Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
»Da bin ich vollkommen Ihrer Meinung!«, rief der Besucher. »Ich bin überfroh, mich gerade an Sie gewendet zu haben. Verstehen Sie, genau aus diesem Grunde will ich ja selber eine ›Leibgarde‹ in Sawolshsk gründen, damit ich die Zügel in der Hand behalte und die Sache taktvoll steuern kann.«
»Genau! Genau das tue ich auch, taktvoll steuern. Und bei unseren Jungs kann man sich wirklich einiges abgucken.« Gwosdikow schwieg gewichtig, so wie es sich für einen rechtschaffenen Mann gehört, der vor einer verantwortungsvollen Entscheidung jedes Für und Wider sorgsam abwägt. »Gut, Herr Berg-Ditschewski. Von Adligem zu Adligem. Ich werde Sie mit den richtigen Leuten zusammenbringen und persönlich erklären, mit welcher Absicht Sie zu uns gekommen sind. Ich selbst werde allerdings bei diesem Treffen nicht zugegen sein können, ich bitte ergebenst um Verzeihung . . .«
Matwej Benzionowitsch hob die Hände: verstehe, verstehe.
»Ich würde Ihnen auch empfehlen, Ihren Rang nicht unbedingt an die große Glocke zu hängen. Und noch etwas . . .« Gwosdikow schlug verschwörerisch die Augen nieder. »Ich werde Sie dem Jessaul als Herrn Ditschewski vorstellen, ohne ›Berg‹. Sie müssen entschuldigen, aber man hat hier auch von den Deutschen keine so hohe Meinung.«
»Um Gottes willen, ich bin doch kein Deutscher!«, rief Berditschewski aufrichtig.
Die Heimat in Gefahr
Matwej Benzionowitsch bereitete sich gründlich auf die gefährliche Unternehmung vor, gleichwohl er sich ein wenig seltsam vorkam und dann und wann selbstironisch vor sich hin grummelte: »Jetzt schaut euch den bloß mal an, was für ein wilder Husar. Eine Kinderei ist das, um es beim Namen zu nennen, eine reine Kinderei . . .«
Zunächst erstand er in einem Waffengeschäft einen »Lefoche«, einen sechsschüssigen Revolver mit sicherbarem Abzug, für neununddreißig Rubel. Zu dem sicherbaren Abzug sagte der Verkäufer: »Das ist eine sehr sinnvolle Vorrichtung, besonders, wenn man die Waffe in der Hosentasche trägt. So kann sie nicht von selber losgehen.« Als kostenloses »Werbegeschenk der Firma« wurde Berditschewski außerdem eine einschüssige Westentaschenpistole überreicht, die so klein war, dass man sie in der Handfläche verbergen konnte. »So etwas ist schlichtweg unentbehrlich zum Schutz gegen nächtliche Überfälle«, erklärte der Verkäufer. »Dieser kleine Mann hat eine für sein Kaliber ganz erstaunliche Durchschlagskraft.«
Der »kleine Mann« besaß allerdings einen ganz gewöhnlichen, das heißt nicht sicherbaren Abzug, und kaum hatte der Staatsanwalt die Pistole in seiner Weste verstaut, wurde er sehr nervös. Er stellte sich vor, wie das Teufelsding, die Mündung nach unten gerichtet, auf einmal von allein losging und die Kugel mit ihrer erstaunlichen Durchschlagskraft seine Hüfte durchbohrte. Verflixt. . .
Er steckte das Spielzeug in die Hosentasche.
Nein, halt, so geht ’s auch nicht.
Schließlich fand er die Lösung: Er zog das Hosenbein hoch und klemmte die Waffe hinter den Sockenhalter. Das Metall drückte ein wenig gegen den Knochen, aber das war auszuhalten.
Die Nachricht, die Gwosdikow ihm ins Hotel schickte, war so kurz wie sonderbar: »Um Mitternacht an der Uferstraße unter der Laterne.«
Damit war vermutlich der Fluss Kamenka gemeint, denn Shitomirs zentraler Wasserlauf, der Teterew, hatte wegen seines felsigen Ufers keine Uferstraße. Aber auch an der Kamenka gab es weder Brüstungen noch Geländer, noch sonst irgendwelche Merkmale einer normalen Uferstraße. Die geheimnisvolle Ortsbezeichnung »unter der Laterne« erklärte sich indes ganz von selbst. Es brannte weit und breit nämlich nur eine einzige Laterne, alle übrigen waren dunkel, ja sie schienen überhaupt keine Gläser mehr zu haben.
Der Staatsanwalt entließ die Droschke und stellte sich in den schmalen Lichtkegel. Vom Fluss zog es feucht herauf, er schlug den Kragen hoch und begann zu warten.
Um ihn herum war es stockfinster, es war rein gar nichts zu sehen.
Logischerweise dünkte es Matwej Benzionowitsch sogleich, als würde er aus dem Dunkel heraus beobachtet. Zuerst überlief ihn ein Frösteln, aber dann sagte er sich: »Natürlich beobachten sie mich, das ist auch gut so.«
Mit einem einfachen Trick überwand der Staatsrat seine Nervosität. Er brauchte nur ein einziges Wort zu flüstern – »Pelagia« –, und die Angst wich augenblicklich der Erregung, aus dem Opfer wurde ein Jäger.
Ungeduldig drehte er den Kopf hin und her, stampfte sogar ärgerlich mit dem Fuß auf: Wo seid ihr, hol euch der Teufel. Es schien, als hätte die Dunkelheit nur auf dieses geheime Signal gewartet. Sie bebte und raschelte, und eine Gestalt glitt in den Dunstkreis des schwachen Kerosinlichts, die Berditschewski im ersten Moment riesenhaft vorkam. Die Silhouette hob die Hand und winkte ihn heran.
Der Staatsrat, den der Mut schon wieder verließ, ging auf den Unbekannten zu, doch dieser drehte sich um, winkte ihn noch einmal zu sich und lief dann vor ihm her, sich von Zeit zu Zeit mit einer geheimnisvollen, lockenden Geste umwendend.
Dumpf tappten die Schritte des Riesen aufs Pflaster, er ging sehr aufrecht, mit kerzengradem Rücken.
Wie ein eiserner Ordensritter, dachte Matwej Benzionowitsch mit Schaudern, während er Mühe hatte, mit seinem Führer Schritt zu halten.
Von der Uferstraße bogen sie in eine gewundene, ungepflasterte Gasse ein. Der Boden war regennass. Auf der einen Seite verlief ein undurchsichtiger Zaun, auf der anderen eine Steinmauer, hinter der sich entweder Lagerhäuser oder Werkstätten befanden. Es gab keinerlei Beleuchtung.
Berditschewski stolperte über ein Schlagloch und fluchte, seltsamerweise flüsternd.
Die Mauer führte zu einem Tor, über dem eine Lampe brannte. »Darmreinigungsfabrik Sawtschuk« stand auf einem Schild.
Der Staatsanwalt las und erblasste. Das schien ihm jetzt aber doch eine rechte Verhöhnung seitens der Vorsehung, um nicht zu sagen eine Grobheit, angesichts der Tatsache, dass sich im Leibe des inzwischen doch recht verzagten Staatsrates alle möglichen unschönen Prozesse völlig unkontrolliert entfalteten.
Der eiserne Ordensritter verschwand durch eine schmale Pforte, Berditschewski aber blieb davor stehen. Mit nicht ganz fester Stimme fragte er:
»Was ist das? Was soll das?«
Er hatte eigentlich nicht mit einer Antwort gerechnet, aber der Hüne (der Bursche war tatsächlich fast einen Klafter groß) wandte sich um und antwortete mit überraschend feiner und dienstbeflissener Stimme:
»Das ist ein Betrieb, in dem Därme gereinigt werden, gnädiger Herr.«
»Wie meinen Sie das?«
»Wie ich ’s sage. Für die Wursterzeugung.«
»A-ah«, sagte Matwej Benzionowitsch schon ein wenig ruhiger. »Und was wollen wir dort?«
Der Ritter kicherte, womit endgültig klar war, dass sein Schweigen keinen bedrohlichen Hintergrund hatte, sondern nur provinzieller Verlegenheit dem Ortsfremden gegenüber geschuldet war.
»Wie Sie selbst zu sehen belieben, verhält es sich bei uns so: Es gibt mehr Juden in der Stadt als Russen. Deshalb ist dies der ideale Ort. Die Wurst ist doch vom Schwein, also arbeitet hier kein einziger Jude, alle Angestellten sind Russen oder Ukrainer.«
Die geheime Versammlung der »Leibgarde Christi« fand im Kontor der Fabrik statt, einem ziemlich schmutzigen, aber sehr geräumigen Zimmer mit niedriger Decke, von der mehrere Kerosinlampen herunterhingen.
Vor einem Tisch, über den man die russische Trikolore ausgebreitet hatte, waren zwei Stuhlreihen aufgebaut. An den Wänden hingen in wildem Durcheinander Ikonen und diverse Helden des Vaterlandes – wie Alexander Newski, Dmitri Donskoi, Alexander Suworow, Michail Skobelew und so weiter. Den Ehrenplatz in dieser Galerie nahmen die Porträts Iwan des Schrecklichen und Seiner Erlaucht des Imperators ein.
Ein älterer Herr, der ein Jackett und eine schmale Krawatte trug, aber dazu nach traditioneller russischer Art einen schulterlangen Pagenschnitt, führte den Vorsitz der Versammlung.