow – ist gleich Moische Lewinson, Afanasi Berjoskin – ist gleich Lejba Rabinowitsch, und so weiter und so weiter. Die sensationellste seiner Enthüllungen aber hatte der Referent sich bis zum Schluss aufgehoben. O ja! Das Synedrion hatte seine Fühler sogar nach den »Wolhynischen Eparchiats-Nachrichten« ausgestreckt! Die Gattin des Redakteurs, des Protopopen Kapustin, war eine geborene Fischman, mithin eine Konvertitin!
Ein dumpfes Rumoren der Empörung rollte durch den Raum. Auch Matwej Benzionowitsch schüttelte bekümmert den Kopf.
Der Jessaul beugte sich zu ihm und flüsterte:
»Wir sammeln gerade Material für eine Petition. Wenn Sie erst die Daten über das Finanzkapital und die Volksbildung sehen! Es läuft Ihnen kalt den Rücken herunter!«
Der Staatsanwalt setzte eine finstere Miene auf: schlimm, schlimm.
Der Referent hatte geendet und setzte sich auf seinen Platz.
Wieder starrten alle erwartungsvoll auf den Gast. Es war klar, dass er sich nicht länger um einen Auftritt drücken konnte.
Da fiel ihm gerade zum richtigen Zeitpunkt eine alte Volksweisheit ein: Wenn du nicht weißt, was du sagen sollst, sag die Wahrheit.
»Ja, was soll ich sagen«, begann Matwej Benzionowitsch und stand auf. »Ich bin erschüttert und bedrückt.«
Die Antwort war ein allgemeines Seufzen.
»Auch in unserem Gouvernement stehen die Dinge schlecht, aber doch nicht in diesem Maße wie hier bei Ihnen. Meine Herren, es ist furchtbar. Ich sage nur: Heulen und Zähneknirschen. Aber, meine lieben Freunde, erlauben Sie mir dazu ein offenes Wort. Untersuchungen und Petitionen sind selbstverständlich eine gute Sache – aber das reicht nicht. Ich muss gestehen, ich habe von den Shitomirern etwas ganz anderes erwartet. Man hat mir berichtet, hier gebe es Männer der Tat, die es nicht gewohnt sind, die Hände in den Schoß zu legen. Denn wenn ich mein Russland sehe, blutet mir das Herz!« Allmählich kam Berditschewski in Fahrt. »Wohin man auch schaut, nichts als Schwätzer und Maulhelden! Wir setzen leichtfertig unsere Heimat aufs Spiel, meine Herren Patrioten! Wir verplaudern und verschwätzen sie! Aber der Jude verschwendet seine Zeit nicht mit Reden, nein, er plant auf Jahre hinaus!«
Die Anwesenden hörten die bitteren, tief empfundenen Worte des Redners, sahen einander an und scharrten mit den Stühlen.
Schließlich hielt es den Jessaul nicht mehr auf seinem Sitz. Bei der nächsten kurzen Pause, die Berditschewski benötigte, um ein weiteres Quantum Luft in seine Lungen zu pumpen, sprang der Anführer der »Leibgarde« auf und rief:
»Wir sind keine Schwätzer und keine Papierbeschmutzer! Ja, wir hoffen noch immer, uns bei der harthörigen Obrigkeit bemerkbar zu machen, aber ich versichere Ihnen, wir belassen es nicht bei Petitionen!« Der Vorsitzende rang sichtlich um Selbstbeherrschung – so stark war der Drang, sich zu rechtfertigen. »Mein Herr, gehen wir in mein Kabinett und unterhalten uns unter vier Augen. Euch aber, meine Brüder, bitte ich, lasst euch inzwischen schmecken, was Gott uns gereicht hat.«
Jetzt erst bemerkte Matwej Benzionowitsch in einer Ecke des Raumes einen gedeckten Tisch mit einem Samowar, Brotlaiben und einer imposanten Fülle von Wurstwaren – vermutlich Produkte der Darmreinigungsfabrik.
Die Männer machten sich lebhaft über die Speisen her, der Staatsanwalt jedoch wurde ins »Kabinett« gebeten – ein enges Gelass, das durch eine Glastür vom Kontor abgetrennt war.
Alles verloren!
Jetzt wurden auch Hände gedrückt. Überhaupt ging eine gewisse Veränderung im Verhalten des Jessaul vor sich, als wollte er zeigen, dass er zur selben Gesellschaftsschicht gehörte wie sein Gast.
»Sawtschuk«, stellte er sich vor. »Ich bin der Eigentümer der Fabrik. Mir ist keineswegs entgangen, Herr Ditschewski, wie Sie meine Janitscharen angesehen haben. Sie sind freilich ein wenig ungeschlacht, und sie glänzen nicht gerade durch große Geistesgaben.«
Matwej Benzionowitsch erschrak (er hatte geglaubt, seine Gefühle perfekt versteckt zu haben) und machte eine Geste des Protestes.
»Aber nein«, beruhigte ihn der Fabrikant. »Ich kann Sie sehr gut verstehen. Aber ich bitte Sie zu berücksichtigen, dass sie nun mal keine Ideologen sind, sondern Vorarbeiter, AbschnittsleiteJaël biblisch gesprochen: ›Männer der Kraft‹. Ich nenne sie scherzhaft meine ›Apostel‹ – weil es genau zwölf sind. Es sollte noch einer mehr da sein, aber er hat sich verspätet. Meine Abschnittsleiter sind keine großen Denker, aber wenn es zur Sache geht, dann kann man sich auf sie verlassen. Glauben Sie mir, wir haben auch unsere Intelligenzija – Advokaten, Ärzte, GymnasiallehreJaël sie leiden am meisten unter dem jüdischen Druck. Wenn Sie möchten, werde ich Sie später mit ihnen zusammenbringen, in angemessenerer Umgebung. Ilja Stepanowitsch Glaskow, zum Beispiel, ein guter Bekannter des Stadtoberhauptes, ist ein heller Kopf, ein Denker.«