Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
Ich blickte Natascha an. Sie hörte dem Fürsten mit einem leisen, ein wenig spöttischen Lächeln zu. Aber er sprach so offen, so ungekünstelt. Es war, wie es schien, gar nicht möglich, irgendwelchen Verdacht gegen ihn zu hegen. »Und Sie haben wirklich nicht gewußt, daß er diese ganzen Tage her auch nicht ein einziges Mal bei mir gewesen ist?« fragte Natascha mit leiser, ruhiger Stimme, als ob sie von einem Vorgang spräche, der ihr vollkommen gleichgültig sei.
»Wie? Er ist kein einziges Mal hier gewesen? Erlauben Sie, was sagen Sie da!« rief der Fürst, anscheinend auf das äußerste überrascht.
»Sie waren am Dienstag spätabends bei mir; am andern Morgen ist er auf eine halbe Stunde zu mir gekommen, und seitdem habe ich ihn kein einziges Mal gesehen.« »Aber das ist unglaublich!« (Er geriet in immer größeres Erstaunen.) »Und ich glaubte geradezu, er wiche nicht von Ihrer Seite. Entschuldigen Sie, das ist so seltsam... einfach unglaublich.«
»Aber doch ist es wahr. Und wie schade: ich hatte gerade auf Sie gewartet, weil ich von Ihnen zu erfahren hoffte, wo er sich eigentlich befindet!«
»Ach, mein Gott! Nun, er wird ja gleich hier sein! Aber das, was Sie mir gesagt haben, hat mich dermaßen überrascht, daß ich... ich muß gestehen, ich hätte alles mögliche von ihm erwartet, aber das nicht... das nicht!«
»Wie erstaunt Sie sind! Und ich hatte gedacht, Sie würden sich gar nicht wundern, ja Sie hätten sogar im voraus gewußt, daß es so kommen werde.«
»Gewußt! Ich? Aber ich versichere Ihnen, Natalja Nikolajewna, daß ich ihn heute nur einen Augenblick gesehen und mich bei niemand nach ihm erkundigt habe; es befremdet mich, daß Sie mir anscheinend nicht glauben«, fuhr er fort, indem er uns beide abwechselnd ansah.
»Gott behüte!« fiel Natascha ein. »Ich bin vollkommen davon überzeugt, daß Sie die Wahrheit gesagt haben.«
Sie lachte wieder, diesmal dem Fürsten gerade ins Gesicht, so daß er unwillkürlich zusammenzuckte.
»Erklären Sie sich deutlicher!« sagte er in einiger Verwirrung.
»Zu erklären ist hier eigentlich nichts. Ich rede doch einfach und verständlich. Sie wissen ja, wie leichtsinnig und vergeßlich er ist. Nun, und da ihm jetzt volle Freiheit gelassen war, hat er sich eben gehenlassen.«
»Aber sich so gehenzulassen, das ist doch unerhört; da muß irgend etwas dahinterstecken, und sowie er kommt, werde ich ihn veranlassen, die Sache aufzuklären. Aber am meisten wundere ich mich darüber, daß Sie auch mir eine gewisse Schuld beizumessen scheinen, obwohl ich doch gar nicht hier gewesen bin. Übrigens sehe ich, Natalja Nikolajewna, daß Sie auf ihn sehr erzürnt sind, und das ist ja auch begreiflich! Sie haben dazu ein volles Recht, und... und... selbstverständlich geht es in erster Linie über mich her, wenn auch nur deswegen, weil ich als erster hier erschienen bin, nicht wahr?« fuhr er, sich mit einem gereizten Lächeln an mich wendend, fort.
Natascha fuhr auf und wurde dunkelrot.
»Erlauben Sie, Natalja Nikolajewna«, fuhr er in würdigem Ton fort; »ich gebe zu, daß mich eine gewisse Schuld trifft, aber nur darin, daß ich gleich am nächsten Tag nach unserer Bekanntschaft weggereist bin, so daß Sie bei der Neigung zum Mißtrauen, die ich an Ihrem Charakter wahrnehme, schon Zeit gefunden haben, Ihre Meinung über mich zu ändern, und zwar um so leichter, da die Umstände dazu mitwirkten. Wäre ich nicht weggereist, so hätten Sie mich besser kennengelernt, und auch Aljoscha hätte sich unter meiner Aufsicht nicht so leichtsinnig benommen. Sie werden aber gleich heute hören, was ich ihm sagen werde.«
»Das heißt, Sie werden bewirken, daß er das Verhältnis zu mir als Last zu empfinden anfängt. Unmöglich können Sie bei Ihrer Klugheit wirklich meinen, daß ein solches Mittel mir helfen werde.«
»Wollen Sie etwa damit andeuten, daß ich absichtlich darauf ausginge, zu bewirken, daß er Ihrer überdrüssig werde? Sie beleidigen mich, Natalja Nikolajewna!«
»Ich bemühe mich, möglichst wenig in Andeutungen zu sprechen, wen auch immer ich mir gegenüber habe«, erwiderte Natascha. »Ich bin vielmehr immer bestrebt, mich recht klar auszudrücken, und vielleicht werden Sie sich noch heute davon überzeugen. Beleidigen wollte ich Sie nicht; das ist ausgeschlossen, schon deswegen, weil Sie sich durch meine Worte, mag ich sagen, was ich will, nicht beleidigt fühlen können. Davon bin ich fest überzeugt, da ich unsere wechselseitigen Beziehungen völlig klar erkenne: Sie können ja diese Beziehungen nicht ernst nehmen, nicht wahr? Sollte ich Sie aber wirklich beleidigt haben, so bin ich bereit, um Verzeihung zu bitten, um Ihnen gegenüber alle Pflichten der Gastfreundschaft zu erfüllen.«
Trotz des leichten, ja scherzhaften Tones, in welchem Natascha dies mit einem Lächeln auf den Lippen vorbrachte, hatte ich sie doch noch nie so gereizt gesehen. Erst jetzt begriff ich, wie weh ihr in diesen drei Tagen ums Herz gewesen war. Ihre rätselhaften Worte, daß sie jetzt alles wisse und alles durchschaut habe, erschreckten mich; sie bezogen sich direkt auf den Fürsten. Sie hatte ihre Meinung über ihn geändert und betrachtete ihn als ihren Feind; das war augenscheinlich. Die üble Wendung, die ihre Beziehungen zu Aljoscha genommen hatten, führte sie offenbar auf den Einfluß des Fürsten zurück und hatte vielleicht guten Grund dazu. Ich fürchtete, es könne zwischen ihnen zu einer heftigen Szene kommen. Die wahre Bedeutung ihres scherzhaften Tones lag gar zu offen am Tage, war gar zu wenig verhüllt. Ihre letzten Worte an den Fürsten, er könne ihre wechselseitigen Beziehungen nicht ernst nehmen, die Redensart von der Bitte um Verzeihung wegen der Pflicht der Gastfreundschaft, ihre wie eine Drohung klingende Ankündigung, sie werde ihm noch an diesem Abend den Beweis dafür liefern, daß sie deutlich zu reden verstehe: dies alles war so offensiv und so wenig maskiert, daß der Fürst es unmöglich mißverstehen konnte. Ich sah, daß in seinem Gesicht eine Veränderung vorging; aber er verstand es, sich zu beherrschen. Er stellte sich sogleich, als habe er diese Worte nicht beachtet, ihren wirklichen Sinn nicht verstanden, und half sich selbstverständlich mit einem Scherz heraus.
»Gott soll mich davor bewahren, eine Bitte um Entschuldigung zu verlangen!« erwiderte er lachend. »Das lag überhaupt nicht in meiner Absicht; und von einer Frau zu verlangen, daß sie mich um Entschuldigung bitte, das entspricht nicht meinen Grundsätzen. Schon als wir uns das erstemal sahen, habe ich Ihnen im voraus meinen Charakter geschildert, und deshalb werden Sie mir hoffentlich eine Bemerkung nicht übelnehmen, um so weniger, da sie sich auf die Frauen im allgemeinen bezieht; auch Sie werden dieser Bemerkung wahrscheinlich zustimmen«, fuhr er, sich liebenswürdig zu mir wendend, fort. »Ich habe nämlich beobachtet, daß es im weiblichen Charakter eine bestimmte Eigenheit gibt: wenn eine Frau sich irgendwie schuldig fühlt, so wird sie eher dazu bereit sein, in der Folgezeit ihre Schuld durch tausend Liebenswürdigkeiten wieder gutzumachen, als im gegenwärtigen Augenblick, im Augenblick ihrer evidenten Überführung, ihre Schuld zu bekennen und um Verzeihung zu bitten. Daher wünsche ich, selbst angenommen, daß ich von Ihnen beleidigt bin, dennoch jetzt, im gegenwärtigen Augenblick, absichtlich keine Bitte um Entschuldigung; es ist für mich vorteilhafter zu warten, bis Sie später in Erkenntnis Ihres Fehlers ihn mir gegenüber durch tausend Liebenswürdigkeiten werden wieder gutmachen wollen. Und Sie haben eine so gute, reine, frische, offene Seele, daß der Augenblick, wo Sie bereuen werden, ein ganz entzückender sein wird. Sagen Sie mir, statt um Entschuldigung zu bitten, jetzt lieber: kann ich gleich heute durch irgend etwas Ihnen den Beweis erbringen, daß ich Ihnen gegenüber weit offener und aufrichtiger verfahre, als Sie es von mir glauben?«