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Erniedrigte und Beleidigte
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Ihre Augen funkelten, ihre Wangen glühten. ›Gewiß redet sie so nicht ohne besonderen Grund‹, dachte ich bei mir.

»Und zu dem wollten Sie mich ins Haus geben?« fügte sie nach kurzem Stillschweigen hinzu.

»Ja, Jelena.«

»Nein, lieber verdinge ich mich als Magd.«

»Ach, wie häßlich ist das alles, was du da redest, liebe Jelena! Und was ist das für Torheit: bei wem kannst du dich verdingen?«

»Bei jedem gewöhnlichen Mann«, antwortete sie ungeduldig; sie ließ den Kopf immer tiefer hängen.

Sie war auffallend heftig.

»Ein gewöhnlicher Mann kann eine solche Magd nicht gebrauchen«, erwiderte ich lächelnd.

»Nun, dann bei einer Herrschaft.«

»Mit deinem Charakter willst du bei einer Herrschaft leben?«

»Gewiß.«

Je mehr sie in Erregung geriet, um so schroffer wurden ihre Antworten.

»Aber du wirst es nicht aushalten.«

»Doch, ich werde es aushalten. Sie werden mich schelten, aber ich werde absichtlich schweigen. Sie werden mich schlagen; aber ich werde immer schweigen, immer schweigen; mögen sie mich schlagen, ich werde um keinen Preis weinen. Sie werden sich krank darüber ärgern, daß ich nicht weine.«

»Was redest du, Jelena! Was steckt in dir für eine Verbitterung; und wie stolz bist du! Du hast gewiß viel Leid erfahren...« Ich stand auf und trat an meinen großen Tisch. Jelena blieb auf dem Sofa sitzen, blickte nachdenklich zu Boden und zupfte mit den Fingern an der Kante des Bezugs. Sie schwieg. »Ob sie mir meine Worte übelgenommen hat?« dachte ich.

Am Tisch stehend, schlug ich mechanisch die Bücher auf, die ich tags zuvor zum Zweck der kompilatorischen Arbeit mitgebracht hatte, und ließ mich allmählich durch die Lektüre fesseln. Es geht mir oft so: ich trete heran, schlage ein Buch für einen Augenblick auf, um etwas nachzusehen, und lese mich so fest, daß ich alles um mich herum vergesse.

»Was schreiben Sie da immer?« fragte Jelena, die leise an den Tisch herankam, mit einem schüchternen Lächeln. »Allerlei, liebe Jelena. Ich bekomme dafür Geld, bezahlt.«

»Eingaben?«

»Nein, Eingaben nicht.«

Ich erklärte ihr, so gut ich konnte, daß ich allerlei Geschichten schriebe, von allerlei Leuten; daraus entständen Bücher, die man Novellen und Romane nenne. Sie hörte mit großer Aufmerksamkeit zu.

»Schreiben Sie da immer nur die Wahrheit?«

»Nein, ich sinne mir etwas aus.«

»Warum schreiben Sie denn die Unwahrheit?«

»Lies doch dieses Buch hier; du hast es ja schon einmal angesehen. Du kannst doch lesen?«

»Ja.«

»Nun, dann wirst du ja selbst sehen. Dieses Buch habe ich geschrieben.«

»Sie? Dann werde ich es lesen...«

Sie hatte die größte Lust, mir noch etwas zu sagen; aber es machte ihr offenbar Schwierigkeiten, und sie befand sich in der größten Aufregung. Hinter ihren Fragen versteckte sich etwas.

»Bekommen Sie viel dafür bezahlt?« fragte sie schließlich.

»Wie es sich trifft. Manchmal viel, manchmal aber auch gar nichts, wenn die Arbeit nicht vom Fleck kommen will. Es ist eine schwere Arbeit; liebe Jelena.«

»Also sind Sie nicht reich?«

»Nein, reich bin ich nicht.«

»Dann werde ich arbeiten und Ihnen helfen.«

Sie blickte schnell zu mir auf, errötete, schlug die Augen nieder, tat zwei Schritte auf mich zu, schlang plötzlich beide Arme um meinen Hals und drückte ihr Köpfchen ganz fest an meine Brust. Ich sah sie erstaunt an.

»Ich habe Sie lieb... ich bin nicht stolz«, sagte sie. »Sie sagten gestern, ich sei stolz. Nein, nein... das bin ich nicht... ich habe Sie lieb. Sie sind der einzige, der mich liebhat...«

Aber die Tränen drohten sie zu ersticken. Einen Augenblick darauf brachen sie aus ihrer Brust mit derselben Gewalt hervor wie tags zuvor bei dem Anfall. Sie fiel vor mir auf die Knie und küßte meine Hände, meine Füße...

»Sie haben mich lieb!...« wiederholte sie; »Sie sind der einzige, der einzige!...«

Krampfhaft hielt sie meine Knie mit ihren Armen umfaßt. Ihr ganzes so lange zurückgehaltenes Gefühl brach auf einmal mit unhemmbarer Gewalt nach außen hindurch, und ich verstand nun diesen seltsamen Trotz eines Herzens, das sich lange Zeit keusch verbirgt, und zwar um so hartnäckiger, um so finsterer, je stärker das Bedürfnis wird, sich auszuschütten, sich ganz auszusprechen, bis zum unvermeidlichen Ausbruch, wo sich dann das ganze Wesen auf einmal bis zur Selbstvergessenheit diesem Bedürfnis der Liebe und Dankbarkeit hingibt, sich in Liebkosungen nicht genugtun kann, sich in Tränen ergießt...

Sie schluchzte so, daß sie geradezu einen Weinkrampf bekam. Mit Gewalt löste ich ihre Arme, die mich umschlangen. Ich hob sie auf und trug sie auf das Sofa. Noch lange schluchzte sie weiter, das Gesicht in den Kissen verbergend, wie wenn sie sich schämte, mich anzusehen; aber sie drückte meine Hand fest in ihrem kleinen Händchen zusammen und hielt sie immer noch an ihr Herz. Allmählich wurde sie ruhiger; aber das Gesicht hob sie immer noch nicht zu mir auf. Einige Male huschten ihre Augen schnell über mein Gesicht hin, und es lag in ihnen eine unendliche Weichheit und schüchterne, sich von neuem versteckende Empfindung. Zuletzt errötete sie und lächelte.

»Ist dir nun leichter?« fragte ich, »du meine weiche Jelena, du mein krankes Kind!«

»Nennen Sie mich nicht Jelena, nein...«, flüsterte sie, indem sie ihr Gesichtchen immer noch vor mir verbarg. »Nicht Jelena? Wie soll ich dich denn nennen?« »Nelly.«

»Nelly? Warum denn gerade Nelly? Nun, meinetwegen; das ist ein sehr hübscher Name. Dann werde ich dich also so nennen, wenn du es selbst wünschst.« »So hat mich Mama genannt... niemand hat mich jemals so genannt als sie... Ich wollte selbst nicht, daß mich ein anderer als Mama so nennte... Aber Sie sollen mich so nennen; das will ich... Ich werde Sie immer liebhaben, immer!«

›Du liebevolles, stolzes Herzchen!‹ dachte ich. ›Wie lange mußte ich mich um dich mühen, bis du für mich Nelly wurdest !‹

Aber jetzt wußte ich bereits, daß ihr Herz sich mir für das ganze Leben ergeben hatte.

»Nelly, höre einmal«, sagte ich, sobald sie sich beruhigt hatte. »Du sagtest eben, nur deine Mama hätte dich liebgehabt, sonst niemand. Aber hat dich denn dein Großvater nicht wirklich liebgehabt?« »Nein, das hat er nicht...«

»Aber du hast hier doch um ihn geweint, erinnerst du dich? Auf der Treppe.« Sie dachte einen Augenblick nach. »Nein, er hat mich nicht liebgehabt... Er war schlecht.« Ein schmerzliches Gefühl prägte sich auf ihrem Gesicht aus.

»Man konnte doch nicht mehr viel von ihm verlangen, Nelly. Er war ja schon ganz geistesschwach geworden. Er ist auch wie ein Irrsinniger gestorben. Ich habe dir ja erzählt, wie er gestorben ist.«

»Ja; aber nur im letzten Monat war er so ganz geistesabwesend. Er saß manchmal hier einen ganzen Tag lang, und wenn ich nicht zu ihm gekommen wäre, hätte er auch einen zweiten und dritten Tag so gesessen, ohne zu essen und zu trinken. Früher aber war es mit ihm weit besser.«

»Wann denn früher?«

»Als Mama noch nicht gestorben war.«

»Also du hast ihm etwas zu essen und zu trinken gebracht, Nelly?«

»Ja.«

»Wo hast du es denn herbekommen? Von Frau Bubnowa?«

»Nein, von Frau Bubnowa habe ich nie etwas genommen«, antwortete sie energisch; aus ihrem Ton hörte man einen Schauder heraus.

»Wo hast du es denn dann herbekommen? Du hattest doch nichts?«

Nelly schwieg ein Weilchen und wurde furchtbar blaß; dann sah sie mich mit einem langen, langen Blick an.

»Ich bin auf die Straße gegangen und habe gebettelt... Wenn ich fünf Kopeken erbettelt hatte, kaufte ich ihm Brot und Schnupftabak...«

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