Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
Als er verstummt war, blieben auch seine drei Gesprächspartner für eine Weile still, dann sagte einer – er erkannte nicht, welcher:
»Ihr Abenteuer mit der verlorenen Tasche … haben Sie es richtig wiedergegeben? Sie wollen doch nicht ernstlich behaupten, jemand hätte … Das ist einfach undenkbar, es kommt nicht vor. Wollen Sie nicht lieber offen sagen, wo Sie Ihre Tasche versteckt haben?«
Daniel versicherte, es wäre genauso gewesen, wie er es berichtet hatte, doch er merkte, daß ihm die andern nicht glaubten, sie hörten nicht einmal zu, gerade, daß sie ihn nicht unterbrachen, und er mußte sich eingestehen, daß die Begebenheit, in Worte gefaßt, höchst unglaubwürdig wirkte, geradezu phantastisch schien, er selbst mußte sich fragen, ob er nicht einer Sinnestäuschung erlegen war, aber er schüttelte diesen Gedanken ab, der sich einzuschleichen versuchte, gewiß, er war verwirrt gewesen, die ungewohnte Umgebung, der Verlust der Übersicht, der Unmut über sich selbst, weil er dem Fremden ausgeliefert war, der ihm immer unsympathischer wurde, dem er am liebsten davongelaufen wäre, es aber nicht wagen durfte, da er nicht wußte, wie er zurückfinden sollte, das unterschwellige Unbehagen darüber, etwas Wichtiges unterlassen zu haben, nämlich die Anmeldung, die Tatsache, daß er sich auf ein Abenteuer eingelassen hatte, sich gewissermaßen illegal in fremdem Territorium aufhielt, vielleicht sogar der Gedanke, sich unter Wasser zu befinden, abgeschlossen von der freien Luft der Städte, schließlich noch eine dumpfe Bedrückung, die tief in ihm saß, die er mit sich herumschleppte, deren Ursprung er nicht kannte – dennoch, er hatte es erlebt, er war Herr seiner Sinne, er hatte sich nicht täuschen lassen, auch die verlorene Zeit sprach dafür, Pamela hatte ihm geglaubt, ihn keineswegs für einen Lügner gehalten oder für einen Phantasten. Er unterbrach sein Gestammel in einem Anflug von Auflehnung und rief:
»Warum glaubt ihr mir nicht! Weshalb sollte ich eine Geschichte erfinden, die peinlich genug für mich ist? Ich hätte viel mehr Grund, mich zu beschweren: Ich habe das Recht darauf, vor Gewalttätigkeiten geschützt zu werden. Meine Tasche hätte mir längst zurückgegeben werden müssen.«
»Sie haben den Verlust nicht angezeigt«. antwortete einer der Kyborgs. »Das ist ungewöhnlich. Hätte jemand ein solches Abenteuer wirklich zu bestehen, er würde nicht zögern, Alarm zu schlagen. Nicht nur aus persönlichen Gründen - der Gemeinschaft halber. Es würde ja bedeuten, daß ein Entarteter frei herumliefe. Warum haben Sie den Vorfall nicht angezeigt?«
»Ich wußte nicht, wo, kenne mich hier nicht aus. Ich nahm es nicht so tragisch«, fügte er lahm hinzu.
»Und später, in der Anmeldung? Sie hätten es bloß mitzuteilen brauchen, und schon hätten die Recherchen begonnen.«
»Wie sind Sie überhaupt zurückgekommen – wenn es stimmt, daß Sie die Übersicht verloren haben?«
Pamela sagte nichts, aber sie kniff ihn in den Oberarm, offenbar als Signal, nichts über sie zu sagen. Unter den gegebenen Umständen wäre es Daniel lieber gewesen, er hätte offen sprechen können, und er war auch versucht, es zu tun, aber er besann sich darauf, daß es den denkbar schlechtesten Eindruck gemacht hätte, wäre er jetzt mit einer anderen Version der Geschichte gekommen, einer Version, die überdies nicht erklärte, wo die Tasche geblieben war, dafür aber bewies, daß sein Bericht nicht lückenlos gewesen war, vermuten ließ, er versuche hinter einem Lügengespinst etwas zu verbergen.
»Auch später haben Sie niemand gegenüber Ihre Tasche auch nur erwähnt.«
»Vermissen Sie den Verlust nicht? Es war doch das einzige, was Sie von draußen mitgebracht hatten!«
»Was befand sich in der Tasche?«
Da war nun die Frage laut geworden, die er insgeheim gefürchtet hatte. Was befand sich in der Tasche? Er hatte schon mehrmals darüber nachgedacht, sich zu erinnern versucht, nebenher, wie über eine Nichtigkeit, die nur dadurch Bedeutung gewinnt, daß man sie vergessen hat, und sich nur deshalb ins Gedächtnis zurückzurufen versucht, um sie mit gutem Gewissen wieder vergessen zu können, aber nun stand er vor einem neuen Problem, vor einer weiteren bedenklichen Wendung im Spiel der Fragen und Antworten, in dem so viel offenbleiben mußte und nun auch das noch offenblieb: Daniel konnte nicht antworten. Was befand sich in der Tasche? Sicher waren es völlig unwichtige persönliche Dinge gewesen, ein Erfrischungsspray, vielleicht einige Tabletten VITALAN, ein Miniprojektor, ein paar Bandkassetten … sollte er diese Dinge auf gut Glück nennen? Aber sicher wäre es vergeblich, genauso wie seine Beteuerungen, die Wahrheit zu sagen.
Und jetzt erst dachte er mit einem kalten Erschrecken daran, daß mit der Tasche seine Vergangenheit verlorengegangen war. Bisher hatte ihn seine Gedächtnisschwäche wenig berührt, er hatte vage Erinnerungen an Wohnblocks, Laufbänder, Parabelbahnen, Luftkissenboote, an Menschen, Kyborgs, Primis, an ein Gewimmel von Gesichtern, Lärm, Rufe, Stimmen, an die Stadt, an draußen, an die Art, wie man sich zu verhalten hatte, wie man anderen begegnete, wie man sprach – nur die persönliche Erinnerung ließ ihn im Stich. Er hatte aber keine Sekunde daran gezweifelt, daß ein geringfügiger Anlaß sein bisheriges Leben wieder heraufbeschwören würde, ein Stichwort, ein Bild, ein Gegenstand … und jetzt schien es ihm, als wäre dieser Brückenschlag zu früher keineswegs mehr selbstverständlich, sondern bedurfte einer besonderen Anstrengung, doch nun war ihm das einzige Mittel, der Schlüssel zur Vergangenheit, genommen.
Er hörte, daß man ihm weitere Fragen stellte, doch er hörte nicht zu, und er antwortete nicht. Er schaltete ab, ließ die Wärme von Pamelas Körper an sich wirken. Sie war wie ein Schirm, hinter dem er sich verkroch, drückte sich ins Kissen, lag starr, merkte, daß ein diffuses Stück Leere in ihn einsickerte, und überließ sich der erquickenden Stille, die über ihn kam. In das Schweigen hinein: Klänge, Gongschläge oder Musik, unaufdringlich, allmählich lauter, synchron mit der Rückkehr in das Wachsein. Daniel öffnete die Augen – das Licht war ebenso gedämpft wie die Glockentöne, und es paßte sich seinem langsamen Erwachen an.
»8 Uhr 03.
Wir hoffen, Sie hatten eine angenehme Nacht.
Keine Anrufe, keine besonderen Vorkommnisse.
Auszug aus dem Tagesprogramm: 9 Uhr 00 ärztliche Untersuchung.
Bitte, holen Sie vorher in der Rezeption Ihre Bons ab!
Wir wünschen einen schönen Tag.«
In der Luft lagen hauchdünne Schwaden glitzernder Tröpfchen. Daniel atmete das belebende Präparat ein – es war parfümiert, roch belebend, vielleicht etwas zu herb, prickelte in der Nasenschleimhaut; er nahm sich vor, an der Skala eine andere Duftnote einzustellen. Aber es erfrischte wunderbar. Er warf die Decke zurück, eine hochelastische Matte aus gebläsegestrickten Hohlfasern, trat mit beiden Beinen zugleich auf den Tartanbelag des Bodens. Er stand auf, räkelte sich. Die Erlebnisse des vorigen Tages lagen weit zurück, im Moment war er auf das Kommende eingestellt. Die ärztliche Untersuchung, eine Formsache – er war gesund. Es konnte nicht mehr lange dauern, und er durfte mit seiner Arbeit beginnen.
Die Automatik unterschied sich kaum von den üblichen Einrichtungen. Als er einen Schritt auf die Wand neben dem Bett zutrat, öffnete sich eine Tür zum Massageraum. Er ließ sich tüchtig durchkneten, nahm ein Ozonbad, vertrieb den letzten Rest von Müdigkeit durch scharfe Wasserstrahlen, die in rascher Folge kalte und heiße Schauer über seine Haut jagten. Er stülpte die Gesichtsmaske über, ließ Augen, Mund und Nase mit Öl durchspülen, die Ohren reinigen, die Haare legen. Zuletzt nahm er die ihm verordnete Dosis UV – gleich auf einmal, dann brauchte er sich den Rest des Tages nicht mehr darum zu kümmern.