Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
Natascha errötete. Auch ich hatte die Empfindung, daß die Antwort des Fürsten in gar zu ungeniertem, sogar lässigem Ton gegeben war, ja, daß darin sogar eine unziemliche Spötterei lag.
»Sie wollen mir beweisen, daß Sie gegen mich offen und ehrlich sind?« fragte Natascha, ihn mit herausfordernder Miene anblickend.
»Ja.«
»Dann erfüllen Sie mir eine Bitte!«
»Ich verspreche es Ihnen im voraus.«
»Meine Bitte ist: Aljoscha meinetwegen mit keinem Wort, mit keiner Andeutung aufzuregen, weder heute noch morgen. Keinen Vorwurf deswegen, weil er mich vergessen hat; keine Strafpredigt! Ich will ihn absichtlich so empfangen, als ob zwischen uns nichts vorgefallen sei; er soll von meinen Gefühlen nichts merken. Darauf lege ich Wert. Geben Sie mir Ihr Wort darauf?«
»Mit dem größten Vergnügen«, antwortete der Fürst; »und erlauben Sie mir, aus tiefster Überzeugung hinzuzufügen, daß ich nur selten bei jemand eine so vernünftige, klare Auffassung auf diesem Gebiet angetroffen habe... Aber da ist Aljoscha, wie es scheint.«
Wirklich wurde im Vorzimmer Geräusch vernehmbar. Natascha fuhr zusammen und schien sich auf etwas vorzubereiten. Der Fürst saß mit ernster Miene da und wartete, was nun kommen werde; er betrachtete Natascha unverwandt. Die Tür öffnete sich, und Aljoscha kam zu uns hereingeflogen.
Zweites Kapitel
Ja, er kam geradezu hereingeflogen, mit strahlendem Gesicht, fröhlich und vergnügt. Man sah ihm an, daß er diese vier Tage heiter und glücklich verlebt hatte. Es stand ihm auf dem Gesicht geschrieben, daß er uns etwas mitteilen wollte.
»Da bin ich!« rief er mit schallender Stimme. »Ich, der von allen zuerst hätte hiersein sollen. Aber ihr werdet sogleich alles erfahren, alles, alles! Vorhin, Papa, hatten wir keine Zeit, auch nur ein paar Worte miteinander zu sprechen; und ich hatte dir doch soviel zu sagen. Nur zu Zeiten, wo er in besonders guter Stimmung ist, erlaubt er mir, ihn zu duzen«, unterbrach er sich, zu mir gewendet; »zu anderen Zeiten verbietet er es mir! Und was für einer eigentümlichen Taktik er sich da bedient: er fängt selbst an, zu mir ›Sie‹ zu sagen. Aber vom heutigen Tag an will ich, daß er immer in guter Stimmung sei, und ich werde das bewirken! Überhaupt habe ich mich in diesen vier Tagen verändert, mich völlig, völlig verändert, und ich werde euch alles erzählen. Aber das nachher! Jetzt die Hauptsache: da ist sie, da ist sie wieder! Natascha, Geliebte, guten Abend, mein Engel!« sagte er, setzte sich neben sie und küßte ihr eifrig die Hand. »Wie habe ich mich diese Tage über nach dir gesehnt! Aber was war zu machen! Ich konnte nicht! Ich konnte es nicht ermöglichen. Du meine Liebste! Es sieht aus, als ob du ein bißchen abgemagert wärst, und du bist so blaß geworden...«
Voller Entzücken bedeckte er ihre Hände mit Küssen und sah sie glückselig mit seinen schönen Augen an, als könne er sich an ihr gar nicht satt sehen. Ich warf einen Blick auf Natascha und erriet an ihrem Gesicht, daß wir denselben Gedanken hatten: er war völlig schuldlos. Und wann und wie hätte sich dieser Unschuldige auch schuldig machen können? Eine helle Röte ergoß sich auf einmal über Nataschas Wangen, als ob alles Blut, das sich in ihrem Herzen gesammelt hatte, plötzlich nach dem Kopf strömte. Ihre Augen blitzten, und stolz blickte sie den Fürsten an.
»Aber wo... bist du denn... all diese Tage gewesen?« fragte sie mit mühsam zurückgehaltener, stockender Stimme. Sie atmete schwer und ungleichmäßig. Mein Gott, wie liebte sie ihn!
»Das ist es ja eben, daß ich tatsächlich dir gegenüber schuldig zu sein scheine. Aber was sage ich ›scheine‹? Selbstverständlich bin ich schuldig, und ich weiß das selbst und bin mit diesem Bewußtsein hergekommen. Katja hat gestern und heute zu mir gesagt, es gäbe kein weibliches Wesen, das eine solche Vernachlässigung verzeihen könne (denn sie weiß alles, was sich hier bei uns am Dienstag zugetragen hat; ich habe es ihr gleich am nächsten Tag erzählt). Ich habe mich mit ihr gestritten und ihr bewiesen und gesagt, daß es doch ein solches weibliches Wesen gibt und daß es Natascha heißt und daß ihr auf der ganzen Welt vielleicht nur eines gleichkommt, nämlich Katja; und ich bin selbstverständlich in dem Bewußtsein hierhergefahren, daß ich in dem Streit recht hatte. Kann etwa ein Engel wie du seine Verzeihung verweigern? ›Er ist nicht hiergewesen; also hat ihn jedenfalls etwas gehindert; daß er aufgehört hätte, mich zu lieben, ist ausgeschlossen‹ so wird meine Natascha gedacht haben! Und wie könnte ich auch aufhören, dich zu lieben? Ist das überhaupt möglich? Mein ganzes Herz hat mir weh getan vor Sehnsucht nach dir. Aber doch bin ich schuldig! Wenn du indessen alles erfahren haben wirst, so wirst du die erste sein, die mich für gerechtfertigt erklärt! Sogleich werde ich alles erzählen; es drängt mich, euch allen mein Herz auszuschütten; deshalb bin ich ja auch hergekommen. Ich wollte heute, als ich gerade einen Augenblick freie Zeit hatte, schon zu dir herfliegen, um dich in aller Eile zu küssen; aber auch da kam mir etwas dazwischen: Katja schickte zu mir, ich möchte in einer sehr wichtigen Angelegenheit unverzüglich zu ihr kommen. Das war noch vor der Zeit gewesen, als ich in der Droschke saß, Papa, und du mich sahst; damals fuhr ich schon zum zweitenmal, aus Anlaß eines zweiten Schreibens, zu Katja. Es laufen jetzt den ganzen Tag über zwischen uns Eilboten mit Briefchen von einem Haus zum andern. Iwan Petrowitsch, Ihr Billett habe ich erst gestern in der Nacht zu lesen bekommen, und Sie haben in allem, was Sie da geschrieben haben, vollkommen recht. Aber was war zu machen? Es war eben physisch unmöglich! Daher dachte ich: ›Morgen abend werde ich mich in allen Punkten rechtfertigen‹; denn heute abend mußte ich unter allen Umständen zu dir kommen, Natascha.«
»Was war denn das für ein Billett?« fragte Natascha.
»Er war bei mir, traf mich natürlich nicht zu Hause an und schalt mich in einem Billett, das er mir daließ, tüchtig dafür aus, daß ich nicht zu dir käme. Und er hat vollkommen recht. Das war gestern.«
Natascha sah mich an.
»Aber wenn du Zeit genug hattest, um vom Morgen bis zum Abend bei Katerina Fjodorowna zu sein...«, begann der Fürst.
»Ich weiß, ich weiß, was du sagen willst«, unterbrach ihn Aljoscha. »Du willst sagen: ›Wenn du bei Katja sein konntest, dann hattest du noch einmal soviel Grund, bei Natascha zu sein.‹ Ich stimme dir da vollständig bei und füge sogar von mir aus hinzu: nicht noch einmal soviel Grund, sondern tausendmal soviel Grund! Aber erstens gibt es seltsame, unerwartete Ereignisse im Leben, die alles in Verwirrung bringen und das Oberste zuunterst kehren. Nun, so etwas ist auch mir begegnet. Ich habe schon gesagt, daß ich mich in diesen Tagen vollständig verändert habe, vom Kopf bis zu den Füßen; es haben also wirklich wichtige Umstände vorgelegen!«
»Ach mein Gott, was ist dir denn nun eigentlich begegnet? Bitte, martere mich nicht!« rief Natascha, über Aljoschas Eifer lächelnd.
Er war tatsächlich ein bißchen komisch: er überhastete sich; die Worte fielen ihm schnell und ohne Ordnung aus dem Mund; sie polterten nur so heraus. Er wollte immerzu reden, reden, erzählen; aber während des Erzählens ließ er doch Nataschas Hand nicht los und führte sie unaufhörlich an die Lippen, wie wenn er sich gar nicht satt küssen könne.
»Darum handelt es sich eben, was mir begegnet ist«, fuhr Aljoscha fort. »Ach, meine Freunde! Was habe ich alles gesehen, was habe ich alles getan, was für Leute habe ich kennengelernt! Erstens Katja: sie ist geradezu ein Ideal! Ich habe sie bisher gar nicht gekannt, aber auch gar nicht! Auch damals, am Dienstag, als ich mit dir von ihr sprach, Natascha (du erinnerst dich, ich redete noch von ihr mit solchem Entzücken), na, also auch damals kannte ich sie noch so gut wie gar nicht. Sie selbst suchte sich vor mir zu verbergen bis zur jetzigen Zeit. Aber jetzt haben wir einander vollständig kennengelernt. Wir duzen uns jetzt schon. Aber ich will von Anfang an erzählen: erstens, Natascha, wenn du nur hättest hören können, wie sie zu mir von dir gesprochen hat, als ich ihr am andern Tage, am Mittwoch, berichtete, was sich hier zwischen uns zugetragen hatte!... Apropos, da fällt mir ein, wie dumm ich mich gegen dich betragen habe, als ich damals, am Mittwochvormittag, zu dir kam! Du empfingst mich voll Entzücken und warst ganz erfüllt von unserer neuen Situation; du wolltest mit mir von all diesen Dingen reden; du warst traurig und scherztest und spaßtest dabei doch mit mir; ich aber wollte den ruhigen, gesetzten Mann spielen! O ich Dummkopf, ich Dummkopf! Ich wollte mich hervortun, damit prahlen, daß ich bald ein Ehemann, ein solider Mensch sein würde, und da mußte ich auch gerade auf dich verfallen, um dir diese Rolle vorzuspielen! Ach, wie hast du damals gewiß über mich gelacht, und wie sehr verdiente ich es, von dir ausgelacht zu werden!«