Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
Der Fürst saß schweigend da und blickte mit einer Art von triumphierendem, ironischem Lächeln Aljoscha an, gerade als freue er sich darüber, daß sein Sohn sich als ein so leichtsinniger, ja sogar komischer Mensch erwies. Diesen ganzen Abend beobachtete ich den Fürsten aufmerksam und gewann die feste Überzeugung, daß er seinen Sohn überhaupt nicht liebe, obgleich die Leute soviel von seiner warmen Vaterliebe sprachen.
»Nach dem Besuch bei dir fuhr ich zu Katja«, fuhr Aljoscha in seiner Erzählung fort. »Ich habe schon gesagt, daß wir erst an diesem Morgen einander vollständig kennenlernten, und das ging in einer ganz merkwürdigen Weise zu... ich erinnere mich eigentlich gar nicht mehr, wie... Ein paar Worte voll warmen Gefühls, ein paar offen ausgesprochene Gedanken und Empfindungen, und wir waren uns fürs ganze Leben nahegetreten. Du mußt sie kennenlernen, Natascha, mußt sie unbedingt kennenlernen! Wie sie mir dein ganzes Wesen auseinandergesetzt und erläutert hat! Wie sie mir klargemacht hat, was für einen Schatz ich an dir besitze! Allmählich setzte sie mir alle ihre Ideen und ihre ganze Lebensanschauung auseinander; sie ist ein so ernstes, enthusiastisches Mädchen! Sie sprach von unserer Pflicht, von unserer Bestimmung, davon, daß wir alle der Menschheit dienen müßten, und da wir vollständig derselben Ansicht waren, wie sich in einem fünf- bis sechsstündigen Gespräch herausstellte, so endete es damit, daß wir uns geschworen haben, lebenslänglich Freunde zu sein und unser ganzes Leben lang zusammen zu wirken!«
»Auf welchem Gebiet wollt ihr denn wirken?« fragte der Fürst verwundert.
»Ich habe mich so verändert, Vater, daß dich dies alles natürlich in Erstaunen setzen muß; ich sehe sogar alle deine Einwände vorher«, antwortete Aljoscha triumphierend. »Ihr seid sämtlich Leute des praktischen Lebens; ihr habt eine Menge der Erfahrung entstammender ernster, strenger Grundsätze; auf alles Neue, Junge, Frische jedoch blickt ihr mißtrauisch, feindselig und spöttisch herab. Aber jetzt bin ich nicht mehr der, als den du mich noch vor wenigen Tagen gekannt hast. Ich bin ein anderer geworden! Ich blicke allem und allen in der Welt kühn in die Augen. Wenn ich weiß, daß meine Überzeugung die richtige ist, dann bleibe ich ihr treu bis zum Äußersten; und wenn ich nicht vom rechten Wege abirre, dann bin ich ein ehrenhafter Mensch. Das genügt mir. Dann mögt ihr andern reden, was ihr wollt, ich bin meiner Sache sicher.«
»Oho!« sagte der Fürst spöttisch.
Natascha blickte bald mich, bald den Fürsten beunruhigt an. Sie fürchtete für Aljoscha. Es begegnete ihm oft, daß er, sehr wenig zu seinem Vorteil, sich im Gespräch hinreißen ließ, und sie wußte das. Sie wollte nicht, daß Aljoscha sich vor uns, und namentlich vor seinem Vater, in einem komischen Licht zeige.
»Was redest du nur, Aljoscha! Das ist ja schon sozusagen Philosophie«, sagte sie; »das hat dich gewiß jemand gelehrt. Du solltest lieber erzählen.«
»Aber ich bin ja mitten im Erzählen!« rief Aljoscha. »Siehst du: Katja hat zwei entfernte Verwandte, eine Art von Vettern, Lew und Boris; der eine ist Student und der andere einfach ein junger Mann. Sie unterhält mit ihnen Beziehungen, und das sind geradezu hervorragende Geister! Bei der Gräfin lassen sie sich fast gar nicht blicken, aus Grundsatz. Als ich mit Katja von der Bestimmung des Menschen, von seiner Berufung und all dergleichen sprach, wies sie mich auf diese jungen Männer hin und gab mir sofort ein Empfehlungsschreiben an sie; ich eilte unverzüglich zu ihnen, um ihre Bekanntschaft zu machen. Gleich an demselben Abend wurden wir ein Herz und eine Seele. Es waren da ungefähr zwölf Personen von verschiedener Lebensstellung: Studenten, Offiziere, Künstler; auch ein Schriftsteller war dabei; sie kennen Sie, Iwan Petrowitsch, das heißt, sie haben Ihre Schriften gelesen, und erwarten in der Zukunft viel von Ihnen. Das haben sie mir selbst gesagt. Ich sagte ihnen, daß ich mit Ihnen bekannt sei, und versprach ihnen, Sie mit ihnen bekannt zu machen. Sie nahmen mich alle brüderlich mit offenen Armen auf. Ich sagte ihnen gleich von vornherein, daß ich mich bald verheiraten werde; und daher behandelten sie mich schon wie einen Ehemann. Sie wohnen meist im fünften Stock, unter dem Dach, und kommen möglichst oft zusammen, vorzugsweise mittwochs bei Lew und Boris. Es sind lauter frische, junge Menschen, sämtlich von glühender Liebe zur ganzen Menschheit erfüllt; wir sprachen alle von unserer Gegenwart, von unserer Zukunft, von den Wissenschaften, von der Literatur, und es wurde so schön, so offen und schlicht geredet! Auch ein Gymnasiast kommt hin. Wie hübsch sie miteinander verkehren, und was für eine edle, vornehme Denkweise sie haben! Ich habe solche Menschen noch nie kennengelernt! In welchen Kreisen habe ich denn auch bisher verkehrt? Was habe ich zu sehen bekommen? In welcher Umgebung bin ich aufgewachsen? Du, Natascha, bist die einzige, die mit mir von solchen Dingen gesprochen hat. Ach, Natascha, du mußt unbedingt ihre Bekanntschaft machen; Katja ist schon mit ihnen bekannt. Sie reden von ihr beinah mit Ehrfurcht, und Katja hat schon zu Lew und Boris gesagt, wenn sie die Berechtigung erlangt haben werde, über ihr Vermögen zu verfügen, so werde sie unbedingt sogleich eine Million Rubel für soziale Zwecke spenden.«
»Und die Verwalter dieser Million werden gewiß Lew und Boris und ihre ganze Gesellschaft sein?« fragte der Fürst.
»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr; schäme dich, Vater, so zu reden!« rief Aljoscha eifrig. »Ich merke, was du meinst! Aber diese Million ist tatsächlich der Gegenstand unseres Gespräches gewesen; wir haben lange überlegt, wie sie verwendet werden solle, und uns endlich dafür entschieden, daß sie vor allen Dingen der allgemeinen Aufklärung dienen soll...«
»Ja, ich habe Katerina Fjodorowna bisher wirklich nicht ordentlich gekannt«, bemerkte der Fürst, als ob er nur für sich spräche, immer mit demselben spöttischen Lächeln. »Ich habe ihr übrigens manches zugetraut, aber dies...«
»Was ist denn dabei?« unterbrach ihn Aljoscha. »Was erscheint dir daran so sonderbar? Daß das aus eurem gewohnten Rahmen heraustritt? Daß bisher niemand eine Million geopfert hat und Katja es tut? Das ist's wohl, was dich befremdet. Aber was ist dagegen zu sagen, wenn sie nicht auf andrer Leute Kosten leben will? Denn von diesen Millionen leben ist soviel, wie auf andrer Leute Kosten leben; das ist mir erst jetzt klargeworden. Sie will dem Vaterland und allen Menschen nützlich sein und für die Förderung des Gemeinwohls ihr Scherflein darbringen. Von einem Scherflein ist ja schon in unseren Schönschreibevorschriften die Rede gewesen, und wie jenes Scherflein der Witwe eine Million wert war, so wird es doch hier auch der Fall sein. Und worauf gründet sich denn diese ganze gepriesene Vernunft, an die ich so fest geglaubt habe? Warum siehst du mich so an, Vater? Als ob du einen Narren, einen Dummkopf vor dir sähest? Nun, was schadet es, wenn man ein Dummkopf ist? Du hättest hören sollen, Natascha, was Katja darüber sagte: ›Nicht der Verstand ist das Wichtigste, sondern das, was ihn regiert: der Charakter, das Herz, die edlen Eigenschaften, die gesamte geistige Entwicklung.‹ Aber die Hauptsache ist: hierüber hat Besmygin einen genialen Ausspruch getan. Besmygin ist ein Bekannter von Lew und Boris und unser Oberhaupt und wirklich ein genialer Kopf! Erst gestern sagte er im Gespräch: ›Ein Dummkopf, der sich bewußt ist, ein Dummkopf zu sein, ist kein Dummkopf mehr!‹ Welch eine tiefe Wahrheit! Solche Denksprüche gibt er alle Augenblicke von sich. Er schüttelt die Wahrheiten nur so aus dem Ärmel.«