Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
»Was ist geschehen?« flüsterte Daniel und hatte Mühe, die paar Worte herauszubringen.
»Wir fanden Sie in einem leerstehenden Teil des Gebäudes. Ohnmächtig. Sie hatten sich verirrt, waren ohne Erkennungsmarke herumgelaufen, im Morgenrock, die Tasche unterm Arm. Wahrscheinlich ein Anfall von Schlafwandeln. Kommt nicht wieder vor. Wir haben die verantwortlichen Gehirnzellen ausgetauscht, einige Nervenfasern, Leitungen zum Schlafzentrum. Bleiben Sie ganz ruhig. Gefällt Ihnen das Bild?« Er wartete die Antwort nicht ab, die Kakteenwüste tauchte aus dem Grau der Wand, wurde plastisch, die Sonne ging unter, die Fledermaus huschte.
Als Solla den Raum verlassen hatte, griff Daniel nach der Steuerkonsole des Krankenwagens, doch das Gefährt reagierte nicht auf den Knopfdruck. Er ließ den Arm seitlich herunterfallen, er tastete die Bremse. Mit aller Kraft stemmte er sich dagegen, und der Wagen drehte sich. Er glitt zu jenem Tischchen, auf dem der Morgenrock lag, und auf diesem die Tasche. Er brauchte zehn Minuten, um sie auf seine Knie zu ziehen und zu öffnen. Sie war leer.
Er schlief lange, erwachte, bekam Injektionen, schlief wieder, erwachte, fühlte sich kräftiger, nahm Anteil am Geschehen in seiner Umgebung, genoß die Ruhe, ein Primi schob ihn mit dem Gleitwagen einen Rundhorizont entlang, eine Projektionswand mit unmerklich wechselnden Landschaften, Gebirge, die Antarktis, die Sahara, die Kraterfelder des Mondes, es sah aus, als blickte man von einer Plattform herunter, von einem Weg, von einer Brücke … Gefiel ihm ein Bild besonders gut, so gab er Anweisung, den Wagen stehenzulassen, er schickte den Primi fort und blickte lange und nachdenklich in die Weite.
»Eines der stimmungsvollsten Motive!« Ein anderer Gleitstuhl war, ohne daß er es bemerkt hatte, neben den seinen geschoben worden. Eine Gestalt, bis zum Hals in Decken vermummt, ein altes Gesicht, faltig, braungefleckt, wirres, schütteres, weißes Haar, Mann oder Frau, es war nicht zu erkennen, auch die heisere Stimme verriet nichts. »Eine Rekonstruktion aus alten Farbaufnahmen, vorzüglich gelungen. Aus solchen Wäldern sind wir einst hervorgekrochen – kaum zu glauben.«
Auf der Wiese standen jetzt zwei schlankbeinige braune Tiere. Gefiederte Wedel von Farnen neigten sich im Wind.
»Ja, es ist sehr eindrucksvoll«, stimmte Daniel zu. Er war nicht gerade erfreut über die Störung, doch er hatte keinen Grund, abweisend zu sein.
»Haben Sie sich zur Transposition entschieden? Sie sehen noch jung aus. Raten Sie, wie alt ich bin! 230 Jahre. Mir nützt keine Reaktivierung mehr. Ich habe mich lange gesträubt, hatte Angst – trotz aller Versicherungen. Jetzt fühle ich mich prächtig. Darauf kommt es an: wie man sich fühlt. Auf das Aussehen achtet man später nicht mehr. Ich glaube, das ist ein Beweis dafür, daß man reifer wird. Ja, auch mit zweihundert lernen Sie dazu. Seit dreißig Jahren habe ich es aufgegeben, mich reaktivieren zu lassen. Daß sich ein paar junge Leute ekeln … egal. Man ist nur noch selten nach AUSSEN gewandt. Man verliert das Interesse am oberflächlichen Geschehen. Was früher etwas bedeutet hat, wird bedeutungslos. Ein Wandel in der Orientierung. Nicht mehr. Ein Reifungsprozeß, meine ich. Die energetische Welt ist ärmlich. In Verbindung mit ihr von Freizügigkeit zu reden, ist lächerlich, jetzt sehe ich es ein. Aktionen, Bewegungen, Eingriffe, physikalische Prozesse, eingeengt durch eine Unzahl von Gesetzen. Ein Gefängnis. Die Welt von AUSSEN ist ein Gefängnis.
Einst sind wir aus den Wäldern gekommen. Jetzt setzen wir zur nächsten Stufe an. Ich höre nicht mehr auf die Eklektiker! Lange genug haben sie meine Entwicklung verzögert. Jetzt sehe ich das ein. Freilich, wer jung ist, macht sich die Situation nicht klar. Man läßt sich reaktivieren, immer wieder. Daß auch das einmal zu Ende ist, will man nicht wahrhaben, es liegt in weiter Ferne – so scheint es zunächst. Aber wenn es soweit ist – es ist nicht gleichgültig, glauben Sie mir. Man döst nicht dahin, man verdämmert nicht. Man findet sich nicht ab, man ergibt sich nicht in sein Schicksal. Zur nächsten Stufe zu finden, darauf kommt es an.
Sie sagen, es sei unnatürlich. Ich glaube, es ist der vorgezeichnete Weg. Wir dürfen glücklich sein, daß wir ihn heute ein Stück weiter gehen dürfen. Sie sagen, wir seien am Ende. Ich meine, daß wir erst am Anfang stehen.«
»Ein interessanter Aspekt«, sagte Daniel, nur um nicht stumm zu bleiben.
»Denken Sie darüber nach! Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.« Der Alte schloß die Augen, ein Primi trat hinzu, schob den Wagen an. Dabei glitt die Decke ein wenig tiefer hinunter, und Daniel sah, daß die Gestalt, die in den Kissen saß, vom Kinn abwärts keinen menschlichen Körper mehr hatte.
Noch eine längere Schlafperiode, dann kam Daniel für einige Minuten in eine Reanimationszelle. Frisch, körperlich und geistig gestärkt, stand er vor Solla, der ihn befriedigt musterte. »Sie haben sich glänzend erholt. Ihr kleines Erlebnis hat uns sehr geholfen – es hat uns an Ihre schwache Stelle geführt. Ein paar falsch gebahnte Leitungen, nichts weiter. Ich nehme an, daß Sie jetzt ideal im Gleichgewicht sind. Wir brauchen Sie nicht länger festzuhalten. Hier ist Ihre Erkennungsmarke, hier Ihr Eigentum.« Er deutete auf ein Regal, auf dem, mit einem Etikett versehen, die Tasche lag.
Daniel bedankte sich. Er nahm die Tasche auf, drehte sich wieder zu Solla um. »Darf ich eine Frage stellen?«
»Aber sicher!« Die grauen Haftschalen wandten sich ihm zu.
»Wer bin ich?« fragte Daniel. »Woher komme ich?«
Solla trat zurück, griff nach einem Spray und zerstäubte eine kleine Dosis Duftessenz. »Setzen Sie sich!« Er selbst zog einen Sessel heran, wies auf einen andern. »Ihre Identität? Eine berechtigte Frage. War zu erwarten. Es muß Ihnen ja auffallen, daß Ihre Erinnerung gelöscht ist. Dafür, auch das haben Sie sicher überlegt, dürfte es einen Grund geben.« Er nahm die Schachtel mit Erfrischungskapseln vom Regal, bot sie Daniel an. Dieser lehnte ab.
»Gab es einen Grund, so könnte er jetzt auch noch bestehen. Dann würde ich mich weigern, etwas darüber zu sagen – vorausgesetzt, Ihre Vergangenheit wäre mir bekannt. Oder ich würde Ihnen eine falsche Identität geben. Sie hätten keine Möglichkeit, herauszufinden, ob es die Wahrheit ist oder nicht. Sie hätten Zweifel. Es wäre genausogut, als hätte ich geschwiegen.«
»Ich würde mich erinnern«, wandte Daniel ein.
»Das wäre kein Beweis. Wir hätten Ihr Unterbewußtsein mit einer falschen Identität ausstatten können. Einige Stichworte würden sie Ihnen gegenwärtig machen. Sie würden sich an etwas erinnern, das Sie in Wirklichkeit nie erlebt haben.«
»Dann ist meine Identität für immer verloren?«
»Aber nein!« Solla winkte beruhigend ab. »Eines Tages werden wir Sie selbst informieren, und das brauchen wir ja nicht zu tun, um Ihnen etwas Falsches zu sagen.«
»Und wenn es doch nicht die Wahrheit ist?«
Solla stand auf, blickte auf die Uhr, als hätte er es plötzlich eilig.
»Was bedeutet Wahrheit und Unwahrheit? Tatsache ist, daß wir Sie mit jeder beliebigen Identität ausstatten können. Wann ist diese Identität falsch? Wann ist sie richtig? Was in Ihrem Gehirn als Vergangenheit gespeichert ist, bildet das Bezugssystem für Ihr heutiges Handeln. Es ist weder wahr noch falsch, sondern effektiv oder nicht, und nur auf diese Kategorien kommt es an. Wir sind Psychologen, Praktiker, keine Philosophen. Eine Identität kann einem Charakter oder einer Situation angemessen sein oder nicht. Das ist für uns die richtige oder die falsche Identität.«
»Aber«, sagte Daniel, der sich nun auch erhob, »ich handle doch nach Erfahrungen, die aus meiner Vergangenheit stammen, wenn ich sie mir auch nicht vergegenwärtigen kann. Ist das nun die richtige oder die falsche Vergangenheit?«