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Fahrstuhl zu den Sternen

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Fahrstuhl zu den Sternen
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Er spulte den ersten Meter Hyperdraht ab und ließ ihn mit dem Ring, der zugleich als Gewicht und Lot wirkte, durch einen Spalt in der Metallstruktur der Veranda hinab. Das Gehäuse der Spule brachte er im Innern der Kabine in einem Winkel zwischen dem Sitz und dem Schott unter, so dass er es nicht durch eine falsche Bewegung über Bord stoßen konnte. Dann griff er um die Metallfläche herum, bis er den Ring zu fassen bekam. Das war nicht so leicht, wie er es sich vorgestellt hatte; denn selbst der vorzügliche Raumanzug gestattete ihm nicht die völlige Bewegungsfreiheit des Armes, und zweitens versuchte der Ring immer wieder, sich durch pendelnde Bewegung seinem Griff zu entziehen.

Nach einem halben Dutzend Versuchen, die eher ermüdend als ärgerlich waren, weil er wusste, dass er über kurz oder lang doch Erfolg haben würde, gelang es ihm schließlich, den Draht um den Schaft des Bolzens zu schlingen, unmittelbar hinter dem Haltegurt, der durch den Bolzen festgehalten wurde. Jetzt begann der schwierige Teil seines Vorhabens …

Er spulte so viel Draht ab, dass der Bolzen von einem nicht mit Plastik überzogenen Stück des Wundermaterials umspannt wurde, und zog beide Enden fest an, bis der Draht sich mit einem Ruck in einer Furche des Gewindes festsetzte. Morgan hatte sein Geschick noch nie zuvor an einem Stück Hartstahl mit mehr als einem Zentimeter Durchmesser versucht und hatte keinerlei Vorstellung, wie lange er brauchen würde. Er stemmte sich gegen das Metallband der Veranda und nahm seine Säge in Betrieb.

Fünf Minuten später hatte er erheblich zu schwitzen begonnen und wusste nicht, ob er überhaupt einen Fortschritt erzielt hatte. Er wagte es nicht, die Spannung des Drahtes zu verringern, weil er sonst aus der ebenfalls unsichtbaren Kerbe gleiten mochte, die er — hoffentlich — in den Bolzen schnitt. Warren Kingsley hatte mehrmals angerufen, mit immer besorgter klingender Stimme. Morgan hatte ihn abgewimmelt. Bald würde er sich ein wenig Ruhe gönnen, Luft schnappen — und denen dort unten erklären, was er vorhatte. Wenigstens so viel schuldete er ihnen bei all der Sorge, die sie um ihn ausstanden.

»Van«, sagte Kingsley, »was geht da vor? Die Leute aus dem Turm haben angerufen. Was soll ich ihnen sagen?«

»Gib mir noch ein paar Minuten — ich versuche, den Bolzen durchzuschneiden …«

Die ruhige und dennoch bestimmte Frauenstimme, die ihm ins Wort fiel, erschreckte ihn so sehr, dass er um ein Haar den unschätzbaren Hyperdraht losgelassen hätte. Die Worte wurden durch den Raumanzug gedämpft, aber das spielte keine Rolle. Er kannte sie auswendig, obwohl es Monate her war, seit er sie zum letzten Mal gehört hatte.

»Dr. Morgan«, sagte KORA, »bitte legen Sie sich hin, und entspannen Sie sich für zehn Minuten.«

»Tun's auch fünf?«, versuchte er zu handeln. »Ich bin im Augenblick sehr beschäftigt.«

KORA hielt ihn einer Antwort nicht für würdig. Es gab Modelle, die eine einfache Unterhaltung zu führen verstanden, aber seines gehörte nicht dazu.

Morgan hielt sein Versprechen und atmete fünf Minuten lang tief und gleichmäßig. Dann begann er wieder zu sägen. Auf der Metallfläche kniend, vierhundert Kilometer über der Erde, zog er den Hyperdraht hin und her, hin und her. Er spürte erheblichen Widerstand und schloss daraus, dass sich der Draht in den hartnäckigen Stahlbolzen hineinfraß. Mit welcher Geschwindigkeit jedoch, das ließ sich unmöglich sagen.

»Dr. Morgan«, sagte KORA, »Sie müssen sich allen Ernstes eine halbe Stunde hinlegen.«

Morgan fluchte halblaut vor sich hin.

»Sie machen einen Fehler, junge Frau«, antwortete er. »Es geht mir gut.« Aber das war eine Lüge. KORA wusste von dem Schmerz in seiner Brust.

»Mit wem, zum Teufel, unterhältst du dich da, Van?«, erkundigte sich Kingsley.

»Ein Engel flog gerade vorbei«, antwortete Morgan. »Tut mir leid, ich hätte das Mikrofon abschalten sollen. Ich lege eine weitere Pause ein.«

»Geht es vorwärts?«

»Schwer zu sagen. Ich nehme an, dass die Kerbe jetzt schon ziemlich tief ist. Ganz bestimmt …«

Er wünschte sich, dass er KORA hätte abschalten können, aber das war natürlich unmöglich, selbst wenn sie sich nicht zwischen Schlüsselbein und der Hülle seines Raumanzugs seinem Zugriff entzogen hätte. Ein Koronarmonitor, den man abschalten konnte, war schlimmer noch als nutzlos — er war gefährlich.

»Dr. Morgan«, sagte KORA mit unüberhörbar verärgerter Stimme, »ich muss darauf bestehen: eine halbe Stunde vollkommener Ruhe!«

Diesmal gab Morgan keine Antwort. Er wusste, dass KORA recht hatte; aber man konnte von ihr kein Verständnis dafür erwarten, dass es hier nicht nur um sein Leben ging. Und er war sicher, dass sie, wie seine Brücken, eine eingebaute Sicherheitstoleranz enthielt. Ihre Diagnose würde stets auf der pessimistischen Seite liegen; sein Zustand war nicht so besorgniserregend, wie sie behauptete. Wenigstens hoffte er inbrünstig, dass es sich so verhielt.

Jedenfalls wurde der Schmerz in der Brust nicht schlimmer. Er entschloss sich, sowohl ihn als auch KORA zu ignorieren, und fuhr fort zu sägen — langsam und mit gleichmäßigen Bewegungen. Er würde weitermachen, entschied er grimmig, solange es nötig war.

Der entscheidende Augenblick kam ohne Vorwarnung. Die Spinne ruckte heftig, als die Vierteltonne totes Gewicht sich losriss, und hätte ihn um ein Haar in den Abgrund geschleudert. Er ließ die Spinette fallen und griff nach dem Sicherheitsgurt.

Es schien sich alles in Zeitlupengeschwindigkeit abzuspielen, wie in einem Traum. Er empfand keine Furcht, nur eine hartnäckige Entschlossenheit, sich der Schwerkraft nicht ohne bitteren Kampf zu ergeben. Er bekam den Sicherheitsgurt nicht zu fassen, er musste sich in die Kabine zurückgezogen haben …

Er war sich nicht bewusst, die linke Hand überhaupt gebraucht zu haben; jetzt aber stellte er plötzlich fest, dass sie sich um die Angel des offenen Schottes klammerte. Aber noch immer zögerte er, sich durch die Öffnung hindurchzuziehen. Er war hypnotisiert von dem Anblick der stürzenden Batterie, die sich langsam um die eigene Achse drehte wie ein fremdartiger Himmelskörper, während sie immer kleiner wurde. Es dauerte geraume Zeit, bis sie völlig verschwunden war. Erst dann brachte Morgan sich in Sicherheit und fiel in seinen Sitz.

Er saß lange Zeit, lauschte dem Pochen seines Herzens und wartete auf KORAs nächsten ärgerlichen Protest. Zu seiner Überraschung verhielt sie sich jedoch schweigsam, gerade so, als sei sie ebenso erstaunt wie er. Er würde ihr keinen weiteren Anlass zur Klage geben. Von jetzt an hatte er vor, ruhig an der Konsole zu sitzen und seine aufgepeitschten Nerven sich entspannen zu lassen.

Als der Schock von ihm wich, rief er den Berg an.

»Ich bin die Batterie los«, sagte er und hörte die Begeisterungsschreie zu sich heraufschweben. »Sobald ich das Schott geschlossen habe, mache ich mich wieder auf den Weg. Sag Sessui und Kompagnons, sie sollen mich in etwa einer Stunde erwarten. Und bedanke dich bei Kinte für die Beleuchtung, ich brauche sie nicht mehr.«

Er versah die Kabine mit Druck, öffnete den Helm seiner Montur und gönnte sich einen langen, kühlen Schluck vitaminisierten Orangensaft. Dann schaltete er das Triebwerk ein, lockerte die Bremsen und lehnte sich mit einem Gefühl überwältigender Erleichterung in seinen Sitz zurück, während SPINNE bis auf volle Geschwindigkeit beschleunigte.

Er war bereits mehrere Minuten unterwegs, als ihm zu Bewusstsein kam, dass ihm etwas fehlte. In verzweifelter Hoffnung blickte er hinaus auf das Metallband der Veranda. Nein, dort war es nicht. Nun gut, er konnte sich jederzeit eine andere Spinette verschaffen, als Ersatz für die, die jetzt der abgeworfenen Batterie zur Erde hinab folgte. Das Opfer war klein im Vergleich zu der vollbrachten Leistung. Wie merkwürdig war es daher, dass er so aufgeregt war und außerstande, seinen Triumph zu genießen. Er fühlte sich, als hätte er einen treuen alten Freund verloren.

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