Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
»Wollen Sie gleich mit der Untersuchung beginnen? Soll ich mich entkleiden?«
Solla hatte seinen Umhang abgestreift und sich der umgebundenen Kissen entledigt. Er ließ sich in einen Sessel fallen.
»Nein, nein. Ein Mißverständnis. Sie sind gesund, das wurde schon festgestellt.« Er deutete auf eine Couch. »Bitte.«
»Ich würde gern mit der Arbeit beginnen. Es wäre mir lieb, wenn ich nicht noch länger aufgehalten würde.«
Solla lächelte freundlich und wiederholte seine einladende Handbewegung. Er schob eine Packung Riechkapseln über den Tisch. »Bedienen Sie sich!«
»Keine Untersuchung?«
»Nur ein Gespräch – eine Formsache. Eigentlich haben Sie schon alles überstanden. Nur noch, daß wir uns kennenlernen. Ich habe Sie hier zu betreuen.«
»Wozu Betreuung?« Er merkte, daß er unhöflich wirkte, und setzte hinzu: »Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch, das richtet sich nicht gegen Sie. Doch bin ich nun einmal hier, habe mich ordnungsgemäß angemeldet und mein Appartement bezogen. Ich bin gut ausgeruht und frisch und möchte keine Zeit verlieren.«
Solla drückte eine Kapsel auf, hielt sie an die Nase und zog genießerisch die belebende Gasmischung ein. Er atmete einige Male tief, bevor er antwortete. »Wozu einen Betreuer? Sie sind völlig fremd hier. Haben Sie nicht das Bedürfnis, sich mit jemand auszusprechen?«
»Sie sind Psychiater«, sagte Daniel.
»Natürlich. Das Soma stellt keine Probleme. Wir sind hier ein bißchen weiter als die da draußen. Einfache, aber wirksame Methoden. Kein mühsames Aufmöbeln mehr. Organaustausch, Transplantation. – Nein, nein, wenn etwas Probleme stellt, dann ist es die Psyche.«
»Ich fühle mich durchaus wohl.«
»Hatten Sie heute schon Ärger? Glauben Sie mir, ich verstehe mich auf Symptome. Selbstverständlich befinden Sie sich völlig innerhalb des Stabilitätsbereichs. Doch erscheinen Sie mir ein wenig gereizt. Was könnte es gewesen sein?«
Daniel schüttelte den Kopf.
»Heute morgen hatten Sie Besuch … Julius, nicht wahr? Sehen Sie, das sind Kleinigkeiten, die Stimmungen verderben. Ungewöhnlich, daß er zu Ihnen kam. Sie haben es gestattet? Nebenbei, darüber ist ein Streit in Gang: Sind sie noch Tiere? Was meinen Sie dazu?«
Er wartete nicht auf Daniels Antwort, steckte die Daumen in die Brusttasche seines Jacketts.
»Wissen Sie, daß man sie heute mit beliebiger Intelligenz züchten kann? Man braucht nur einige zusätzliche Abschnitte in die DNS einzubauen. Und schon erwächst das Problem: Die Geschöpfe bekommen Persönlichkeit. Wir wissen, daß wir ihnen gegenüber keinerlei ethische Verpflichtungen haben, doch es meldet sich das schlechte Gewissen, das sich nicht an historische Fakten hält. Sie sind unsere Produkte, unser Eigentum, doch plötzlich merkt man einen eigenen Willen, Eigensinn, wenn Sie so wollen, Ausdruck – Zweifel, Mißbilligung – Kritik! Haben Sie es nicht etwa so empfunden?«
»Kann sein«, gab Daniel zu. »Ich habe nicht darüber nachgedacht.«
»Nicht bewußt. Aber man muß es aussprechen«, sagte der Arzt. »Sonst trägt man den ganzen Tag einen Stachel mit sich herum. Nicht, daß es wichtig wäre – ich wollte Ihnen nur zeigen, daß Sie mir vertrauen können, daß es sich lohnt, zu mir zu kommen, wenn Sie der Schuh drückt. Das sind Sie sich selbst schuldig: Sie müssen auf Ihr inneres Gleichgewicht achten. Also gehen Sie jetzt, wenn Sie wollen. Ich halte Sie nicht zurück.« Er stand auf, geleitete Daniel zur Tür.
»Sie sind offenbar genau darüber informiert, was ich getan habe«, sagte Daniel. Er blieb kurz an der Schwelle stehen. »Ich glaubte, es gäbe keine Überwachung.«
»Gibt es auch nicht«, antwortete Solla. »Sie können sich völlig frei bewegen, niemand achtet darauf, was Sie tun. Auch wir Ärzte überwachen niemand, es unterliegt unserer eigenen Verantwortung, ob wir Kontakt mit einem Patienten herstellen, und wir tun es nur in besonderen Fällen. Bei einem Neuankömmling mußte ich mich freilich überzeugen … Nun, es ist ja alles in Ordnung. Einen schönen Tag wünsche ich!«
»Ja, es ist alles in Ordnung«, bestätigte Daniel. Aber er hatte ein Gefühl der Beklemmung, das ihn auf eine merkwürdig vertraute Art ängstigte.
Als er mit betont zielbewußten Schritten den Korridor entlangging, hatte er den Eindruck, daß der Psychiater ihm nachschaute, aber er tat, als kümmerte ihn das nicht, und ging weiter, obwohl er nicht wußte, wo er sich befand, und sich nicht im klaren darüber war, was er als nächstes tun sollte. Dieser Teil des Bauwerks war belebter als der Wohntrakt, der Gang erweiterte sich bald zu Sälen mit Tischen und Stühlen, den Wartezimmern von Kliniken ähnlich, da und dort saß jemand, die meisten in sich selbst versunken, vor sich hindösend, andere in Gespräche vertieft, einige glitten auf Bürstenschuhen an ihm vorbei, gelegentlich ein Kyborg auf einem Rollgleiter, und obgleich niemand Notiz von ihm nahm, behielt Daniel seine demonstrativ selbstsichere Haltung bei, bis er einen leeren Raum entdeckte, eine Theke, Barhocker; er setzte sich, holte sich einen Becher Säuerling aus dem Automaten und überlegte, was er unternehmen sollte. Seine neue Umgebung wirkte nach wie vor verwirrend auf ihn, aber das konnte nicht anders sein, er hatte es nicht anders erwarten dürfen, mußte sich abfinden, versuchen, sich so rasch wie möglich einzugewöhnen. Heute war er nicht mehr so verloren wie gestern, er war registriert, hatte eine Erkennungsmarke, verfügte über ein Appartement und hatte Zugriff zur Datenbank. Am besten, er setzte sich mit der Automatik in Verbindung und verschaffte sich Übersicht über die Kommunikationsmittel, die Organisation, die Modalitäten. Er suchte sein Zimmer auf.
Inzwischen hatte sich ein Mann einige Sitze von ihm entfernt an der Theke niedergelassen und Bierschwarz in einen Becher rinnen lassen. Nun rückte er näher, griff an einige Hebel, ohne etwas zu bestellen, bis er schließlich neben Daniel saß – ein junges, asketisches Gesicht, braun getönt - was auf eine Überdosis UV schließen ließ –, weißblond, rote Augenlider. Er schob das Bierglas hin und her, blickte sich betont unauffällig um und wandte sich schließlich, ohne ihm ins Gesicht zu sehen, an Daniel, der sein Gehabe merkwürdig fand.
»Warum kommen Sie gerade hierher?« Er sprach mit Verschwörermiene, aus dem Mundwinkel heraus. »Ist das nicht ein wenig unvorsichtig? Außerdem: Sie sind nicht avisiert.« Er tippte Daniel an den Kragenaufschlag. »Wer hat Ihnen das Zeichen mitgeteilt? Pst!«
Zwei Primis schoben eine Rollbahre vorbei, auf der ein Mensch lag, von einer Plastikfolie bedeckt. Sie haftete fest auf Stirn, Nase, Wangen. Kinn, an den Stellen von Augen, Mund und Nase waren runde, schwarz gesäumte Löcher eingeschnitten. Lautlos verschwanden sie im Gang.
»Wieder einer«, sagte der Blonde. »Sie sehen, hier kann man sich kaum unterhalten. Haben Sie schon Mutungspunkte?«
Daniel hob die Schultern, doch eine Handbewegung hieß ihn schweigen. Der Blonde blickte angestrengt zur Seite, horchte …
»Hören Sie?« fragte er. »Für mich wird es Zeit. Am besten, Sie kommen einmal zu einer unserer Sitzungen. Hier!« Er ergriff Daniels Hand, legte ein Stück Folie hinein, schloß ihm die Finger zur Faust. »Freie Bahn!« Er stand auf, ging rasch, doch ohne zu hasten, davon.
Nachdenklich sah Daniel ihm nach. Auch das gehörte wohl dazu: daß sich die Menschen merkwürdig benahmen, daß er vieles, was sie taten, sagten, andeuteten, von ihm verlangten, nicht verstand. Seine Hand tastete den Kragen entlang … hier steckte seine Plakette, der Schieber geschlossen. Trug man ihn offen? Wahrscheinlich. Dadurch war er aufgefallen. Aber wer hatte es nötig, sich durch Geheimzeichen zu verständigen? Unzufriedene? Anarchisten? Saboteure?
In einer flachen Ecke – 120 Grad, dem Sechseckprinzip entsprechend – bemerkte er eine Zelle des Beförderungssystems. Er stand auf und trat heran: die Tür öffnete sich nicht. Er nestelte an seiner Erkennungsmarke herum, zog den Schieber heraus … die Tür glitt beiseite. Er trat ein. Die Tür schloß sich hinter ihm.