Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
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»Die richtige«, sagte Solla freundlich. Er legte Daniel die Hand auf die Schulter und führte ihn zur Tür.
Daniel benutzte den Lift, um sich an seinen Arbeitsplatz bringen zu lassen. Er traf Benedikt, der vor einem Panel saß und ihn bat, sich neben ihn zu setzen. Er unterbrach seine Arbeit nicht, tastete Befehle ein, studierte eine Kurve auf dem Leuchtschirm, drückte wieder einige Tasten. Winzige Lämpchen flimmerten, zeigten den wechselnden Inhalt des Arbeitsspeichers an. Benedikt warf noch einen Blick darauf, dann drehte er mit einer schwungvollen Bewegung den Stuhl herum und lächelte Daniel zu. Dieser setzte zu einer Erklärung an, doch Benedikt sagte: »Lassen Sie nur – es geht uns allen so: Von Zeit zu Zeit kriegen uns die Psychofritzen zu fassen. Sind Sie einigermaßen ungeschoren geblieben?«
Daniel nickte: »Mir fehlt nichts, ich fühle mich wohl!«
»Gut so«, meinte Benedikt. »Sie haben es überstanden. Man muß es nehmen, wie es kommt. Sie sind ja noch jung. Manche kriegen das große Zittern, wenn man sie holt. Sicher ist es nur Sentimentalität, aber man hängt an seinem Körper. Mit jedem Organ, das ersetzt wird, geht ein Stück davon verloren – jedenfalls empfinden es viele so. Andererseits: Die Mediziner tun ihr Bestes. Solange es Organersatz gibt, verzichten sie auf Metall und Kunststoff. Keiner muß befürchten, am nächsten Tag als Kyborg aufzuwachen. Kybernetische Ersatzteile werden nur eingesetzt, wenn die Genehmigung dazu vorliegt.«
»Wer gibt die Genehmigung?« fragte Daniel.
»Der Erkrankte selbst. Solange das Gehirn nicht betroffen ist, kann er entscheiden.«
»Und wenn das Gehirn betroffen ist?«
»Wenn kein Ersatz durch organisches Material mehr möglich ist, bleibt nur noch eines, um den Rest der Persönlichkeit zu retten: Anschluß an das Schaltsystem.«
»Hat man dann noch die Möglichkeit, zu handeln? Lebt man dann noch?«
»Aber sicher: umfassender als vorher. Es besteht Zutritt zu sämtlichen Speichern, zu sämtlichen Eingabegeräten und Sonden und damit auch zur Außenwelt, weiter zu allen peripheren Verarbeitungseinheiten und schließlich Verbindung zu den Aktions- und Steuerzentren, was bedeutet, daß größere Eingriffsmöglichkeit besteht, als wir sie jetzt zum Beispiel haben.«
»Wenn es vorteilhaft ist, ins Schaltnetz integriert zu sein, warum muß man dann abwarten, bis ein Gehirnschaden vorliegt?«
»Man braucht nicht abzuwarten. Jeder kann sich integrieren lassen.«
»Doch es gibt dann kein Zurück?«
»Das ist der springende Punkt«, sagte Benedikt. »Da niemand weiß, in welcher Form der Selbsterkenntnis man dann existiert, schrecken die meisten davor zurück.«
»Sie auch, Benedikt?« fragte Daniel.
»Es besteht keine Eile«, antwortete Benedikt. »Wir versäumen nichts. Ich habe allerdings den Eindruck, daß unser Dasein hier nur ein Übergangsstadium ist. Was wir tun, kann von INNEN aus genauso gut oder besser getan werden.«
»Was haben wir für eine Aufgabe?« fragte Daniel.
»Ich würde es Ihnen gern sagen – wenn ich es selbst wüßte. Leider gibt es keine Vorschriften, keine Anweisungen oder Befehle. Wir haben unserer eigenen Verantwortlichkeit zu folgen. Vielleicht ist unsere Aufgabe nur geschichtlich zu verstehen.«
»Wie meinen Sie das?«
Benedikt zögerte, durch eine Veränderung im Lichterspiel auf der Konsole abgelenkt. Jetzt erschienen Muster, die sich in kurzen Abständen wiederholten. Dann erstarrte die Bewegung – eine Figur schien auf der Mattglanzschicht des Bildschirms zu haften. Benedikt drückte eine Taste. Im Rechteck erschien ein Schriftzug:
LOGISCHER FEHLER IN ZEILE 262
ERBITTE KORREKTUR
Benedikt seufzte. Er zog das magnetbedruckte Programmformular aus dem Schlitz und zog es bis zu Zeile 262 durch. Dann wandte er sich zum Nebenrechner, tastete einige Zahlen ein, drückte die Korrekturtaste. Man hörte das Surren der rotierenden Trommeln.
»Geschichtlich«, wiederholte Benedikt. »Wir sind die Vertreter des Volkes. Unserer Kontrolle unterliegen die Beschlüsse, die Gesetzesänderungen bedürfen unserer Zustimmung. Wir können Einspruch erheben, wenn uns eine Entscheidung unrichtig erscheint.«
»Geschieht das auch?«
»Im ursprünglichen Sinn des Wortes nicht. Alle sozialen Programme sind verwirklicht, allen Forderungen der Medizin und Hygiene Rechnung getragen. Es gibt keinen Hunger mehr, keine Kriege, keinen Zwang zur Bildung, keine Notwendigkeit, zu arbeiten. Die Betreuung ist umfassend, die Sicherheit absolut. Der Forderung nach Lebensglück wird entsprochen, die Freiheit ist uneingeschränkt. Tritt ein Problem auf, so fällt es in neunundneunzig komma achtundneunzig von hundert Fällen unter ein Routinemodell und wird nach bereitgestellten Programmen gelöst. Theoretisch ist das, was übrigbleibt, unsere Aufgabe, aber was bedeutet das schon! Ehe wir die Fakten auch nur durchgegangen sind, liegt bereits das Ergebnis einer Simulation vor und das Programm zur Lösung der Aufgabe. Unnötig, es zu prüfen. Es stimmt immer.«
»Was haben wir dann hier noch zu tun?«
»Wir sind hier, weil es ein uraltes Prinzip der Kontrolle vorschreibt – aufgrund einer Abmachung mit der Rechenanlage. Ein Relikt der Vergangenheit sozusagen. Seit der Einführung sich selbst reparierender Schalteinheiten hat es keine Beanstandungen mehr gegeben. Wir dürfen sicher sein, daß alle Menschen, die von hier aus betreut werden, in jenem Idealzustand leben, den sie sich selbst wünschen.«
Sie schwiegen eine Weile.
»Erinnern Sie sich eigentlich noch daran, was Sie früher gemacht haben? Kennen Sie Ihre Vergangenheit?« fragte dann Daniel wieder und erwartete fest, eine verneinende Antwort zu erhalten.
»Gewiß«, antwortete Benedikt, »ich hatte meine Wohnzelle, genoß die Spiele, die Flirts, die Massagen, die Duftkompositionen, die programmierten Träume, ich hörte Computermusik, löste Rätsel, schlief, aß, trank … das war das Wichtigste, und soviel ich mich erinnere, war es auch schon alles.«
»Und wie kamen Sie hierher?«
Einen Augenblick sah es so aus, als ob Benedikt nicht antworten würde, aber dann tat er es doch. »Das ist gewiß ein heikler Punkt. Offiziell heißt es, daß ein bestimmter Prozentsatz von Menschen als Volksvertreter ausgewählt wird, doch worauf es ankommt, ist das Auswahlprinzip, und dazu habe ich nur eine Vermutung.«
Wieder zögerte Benedikt, und erst, als ihm ein Seitenblick auf Daniel zeigte, daß dieser mit Spannung die Antwort erwartete, sprach er langsam weiter: »Die Situation ist so: Einerseits gibt es hier Kybernetiker, Linguisten, Logiker; dazu gehören wir. Andererseits gibt es hier Mediziner, Humanbiologen, Psychologen und Psychiater. Sie beschäftigen sich mit allen jenen Abweichungen, die nicht unter Routine einzustufen und automatisch heilbar sind – Mutationen, Regenerationen, psychische Defekte. Die Betroffenen holen sie hierher – zur Beobachtung, zur Behandlung, zur Erforschung. Es wäre nun natürlich möglich, daß die Auswahl der Volksvertreter unabhängig davon erfolgt. Es wäre aber auch möglich, daß wir nichts anderes sind als, na, sagen wir’s rundheraus, nichts anderes sind als Abnormale.«
»Haben Sie einen Grund zu diesem Verdacht?«
»Mehrere. Einer ist ein logischer Widerspruch. Man hätte uns nicht gegen unseren Willen herbringen dürfen, nicht, wenn wir in unserem früheren Lebensraum restlos glücklich gewesen wären – das würde dem Prinzip der Freizügigkeit widersprechen. Da der äußere Lebensraum so eingerichtet ist, daß er dem normalen Menschen volle Zufriedenheit gibt, können wir nicht normal sein.«
»Und der zweite Grund?«
»Der zweite Grund ist persönlicher Natur. Eigentlich spreche ich ungern darüber, aber es bleibt doch unter uns?« Auf das zustimmende Nicken Daniels hin fuhr er fort: »Ich hatte einen Zusammenbruch. Tobsuchtsanfall, Zerstörungswut. Ich rannte schreiend durch die Gänge – ich glaube, ich habe andere zu verletzen versucht. Ich verlor das Bewußtsein. Als ich erwachte, befand ich mich auf dem Weg hierher. Ich muß in der Zwischenzeit auf meinen Aufenthalt in der Zentrale präpariert worden sein, denn alles schien mir selbstverständlich.«