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Fahrstuhl zu den Sternen

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Fahrstuhl zu den Sternen
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Eine unbequeme Fahrt

Warren Kingsley hatte seine Stimme wieder unter Kontrolle; sie klang jetzt nur noch dumpf und voller Verzweiflung.

»Wir geben uns alle Mühe, den Mechaniker davon abzuhalten, dass er sich eine Kugel durch den Kopf jagt«, sagte er. »Man kann ihm kaum die Schuld geben. Er wurde zu einer anderen dringenden Aufgabe abgerufen und vergaß einfach, den Haltegurt abzuschrauben.«

Es war also, wie üblich, menschliches Versagen. Während die Explosivladung angebracht wurde, hing die Batterie an zwei Haltegurten. Und nur einer davon war entfernt worden. Solche Dinge ereigneten sich mit monotoner Regelmäßigkeit. Manchmal bedeuteten sie nur ein Ärgernis, bei anderen Malen lösten sie eine Katastrophe aus, und der Verantwortliche trug das Gefühl der Schuld für den Rest seines Lebens mit sich herum. Tadel war nutzlos. In einer Lage wie dieser zählte nur eines: der nächste Schritt.

Morgan hatte den Außenspiegel so weit wie möglich nach unten justiert, aber er konnte die Ursache des Ärgernisses noch immer nicht sehen. Seit dem Verschwinden der Nordlichter lag der untere Teil der Kapsel in völliger Dunkelheit, und ihm stand keine Lampe zur Verfügung, mit der er ihn hätte beleuchten können. Dieses Problem allerdings ließ sich lösen. Wenn die Monsun-Kontrolle den Keller des Turmes mit Megawatt Infrarotstrahlung beschicken konnte, dann würde es ihr ein Leichtes sein, ihm ein paar Photonen zur Verfügung zu stellen.

»Wir können unsere eigenen Scheinwerfer einsetzen«, sagte Kingsley, als Morgan sein Anliegen vortrug.

»Nichts da! Sie scheinen mir genau in die Augen, und ich kann überhaupt nichts mehr sehen. Ich brauche ein Licht hinter und über mir. Irgendjemand wird sich doch wohl in der richtigen Position befinden.«

»Ich erkundige mich«, sagte Kingsley und schien froh, dass er sich nützlich machen konnte. Es kam Morgan lange vor, bis er sich wieder meldete; als er aber auf seine Uhr blickte, sah er überrascht, dass nur drei Minuten vergangen waren.

»Monsun-Kontrolle brächte es vielleicht fertig, aber sie müssten neu kalibrieren. Wenn du mich fragst: Sie haben Angst, dass sie dich aus Versehen braten. Aber Kinte ist sofort einsatzbereit. Sie haben einen pseudoweißen Laser und sind in der richtigen Position. Sollen sie anfangen?«

Morgan überflog seine Koordinaten. Kinte stand hoch im Westen. Das war ausgezeichnet.

»Ich bin bereit«, antwortete er und schloss die Augen.

Fast im selben Augenblick erfüllte eine explosive Lichtfülle die Kapsel. Der Lichtstrahl kam hoch oben aus dem Westen und hatte auf der vierzigtausend Kilometer langen Anreise fast nichts von seiner Leuchtkraft verloren. Er schien rein weiß zu sein, aber Morgan wusste, dass es sich in Wirklichkeit um eine Mischung dreier scharf gestimmter Linien im roten, grünen und blauen Bereich handelte.

Er hantierte ein paar Sekunden lang an der Kontrolle des Spiegels und brachte es schließlich so weit, dass er den Haltegurt zu sehen bekam. Er begann etwa einen halben Meter unter ihm. Das Ende, das er sehen konnte, war mit Hilfe einer großen Flügelmutter an der Basis der Spinne befestigt. Er brauchte nur die Mutter zu lösen, und die Batterie würde hinabfallen …

Morgan saß still und nahm sich ein paar Minuten Zeit, die Lage zu analysieren. Kingsleys Anruf unterbrach seine Überlegungen. Zum ersten Mal seit langer Zeit schwang so etwas wie Zuversicht in der Stimme seines Stellvertreters.

»Wir haben ein paar Berechnungen angestellt, Van. Was hältst du von dieser Idee?«

Morgan hörte ihm zu, dann gab er einen halblauten Pfiff von sich. »Ist das noch innerhalb der Sicherheitstoleranz?«, fragte er.

»Natürlich«, antwortete Kingsley und klang ein wenig beleidigt. Morgan hielt ihm das nicht vor; aber schließlich war nicht er es, der Kopf und Kragen riskierte.

»In Ordnung. Ich versuch's. Aber beim ersten Mal nur für eine Sekunde.«

»Das wird nicht langen. Trotzdem ist es wahrscheinlich eine gute Idee. Auf diese Weise gewöhnst du dich an das Gefühl.«

Sanft lockerte Morgan die Reibungsbremsen, die das Fahrzeug an dem Band festhielten. Im selben Augenblick hatte er das Gefühl, er werde aus dem Sitz gehoben. Er zählte »eins, zwei!« und legte die Bremsen wieder an.

Die Spinne ruckte, und für den Bruchteil einer Sekunde wurde Morgan mit erheblicher Wucht in seinen Sitz gedrückt. Der Bremsmechanismus gab ein ominöses Quietschen von sich, dann kam das Fahrzeug wieder zur Ruhe, abgesehen von ein paar Drehschwingungen des Bandes, die rasch verklangen.

»Das war eine unbequeme Fahrt«, sagte Morgan. »Aber ich bin noch da — ebenso wie die höllische Batterie.«

»Das hatte ich dir schon zuvor gesagt. Du wirst dich etwas mehr anstrengen müssen.«

Morgan wusste wohl, dass er Kingsley bei all den Unterlagen und der Rechnerleistung, die diesem zur Verfügung stand, nichts vorrechnen konnte. Aber er musste sich selbst überzeugen. Im Kopf rechnete er: zwei Sekunden freier Fall — ungefähr eine halbe Sekunde für das Ansetzen der Bremsen — Masse des Fahrzeugs ungefähr eine Tonne … Die Frage war: Was würde zuerst nachgeben — der Haltegurt der Batterie oder das Band, das ihn mitsamt dem Fahrzeug in vierhundert Kilometern Höhe festhielt? Üblicherweise ließ sich gewöhnlicher Stahl mit Hyperdraht nicht vergleichen. Aber wenn er die Bremsen zu plötzlich ansetzte, oder wenn sie blockierten, mochten beide zerreißen. Dann würden er und die Batterie etwa zur selben Zeit auf der Erdoberfläche ankommen.

»Zwei Sekunden also«, sagte er zu Kingsley. »Los geht's!«

Diesmal war der Ruck weitaus schärfer und beunruhigender, und die Drehschwingungen dauerten weitaus länger, bis sie abgeklungen waren. Morgan war sicher, dass er das Abreißen des Gurtes hätte fühlen — oder hören — müssen. Es überraschte ihn nicht, als er beim Blick durch den Spiegel feststellte, dass die Batterie noch immer da war.

Kingsley wirkte nicht allzu besorgt. »Es mag sein, dass wir es drei- oder viermal probieren müssen«, sagte er.

Morgan wollte ihm antworten: »Bist du hinter meinem Job her?« Aber er ließ es sein. Die Äußerung hätte Warren amüsiert; andere hätten sie womöglich missverstanden.

Nach dem dritten Versuch, der ihm kilometerlang vorkam, obwohl er nur etwa hundert Meter gefallen war, löste sich selbst Kingsleys Optimismus allmählich auf. Es war offenbar, dass das Kunststück nicht die beabsichtigte Wirkung hervorbringen werde.

»Mein Kompliment an die Leute, die diesen Haltegurt fabrizieren«, bemerkte Morgan trocken. »Was schlägst du jetzt vor? Einen Drei-Sekunden-Fall, bevor ich auf die Bremse latsche?«

Er sah im Geist, wie Warren den Kopf schüttelte. »Das Risiko ist zu groß. Das Band macht mir nicht so viel Sorge wie der Bremsmechanismus. Für eine solche Belastung ist er nicht gemacht.«

»Na schön — immerhin haben wir's probiert«, antwortete Morgan. »Aber ich gebe noch nicht auf. Der Teufel soll mich holen, wenn ich mich von einer Schraubenmutter kleinkriegen lasse, die mir nur fünfzig Zentimeter vor der Nase sitzt. Ich steige hinaus, und dann hab ich sie!«

Auf der Veranda

Die Menge wuchs, obwohl es auf dem Gipfel kalt und ungemütlich war. Es ging eine hypnotische Wirkung von dem hellen kleinen Stern im Zenit aus, auf den die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit ebenso wie der Laser der Raumstation Kinte gerichtet war. Ankommende Besucher begaben sich geradewegs zu dem nördlichen Band und streichelten es, scheu und zugleich herausfordernd, als wollten sie sagen: »Ich weiß, es ist dumm, aber es gibt mir das Gefühl, als stände ich mit Morgan in Verbindung.« Dann versammelten sie sich rings um die Kaffeemaschine und hörten den Berichten zu, die über die Lautsprecher kamen. Es gab nichts Neues von den Flüchtlingen im Turm. Sie schliefen alle — oder versuchten zu schlafen —, um Sauerstoff zu sparen. Da Morgan bis jetzt noch nicht überfällig war, hatte man sie über die Verzögerung noch nicht informiert. Aber binnen einer Stunde würden sie ohne Zweifel die Station Mitte anrufen, um zu erfahren, was geschehen war.

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