Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Und das hat er zugelassen? Nelly, Nelly!«
»Anfangs sagte ich ihm nichts davon, daß ich bettelte. Aber als er es erfuhr, da trieb er mich selbst dazu an. Ich stand auf einer Brücke und bat die Vorübergehenden um Almosen, und er ging in der Nähe der Brücke auf und ab; und wenn er sah, daß mir jemand etwas gegeben hatte, dann stürzte er auf mich zu und nahm mir das Geld weg, als ob ich es vor ihm verstecken wollte und nicht für ihn erbettelt hätte.«
Bei diesen Worten trat ein bitteres, trauriges Lächeln auf ihre Lippen.
»Das war alles, nachdem Mama gestorben war«, fügte sie hinzu. »Danach wurde er ganz wie irrsinnig.« »Also hat er deine Mama sehr liebgehabt? Warum wohnte er denn nicht mit ihr zusammen?« »Nein, er hatte sie nicht lieb... Er war ein böser Mensch und verzieh ihr nicht... ebenso wie der böse alte Mann von gestern«, sagte sie leise, fast flüsternd, und wurde dabei immer blasser und blasser.
Ich fuhr zusammen. Das ganze Geflecht eines Romans lag auf einmal offen vor meinem Blick da: diese arme Frau, die in der Kellerwohnung des Sargtischlers starb, ihre als Waise zurückbleibende Tochter, die manchmal den Großvater besuchte, der ihre Mutter verflucht hatte, der geistesschwach gewordene alte Mann, der nach dem Tod seines Hundes in der Konditorei starb!... »Asorka hatte einstmals Mama gehört«, sagte Nelly auf einmal und lächelte wie infolge einer Erinnerung. »Der Großvater hatte Mama früher sehr liebgehabt, und als Mama von ihm wegging, blieb Mamas Asorka bei ihm. Daher hatte er Asorka so lieb. Er hat Mama nicht verziehen; aber als der Hund gestorben war, ist er auch gestorben«, fügte Nelly finster hinzu; das Lächeln war von ihrem Gesicht verschwunden.
»Was war er denn früher, Nelly?« fragte ich, nachdem ich ein Weilchen gewartet hatte.
»Er war früher reich... Ich weiß nicht, was er eigentlich war«, antwortete sie. »Er hatte eine Fabrik... So hat mir Mama gesagt. Sie dachte anfangs, ich wäre noch zu klein, und sagte mir nicht alles. Sie küßte mich sehr viel und sagte: »Du wirst alles erfahren, wenn die Zeit kommt; alles wirst du erfahren, du armes, unglückliches Kind!« Und immer nannte sie mich arm und unglücklich. Und oft, wenn sie in der Nacht meinte, ich schliefe (aber ich schlief nicht, sondern stellte mich nur absichtlich so), dann beugte sie sich über mich und weinte und küßte mich und sagte: ›Du armes, unglückliches Kind!‹ «
»Woran ist denn deine Mama gestorben?«
»An der Schwindsucht; es ist jetzt sechs Wochen her.«
»Und erinnerst du dich noch an die Zeit, als dein Großvater reich war?« »Damals war ich ja noch gar nicht geboren. Mama war noch vor meiner Geburt vom Großvater weggegangen.« »Mit wem war sie denn weggegangen?«
»Das weiß ich nicht«, antwortete Nelly leise und, wie es schien, nachdenklich. »Sie war ins Ausland gegangen, und da wurde ich auch geboren.«
»Im Ausland? Wo denn?«
»In der Schweiz. Ich bin überall gewesen, auch in Italien und in Paris.«
Ich war erstaunt.
»Und du hast das in der Erinnerung, Nelly?«
»Ja, vieles habe ich in der Erinnerung.«
»Wie kommt es denn, daß du so gut Russisch kannst, Nelly?«
»Mama hatte mich schon dort im Ausland Russisch gelehrt. Sie war Russin, weil ihre Mutter eine Russin war; der Großvater war Engländer; aber auch er war so gut wie ein Russe. Und als Mama und ich vor anderthalb Jahren hierher zurückgekehrt waren, da habe ich vollständig Russisch gelernt. Mama war schon damals krank. Da wurden wir ärmer und ärmer. Mama weinte immer. In der ersten Zeit suchte sie hier in Petersburg lange nach dem Großvater und sagte ständig, sie habe sich gegen ihn vergangen, und weinte immer... Sie weinte so viel, so viel! Als sie aber erfuhr, daß Großvater arm sei, da weinte sie noch mehr. Sie schrieb auch oft Briefe an ihn; aber er antwortete nie.«
»Warum ist denn deine Mama hierher zurückgekehrt? Wollte sie nur wieder zu ihrem Vater?«
»Das weiß ich nicht. Aber dort hatten wir ein so gutes Leben!« Nellys Augen leuchteten auf. »Mama wohnte allein, nur mit mir zusammen. Sie hatte einen Freund; das war ein so guter Mensch wie Sie... Er hatte sie schon gekannt, als sie noch hier war. Aber er starb dort, und da kehrte Mama zurück...« »Also mit dem ist deine Mama auch vom Großvater weggegangen?«
»Nein, mit dem nicht. Mama ging mit einem andern vom Großvater weg, und der verließ sie dann...«
»Wer war denn das, Nelly?«
Nelly sah mich an und gab keine Antwort. Sie wußte offenbar, mit wem ihre Mama weggegangen und wer aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihr Vater war. Aber es war ihr peinlich, selbst mir seinen Namen zu nennen. Ich wollte sie nicht mit Fragen quälen. Sie hatte einen seltsamen, nervösen, heftigen Charakter, war aber dabei bemüht, ihre starken Affekte zu unterdrücken; sie hatte viel Sympathisches, verschanzte sich aber mit stolzer Unnahbarkeit. Obwohl sie mich von ganzem Herzen mit der reinsten, wärmsten Liebe liebte, fast ebenso innig, wie sie ihre verstorbene Mutter geliebt hatte, an die sie nicht ohne tiefen Schmerz zurückdenken konnte, war sie doch in der ganzen Zeit, da ich sie kannte, nur selten ganz offen gegen mich und empfand außer an diesem Tag nur selten das Bedürfnis, mit mir von ihrer Vergangenheit zu reden; im Gegenteil, sie suchte sie mir sogar mit finsterer Miene zu verbergen. Aber an diesem Tag teilte sie mir im Verlauf einiger Stunden, oft von qualvollem, krampfhaftem Schluchzen in ihrer Erzählung unterbrochen, alles mit, was sie unter ihren Erinnerungen am meisten aufregte und marterte, und ich werde diese furchtbare Erzählung nie vergessen. Doch ihre ganze Lebensgeschichte steht noch vor uns...
Es war eine furchtbare Geschichte; es war die Geschichte einer verlassenen Frau, die ihr Glück überlebt hatte, einer kranken, zermarterten, von allen verlassenen Frau, die sich sogar von dem letzten Wesen zurückgestoßen sah, auf das sie noch hatte hoffen können, von ihrem Vater, den sie einmal gekränkt hatte und der nun seinerseits infolge der unerträglichen Leiden und Demütigungen geistesgestört geworden war. Es war die Geschichte einer Frau, die zur Verzweiflung gelangt war und mit ihrem Töchterchen, das sie noch für ein Kind hielt, durch die kalten, schmutzigen Straßen Petersburgs wanderte und bettelte; die Geschichte einer Frau, die dann monatelang in einer feuchten Kellerwohnung im Sterben lag und der der eigene Vater bis zum letzten Augenblick ihres Lebens seine Verzeihung versagte; erst im letzten Augenblick war er anderen Sinnes geworden und hingeeilt, um ihr zu verzeihen, hatte aber nun nur einen kalten Leichnam statt derjenigen gefunden, die er über alles in der Welt geliebt hatte. Es war eine seltsame Erzählung von den geheimnisvollen, kaum begreiflichen Beziehungen des geistesschwach gewordenen Greises zu seiner kleinen Enkelin, die ihn schon verstand, die trotz ihres kindlichen Lebensalters schon vieles verstand, zu dessen Erkenntnis mancher in seinem gesamten sorglosen, glatt verlaufenden Leben nicht gelangt. Es war eine trübe Geschichte, eine jener trüben, qualvollen Geschichten, wie sie sich so oft und unauffällig, fast im geheimen, unter dem drückenden Petersburger Himmel abspielen, in den dunklen, versteckten Seitengassen der riesigen Stadt, mitten in dem sinnlos brodelnden Leben, dem stumpfsinnigen Egoismus, den einander bekämpfenden Interessen, den düsteren Lastern, den geheimen Verbrechen, mitten in diesem schrecklichen Höllenpfuhl voll unsinnigen, naturwidrigen Lebens...
Doch diese Geschichte steht noch vor uns.
Dritter Teil
Erstes Kapitel
Erst als schon längst die Dämmerung eingetreten und es Abend geworden war, erwachte ich wie aus einem schweren Traum und kehrte in die Wirklichkeit zurück.
»Nelly«, sagte ich, »du bist jetzt krank und erregt; aber ich muß dich allein und in Tränen verlassen. Liebes Kind! verzeih es mir und wisse, daß es auch hier ein geliebtes, der Verzeihung entbehrendes Wesen gibt, ein unglückliches, gekränktes, verlassenes Wesen. Sie erwartet mich. Und auch ich selbst fühle mich jetzt nach deiner Erzählung unwiderstehlich zu ihr hingezogen; mir ist, als müßte ich zugrunde gehen, wenn ich sie nicht sogleich, diesen Augenblick, sehe...«